Neuer Glanz im liebvertrauten Bild: Münsterrenovation 1978 – 1982; ein großes Werk ist zu Ende (Dr. August Kroneisen)

Zur beendeten Münsterrenovation schreibt das Vor-standsmitglied,des Geschichts- und Heimatvereins Villingen und Vorsitzender des Pfarrgemeinderats Münster, Dr. A. Kroneisen :

Für das Villinger „Münster Unserer Lieben Frau“, der Mutterkirche Villingens, wurde bereits bei der Planung der Stadt am rechten Brigachufer ein großer Platz in zentraler Lage ausgespart.

Bekanntlich galt die romanische Altstadtkirche beim Friedhof, von der heute nur noch der Turm erhalten ist, im alten „Filingun“, links der Brigach als Pfarrkirche für die damalige Villinger Gemeinde. Auf ihr ruhten die Pfarrechte, auch nach dem Bau des Villinger Münsters bis ins späte Mittelalter. Erst ab 1530 hat das Münster die Funktion der Hauptkirche übernommen.

Die Baugeschichte des Villinger Münsters geht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Nach den neuesten 16-mo-natigen Grabungen in den Jahren 1976 und 1977, worüber im weiteren noch zu berichten sein wird, muß ein Bau I im romanischen Stil nach 1120 angesetzt werden. Zur Stauferzeit wird der erste Bau total abgerissen und um das Jahr 1220 eine etwas größere Nachfolgekirche errichtet, eine Basilikakirche mit Mittelschiff im Langhaus und zwei Seitenschiffen. Zu diesem romanischen Kirchenbau II gehören auch das heute noch erhaltene Westportal (Hauptportal) und das Doppelportal an der Südfront.

Um 1300 nahm das Münster seine heutige Gestalt an, die Romanik wurde von der Gotik abgelöst. Es entstand der gotische Hochchor mit den 2 flankierenden Türmen, das Mittelschiff wurde aufgestockt, ein Tonnengewölbe eingebaut. Nicht spurlos gingen Renaissance und Barock am Münster vorbei; namhafte Villinger Kunsthandwerker haben an der Ausschmückung der Kirche wesentlichen Anteil.

Immer wieder wird das Münster erweitert, erneuert, restauriert. Es ist zu vermuten, daß bereits Ende des 15. Jahrhunderts eine Restauration stattgefunden hat. Eine große Veränderung — das weiß man mittlerweile aus alten Urkunden — fiel in die Jahre zwischen 1682 und 1732. Während dieser Zeit wurden die beiden Seitenschiffe nach außen und in die Höhe gebaut und Barockfenster angebracht. Immer wieder sind Eingriffe in den Fußboden erfolgt, auch zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde dieser im Schiff wesentlich erhöht. Die im Dachstuhl eingehängte Holztonnen-decke wurde durch eine waagrechte Stuckdecke ersetzt, auch die Seitenschiffe erhielten Stuckdecken.

Was dann 1829 im Münster geschehen ist, hat der um Villinger Kunstschätze hochverdiente Pfarrer Johann Nepomuk Oberle aus Dauchingen in seiner Chronik festgehalten. Sein Bericht ist eine einzige Anklage gegen Ungeist einer Zeit, der jeder Sinn für die Bewahrung althergebrachter Kultur-Tradition abzugehen schien. Es wurde wertvolles aus der Kirche weggenommen, Altäre hinausgeschafft, vieles verkauft, gestohlen und „verderben“ lassen. Das eiserne Gittner ( Lettner), welches den Chor vom Langhaus trennte, wurde entfernt und an Ratschreiber Josef Görlacher billig verkauft; die Chorbögen, welche von den Seitengängen in die Türme führten, wurden zugemauert. Damals wurde auch der Fußboden aufgefüllt und die Sockel der Säulen vergraben, wie auch der schöne Fuß der Kanzel vom Jahr 1500. Der Boden wurde mit neuen Platten belegt, die alten ausgehoben, worunter sich noch Grabplatten von Geistlichen, Wohltätern oder für die Stadt interessante Personen befanden; die Grabplatten wurden verkauft, berühmte Namen verschwanden.

