Wohntürme – die »Paläste« des Hohen Mittelalters (Werner Huger)

 

„Turm am Ort“ Schaffhausen – Ursprünglich Teil der Stadtbefestigung, später Wohnturm eines ritterlichen Geschlechts

 

Martini 1347. Über den schmalen Verkehrsweg von Freiburg her rumpelt, zwischen den Geleiserillen und den Pfützenlöchern hin-und hergeschüttelt, der Karren zur Stadt. Soeben biegt er um die Waldecke. Der Höhenrücken neigt sich abwärts. Dort unten, wo sich das Tal zur flachen Aue verbreitert, liegt sie in ihrer unverwechselbaren Gestalt. Der Mann auf dem Karren hebt die Hand vor die Stirn über die Augen, um besser zu sehen. Türme sind es vor allem, die ihre Silhouette bestimmen: Die schweren Tortürme in den vier Himmelsrichtungen, die Wehrtürme in der Mauer dazwischen, die feste Mauer selbst. Eigentlich eine riesige Burg, denkt der Mann. Aus dem Schmutzigbraun der hingeduckten Dächer steigen ein wenig filigran die Türme der Stadtkirche und der des Johanniterordens, einige Dachreiter klösterlicher Gotteshäuser oder Kapellen und — merkwürdig, eigentlich nie beachtet, wieder Türme, mitten zwischen den Dächern aufsteigend, wehrhaft und hoch, komisch; die will er sich nachher einmal genauer ansehen, nimmt sich der Mann vor. Der Wagen holpert, von der Wache eingelassen, unter dem Torturm in die Stadt. Eieiei, hier stinkt’s noch mehr als bei uns im Dorf, denkt sich der Mann, und schnäuzt zwischen zwei Fingern seine Nase. Er schaut sich um. Auch nicht besonders groß die Häuser hier, viele einstöckige und viel Holz, sehen trotzdem manchmal aus wie unsere Lehmhütten, aber fast alle aneinander gebaut, hält besser und gibt warm im Winter, wenig Grünland dazwischen — so geht es ihm durch den Kopf. Da sind etliche zweistöckige Häuser. Allerhand. Unten Stallung, im Stock darüber Wohnung, dann steiles Dach mit Gaupe und Speicher, Wände und Dachflächen kaum voneinander abgesetzt. Schön warm, von unten und oben. Er fühlt es förmlich an diesem kalten Novembertag. Da sind ein paar vornehme zweigeschossige Häuser, gibt’s halt nur in der Stadt: Kaufhaus, Pfleghof, Konventshaus, Amtshaus. Mensch, hier sind sogar dreigeschossige: Rathaus, Spital?

Zwischen Stadtbach und dem Misthaufen vor dem Haus rechts, überspringt er die morastige Stelle, wo die u-förmige hölzerne Entwässerungsrinne beschädigt ist. Ein Huhn flattert erschreckt auf, ein Schwein grunzt. Noch zehn Schritte, dann steht er davor: Ein Turm, mitten unter den Häusern, alles weit überragend, ganz aus Stein, mindestens acht Ellen breit (etwa 6 m) und „Dunnderwetter !“, entfährt es ihm, mindestens 19 Ellen (etwa 15 m) hoch!. Das müßte mein Weib sehen, denkt er, der ist ja himmelhoch — ein, ja, wie soll man sagen, ein richtiger Wolkenkratzer!

„Bigott!“, entfährt es ihm aufs neue, „jetzt hanino en neu Wort erfunde 1“ — und er weiß nicht, über was er sich mehr wundern soll.

Mit dieser im Scherz gemeinten Bemerkung unseres erfundenen Bauern wollen wir das Stilmittel belletristischer Schilderung verlassen. Es sollte uns nur dazu dienen, die Gefühle ahnen zu lassen, die einen Menschen befallen haben mochten, wenn er im 12., 13. oder wie hier auch im 14. Jahrhundert zum erstenmal aus seiner ländlichen Umgebung heraus und in die Stadt kam, wo ihn völlig neue Dimensionen verwirrten.

„Allgemein sind die Türme kennzeichnend für eine frühe Ausbreitung der Stadt. Ihr Bau erfolgte zur Hauptsache im 12. Jahrhundert und zu Beginn des 13. in Übereinstimmung der maßgeblichen lokalen Gewalten (Kirche, Bürger, Stadtherrn) „. 1) Diese für Zürich getroffene Feststellung läßt sich im Kern auf alle deutschen Städte übertragen, die in der Zeit der Städtegründungen wie Pilze aus dem Boden schossen. Jeder steinerne Bau hat im Hohen Mittelalter den Wert einer zusätzlichen Befestigung. Das gilt in besonderem Maße für Türme jeder Art. Wenn hier von Wohnturm gesprochen wird, so ist das eine Art der Typenbezeichnung; andere sind Patrizier-, Ritter -, Adels- und Geschlechterturm. (Letztere ist eine aus dem Italienischen übernommene und eingedeutschte Bezeichnung, die dem deutschen Beispiel nicht gerecht wird. 2)

In der Sache wichtig ist jedoch lediglich seine Unterscheidung zum Wehr- und Torturm. Die letzteren stehen immer in einem eindeutigen Zusammenhang mit der Stadtmauer.3) Gleichzeitig wird deren Wehrfunktion an der Ausstattung und der Gestaltung der Außenfassade erkennbar (Schießscharten, Gußerker u. a.). Bei der allmählich wachsenden und sich erweiternden Stadt gelangen Tor- und Wehrtürme älterer Mauern und Entwicklungsperioden zwangsläufig mitten in den Altstadtkern und erschweren so eine Typenfindung, wenn nicht archäologische und bauhistorische Befunde eventuell nur vorliegenden Abbildungen zu Hilfe kommen. Es gibt auch Grenzfälle zwischen Wehr- und Wohnturm, die nicht abgeklärt sind.4)

1) Jürg Meier a.a.O. S. 231

2) Ders. S. 231

3) Richard Strobel a.a.O. S. 94

4) Ders.    a.a.O. S. 94

Wir finden sie in zahlreichen Städten, beispielsweise in Stuttgart, Würzburg, Zürich und in der näheren Entfernung in Konstanz, als ein Beispiel sei hier das Haus zur „vorderen Katz“ genannt (s. Abbildung), in Schaffhausen „Turm am Ort“ (s. Abbildung) und in Villingen der Turm, der im Hause Färberstraße 1 steckt, der spätere Umbauten erfahren hat. Während wir hier allgemein und exemplarisch über Wohntürme berichten, werden wir in einem zweiten und dritten Teil zunächst auf die Gegebenheiten in Villingen und dann auf das Beispiel Färberstraße 1 eingehen, über das gerade in diesen Tagen bisher unbekannte Erkenntnisse im stadtgeschichtlichen Zusammenhang gewonnen werden konnten.

