Das bisher angenommene Todesdatum ist falsch: Wann starb der Keltenfürst vom Magdalenenbergle wirklich? (Uta Baumann)

 

Auf dem westlichen Höhenrücken des Laible bei Villingen erhebt sich der Hügel des weitaus größten hallstättischen Fürstengrabes in Westeuropa. Der Hügel hat einen Basisdurchmesser um 104 m, seine antike Höhe dürfte zehn Meter betragen haben, die Erdschüttung wird auf rund 46000 m3 geschätzt. Der Hügel beherbergte in seinem Zentrum die Grabkammer eines Keltenfürsten der Hallstattzeit, die aus ca. 90 dicken Stämmen großwüchsiger Eichen in meisterlicher Zimmermannsarbeit erbaut wurde. Die Grundfläche der Kammer betrug etwa 40 m2, die Höhe rund 1,50 Meter. (Die Bodenlage ist heute im Franziskanermuseum zu besichtigen, wo eine eigene Ausstellung mit zahlreichen Funden alles Wissenswerte vermittelt.) Bliebe für den eiligen Leser nur noch festzuhalten, daß nach der Grablege des Fürsten ein gewaltiger Steinhügel aus gebrochenem Buntsandstein mit einem Durchmesser von 30 m und einer Höhe von 3,50 m, insgesamt 2500 m3 Felsblöcke, als Mantel über die Grabkammer gehäuft wurde. Danach wurde in jahrelanger Arbeit der Hügel mit herbeigeschafftem Erdreich aufgeschüttet. Schon wenig später wurde der riesige Hügel für die keltischen Menschen zum Bestattungsplatz, indem sie, heutigen Bestattungsbräuchen gleich, Gräber eintieften. Weitere 126 Gräber — wenngleich die ursprüngliche Zahl größer war —, sogenannte Nachbestattungen, mit zahlreichen Grabbeigaben — Gefäße, Schmuck, Waffen — konnten in ihnen nachgewiesen werden. Im Übergang von Hallstatt D 1 zu Hallstatt D 2, d. h. nach kaum einem halben Jahrhundert, bricht die Belegung des Hügels, für uns unerklärlich, plötzlich ab. — In fast vierjähriger Feldarbeit von 1970 bis 1973 wurde der Hügel nach den modernsten archäologischen Methoden vollständig untersucht. Während sich das Zentralgrab des Fürsten als antik beraubt erwies und keine nennenswerten Funde zurückgeblieben waren, erwiesen sich jedoch der gesamte Kammerboden und die unteren Lagen der Seitenwände in sehr gutem Zustand und über zweieinhalb Jahrtausende konserviert.

Der Magdalenenberg nach seiner Wiederaufschüttung

 

Das allein war schon eine erregende Entdeckung. Dieser Fundumstand ermöglichte eine dendrochronologische Untersuchung der Hölzer. Bei der Dendrochronologie handelt es sich um einen Wissenschaftszweig, der durch die Vermessung der Wachstumsringe und der Synchronisation von Ring-breitenfolgen bei Baumhölzern (in der Regel Eiche, auch Tanne, gelegentlich Fichte) unter bestimmten

Voraussetzungen eine absolute, d. h. nach dem abendländischen Kalender jahrgenaue Datierung (im Gegensatz zur sogenannten C 14-Methode) des Fällungsda-tums geben kann. — Der Begründer der Westdeutschen Eichenchronologie, Ernst Hollstein, Trier, konnte für die Zentralkammer und den Eingangsweg des Fürstengrabes das Jahr 577 vor Christus ermitteln. Da die Hölzer nachweislich unmittelbar nach der Fällung verbaut worden sind, können Todeszeitpunkt des Fürsten und Beginn des Kammerbaus zeitlich gleichgesetzt werden. Das Sterbedatum des Fürsten wäre somit das Spätjahr 577 vor Christus. Und dieses Datum ist falsch! Hat die Wissenschaft versagt? Nein. Aber sie hat mit einer Hypothese gearbeitet, die sich erst durch neuere Erkenntnisse als falsch erwiesen hat. Hollstein war zunächst darauf angewiesen, die Baum-ringdaten der römischen und vorrömischen Zeit nach dem Fällungsjahr von Bauhölzern der spätantiken Rheinbrücke von Köln zu berechnen. Jahrringkurven für jene Zeit, die das sogenannte Überbrückungsprinzip gewährleistet hätten, standen ihm (noch) nicht zur Verfügung. Er besaß aber eine schriftliche Quelle, eine Lobrede auf den römischen Kaiser Konstantin, die uns berichtet, daß „die schwierigen Gründungsarbeiten an dieser Brücke im Jahre 310 nach Christus im Gange waren“. Fundamentpfähle dieser Brücke hat Hollstein untersucht und, nach der Synchronisation untereinander, deren letzten Jahrring (Waldkante) mit dem Jahr 310 n. Chr. gleichgesetzt. Durch Verzahnung und Überlappung mit anderen Hölzern konnte er so eine Jahrringkurve auch für die vorrömische Epoche erarbeiten. — Unter dieser Prämisse hat er, wie er selbst betont, die Berechnung des Alters der Grabkammer im Magdalenenbergle durchgeführt.

— Inzwischen sind einige Jahre vergangen, neue archäologische Fundstätten wurden ergraben, die in sechs Fällen der augusteischen Zeit Hölzer ans Tageslicht brachten, „die durch Keramik, Münzen und historische Quellen relativ scharf belegt sind, sowie aus einer befestigten Höhensiedlung der vorangehenden Epoche“. Die im Jahre 1979 vom Dendrochronologischen Laboratorium des Instituts für Ur- und Frühgeschichte Köln errechnete Korrektur der Hollsteinschen Eichenchronologie von

+ 27 Jahren

verlangt nun auch eine Berichtigung der Altersangabe für die Grabkammer des Fürsten im Magdalenenbergle um denselben Zeitraum. Danach ist der Keltenfürst 577 + 27 Jahre also im Jahre 550 vor Christus gestorben, und die erste antike Beraubung seiner zweifellos immens reich ausgestatteten Grablege erfolgte im Jahre 503 vor Christus.

Anmerkung:

Es taucht auch die Jahreszahl 551 auf, die wissenschaftlicher seit vertreten wird.

Trotz wiederholter Anfragen war von Hollstein keine Antwort zu erhalten.

Literaturangaben :

Ernst Hollstein :    Die Jahrringe vom Magdalenenberg, Villingen 1974;

Derselbe:    Bauholzdaten aus augusteischer Zeit, in : Sonderdruck aus Archäologischen Korresspondenzblatt; 9. 1979. Heft 1, Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Mainz;

Konrad Spindler: Der Magdalenenberg bei Villingen mit Beiträgen von Ernst Hollstein und Eduard Neuffer, Theis Verlag 1976;

Derselbe:    Magdalenenberg I, Neckar Verlag, Villingen 1971

 

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