Das Bickenkloster in Villingen – Zum Jubiläum des 200-jährigen Bestehens des »Lehrinstituts St. Ursula« (Helmut Heinrich)

 

Eine ältere Aufnahme zeigt die Front an der Bickenstraße des „Weiblichen Lehrfrauen-Instituts St. Ursula — Villingen“.

 

Im reichen Bildungsangebot des Oberzentrums Villingen -Schwenningen hat das „Lehrinstitut St. Ursula“ seinen festen Platz. 380 Schülerinnen aus der Stadt und der Umgebung, Externe und Interne, besuchen die drei Schularten, das Progymnasium, den angeschlossenen Realschulzug und die Wirtschaftsschule. „St. Ursula, die Klosterschule“, wie die Bürger kurzweg sagen, ist „eine Schule in freier Trägerschaft“.

1982 sind es 200 Jahre seit der Aufhebung von St. Klara, dem Bickenkloster sowie der Auflösung des angrenzenden Klosters der Dominikanerinnen und der Gründung des „Lehrinstituts St. Ursula“ durch die Freiburger Ursulinen.

Bereits im 13. Jahrhundert bestand eine klösterliche Gemeinschaft von Tertiarinnen, die nach der Zisterzienser-Regel lebte, später jedoch ein offenes Kloster wurde. Zweihundert Jahre nachher war es ein Anliegen des Rates und der Bürgerschaft der Stadt Villingen, dieses Biggenkloster in ein beschlossenes Kloster umzuwandeln. Heinrich Karrer, der in Villingen geborene Franziskanerprovinzial und Visitator der Klarissen, erreichte, aufgrund seiner Beziehungen zum Heiligen Stuhl in Rom, daß Papst Sixtus IV. die Umwandlung der Villinger „Sammlung“ in ein beschlossenes Kloster St. Klara verfügte.

 

Ursula Haider, die erste Äbtissin von St. Klara. Der in Villingen geborene Franzis-kaner-Provinzial Heinrich Karrer holte diese heiligmäßige Frau aus dem Klarissenkloster Valduna in der Nähe von Rankweil in Vorarlberg. Am 29. April 1480 übernahm sie ihr Amt in Villingen, 1489 legte die körperlich leidende Frau die Leitung des Klosters in die Hände der Mitschwester Klara Wittenbach aus Valduna. Am 20. Januar 1498 ist die fromme, umsichtige und tüchtige Nonne fünfundsiebzigjährig gestorben. 1701 hat man ihre Gebeine erhoben und in die Südwestwand der Klosterkirche beigesetzt.

 

Und wieder war es der Franziskaner Heinrich Karrer, der die Äbtissin von Valduna bei Feldkirch, Ursula Haider, und einige ihrer Mitschwestern beauftragte, nach Villingen zu gehen. Am 18. April 1480 machte sich Ursula Haider auf den Weg, und am 29. April 1480, nach dem Empfang durch den Rat und der anschließenden HI. Messe im Münster „Unserer lieben Frau“ zogen alle zum kleinen Biggenkloster. Bald darauf erfolgte die „ewige Beschließung“. Es ist sehr interessant, die Geschichte der Beschließung und der recht abenteuerlichen Reise, die eine Nachfolgerin niederschrieb, zu lesen.

St. Klara zu Villingen war ein armes Kloster, „die Kapelle finster und feucht“. Durch Ursula Haider erfolgte der Ausbau. Sie widmete sich mit ganzer Hingabe der Vertiefung der Religiosität. Als fromme Frau und voll in ihrer Zeit wirkend, erreichte sie, als besonderen päpstlichen Gnadenerweis, die Ablässe der sieben Hauptkirchen und des Heiligen Landes für ihr Kloster zu erhalten ( Urkunde vom 30. August 1491/ Klosterarchiv St. Ursula). Die ursprünglich auf Pergament geschriebenen „Gnadengaben“ wurden später in Sandsteinplatten gehauen und, „gotischen Kirchlein gleich“, als Andachtsstätten in die Wände der Klosteranlage eingemauert.

Vierzehn Frauen lebten anfangs in dieser klösterlichen Gemeinschaft. Durch das heiligmäßige Leben Ursula Haiders, der „ehrwürdigen Mutter“, wuchs die Bedeutung des Klosters als Stätte der Verinnerlichung im Sinne der spätgotischen Mystik. Das erkennen wir auch in den kunsthandwerklichen Arbeiten der Klöster in jener Epoche. Die wertvollen Bildteppiche „Christi Geburt“ mit den Darstellungen des heiligen Franz von Assissi und des heiligen Ludwig, Bischof von Toulouse, die schöne „Anbetung der Könige“ sowie das feine Sticktuch „die Wurzel Jesse“ im Museum „Altes Rathaus“, VS-Villingen, sind aus dem St. Klara-Kloster zu Villingen.