Wenn wir im folgenden den Wohnturm klassifizieren, werden wir keine umfassenden Kriterien anfuhren. Wir nehmen den Tadel berufener Fachleute in Kauf. Es geht um das Verständnis der Laien. Im wesentlichen sind nachstehende Merkmale und Funktionen eines Wohnturms zutreffend:

1. Hervorstechendes Merkmal ist seine ausnahmslose Bauausführung in Stein. (Das ist für Profanbauten des Hohen Mittelalters keineswegs selbstverständlich. Ein Indiz ist der große Stadtbrand Villingens im Jahre 1271.)

Haus „zur vorderen Katz“ in Konstanz. Ursprünglich wohl Wehrturm, später Wohnturm.

 

2. Der Turm steht isoliert, ist also nicht Bestandteil eines geschlossenen Gebäudekomplexes innerhalb der Stadt, etwa einer Stadtburg. Er kann über Aufbauten — meist aus Holz — und Anbauten, in der Regel aus Stein, verfügen. (Vgl. hierzu die Abbildungen des Brunnenturms in Zürich und des Turms „am Ort“ in Schaffhausen.)

3. Vier und mehr Obergeschosse, bei quadratischem oder rechteckigem Grundriß.

4. Die Fassade besitzt Fenster, oft mit reichen Arkaden (Maßwerk, Säulchen oder profilierten Pfosten). Auch Schießscharten kommen vor.

5. Entscheidend ist selbstverständlich, daß der Turm primär Wohnzwecken dient. Interessanterweise wird ein Kamin als Erstausstattung nicht vorausgesetzt. In einer weiteren Funktion dient er einflußreichen Familien zur Repräsentation aber auch dem Schutz und Trutz.

Diese Darstellung wird wörtlich oder sinngemäß und aus den Texten abgeleitet, von Jürg Meier und Richard Strobel bestätigt. ( 5. deren Veröffentlichungen im Literaturverzeichnis.) Im übrigen wird sie noch heute durch den Augenschein bestätigt. (Vgl. die Abbildungen.)

Ergänzend ist hinzuzufügen:

Wohntürme im engeren Sinne werden als solche erbaut. Im weiteren Sinne wird man jene Türme hinzuzurechnen haben, die einst anderen Aufgaben im Tor- und Wehrbereich dienten, während der Stadtentwicklung aber in den Häuserbestand integriert wurden und Wohnturmfunktion erhielten. Andererseits kann es vorkommen, daß aus einem frühen Wohnturm ein Wehrturm wird, wie beim Obertorturm in Schaffhausen geschehen.5)

Eine enge Abgrenzung der Merkmale von festen Wohntürmen ist selbst für die einzelnen Städte kaum möglich. Die sich auftuenden Fragen verlangen von einer Siedlungslandschaft zur anderen, ja von einer Stadt zur anderen, neue Antworten. So werden z. B. in der Regensburger Literatur immer wieder Gebäude als Türme bezeichnet, die eigentlich gar keine sind.5a) Dabei wird kritisch angemerkt, daß etwa Pult- oder Satteldach oder ein hoher steinerner Giebel eines heutigen alten Hauses kein Kriterium zu sein braucht. Auch die Mauerstärke muß als Prüfstein ausscheiden. Der Römerturm in Regensburg, der die Aufgaben eines tatsächlichen Wohnturms hatte, besitzt ein mächtiges Sockelgeschoß von fast vier Meter Mauerstärke. Das ab 1. OG aufsitzende Bruchsteinmauerwerk hat eine Stärke von 1,65 m bis 1,20 m, wobei — für die Baustatik jener Zeit typisch — in jedem Geschoß die Mauern etwas zurückspringen. Andererseits besitzen mehrere hohe Türme im Erdgeschoß nur 90 cm starke Mauern.6)

Welche Bevölkerungsschicht bewohnte nun solche Türme? Wir sagten schon, jeder steinerne Bau hat im Hohen Mittelalter den Wert einer zusätzlichen Befestigung. Auch die Wohntürme — oder wie immer wir sie nennen — sind ein Typus mittelalterlichen Burgenbaus. 7) Ihre Gebäulichkeiten konnten sowohl zur Wohnung als auch zur Verteidigung dienen. Im Früh- und Hochmittelalter tritt als Inhaber des Befestigungsrechts vor allem der König auf .8) Die Übertragung dieses Hoheitsrechtes ( Regal) erfolgte als Ausdruck seiner Reichspolitik im Innern an Adel und Geistlichkeit. Für Zürich kommt Jürg Meier zu dem Ergebnis, die Besitzer der Steinhäuser seien im 11. und 12. Jahrhundert ritterlichen Standes gewesen und hätten sich aus den Kreisen des hohen und des Ministerialadels rekrutiert. Für das 13. und 14. Jahrhundert stellt er dann „freizügigere Tendenzen“ fest, „welche den Besitz von Steinhäusern allen vermögenden Schichten und selbst den zu Ansehen gelangten Bauern erschlossen“.9) In ihrer Blütezeit wurden die Türme in der Mehrzahl an „Dienstleute der Klöster, seltener zugezogenem Landadel oder Gefolgsleuten des weltlichen Stadtherrn übertragen.“10) Diese für Zürich und Schaffhausen getroffene Feststellung gilt, wenn es sich um „Gefolgsleute des weltlichen Stadtherren“ handelt, zweifellos auch für Villingen. Soweit es sich um belehnte Ritter handelte, standen sie dem weltlichen Stadtherrn bei Kriegszügen mit ihrem Schwert zur Verfügung, andererseits waren sie mit ihren festen Bauten „Beschützer der städtischen Expansion“. „An ihre Anwesenheit knüpfte sich das Interesse der zähringischen Politik, welche dabei eine Festigung des städtischen Gemeinwesens erstrebte.“ 11) —

In der Zeit der Zunftkämpfe, im 13. und 14. Jahrhundert, als der Kampf mit dem Stadtherren um die Unabhängigkeit und den Anteil am Stadtregiment seitens der Handwerkerzünfte geführt wurde, stehen die „Geschlechter“ gegen sie. Auch dieseTatsache unterstreicht die Nähe der Geschlechter zum Stadtherrn.