 

Die Abbildung unten soll verdeutlichen, wie das Münster in Villingen als romanischer Kirchenbau II nach 1 220 in Größe und Architektur ausgesehen haben könnte; vgl. Seite 1 dieser Dokumentation. (Diesem Rekonstruktionsversuch dient die Abbildung der romanischen dreischiffigen Säulenbasilika ohne Querschiff der ehemaligen Klosterkirche, heute Stadtpfarrkirche, in Stein am Rhein.)

 

Wie im Chorbogen zu lesen ist, fand von 1905 bis 1909 eine weitere Restauration statt. Damals wurden zum Einbau einer Warmluftheizung Gräben gezogen, der Fußboden im Chor und im Schiff ohne Rücksicht auf frühere Grablegungen aufgerissen. Die Warmluftheizung brachte Staub in Bewegung und verschmutzte das Innere der Kirche von Jahr zu Jahr immer mehr. Dazu kamen im 2. Weltkrieg Kriegsschäden von nahen Fliegerbombeneinschlägen, besonders am Stuck entstanden Risse und Abbröckelungen, zwei wertvolle farbige Chorfenster auf der Südseite gingen zu Bruch. Durch Abgase verwitterte außen der Sandstein, herabfallende Steine vom Südturm gaben den Anstoß zur letzten Renovation von 1976 bis 1982.

Bereits 1954 wurde unter dem Geistlichen Rat, Dekan Max Weinmann, dem Ehrenbürger der Stadt Villingen, ein Förderverein für die Münsterrenovation gegründet. Hätte man die Renovation zur damaligen Zeit begonnen, wären die Angehörigen der Münster-pfarrei über den Endzustand (1982) nicht glücklich gewesen. War doch seinerzeit vorgesehen, auch auf Vorschlag des damaligen Denkmalpflegers, “ tabula rasa“ zu machen, d. h. alles nicht stilechte, einschließlich des neugotischen Flügelaltars und der Seitenaltäre im Sinne eines Purismus aus dem Münster zu entfernen. Doch die Zeit und das damals fehlende Geld halfen mit, diesen „Bildersturm“ zu verhindern.

Das Münster Unserer Lieben Frau, wie es auf uns Heutige überkommen ist, nach Beendigung der Restauration 1982.

 

1963 übernahm Herr Geistlicher Rat und Dekan Bernhard Gebele die Leitung der Münsterpfarrei. Während seiner Amtszeit bis 1980 wurde in Gemeinschaft mit dem erzbischöflichen Bauamt in Freiburg : Oberbau-direktor Triller, Oberbaurat Laule, Bauleiter Reichenbach, dem „Finanzminister“ im Ordinariat, Domkapitular Prälat Dr. Bechthold, dem Landesdenkmalamt : Dr. Gebeßler, Präsident des Landesdenkmalamts Baden-Württemberg, mit den Herren der Außenstelle Freiburg : Dr. Stopfei, Dr. Schmidt -Thome, Dipl. Ing. Meckes, Dr. Leusch sowie mit dem Bauausschuß des Pfarrgemeinderats Münster und dem Stiftungsrat die Renovation noch eingeleitet und wesentliche Akzente gesetzt.

Die künstlerische Arbeitsgemeinschaft mit Prof. Elmar Hillebrand aus Köln, Klaus Ringwald aus Schonach und dem Fachberater Prof. Dr. Albert Knöpfli, Landesdenkmalpfleger aus der Schweiz, einigte sich mit dem Landesdenkmalamt, den Innenraum nicht grundlegend zu verändern, die im Laufe der Zeit hinzugekommenen Stilelemente im wesentlichen zu belassen und die Renovation von 1905 bis 1909 zum Vorbild zu nehmen.

Zusammenfassend war das Ergebnis der Beratungen: Eine durchgängige Erneuerung des Münsters in einem Baustil war nicht möglich; zu viel, an dem die spendenfreudigen Villinger mit Liebe hängen, hätte geopfert werden müssen. Der Kompromiß war zu finden, indem die Ausstattung des Münsters wieder so hergestellt wurde, wie sie nach der letzten Renovation 1905 bis 1909 war.