Ursula Haider starb 1498; sie ruht neben dem Altar auf der rechten Seite des Chors in der Kapelle. Die Oktav ihres Todestages wird heute noch in einer besonderen Andacht begangen. Ein Gemälde im Konvent des heutigen Ursulinenklosters zeigt nach alter Überlieferung die Äbtissin Ursula Haider „bei dem schrecklichen Gewitter, das die Stadt zu vernichten drohte, auf den Knien, sich selbst als Sühneopfer darbietend, zur Rettung der Stadt“. In der Chronik über die Äbtissin wird dann von der Erscheinung der „Königin der Barmherzigkeit“ mit dem Jesuskind, der Zwiesprache und von der Rettung der Stadt berichtet.

Die Reformation brachte für das Kloster der Klarissen keine Veränderungen. Zur Zeit des Bauernkrieges 1525 gab es ernste Sorgen. Als der Konvent 1580 das einhundertjährige Bestehen von St. Klara beging, waren es 25 Schwestern, die hier lebten. Das Kloster konnte baulich erweitert werden, die Klosterkirche erhielt 1610 eine Orgel.

In den Wirren des 30-jährigen Krieges gelang es zwar den gegnerischen Heeren nicht, bei dreimaliger Belagerung 1633 und 1634 die Stadt zu erobern, doch waren die Zerstörungen des Klosters, das ja auf der Angriffsseite lag, beachtlich. Die Folgen waren Armut und teilweise eine Verringerung des Konvents, indem ein Teil der Schwestern von benachbarten Klöstern aufgenommen werden mußte. Schließlich wurden 1653 zwei Schwestern ausgesandt, für den Wiederaufbau des Kirchleins „das heilige Almuesen zu ersammeln“. Die Äbtissin Juliana Ernestin (1655 – 1665) gedenkt in einem Schreiben, das im Turmknopf der wieder errichteten Kirche aufgefunden wurde, voll Dankbarkeit all der Mühen der beiden Pilgerinnen, ihrer glücklichen Heimkehr und der 600 Gulden, die sie mitbrachten.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts entstand der neue Ostflügel, der Wohntrakt. Schließlich wurde der Aufbau der Kapelle abgeschlossen (1737).

Wenige Jahrzehnte später kamen neue Schatten und tiefe Besorgnis: Der Geist der Aufklärung richtete sich auch gegen Ordenspersonen. Kaiser Joseph II., der Sohn Maria Theresias, hob in den habsburgischen Landen die „beschaulichen Klöster“, die kontemplativen Gemeinschaften auf.

Es war an den Fastnachtstagen des Jahres 1782, als ein Schementräger an der Klosterpforte erschien und den entsetzten Klarissen die nahe Aufhebung des Klosters kundtat. Der Abt des Benediktiner-Klosters St. Georgen in Villingen, Anselm Schababerle, bestätigte diese Botschaft, hielt sich doch die kaiserliche Aufhebungskommission bereits in der Stadt auf. Die Klausur mußte geöffnet werden, der landesherrliche Kommissär M. von Gleichenstein, gab dem versammelten Konvent das Aufhebungsedikt bekannt. Die Klosterfrauen hatten sich zu entscheiden „in die Welt zurückzukehren“, oder in ein anderes Kloster, das der Unterrichtung der Jugend, oder der Krankenpflege diene, einzutreten.

Das kaiserliche Edikt wurde in seiner ganzen Härte verwirklicht, die Bestände mußten genau inventarisiert und unter „Schloß und Siegel“ gelegt werden. Zahlreiche Schriften verbrannten. „Zwischen Furcht und Hoffnung lebten die Töchter von St. Klara dahin und bestürmten den Himmel mit ihren Gebeten“ (Chronik des Klosters St. Ursula).

Doch die Klarissinnen wurden nicht allein betroffen. Das nahe Kloster der Dominikanerinnen ( einstige Vetter-Sammlung), von dem zwei Schwestern bereits an der von Maria Theresia eingerichteten „Normalschule“ unterrichteten, durfte nicht mehr weiterbestehen.