5) Vgl. Jürg Meier a.a.O. S. 229

5a) Richard Strobel a.a.O. S. 103

6) Richard Strobel a.a.O. S. 100/101 und 107

7) Jürg Meier a.a.O. S. 204

8) Ders.    a.a.O. S. 207

9) Jürg Meier a.a.O. S. 204

10) Ders. a.a.O. S. 231

111 Ders. a.a.O. S. 231

 

(Auf die besondere Lage in Villingen wird noch einzugehen sein.) — Es ist müßig, nach den Erbauern oder Besitzern der Türme im Hohen Mittelalter zu fragen. Sie sind insgesamt nicht hinreichend belegt, wenngleich Namen bekannt sind. So stellt Jürg Meier für Zürich fest, daß der Ursprung stadtadliger Familien im 11. Jahrhundert aufgrund schriftlicher Quellen selten erschlossen werden kann. „Beim niederen Adel werden frühestens im 12. Jahrhundert Familiennamen gebräuchlich. Familien, die nicht dem Adel angehörten ,erh ielten sogar erst im 13. Jahrhundert einen Geschlechtsnamen.“12)

Was für Zürich gilt, kann auf andere deutsche Städte, insbesondere unserer Raumschaft, übertragen werden: Die lehensmäßigen Verbindungen der frühen Zeit verlieren sich allmählich. Im 14. Jahrhundert wechselten die Türme in der Art „sonstiger Liegenschaften“ den Besitzer.1 3) Als reine Wertobjekte haben sie jeden direkten machtpolitischen Hintergrund verloren. Reiche Familien machten sich daran, sie umzubauen und durch Hinzukäufe zu erweitern. ( Vgl. hierzu die Abbildungen des Brunnenturms in Zürich und des Turms „am Ort“ in Schaffhausen.)

Zürich : Brunnenturm

 

12) Jürg Meier    a.a.O. S. 211

13) Ders. a.a.O. S. 231

Ende des 14. Jahrhunderts plante z. B. die reiche Kaufmannsfamilie Runtinger in Köln so großzügig, daß die palaisartige Neugestaltung und Erweiterung sogar den Ausbau eines großen Festsaals von rund 200 qm ermöglichte.14) In Zürich rekrutierten sich die späteren Inhaber der Türme ebenfalls aus allen vermögenden Schichten, wozu auch Juden und „Cawertschen“ (italienische Geldausleiher) zählten.15) Das ausgehende 15. und das beginnende 16. Jahrhundert läuten endgültig den Niedergang der Wohntürme ein. Neuzeitliche bauliche Strömungen kommen auf und nehmen den Wohntürmen den repräsentativen Wert von vornehmen Bürgerhäusern.16 ) Die Renaissance und das Barock sprechen das Aus.

Eine Besonderheit der Wohnturmperiode sind die italienischen „torri gentilizie“, die Geschlechtertürme. Sie sollen deshalb kurz erwähnt und in ihrer Funktion gegen die „nördlichen Ebenbilder“ abgegrenzt werden.17) Die Darstellung folgt der Unterscheidung, die Meier für die oberitalienischen Geschlechtertürme und die Adelstürme von Zürich trifft.18) Wie wir aus der Geschichte wissen, hatten die aufblühenden oberitalienischen Handelsstädte immer mehr ihre Verpflichtungen dem Kaiser gegenüber vernachlässigt. Es verwundert deshalb auch nicht, daß das kaiserliche Burgenregal in ganz Italien großzügig gehandhabt wurde.

 

Zürich: „Bilgeriturm “ — nach dem Geschlecht der Bilgeri —

14) Barbara Beus    a.a.O. S. 140

15) Jürg Meier    a.a.O. S. 214

16) Jürg Meier a.a.O. S. 214

17) Eine Abbildung war leider nicht möglich

18) Jürg Meier a.a.O. S. 229-231

Auch verschiedene Interventionen, hauptsächlich Kaiser Friedrichs I. (Babarossa), änderten nichts. Es wurde für jede Familie von Rang und Namen allmählich üblich, bei ihren Stadtsitzen entsprechende Turmanbauten vorzunehmen. Es wimmelte von Türmen in den größeren Städten Oberitaliens. Für Bologna werden gegen 200 Stück angegeben (Regensburg etwa 60). „Oft wurden eine ganze Reihe von Türmen von einem Geschlecht oder einer Partei gemeinsam erstellt und verwaltet. Man versprach sich, dieselben gegenseitig offen zu halten und wenn nötig zum Entsatz herbeizueilen. Es war untersagt, einen Turm ohne Einwilligung der anderen Parteigänger oder der Geschlechtsangehörigen zu veräußern. In Erbteilungen blieben die Türme den Familien meist als unteilbarer Gemeinbesitz erhalten. Sie verbürgten die Sicherheit einer ganzen Sippe und bildeten so den symbolischen Mittelpunkt, um den sich die Familie in Zeiten der Not scharte. In der konsularischen Periode der italienischen Städte im 11. und 12. Jahrhundert, während der Regierungszeit der aus dem niederen Adel und Großbürgertum zusammengesetzten Räte, gehörten die steten Parteikämpfe zum unabdingbaren Merkmal der frühen städtischen Entwicklung.“ Es waren also feste Stützpunkte in den Fehden einflußreicher Familien oder gesinnungsmäßiger Gruppierungen gegeneinander, ein Politikum ersten Ranges. Anders als in Deutschland war es gerade die Person eines starken Stadtherren oder die Bürgerschaft selbst, die sich gegen den „Staat im Staate“ als Gegenbewegung wandte. Ab dem 13. Jahrhundert zielen immer mehr Maßnahmen erfolgreich auf die Beseitigung der Türme. Die Kontinuität mächtiger Stadtherren, wie sie bei uns mit den Zähringern beginnt, verhindert von vorneherein eine familiäre oder gruppenpolitische Machtkonstellation in der Art und Weise der italienischen „Familienburgen“, die — und das ist zu betonen — stets Wehrtürme waren ! Auch sachen – und erbrechtlich — um im modernen Sprachgebrauch des Bürgerlichen Gesetzbuches zu sprechen — war die Ausgangslage anders. „In Italien waren die Türme für den Fortbestand einer Sippe von entscheidender Bedeutung“. Nimmt man Zürich als Beispiel, so fehlen diese starken Bindungen der Geschlechter zu ihrem Turm. Für Wohntürme im vorherrschenden Sinne bestimmten „der Verkauf, die Pfandschaft und der Erbgang sowie vereinzelt nachgewiesene Lehensverhältnisse “ die Möglichkeit des Inhaberwechsels.