Begonnen wurde 1976 mit der Außenrenovation der Türme, des Daches und der Fassaden. Riesige Gerüste wurden durch die Villinger Firma Isak außen, wie auch später im Kircheninnern erstellt. Am Südturm arbeitete bis 30.9.1978 die Fa. Georg Enzenroß, Villingen, am Nordturm die Fa. Andreas Eckert, Bad Krozingen-Tunsel. Zahlreiche brüchige Steine, Ornamente und 17 Wasserspeier mußten ausgewechselt und kopiert werden. Am West- und Südportal (beide vom romanischen Bau II noch erhalten) wurden Säulen und Steine ergänzt. Beide Türme und alle Dächer wurden neu eingedeckt, besondere Schwierigkeiten machte die Beschaffung der farbig glacierten Ziegel am Nordturm, in der Fa. Girnghuber, Marlkofen, fand man einen Hersteller der gesamten Ziegelbeschaffung. Für 2,7 Millionen Mark wurden die Schäden an den Türmen, Dach und Fassaden in über zweijähriger Bauzeit beseitigt.

Neben diesen Arbeiten begann am 29.3.1976 der Restaurator mit den Voruntersuchungen an Wänden und Decken sowie die Archäologen am 15.4.1976 mit den ersten Sondierungen im Boden der Kirche. Das Ergebnis des Restaurators zeigte u. a. eine zum Teil 1 cm dicke Verschmutzung der Stuckdecke vom Jahr 1701 ff. im Langschiff.

Zur gleichen Zeit wurde — zu Lasten der Stadt —eine neue Kirchturmuhr durch die Fa. Schneider aus Schonach eingebaut; mit der Einführung des Westminsterschlags war der Stiftungsrat einverstanden. Eine neue, moderne Schaltanlage für Glocken und Uhr mußte installiert werden.

Einen überraschenden Fund machte der Restaurator Lorch aus Sigmaringen bei einer Besichtigung des Südturms: Er entdeckte die Überreste einer Sonnenuhr, die nun wieder hergerichtet werden soll.

Am 1. Mai 1978 begann mit dem feierlichen Auszug der Pfarrei aus dem Münster in die nahegelegene Benediktinerkirche die Innenrenovation des Liebfrauen-münsters. Diese herrliche Barockkirche des früher hier ansässigen Benediktinerordens sollte auf den Tag genau 4 Jahre als „Ersatz“- Pfarrkirche für die Münster-pfarrei dienen.

Zunächst begannen unter Oberaufsicht des Landesdenkmalamtes Freiburg die Archäologen mit den Grabarbeiten in der Zeit vom 18. Juli 1978 bis 1. Oktober 1979. Wertvolle Erkenntnisse für die Entstehung und Baugeschichte nicht nur des Münsters sondern der Stadt Villingen kamen unter dem Leiter der Ausgrabungen Herrn Thomas Keilhack zutage. Verwiesen wird auf dessen Beitrag im Jahresheft V des Geschichts- und Heimatvereins Villingen: „Das Münster Unserer Lieben Frau zu Villingen — Ein archäologischer Beitrag zur Baugeschichte“. Ebenfalls auf die 3 Vorträge des Grabungsleiters, gehalten 1980 beim Geschichts- und Heimatverein Villingen. Interessant sind in diesem Zusammenhang die medizinhistorischen Untersuchungen der Skelette der 494 gefundenen Bestattungen des Paläopathologen Dr. Dieter Buhmann, Saarbrücken. Der Belegungszeitraum der Gräber konnte wissenschaftlich nicht genau abgesichert werden, doch dürfte das Ende der Belegungszeit um die Mitte des 18. Jahrhunderts liegen. Dr. Buhmann hat die Skelettteile auf Alter, Geschlecht und evt. Krankheitsursachen, die zum Tode führten, untersucht und darüber im Heft IV des Geschichts- und Heimatvereins über Teilergebnisse berichtet sowie ausführlicher im September 1982 in einem Lichtbildervortrag referiert. Ein Abdruck dieser Arbeit ist im Jahresheft 1983 des Geschichts- und Heimatvereins vorgesehen. Für die medizinische Wissenschaft interessant ist die Feststellung, daß bereits zu damaliger Zeit eine Trepanation eines Schädels (Entlastungsbohrung) nachzuweisen war, um nur eine Einzelheit der Untersuchungen zu nennen.