Eine Wende brachte ein Beschluß des Rates der Stadt Villingen, die beiden Konvente der Klarissen und der Dominikanerinnen zu vereinigen, die Annahme der Regel eines Lehrordens zu empfehlen, und den Ordensfrauen die Unterrichtung der Mädchen anzuvertrauen. Der kaiserliche Hof genehmigte den Vorschlag, so daß nach längeren Verhandlungen das Kloster St. Ursula in Freiburg im Breisgau beauftragt wurde, die beiden nun vereinten Villinger Frauenklöster in ein “ Ursulinen – Institut“ nach der Regel der französischen Gründerin dieses Lehrordens Anne de Xainctonge (1567 – 1621) umzuwandeln.

So war aus den alten „beschlossenen Klöster“ St. Klara und St. Katharina der neue Konvent St. Ursula hervorgegangen, tief verwurzelt in der klösterlichen Tradition von fünf Jahrhunderten, doch nun geöffnet hin zu den Anliegen der Welt durch die Aufgabe der Jugenderziehung.

 

Sr. Marie-Luise hat die Entwicklung der klösterlichen Gemeinschaften im nebenstehenden Stammbaum aufgezeichnet. Der Strang oben rechts, der „Vettersammlung „, ist die Linie der Dominikanerinnen; vgl. hierzu die Ausführungen im Text.

 

Es war am 16. Oktober 1782, als die zwei Klosterfrauen, begleitet von ihrer Superiorin im Bickenkloster eintrafen. Maria Lichtenauerin war als Oberin vorgesehen, die andere, Maria Salesia Königin, übernahm den Aufbau der Schule, die Organisation des Unterrichts und die Ausbildung der Lehrfrauen. Das waren anfangs schwere Jahre, vor allem für die Priorin, die ihr Amt „im heiligen Gehorsam und auf die Gnade des Herrn“ führte.

Frau Maria Lichtenauerin, nun die Schulpräfektin, bot recht bald Französisch als Unterrichtsfach an. 1783 folgten die ersten öffentlichen Prüfungen mit guten Ergebnissen. Da die „Klosterschule“ immer mehr Zuspruch erfuhr, erfolgte bald die Einrichtung eines Internats für auswärtige Schülerinnen.

Das Bemühen der folgenden Superiorinnen des Lehrinstituts St. Ursula galt dem Ausbau der Schule, der Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte, der Schaffung von Schulraum und innerhalb der Gemeinschaft der Fürsorge für das Gotteshaus und der Pflege der Liturgie. Die beiden Seitenaltäre der Dominikanerinnen-Kirche wurden in die Kapelle von St. Ursula eingebaut, die der ehemaligen Klarissen, die „schwarzen Altäre“ wurden verkauft bzw. verschenkt.

Die kriegerischen Folgeereignisse der französischen Revolution, 1792 – 1807, wirkten sich störend auf das Klosterleben und den Unterricht aus. Ein Teil der Frauen floh. Einquartierungen von Soldaten, Unterbringung von Kriegsgerät und Requirierungen im Kloster verursachten vielfältige Belastungen.

Die Koalitionskriege und ihre Folgen brachten mehrfachen, recht unglücklichen Herrschaftswechsel über die Stadt. Schließlich fiel Villingen im Pariser-Vertrag vom 12. Juli 1806 an das Großherzogtum Baden. Nach harten Zeiten stellte der badische Kommissär den status quo wieder her, das Kloster blieb bestehen, doch war es viel ärmer geworden.

Durch das sog. Regulativ der badischen Regierung von 1811 erfolgten schwere Eingriffe in die Gemeinschaft. Dieser Erlaß „regelte“ das religiöse und berufliche Leben; die Aufnahme und die Ausbildung der Kandidatinnen und begrenzte weiterhin die Zahl der Klosterfrauen.

In einer Schrift, die 1824 erschien, richtete sich die „erweiterte und verbesserte Erziehungsanstalt an dem weiblichen Ursuliner-Institut zu Villingen „an die Eltern und „Vormünder“. Sie bringt darin auch die Einteilung der Unterrichtsstunden für die „Pensionaires“. Diese Kurse wurden von der Bevölkerung dankbar angenommen, boten sie doch eine Weiterbildungsmöglichkeit der Mädchen nach dem Besuch der Volksschule.

Anne de Xaintonge , die französische Gründerin der Gesellschaft der heiligen Ursula; geboren 1567 in Dijon, gestorben 1621 in Döle.