Wie war das nun in Villingen? Wir sind sehr oft auf Hypothesen angewiesen. Aber auch solche sind in der Diskussion erlaubt, wenn sie nicht zum „so war es“ gemacht werden. Der empfindliche Mangel liegt für Villingen im Fehlen einer systematischen Häuserforschung, wie sie z. B. für Nördlingen in einer dreißigjährigen Lebensarbeit durch den dortigen Stadtarchivar vorliegt. Der Villinger Häuserforscher Walter K.F. Haas hat vielversprechende Ansätze und ein Konzept vorliegen. Es wäre ihm zu wünschen, daß allgemein erkannt und gewürdigt würde, welches Feld sich hier für die Stadtgeschichtsforschung öffnet. — Um 1120 (1119) entstand auf dem rechten Brigachufer planmäßig die mittelalterliche Stadtanlage.19 ) Die Stadtherren waren bis 1218 die Herzöge von Zähringen. Danach, ohne hier näher darauf einzugehen, der Kaiser, die Fürsten-berger, die Habsburger. 20) Die Gründung des ersten Baues der Villinger Stadtkirche (Münster) ist „wohl eher in die Mitte des Jahrhunderts (12. Jahrhundert; die Redak.) anzunehmen.“ 21) Von Profanbauten ist für diese Zeit auch in der Literatur keine Rede. Es ist bezeichnend, daß man in der seriösen Sekundärliteratur ( Revellio, Brüstle) noch nicht einmal im Sachwortverzeichnis einen Hinweis auf die Burg des Stadtherren im Stadtgebiet, die Ke(ä )ferburg, findet und im Text erst indirekt darauf stößt. 22) Läßt sich das Dunkel der Quellenlage für das 12., 13. und 14. Jahrhundert überhaupt noch befriedigend aufhellen? Es ist anzunehmen, daß sich Alter und Bauherrschaft von Wohntürmen des Hohen Mittelalters aus den schriftlichen Quellen ebensowenig erschließen lassen wie in Schaffhausen oder Zürich. 23) Mögen auch die Herrschaftsverhältnisse in Schaffhausen andere gewesen sein, was hier keiner Darstellung bedarf, so erlauben doch die üblichen Rechtsverhältnisse jener Zeit den Schluß, daß bei der räumlichen Nähe und Verbindung zur Stadt Villingen und auch durch die vergleichbare Größe ähnliche Verhältnisse in Villingen anzutreffen waren. „In Schaffhausen läßt sich neben Zürich die beachtlichste Anzahl von Adelstürmen nachweisen (11 Türme) „. 24) Es gibt heute in Villingen keine rein erhaltenen Wohntürme mehr. Sie sind alle das Opfer späterer Umbauten geworden. Leider sind für die späte Zeit die Quellen nur sporadisch und nur in wenigen Teilaspekten erforscht. Setzen wir das Vorhandensein von Wohntürmen voraus, dann ergeben sich aus rechtlicher Sicht aufschlußreiche Perspektiven. In der frühesten erhaltenen Urkunde zur Stadt -und Ratsverfassung der Stadt Villingen geloben die Fürstenberger als Stadtherren 1284 ihren „lieben burgeren“ u. a. „Der selbe herre der sol der stat ze Villingen kaine burch noch vesti naher machen noch och in der stat, wan alse iezent an gemachet ist“.25) Die Fürstenberger verzichten also auf ihr Befestigungsrecht innerhalb und außerhalb der Stadt. Das mag erklären, warum es in der weiter oben erwähnten Zeit der Zunftkämpfe zwischen Geschlechtern und Zünften ruhig blieb. „Aber während es in vielen Städten zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Geschlechtern und Zünften kam, hören wir in Villingen nichts davon“. 26) Zeitlich noch weiter zurück reicht eine Rechtslage, nach der bereits 1225 ein aus den „Vierundzwanzigern“ bestehender Rat vorhanden war, der sich aus den Geschlechtern ergänzte und das Gemeinwesen regierte. 27) Ein machtpolitisches Spannungsfeld, wie wir es von anderen Städten kennen, scheint es also nicht gegeben zu haben. An „italienische Verhältnisse“ zu denken, wäre völlig abwegig.

Schließen wir demnach „befestigte Positionen“ des Stadtherrn in Form „stadtherrentreuer Wohnturm-verteidiger“ aus. Aber selbst ohne den machtpolitischen Hintergrund unterstellen wir dem Turmhaus in Villingen den „repräsentativen Wert eines vornehmen Bürgerhauses“. ( 5. hierzu weiter unten: „Bollerin“-Turm.) Auch als Herzog Albrecht von Österreich die Stadt Villingen in seinen Schutz nimmt,gelobt er 1326, ihre bisherigen Rechte zu halten: “ ir lip und ir gut l’azzen beliben in den rehten und vriheit, als su von dem edeln man, graven egen seligen von Fürstenberg … gehabent . . . “ 28) Vielleicht haben wir es hier auch mit den schon für Zürich zitierten „freizügigen Tendenzen “ zu tun, wo um diese Zeit „alle vermögenden Schichten“ Besitzer von Wohntürmen sein konnten. —

19) Paul Revellio a.a.O. S. 65 ff.

20) Näheres hierzu bei Revellio und Brüstle a.a.O.

21) Thomas Keilhack a.a.O. S. 37

22) Hans Brüstle a.a.O. S. 26 Fußnote

23) Jürg Meier a.a.O. S. 224

24) Jürg Meier a.a.O. S. 224

25) Oberrheinische Stadtrechte, a.a.O., Seite 5; gemeint sind die jetzige Ruine Warenburg auf dem vorderen Laible und die ehemalige Burg am Keferbergle.

26) Paul Revellio a.a.O. S. 72

27) Ders. a.a.O. S. 72

 

Welche Häuser kommen nun in Villingen mit mehr oder minder großer Wahrscheinlichkeit als ehemalige Wohntürme in Frage? (Es kann sich hier nur um eine Ad – hoc-Aufstellung handeln. Alles weitere bleibt künftiger Forschung vorbehalten.) Da ist zunächst einmal das Haus Obere Straße 26 (Schilling). Noch auf der späteren Federzeichnung von 1685 bis 1695 ist das Haus als Turm zu sehen. (Siehe Jahresheft V, 1980, des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, Seite 26) Es kann ein ehemaliger Wohnturm gewesen sein. 1806 wird es als Kilianen -Turm bezeichnet, 1825 gehört es einem Anton Körner modo Stadtrechner Otto, 1837: Herrichtung (Umwandlung; die Red.) zu einem Wohnhaus, 1838: große Reparatur, 1842 wird es als „Wohnhaus von Mauer“ (d. h. aus Stein; die Red.) bezeichnet. Der Eigentümer ist ein Dominikus Kaiser, Müller. Heute in seiner Substanz überhaupt verschwunden ist der sogenannte „Wadle“—Turm. 1766 ist ein Michel Wadle, Büchsenschmied, Besitzer eines vierstöckigen steinernen Turms. Er stand an der Ecke Niedere Straße 11 und Schlösslegasse, heutiger Eingang Schlösslegasse 2, ehemals S. Bloch. Der Turm wurde 1786 abgetragen und eine bügerliche Behausung daraus gemacht.29)

 

Villingen: Haus Obere Straße 26 (Schilling) — ein ehemaliger Turm, wie an den Eckquaderungen deutlich zu sehen ist

 

28) Oberrheinische Stadtrechte a.a.O. S. 21

29) Die Auskunft über die beiden Häuser stammt von dem Villinger Häuserforscher Walter K. F. Haas, Triberger Straße 12, VS — Villingen

 

 

Wohnturm in Konstanz

 