16 Monate lang wurde gegraben und untersucht, für die Münstergemeinde eine Geduldsprobe — „es geht mit der Renovation nicht vorwärts“ — für die Interessierten und für die Münster- und Stadtgeschichte ein wertvoller wissenschaftlicher Beitrag.

Ab Oktober 1979 wurde der Boden des Chors und des Kirchenschiffs teilweise bis 30 cm abgesenkt, die Säulenfundamente, die sichtbar wurden, mußten durch die Fa. Wolfsholz, die zur selben Zeit in der füheren Franziskanerkirche arbeitete, stabilisiert werden. Leitungen wurden verlegt und eine Fußbodenheizung durch die Villinger Fa. Wursthorn eingebaut. Der Hochaltar und die Seitenaltäre wurden um ca. 1 m tiefer gesetzt, die Stufen zum Altarbereich deshalb verringert.

Nach Fertigstellung der Heizung und Anbringung einer dünnen Betondecke wurde ein Gerüst im Chor und im Langhaus erstellt. Restaurateure, Stukkateure und Maler der Fa. Ernst Lorch, Sigmaringen, gingen ans Werk, um Stuckdecken und Wände zu säubern, zu konservieren, zu vergolden, was abgestumpft war, Schäden auszubessern. Sämtliche Bilder wurden restauriert. Im Chor waren es die zwei Riesengemälde, gemalt 1909 vom Freiburger Künstler Franz Schilling, einem Schüler des elsäßischen Malers Martin v. Feuerstein, über den noch zu berichten sein wird; auf der Nordseite wird das jüngste Gericht dargestellt, auf der Südseite die Schutzmantelmadonna, die ihren Mantel über die belagerte Stadt Villingen ausbreitet. Für letzteren Entwurf und Ausführung erhielt der Künstler 1909 von der Königlichen Akademie der bildenden Künste in München die große Medaille. Aus der Hand des Franz Schilling stammen auch die Wappenentwürfe, die Seitengemälde in beiden Seitenkapellen, die vier Evangelisten und Kirchenväter auf der Rückseite der Flügel am Hochaltar, ebenso die Entwürfe zu den Glasfenstern im Chor.

Erneuert werden mußten die 4 Bilder der beiden erhaltenen neubarocken Seitenaltäre, Werke des genialen Künstlers Martin v. Feuerstein, Königl. Akademie-Professor in München, geboren 1856 in Barr im Elsaß, gestorben 1913 in München, die er 1908 geschaffen hat. Dargestellt werden am Marienaltar : „Maria Tempelgang“ und „Erziehung Mariens“ sowie am Josefs-altar : „Heilige Familie“ und „Vermählung Mariens“. Als man einen Künstler suchte, der in der Lage sein sollte, Martin Schongauers „Madonna im Rosenhag“ in Colmar durch zwei Seitenflügel zu ergänzen, fiel die Wahl auf Martin v. Feuerstein. Er hat die Aufgabe nach Meinung der Kenner hervorragend gelöst.

In der Werkstatt der Fa. Lorch wurde den Bildern im Langschiff von Theodor Baierl, die „7 Freuden und die 7 Schmerzen Mariens“, alle mit stuckierten und teilweise vergoldeten Rahmen sowie den „12 Aposteln“ (2 weitere: „Paulus“ u. „Barnabas“ befinden sich seit 1909 im städt. Museum) des Villinger Künstlers Anton Schupp, geschaffen 1715 bis 1719, durch Reinigung, Auffrischung, Ausflicken, Retuschieren sowie teilweiser Neufassung, neuer Glanz verliehen.

In beiden Seitenkapellen mußten in wochenlanger Feinarbeit die Decken — als Rippennetzgewölbe ausgebildet — und die Ornamente erneuert werden. In der Südkapelle, in der vor der Renovierung das Nägelinkreuz hing und verehrt wurde, mußten u. a. die alten Innungswappen restauriert werden. Diese Kapelle wurde nun als Taufkapelle hergerichtet, der alte Taufstein, der früher am Ölberg stand, dort aufgestellt. In der Nordkapelle wurde alles vorbereitet, das Nägelinkreuz an würdiger Stelle zur Verehrung aufzuhängen.