 

Während des Kulturkampfs brachte das Jahr 1876 mit der Aufhebung der konfessionellen Volksschulen die Einführung der Simultanschule. „Die Klugheit der Superiorin Xaveria Dietz, die dem Kloster von 1850 bis 1899 vorstand, und die einsichtige und opferfreudige Gesinnung der Institutsmitglieder“ brachten die Entscheidung, den Unterricht in Villingen wie bisher fortzusetzen. In seinem Bericht vom 22.10.1873 an das Großherzogliche Ministerium des Innern hatte Altbürgermeister Wittum bereits in seiner Eigenschaft als landesherrlicher Kommissär „die altehrwürdige Stätte am Bickentor zu Villingen als Musteranstalt im Sinne des Staates“ herausgestellt.

Es änderte sich in der konfessionellen Struktur der Schule kaum etwas, waren doch die wenigen evangelischen Schülerinnen, vor allem aus Nordstetten, schon immer in der Mädchenschule zusammen mit den katholischen Schülerinnen unterrichtet worden, wobei es keine Schwierigkeiten gab.

Nach dem ersten Weltkrieg wurden in der Verfassung des Landes Baden die Beschränkungen den Klöstern gegenüber und ihren schulischen Einrichtungen aufgehoben.

1933 waren es in St. Ursula 56 Lehrfrauen, 2 Novizen, 24 Laienschwestern und eine Postulantin. Sie unterrichteten an der Volks-, Bürger- und Fortbildungsschule und hatten ferner eine sechsklassige „Realschule“ und eine Frauenarbeitsschule aufgebaut. Trotz des Abschlusses des Konkordats 1933 zwischen der national-sozialistischen Regierung und der katholischen Kirche zeigte sich doch recht bald die Absicht des Regimes, „die Entkonfessionalisierung des öffentlichen Lebens“ voranzutreiben. Diese Bemühungen, das nationalsozialistische Gedankengut immer mehr zu verbreiten, vor allem unter der Jugend, hatte natürlich auch Auswirkungen auf die Lehrtätigkeit in St. Ursula. 1940 mußte das „Lehrinstitut St. Ursula zu Villingen“, mit Schule und Internat, nach mancherlei Schikanen seine Pforten schließen. Es wurde ein Lager für Volksdeutsche aus der Sowjetunion und Rumänien in den Räumen der Schule und des Pensionats eingerichtet. Gegen Kriegsende diente es als Altersheim für Bewohner des Raumes Karlsruhe/Mannheim. Nach 1945 erfolgte die Wiedereröffnung des Pro-gymnasiums und der Wirtschaftsschule. Vier Jahre später konnte das neu ausgebaute Internat wieder auswärtige Schülerinnen aufnehmen.

1970/71 wurde der Erweiterungsbau, an der Bärengasse mit den Fachräumen für den naturwissenschaftlichen Unterricht, für den musischen Bereich und einigen Klassenräumen eingeweiht.

Mit Beginn des Schuljahrs 1977/78 wurde dem Pro-gymnasium ein Realschulzug angeschlossen. Der Schulkomplex St. Ursula verfügt durch die Einrichtung eines Sprachlabors, der Neuausstattung der Lehrküche und die schöne Turnhalle über alle Einrichtungen, die für Unterricht, Erziehung und Bildung notwendig sind. Der Unterricht einschließlich Arbeitsgemeinschaften kann voll nach der Stundentafel erteilt werden.

Heute steht Schwester Eva Maria Lapp dem Kloster St. Ursula als Superiorin vor, Schwester Gisela Sattler ist Leiterin der Schulen.

Wie Vieles wäre noch zu berichten. Da wären die bedeutenden Superiorinnen im vergangen Jahrhundert noch zu nennen und jene aus unseren unruhigen Jahrzehnten. In Dankbarkeit wollen wir zum Jubiläum auch an alle Lehrfrauen denken, die segensreich Generationen junger Mädchen unserer Stadt, des Umlandes und von weiter her erzogen, förderten, christliche Wegleitung gaben und geben, heute unterstützt durch weltliche Lehrkräfte, und an alle Schwestern, die, getreu ihrem Gelübde vielfältigen Dienst getan und tun für die klösterliche Gemeinschaft und die Stadt.

„Wer andere mit der Flamme der Wissenschaft

und der Liebe Gottes entzünden will,

muß selbst von heiliger Liebe brennen.“

Anne de Xainctonge

Klosterkirche St. Klara der Ursulinen mit Grab der ehrwürdigen Äbtissin, hinten rechts (Kreuz).

 

 

Das Klarissenkloster (links) und das Kloster der Dominikanerinnen (rechts) entlang der östlichen Stadtmauer. (Zeichnung Ende 17. Jahrhundert)