Im Haus Niedere Straße 28, früher Alfons Riegger, heute Schrempp, das sich noch imposant mit vier Obergeschossen und hohem Giebel darbietet, befindet sich im Innern in rund sieben Metern Tiefe eine parallel zur Niederen Straße verlaufende Mauer, die im ersten Obergeschoß etwa 1,35 m breit ist und bis auf den Dachboden oberhalb des 4. OG hinaufführt. Im 1. OG befand sich ein rundbogiges Fenster, nach innen breiter als nach außen und so groß, daß ein Mensch sich durchzwängen konnte. Es ist heute zu einem Durchgang verbreitert, der die hinteren Räume des Hauses mit den vorderen verbindet. In einem weiteren Obergeschoß soll sich noch ein zweites gleichartiges Fenster vermauert in der Wand befinden. (Auskunft des Eigentümers Schrempp) Ein früher vorhandener Turm mit rund 7 x 7 m Grundfläche muß angenommen werden. Ob ehemals Wehrturm (Dr. Zahn) ist nicht bewiesen. Auch das Haus Niedere Straße 10 (heute Bäckerei Hoch) scheint mit seiner schmalen Fassade und der großen Giebelhöhe ein Turm gewesen zu sein. Ein Turm — ob erst Wehr- und später Wohnturm konnte zunächst nicht entschieden werden — war nach den jüngsten Erkenntnissen das Haus Färberstraße 1. Darauf wird zurückzukommen sein. — Weitere Vermutungen, welche Häuser noch Turmcharakter gehabt haben könnten, sind zu unbestimmt und sollen deshalb nicht ausgesprochen werden.

Im Jahre 1968 wurde eine neue Aufnahme der Bau-und Kunstdenkmäler der Stadt Villingen begonnen und abgeschlossen, für die ein Herr Dr. Zahn zeichnet. Seine Bemühungen waren wichtig und nützlich für die Denkmalpflege. Natürlich ist es unmöglich, daß das Inventarverzeichnis, dem für die einzelnen Häuser eine Beschreibung und eine Baugeschichte beigefügt ist, wissenschaftlichen Ansprüchen der Häuserforschung genügt. Dazu bedarf es Jahrzehnte gründlichster Untersuchungen in verschiedenen Bereichen. So wird beispielhaft vom Haus Färberstraße 1 gesagt: „1. Hälfte 17. Jahrhundert, Erneuerung 1804 ( EV ), Satteldach, im 1. OG eine spätgotische Holzbalkendecke „, wovon außer der Hausnummer gar nichts stimmt! Nicht vertretbare Ungenauigkeiten finden sich auch bei der Beschreibung des Hauses Niedere Straße 28. Sie ließen sich bei genauem Hinsehen sicher beliebig vermehren. Man darf aber die lobenswerte Absicht nicht aus dem Auge verlieren, deshalb trifft den Ersteller des Inventarverzeichnisses hier kein Vorwurf.

Man sieht das Ergebnis ist dürftig. — Die Freiherren Yfflinger —Granegg waren in Villingen seit Ende des 15. Jahrhunderts begütert. Aus den Regesten des Inventars über die Bestände des Stadtarchivs Villingen erfahren wir unter dem Datum 1544 Okt. 27 — ( 341/1) 1424 „Jacob Stoll genempt Maler von Villingen, schaffner im Tennenbacher hoff zuo Fryburg im Pryßgoew “ verkauft im Auftrag des „appt unnd convennts zu Tennenbach ir huß sampt dem thurn, genempt der Bollerin thurn, unnd garten zu Villingenn, dem Cunrat Yfflinger zu Villingen „.30) (Obengenannter Cunrat Yfflinger (von Wellendingen) von Villingen war im Rat der Stadt und vielleicht auch Bürgermeister.) Diese sehr späte Quelle verweist wenigstens auf einen Turm der bewohnt wird. Außerdem erfahren wir den Namen seines adligen Eigentümers. Wo der “ Bollerin „— Turm stand oder steht, ist nur zu vermuten.

Wenden wir uns im letzten Teil dem einzelnen Haus zu, genauer dem Haus Färberstraße 1 in Villingen, laut “ Adreßbuch der Großherzoglich Badischen Kreishauptstadt Villingen “ von 1900, dem Haus Eisengasse 428. (Die Färberstraße begann erst unterhalb der Brunnenstraße.) Hierzu die persönliche Vorgeschichte: Das Haus wurde 1891 von meinem Großvater Ignaz Huger von einem Tuchmacher gekauft. Es blieb im Familienbesitz und gelangte 1978 auf dem Erbweg an mich. Obwohl persönliche Bindungen bestehen — mein Vater und ich sind darin geboren und aufgewachsen — entschloß ich mich wegen des insgesamt miserablen Zustands für einen Abbruch und Neuaufbau. Da schaltete sich das Landesdenkmalamt ein und stellte durch seine Fachleute fest, daß es sich bei dem Haus um einen mittelalterlichen Wohnturm handle.

Es blieb also nur die Sanierung und Modernisierung ab Januar 1981. Einigermaßen brancheerfahren gab ich an Architekt, Statiker, Bauhandwerker und Zimmerleute den Auftrag, bei allen Arbeiten darauf zu achten, ob bauhistorische oder archäologische Spuren und seien sie anscheinend noch so unbedeutend, auftauchen und bat, diese mir zu melden. Außerdem ließ ich mir von signifikanten Holz- und Balkenteilen Stücke absägen, die ich nach Stuttgart an die Universität Hohenheim verbrachte, um sie von Dr. Becker dendrochronologisch bestimmen zu lassen. Der Aufwand hat sich ohne Zweifel gelohnt. Es ist denkbar, daß die gewonnenen Erkenntnisse bei der künftigen Erforschung alter Häuser der Innenstadt dienlich sein werden. Aus schriftlichen Quellen, hier Grundbuch und Brandversicherungskataster — jedoch ohne Ur-barien — , hat mir der Villinger Häuserforscher Walter K. F. Haas dankenswerterweise wenigstens bis zum Jahre 1766 die Besitzer nennen und damit verbunden bauhistorische Hinweise geben können. 1766 ist Michel Steinmanns Wittib (Witwe) Besitzerin des „vierstöckigen steinernen Hauses „. 1825 erfolgt die Bewertung als “ dreistöckiges Wohnhaus von Mauer, zwei Steingiebel samt Stall „mit 400 fl. (Gulden) . Die Zahl der Stockwerke von 1766 und 1825 braucht kein Widerspruch zu sein. Noch heute kann man sich im Sprachgebrauch von Laien nicht darauf verlassen, was sie meinen, wenn sie sagen „dreistöckig “ oder „vierstöckig“. Manche denken dabei nur an die Obergegeschosse andere auch an das Erdgeschoß. Es ist nicht ungewöhnlich, daß sich 1825 noch ein Stall im Haus befand. Es ist ein Indiz, über wieviele Jahrhunderte sich der Ackerbürger gehalten hat. Noch in meiner Bubenzeit, in den 1930er -Jahren, gehörten die Landwirte aus der Brunnenstraße mit ihrem Stall und dem Misthaufen an der Webergasse, dem früheren Mistgässli, zu der Umgebung, in der wir uns herumtrieben. Dazu kamen noch das Riet, die Rosengasse, die Goldgrubengasse u. a. 1837 vermerkt das Brandversicherungskataster für das Haus in der Färberstraße eine Werterhöhung um 500 fl. (Gulden) „wegen Reparatur“. Eine Verdoppelung in der Bewertung, bei der es ja nicht um den Verkehrswert ging, ist auffällig, selbst wenn man eine Geldentwertung von 1825 — 1837 in Kauf nimmt. „Wegen Reparatur “ könnte, aus dieser Quelle abgeleitet, auch Umbau bedeuten.