Die liturgischen Veränderungen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil werden an diesem Bild deutlich: der neue Zelebrationsaltar von Ringwald in der vorderen Mitte des Chors, dahinter die Bank, rechts das Lesepult.

 

Das von den Gläubigen seit Jahrhunderten verehrte Nä-gelinkreuz hat jetzt in der Kapelle des Nordturms seinen Platz gefunden. Es hat seinen Namen von einem Bauersmann, Andreas Nägelin. Er soll es im 14. Jahrhundert gefunden und später in schwerer Krankheit der Stadt Villingen nach visionärer Eingebung vermacht haben, zur Abwehr allen Übels, worauf er selbst gesund wurde.

 

Dieses legendenumwobene Kreuz erreichte in der Barockzeit große Bedeutung als Wallfahrtskreuz und wird auf die Mitte des 14. Jahrhunderts datiert. In jahrelanger Arbeit wurde es in der Staatlichen Akademie der bildenden Künste Stuttgart, Institut für Technologie der Malerei, unter Leitung von Prof. R. E. Straub von Fräulein Irmgard Schnell restauriert. Ein neues Glasfenster, eine Darstellung der Leidenswerkzeuge Christi, entworfen von Prof. Hillebrand, wurde eingesetzt. In dieser Kapelle befindet sich auch in der Bogenleibung ein herrlich renoviertes Renaissanceornament, wohl das schönste im gesamten Kirchenraum.

Mitten in der Zeit der Münsterrenovation erfolgte der Wechsel in der geistlichen Leitung der Pfarrei. Geistlicher Rat Gebele schied am 19. Oktober 1980 aus Altersgründen aus, Herr Pfarrer Kurt Müller, noch Pfarrer der Bruder Klaus-Pfarrei in Villingen, wurde zum neuen Münsterseelsorger ernannt. Er war bereits früher, wie auch der Villinger Bürgersohn Pfarrer Alfons Weißer, jetzt Pfarrer am Münster auf der Insel Reichenau, an der Münsterrenovation interessiert und nahm an den großen Bauausschußsitzungen teil. Die Seelsorgearbeit konnte er erst ab der Investitur an Ostern 1981 übernehmen und in das renovierte Münsterpfarrhaus einziehen. In der Zwischenzeit versorgte Herr Vikar Peter Kreutler, jetzt Pfarrer in Murg, die Pfarrei.

Nachdem das Gerüst wieder abgebaut war, erfolgte die Verlegung des Fußbodens mit sechseckigen Sandsteinplatten in drei dezenten Farben, ein Musterentwurf von Prof. Hillebrand. Nach Prof. Knöpfli eine sehr gute Lösung, keine „Fußgängerzone“. Da der Boden — wie bereits beschrieben — tiefer gelegt wurde, traten die bisher unsichtbaren Fundamente der Pfeiler und der beiden romanischen Säulen zutage, der gesamte Kirchenraum erscheint heute höher.

Nur einen Nachteil für Kirchenbesucher hatte diese Absenkung des Bodens, es mußte auf beiden Längsseiten eine Stufe in Kauf genommen werden.

An den Seitenwänden wurde die Täfelung ergänzt, der Kreuzweg und die Windfänge von der Fa. Hupfer, Villingen, renoviert. Ein neuer Windfang aus massivem Eichenholz am westlichen Hauptportal wurde erstellt, ausgeführt durch die Fa. Neininger aus Tannheim, die ebenfalls die gesamte Sakristei neu einrichtete. Die Ministranten erhielten für Aufenthalt und Unterbringung ihrer Gewänder einen separaten Raum in der Mi-chaelskapelle, oberhalb der Sakristei im Nordturm.

 

Die spätgotische Kanzel des Münsters, um 1500, mußte mit besonderer Sorgfalt restauriert werden. Die Flächen sind ausgefüllt mit der Darstellung des Kreuzwegs. Der Meister dieses Kunstwerks ist uns namentlich nicht bekannt, obwohl er an sichtbarer Stelle am Kanzelaufstieg sein Meisterzeichen hinterlassen hat.