30) Hans-Josef Wollasch a.a.O. Band 1, Seite 267

Luftbild rechte Seite: Das Haus Färberstraße 1 ist mit seiner Rückseite durch einen Pfeil gekennzeichnet. Die Turmstruktur ist deutlich erkennbar.

 

Es steht inzwischen fest, daß weder der Grundriß noch die Höhe verändert wurden. Zum Bestand des Hauses in seinem jetzigen Zustand gehört nämlich ein Dachstuhl, der von der Denkmalpflege in Freiburg bei einer ersten Besichtigung zeitlich vor dem Dreißigjährigen Krieg eingeschätzt und als gotisch bezeichnet wurde. Im Juni 1981 kam dann von der Universität Hohen-heim (Dr. Becker) das dendrochronologische Ergebnis mehrerer Balkenproben. Die Hölzer wurden zeitlich „eindeutig gesichert „, und zwar auf die Jahre 1374 und 1375 ! Für drei Proben wurde als Fällungsjahr Herbst/Winter 1374 und für eine Tannenprobe Frühjahr 1375 ermittelt. Das bedeutet, der Dachstuhl wurde 1375 eingebaut. Begründung: 1. Im Winter baut man keinen Dachstuhl oder baut ihn mindestens nicht zu Ende. 2. 1375 wurde zweifellos noch Holz benötigt, das Ende 1374 nicht geschlagen war. 3. „Bauhölzer sind in früheren Zeiten — entgegen den heutigen Bestimmungen — in der Regel ad hoc geschlagen und unmittelbar nach der Fällung im saftfrischen Zustand verzimmert worden“ .31) Weil nun die Konstruktion eines gotischen Dachstuhls aus einem Bürgerhaus von grundsätzlicher und für die Bauhistorie Villingens von besonderer Bedeutung ist, soll im folgenden der Fachmann zu Wort kommen. Der Statiker, Diplom-Ingenieur Rupert L. Heimerl, Mitglied des Geschichts- und Heimatvereins, schreibt:

Als im Januar 1981 mit dem Umbau begonnen wurde, machte unser Ingenieurbüro, das mit der konstruktiven Bearbeitung des Projekts beauftragt worden war, im Rahmen der Bauüberwachung eine Bestandsaufnahme der vorhandenen Bausubstanz sowie der tragenden Bauteile.

Dabei konnten neue Erkenntnisse über die Baugeschichte des Hauses gewonnen werden.

Die noch vorhandenen Hölzer und Balken des Daches und des 3. Obergeschosses erlaubten die Rekonstruktion eines gotischen Dachstuhls. (s. Zeichnung)

Seinen Aufbau möchte ich später noch genauer beschreiben. Zunächst aber soll die Frage geklärt werden, warum wesentliche Teile der ursprünglichen Konstruktion im Laufe der Zeit entfernt wurden, oder weshalb in die Bausubstanz überhaupt eingegriffen wurde.

31) Ernst Hollstein a.a.O. S. 37

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Aspekt, welche Teile der Konstruktion für das Gebäude fix waren, also weder verändert noch herausgenommen werden konnten.

Im 1. Teil dieses Berichts soll der Nachweis erbracht werden, daß die äußere Form des Hauses einschließlich Dach seit über 600 Jahren unverändert geblieben ist.

Mit großer Wahrscheinlichkeit hat es lediglich Eingriffe in die Fassade gegeben :

1. Vergrößerung der Fenster zur Färberstraße hin (im 1. und 2.0G)

2. Späterer Einbau der beiden Fensteröffnungen im 3. OG

3. Änderung des Eingangs und der straßenseitigen Öffnungen im EG entsprechend der jeweiligen Nutzung wie z. B. für Handwerkszwecke oder Tierhaltung

Die hier genannten Punkte bedeuten keine zeitliche Reihenfolge. Das Dach hatte im ursprünglichen Zustand noch keine Gaupe.

Denn: Der nachträgliche Einbau des Ladeerkers ist daran ersichtlich, daß Dach und Gaupe keine zimmer-mannsmäßige Einheit bilden, da der mittlere Sparren hierfür kurzerhand abgesägt wurde. Dieser Eingriff kann aber zeitlich schon früh angenommen werden, es handelt sich hier mit ziemlicher Sicherheit um eine Heugaupe des Mittelalters. Jetzt konnte man den Dachboden als Stauraum besser nutzen und beschicken. Hier lagerten Futtermittel u. a., welches für die Tierhaltung im EG notwendig war sowie die Reisigwellen für den Hausbrand — als Vorrat für die langen Winter. (Die praktischere Lagerung von Brennholz zu ebener Erde war jetzt eben durch die Viehhaltung zumindest eingeschränkt).

Damals konnte man das 3. OG (und somit den Dachraum) nur über eine geradläufige, schmale und sehr steile Stiege erreichen. Abwärts wurde sie wie eine Schiffstreppe im „Rückwärtsgang“ benutzt. In den Speicher führte über eine Falltür nur eine Leiter.

Diese Behauptung möchte ich im folgenden (indirekt) begründen :

Zwischen dem 2. und 3. OG mußte die beachtliche Höhe von über 3 Meter überwunden werden. (Auf diese ohnehin merkwürdige Geschoßhöhe werde ich später noch zurückkommen). Da alle Balken der Decke über dem 2. OG aber parallel zur Straße bzw. zum hinteren Giebel spannen, blieb für den Einbau einer „normal begehbaren Treppe“ vom 2, ins 3. OG bei diesen beengten Grundrißverhältnissen nur eine Möglichkeit: nämlich den Treppenlauf entlang der hinteren Giebelwand zu führen. An der Stelle wurde sie auch tatsächlich eingebaut und bestand hier als Holztreppe bis zum Jahre 1981.

Bis zu deren Einbau befand sich aber am Austritt dieser Treppe eine Strebe des gotischen Dachstuhls. (s. Zeichnung Pkt. A)

Man stelle sich vor: Gerade oben an den letzten Stufen versperrt quer ein schräg von unten nach oben verlaufendes Holz den Weg. Diese Barriere mußte also entfernt werden. Daß die Strebe früher vorhanden gewesen ist, war an den sog. Anblattungen der verbleibenden Hölzer ersichtlich. (A. = halbseitige Einschnitte sich kreuzender Hölzer). Durch die Demontage wurde aber gleichzeitig das gotische Dachgerüst in statischer Hinsicht gestört.

Der ehemals völlig freitragende Dachstuhl mußte nun in der Mitte zwischengestützt werden. Die neue Stützung erfolgte dadurch, daß im 3. OG über den schon vorhandenen Trennwänden der darunter liegenden 3 Geschosse ebenfalls eine Wand eingezogen wurde. (In der Zeichnung gestrichelt).

Jedoch besitzen diese Wände kein Fundament, denn sie hatten nur raumabschließende Funktion, erhielten jetzt aber aus dem Dach erhebliche Lasten. (Tragende Funktion).

Das hatte zur Folge, daß sich das ganze Haus und damit der Dachstuhl im Laufe der Zeit an dieser Stelle stark senkte. Zur Nutzung des 3. OG als zusätzliches Wohngeschoß war das Entfernen der übrigen 3 Streben des gotischen Dachstuhls erforderlich. Dies war aus statischer Sicht durch die neu eingezogene Wand möglich. Außerdem konnten nun die beiden Fenster eingebaut werden.

Die gesamte Umbaumaßnahme muß also in einem zeitlichen und funktionellen Zusammenhang gesehen werden.

In neuerer Zeit wurde die auf den Dachboden führende Leiter ebenfalls durch eine Treppe ersetzt. Dabei entfernte man 2 Säulen der mittelalterlichen Dachkonstruktion und ersetzte sie — etwas versetzt —durch Pfosten aus gesägtem Holz, ein Indiz für eine Maßnahme im 19. Jahrhundert. (Mittelsäulen des Dachgebindes in Achse I).

Durch das Einsetzen der Speichertreppe wurde zudem das doppelte Joch an der Rückwand zerstört. Auf die Folgen der Maßnahme in Bezug auf das Tragverhalten kann hier aber nicht weiter eingegangen werden.

An dieser Stelle möchte ich nun das Prinzip und die Bestandteile des gotischen Dachgerüsts erklären :

Die Haupttragstruktur bestand aus zwei identischen Dachgebinden. Der Zwischenbalken wird nur für den Dachboden benötigt. (s. Grundriß Dachboden).

Die Last aus den beiden Mittelsäulen (Pkt. F und G) wurde über ein Sprengwerksystem nach außen abgetragen. (s. Querschnitt) Der Fuß der vorderen Streben (Straßenseite, Pkt. B) saß auf einem innenseitigen Mauerabsatz.

Der nach außen wirkende Strebenschub wurde durch das Gewicht der Mauer kompensiert. Daher besitzt die Fassade oben eine Wölbung nach innen.

Die Kraft der hinteren Streben (Pkt. A) wurde in das Joch an der Rückwand eingeleitet.

Die nach oben laufenden Streben (Pkt. C und D) haben statisch eine. ähnliche Funktion, an ihnen wurde der Bundbalken (Pkt. E) zusätzlich „aufgehängt“. Durch diese Konstruktion konnte der Hausgrundriß frei überspannt werden, d. h. es wurde keine Stützung in der Hausmitte benötigt (im Gegensatz zu später, als das 3. OG zum Wohngeschoß umfunktioniert wurde).

Da man die hintere über 17 m hohe Giebelmauer unverändert ließ (s. Teil 2 des Berichts), mußten die Lasten der beiden Firstpfosten durch die Konstruktion eines doppelten Jochs an der Rückwand abgefangen werden. ( s. Zeichnung)

Außerdem wurden damit auch die Lasten aus dem Dachboden abgetragen. Die 4 schrägen Verstrebungen („Schwertungen“), die paarweise angeordnet sind, erhöhten dessen Tragkraft und Stabilität um ein Vielfaches.

Die Firststiele ( Pkt. H1 und H II) bestehen heute noch, es sind zwei ca. 6 m lange Baumstämme, die vom First oben bis unten auf den Dachboden reichen.

Dafür wird der Terminus „einstöckig“ verwendet, der eng mit unserem heutigen Begriff Stockwerk zusammenhängt.

Für die Mittelsäule (Pkt. F) gilt entsprechendes, denn sie ist etwa 4,5 m lang und ebenfalls aus einem Stück. Eine weitere Besonderheit des gotischen Dachgerüsts besteht darin, daß die beiden Mittelpfetten als sog. „liegende“ Pfetten ausgeführt sind. Sie liegen mit ihrer Querschnittsebene in der Neigung der Dachfläche, und tragen ihre Last über Eck in eine keilförmige Ausklinkung der Säulenköpfe ab.

 

 

 

 

Sämtliche Teile der mittelalterlichen Dachkonstruktion besitzen mehrfache Anblattungen.

Die Holzverbindungen sind sog. Kreuzungen, diese Verblattungen wurden durch „Holznägel “ (Eichenholz) gesichert. ( Keine Eisenteile wie Nägel etc.) Durch eine derartige zug- und druckfeste, räumliche Verstrebekonstruktion wurde die Standsicherheit des hohen Dachstuhls gewährleistet. ( Eine rechnerische Erfassung erfolgte damals in der Regel nicht).

Im Hinblick auf das Ergebnis der dendrochronologischen Untersuchung möchte ich noch die Feststellung machen, daß Hölzer wie z. B. Kopfbänder nach dem Aufrichten des Dachgerüstes angebracht werden konnten. Dem Wortsinn nach sollen Bänder binden, zusammenhalten. (hier: den Kopf des Firstpfostens und den Sparrenkopf )

Diese bautechnische Tatsache wird durch die exakte Datierung der Probenummer 2 der Baumringunter-suchung bestätigt: Die hier untersuchte Holzprobe ist das Kopfband des Dachgebindes I , ein Stück Tannenholz, das im Frühsommer 1375 noch benötigt wurde. Für die Dachkonstruktion wurde, soweit bisher untersucht, Nadelholz (Tanne und Fichte) verwendet.

Es wurde „gebeilt“, das verletzte die Kapillargefäße weniger als beim Sägen und sicherte ein höheres Alter. Durch Forschungsarbeiten ist erwiesen, daß das Bauholz immer saftfrisch verzimmert wurde, d. h. daß Einschlag und Erstellung zeitlich identisch sind.

Dabei sei bemerkt, daß die benötigten großen Stamme im Winter gefällt wurden, also vor der Saftzeit, wodurch das Holz weder stark reißen noch sich verwerfen konnte.

Das belegt im übrigen die vorzügliche Materialkenntnis und sorgfältige Bearbeitung der Werkstoffe der mittelalterlichen Bau- und Zimmermeister.

Einer jener großen Stämme liegt bei der Probenummer 1 der Laboruntersuchung vor.

Es handelt sich hier um einen 66- jährigen Fichtenstamm, gefällt im Winter des Jahres 1374.

Der Balken hatte eingebaut eine Länge von ca. 7,5 m und befand sich unter der Decke über dem 2. OG.

Er diente statisch der horizontalen Abstützung der vorderen Fassade und des hinteren Giebels.

(Die Aussteifung erfolgte also etwa in der Mitte der maximalen hinteren Wandhöhe).