 

Unterhalb der Sakristei wurde die neue Gasheizungs-und Toiletten-Anlage eingebaut.

Wegen der Fußbodenheizung mußte ein neues Gestühl ohne Podeste erstellt werden, zumal das alte durch Wurmbefall beschädigt war. Der Mittelgang wurde erhalten, allerdings mit 1,50 m Breite etwas verschmälert. Die neuen Stollenbänke aus massivem Eichenholz der Fa. Unmäßig u. Co. aus Freiburg-Betzenhausen für 750 Sitzplätze, ein Entwurf von Prof. Hillebrand, bilden mit ihrer klaren Linienführung einen guten Gegensatz zu dem reichgeschmückten Kirchenschiff.

Neue Arkaden- und Kronleuchter, Entwürfe von Prof. Hillebrand, wurden von der Kunstschmiedewerkstätte Klaus Walz aus Villingen ausgeführt. Die alten steinernen Weihwasserkessel wurden, nach Behebung von Schäden durch den Restaurator Lorch, wieder aufgestellt, ebenso der Ölberg an alter Stelle.

Das einzige erhaltene gotische Kunstwerk im Innern des Münsters : Die Steinkanzel mit der Darstellung des Leidens Christi in 7 Bildern, wie es in der damaligen Zeit üblich war, von einem unbekannten Meister um 1500 geschaffen, wurde durch Ergänzungen an den Profilen, Figuren und am Fundament durch die Fa. Bauer-Bornemann aus Bamberg in alter Schönheit restauriert. Die Geschichte des Kreuzes in der Mitte der Kanzel wird nach der jetzt abgeschlossenen Restaurierung sicher wieder für Jahrzehnte und hoffentlich Jahrhunderte die Gläubigen in dieser Stadt beeindrucken und ansprechen. Sie legt Zeugnis ab von der tiefen Gläubigkeit früherer Jahrhunderte, auch des unbekannten Schöpfers des Kunstwerks, und von dem Streben, durch eigenes Schaffen den Glauben kund zu tun und im Stein ein Stück der Ewigkeit zu versinnbildlichen. Die Kanzel war im 2. Weltkrieg zum Schutz entfernt worden und wurde erst nach dem Krieg am 2. Pfeiler von vorne wieder aufgestellt, nachdem sie ursprünglich am 4. Pfeiler ihren Platz hatte.

Sehr viele Überlegungen und künstlerische Einfühlung erforderte die Ausgestaltung des Chors, zumal auch mit Blick auf die Liturgiereform nach dem 2. Vatikanischen Konzil. Wie bereits beschrieben, wurde der etwas abgesenkte Hochaltar, der auch als Sakramentsaltar dient und bei der letzten Renovierung von der Fa. Marmon aus Sigmaringen geschaffen wurde, belassen, restauriert und zum Teil neu vergoldet. Das alte Chorgestühl vom Villinger Künstler Martin Herrmann mußte aus Platzgründen entfernt werden — es soll nach Restaurierung in der Benediktinerkirche aufgestellt werden. Als „Ersatz“ schmückt das von Kunstschreiner Hummel aus Heiligenberg bei Salem überholte kleinere Chorgestühl aus der Johanniterkirche den Altarraum.

Diese Firma fertigte auch zwei neue Beichtstühle an und paßte sie den Formen des Chorgestühls an.

Eine Priesterbank aus Stein, entworfen von Prof. Hillebrand, unterteilt den Chorraum. Den Mittelpunkt bildet die neue Altarinsel, ein Kunstwerk des Schonacher Künstlers Klaus Ringwald. Der Zelebrationsaltar steht, was die Ausgrabungen bewiesen, an derselben Stelle wie die früheren Altäre des Baues I und II. Er besteht aus einem gelblichen rundumbehauenen Mo-nolit aus italienischem Quarzit, an den 4 Ecken mit lebendigem Rankenwerk überzogen. Auf allen 4 Seitenflächen wurden in je einem rautenförmigen Feld ein gegossenes Silbermedaillon eingelassen. Die Darstellungen sind Maria auf der Totenbahre, korrespondierend : Die Aufnahme Mariens in den Himmel, dann der Hirsch an der Tränke und der Pfau, Bote der kommenden Herrlichkeit. Der Ambo (Lesepult) ist aus demselben Material und ähnlich behauen wie der Altar.

Alle noch erhaltenen Chorfenster wurden ausgebaut und in Freiburg durch die Fa. Karl Isele gereinigt, danach erhielten alle Fenster im Chor und Langschiff eine Schutzverglasung. Die beiden zerstörten Chorfenster im Süden werden in nächster Zeit — nach Entwürfen von Prof. Hillebrand — von der ältesten deutschen Glasmalerei, Fa. Dr. H. Oidtmann, Linnich, ergänzt. Dargestellt wird u. a. die Jakobsleiter, Verbindung zwischen Himmel und Erde.

In mühevoller Arbeit wurde der Chorraum und der Altar durch die Fa. Bode-Christ ausgeleuchtet sowie die gesamte Installation im Kirchenraum ausgeführt. Zwei neue versilberte Holzleuchter an den Wänden, von Herrn Ringwald entworfen und gestaltet, deuten den ca. 1721/24 abgebrochenen Lettner an. Lautsprecher und Liedanzeiger wurden neu installiert, farblich den Pfeilern angepaßt.

Weshalb braucht das Münster nun noch eine neue Orgel? „1909 war das damals von der Fa. Schwarz aus Überlingen gebaute Instrument eine sehr gute Orgel, mit 32 Registern auf 2 Manualen und pnaumatischen Kegelladen. Im Jahre 1967 wurde ein Um- und Erweiterungsbau durchgeführt. Die Orgel wurde auf 3 Manuale und 47 Register erweitert. Sie erhielt ein neues elektrisch gesteuertes Rückpositiv mit Schleifladen, einen neuen elektrischen Spieltisch. Das vorhandene alte Material wurde, soweit möglich, umintoniert.

 

Das letzte der Reliefbilder der Münsterkanzel zeigt die Kreuzesabnahme.

 

Aus finanziellen Gründen mußte auf den Einbau von Schleifladen für Haupt- und Schwellwerk, ebenso Pedalwerk verzichtet werden. Die Diskrepanz war unüberhörbar: Gegenüber dem Rückpositiv sprachen die übrigen Werke mit ihren Kegelladen nur sehr schleppend an, so daß eine Homogenität des Plenums nicht zustandezubringen war. Ein Bach’sches Trio war nicht exakt realisierbar.“ Soweit die Ausführungen des Freiburger Orgelsachverständigen Prof. Dr. Hans Musch über die Situation 1977.

Die weitgesteckten Renovierungsarbeiten am Münster gaben Anlaß zu weiteren Überlegungen. Die im Zuge der Innenrenovation angestrebten Lösungen werden Gegebenheiten schaffen, die in den kommenden Jahrzehnten nicht mehr zu verändern sind. Rein äußerlich waren durch den unförmigen Orgelkasten die Platzverhältnisse sehr ungünstig. Die äußere Form und Aufbau der Orgel, namentlich des Rückpositives, wurden vom Denkmalamt beanstandet. Hinzu kamen neue Denkanstöße im Zusammenhang mit der begonnenen Restaurierung des Franziskaner-Konzerthauses. Ein dort vorgesehener Einbau einer großen Konzert-Orgel kam aus finanziellen Gründen nicht zustande. Die fast einhellige Meinung der Experten aus vielen Sitzungen resultierend war so, daß man eine allen Ansprüchen gerechte Orgel für das Münster vorsehen möge. Die Stadt hat dann auch ihr besonderes Interesse dadurch bekundet, daß sie dafür Sonderzuschüsse bewilligte.

Unter diesen Gegebenheiten konnte nur noch ein Orgel-Neubau in Frage kommen.

Nach einer üblichen Ausschreibung ging der Zuschlag durch den Stiftungsrat an die Fa. Hubert Sandtner in Dillingen/Donau. Diese wird wertvolles Pfeifenmaterial nach entsprechender Umarbeitung wieder verwenden, der Spieltisch und das Rückpositiv der alten Orgel wurden verkauft. Zu erwähnen ist, daß ein Aus-und Wiedereinbau der alten Orgel, was während der Restaurierung des Münsters dringend notwendig gewesen wäre, ca. DM 250000.— gekostet hätte. Die neue Orgel, die bis Weihnachten 1982 teilweise spielbar sein und an Ostern 1983 eingeweiht wird, besteht aus 3 Manualen und Pedal mit 60 Registern; Glockenspiel und Cymbelstern können z. Zt. aus finanziellen Gründen nicht eingebaut werden. Die Orgel hat mechanische Spieltraktur, nach dem Vorbild der Barockorgel sowie elektrisch gesteuerte Registerzüge. Die Pfeifen stehen auf Schleifladen. Die äußere Prospektgestaltung der neuen Orgel wird sich der gelungenen Innenrenovation des Münsters hervorragend einfügen. Außer einer Bereicherung der musikalischen Gottesdienst-Gestaltung sind Orgel-Konzert-Reihen vorgesehen. Die von Bildhauer Ringwald entworfenen Bronzetüren des westlichen Haupteingangs und des doppelten Johannes-Südportals — das Münster war zuerst Johannes dem Täufer geweiht — werden erst im Laufe des Jahres 1983 fertiggestellt werden können. Die Reliefs, Darstellungen aus dem Marienleben am Hauptportal sowie Johannes des Täufers und des Evangelisten Johannes am Südportal, werden ein künstlerisches Meisterwerk sein.

Ebenfalls wird man auf neue Fenster in den Seitenschiffen aus finanziellen Gründen noch einige Zeit warten müssen. Vorgesehen ist nur die baldige Anschaffung von 2 bereits gestifteten Fenstern beiderseits vorne als „Musterfenster“, die zu Fensterspenden anregen sollen! Diese Fenster haben als Mittelpunkt je ein Medaillon mit Themen aus dem Leben Jesu, Vorschläge von Herrn Pfarrer Weisser, Insel Reichenau. Die Ausgaben für die Innenrenovation belaufen sich auf DM 4,8 Mill., so daß der Gesamtaufwand für die Restaurierung DM 7,5 Mill. beträgt. Davon kamen durch die Spendenfreudigkeit der Bevölkerung ca. DM 1,8 Mill. zusammen.

Die örtliche Bauleitung hatte im 1. Bauabschnitt, der Außenrenovation, Herr Oberbaudirektor a. D. Julius Nägele, im 2. Bauabschnitt, der Innenrenovation, Herr Architekt Hermann Hupfer.

Dem Bauausschuß bzw. Stiftungsrat gehörten während der Renovierungszeit an:

Frau Uta Baumann, Herr Emil Daiger ( bis 19811, Herr Karl-Heinz Fierhauser, Herr Dr. Fuchs (bis 1981), Frau Frida Heinzmann, Herr Dr. August Kroneisen, Frau Irmgard Lindner, Herr Ewald Merkle, Herr Wilhelm Moser (bis 1978), Herr Karl Säger, Herr Hubert Waldkircher.

Am 2. Mai 1982 fand zur Wiedereröffnung des Münsters die Altarkonsekration durch Herrn Erzbischof Dr. Oskar Saier, umrahmt von Mozarts Krönungsmesse, aufgeführt durch den Münsterchor unter Leitung von Chordirektor Eduard Wassmer, statt. In den Altar eingeschlossen wurden Reliquien der heiligen Märtyrer Urbicus und Virginia. Eine Festwoche mit verschiedenen Veranstaltungen schloß sich an. Zum Schluß seiner Predigt mahnte der Erzbischof, das künstlerisch schöne Münster nicht zum Museum werden zu lassen sondern darin die Nähe Gottes und Mariens im Gebet zu suchen. Auch der Präsident des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg, Dr. Gebeßler, meinte in einer Bauausschußsitzung: „Wir verstehen eine Kirche nicht als Kunstdenkmal sondern als Gotteshaus, in dem der Gläubige zur Ruhe, zum Gebet, zur religiösen Erfahrung kommt und sein innerstes Empfinden auch ausdrücken kann.“

Hoffen wir, daß das Jahrhundertwerk der Münster-pfarrei Villingen lange in diesem Sinne in Frieden und Freiheit den Villinger Gläubigen und allen Besuchern dienen wird.