Erst im Zuge der Umbauarbeiten 1981 konnte diese Funktion erkannt werden. Der durchgehende Balken machte infolge der Deckenverkleidung zunächst den Eindruck, als handle es sich hierbei um einen Holz-unterzug für die darüber befindliche Balkenlage. (Unterzug = Zwischenstützung)

Zwischen dem Fichtenstamm und den Balken war aber ein Luftspalt von 5 — 10 cm, d. h. das Deckengebälk lag hier gar nicht auf.

Diese Tatsache sowie der Querschnitt der Deckenbalken über dem 2. OG ist nachher noch von Wichtigkeit. (Teil 2)

Bautechnisch gesehen besteht somit zwischen dem Baumstamm und der Fassadenwand ein ursächlicher Zusammenhang, aus dem folgt:

– Der Grundriß des Hauses ist seit dem Jahr 1375 unverändert!

– Konstruktive Gesichtspunkte beweisen zudem, daß zu diesem Grundriß dieser Dachstuhl gehört.

– Es ist ein gotisches Dachgerüst, aufgerichtet im Frühjahr 1375.

Die Synopse aus Baumringdatierung und statischem System weist das Alter des Gebäudes in der heutigen Form mit genau 606 Jahren aus.

Im 2. Teil des Berichts soll nun die Frage untersucht werden, ob es vor dem Jahr 1375 hier ein anderes Bauwerk gegeben hat, oder ob das jetzige Haus aus einem früheren, also noch älteren Gebäude hervorgegangen ist.

4 Fakten sprechen für einen Umbau eines Bauwerks vor 1375, das eindeutig Turmcharakter besitzt:

1. Im 1. Obergeschoß existiert in der seitlichen (Aussen-) Wand — zur Rietstraße hin — eine deutlich sichtbare Mauerfuge. Hier ist der sonst recht gute und kontinuierliche Verband des mit „Speckkalk“ (Weißkalk) gemauerten Bruchsteingefüges offensichtlich gestört. Kleinere Stücke wurden hier als „Lückenfüller“ eingesetzt.

2. Bei den Umbauarbeiten 1981 wurden hinter der jetzigen Fassade, also im Innern des Hauses, Reste eines alten Steinfundaments freigelegt.

3. Dieses konnte aber leider nicht mehr exakt eingemessen werden. Verläßliche mündliche Aussagen bezüglich der Lage sowie einfache bautechnische Überlegungen in Verbindung mit Pkt. 1 lassen jedoch auf einen praktisch quadratischen Grundriß schließen. (7 x 7 Meter)

4. Die über 17 m hohe Rückwand besitzt in einer Höhe von ca. 8 m außen einen Vorsprung von etwa 15 cm. Es liegt also eine der Turmstatik entsprechende Differenz der Mauerstärken vor.

Die Geschoßhöhe des 2. OG von über 3 m bei einem einfachen Bürgerhaus ist für die Proportionen des Mittelalters zu groß. Diese Höhe war nicht geplant, sondern sie muß sich zwangsläufig ergeben haben.

Diese Tatbestände lassen sich durch folgenden Ansatz auf einen gemeinsamen Nenner bringen :

Ungefähr bis zum Jahr 1374 stand an der Stelle des heutigen Hauses Färberstraße 1 ein über 17 m hohes Turmbauwerk.

Die nach Westen zeigende Seite des viereckigen Turms wurde damals vollständig abgetragen. Die heute noch bestehende, nach Osten gerichtete Rückwand gibt Aufschluß über die ursprüngliche Höhe des Turms. Ausgehend von der Überlegung, daß beim Abtragen auch der (vordere) Eckverband, der im allgemeinen aus etwas größeren Quadern gemauert war, entfernt werden mußte, kommt man — bei genauem Einmessen der vorher erwähnten Mauerfuge in der seitlichen Wand — auf eine ehemals quadratische Grundrißform.

Die offene Seite wurde, nachdem man die Mauerflucht um 2 m vorgerückt hatte, wieder geschlossen. So entstand die heutige Fassade, die nach der Straßenachse ausgerichtet ist. Eine entscheidende Rolle bei der gesamten Umbaumaßnahme spielte damals die bereits genannte Balkenlage über dem heutigen 2. OG. Sie muß dem ehemaligen Turmgebälk zugeordnet werden.

Dafür gibt es zwei Gründe:

1. Die Balken sind so stark gewählt, daß sie die Turmbreite frei, d. h. ohne Stützung, in der Mitte überbrücken konnten, aber der Abstand der einzelnen Balken ist mit 1,50 m für eine Wohnungsdecke zu groß. Dieser Mangel wurde später durch das zusätzliche Einziehen von weit kleineren Balken behoben, vermutlich dann, als man das 3. OG für Wohnzwecke nutzen wollte. (s. Teil 1)

2. Um die Stabilität des Bauwerks, vor allem während des damaligen Umbaus (vom Turm zum Haus) nicht zu gefährden, mußte man das Gebälk belassen.

Rückwand (Osten ) des Hauses Färberstraße 1. Aufgenommen von einem Blechdach über dem anschließenden Hof in Höhe von mehr als einem Stockwerk; trotzdem ist der Turmcharakter des zum 1. Baues Färberstraße 1 gehörenden Mauerwerks unverkennbar. Der hier abgebildete Bauzustand reicht zeitlich vor das Jahr 1375!

 

Außerdem wäre das Entfernen der Balken und ein Neueinziehen auf anderem Höhenniveau wegen der (parallelen) Spannrichtung mit Schwierigkeiten verbunden gewesen. Der an der heutigen Fassade liegende sog. „Streichbalken“ konnte ergänzt werden.

Auf diesen Umstand also ist die große Geschoßhöhe des 2. OG zurückzuführen. Das Gebälk wurde demnach beim Abtragen des Gemäuers und dann beim Aufrichten des Dachstuhls im Jahre 1375 als Arbeitsplattform benutzt, das hatte einige technische Vorteile.

Die neue Traufhöhe des Hauses ergab sich dann aus den konstruktiven Möglichkeiten. Einerseits konnte man das Dach nicht steiler anstellen, wodurch die Traufe niederer geworden wäre, andererseits ließ das erforderliche Sprengwerk keine andere Wahl. Somit legte man die beiden Bundbalken (Pkt. E) so hoch, daß man eine normale Stehhöhe hatte.

Ich vermute, daß man die Traufhöhen der Nachbarhäuser an die des Hauses Färberstraße 1 angepaßt hat. Vielleicht könnte diese Vermutung eines Tages bestätigt werden.

Durch eine Laboruntersuchung einer Holzprobe des o. g. Deckengebälks ließe sich m. E. das Alter des Turms bestimmen, doch das soll künftiger Forschung vorbehalten bleiben.

Soweit also Rupert L. Heimerl.

Nach den weiter vorne dargestellten Merkmalen, handelt es sich bei dem Haus Färberstraße 1 um einen gotischen Wohnturm. Er gehört zu jenem Typus, der mit seinem Turmvorgänger „einst anderen Aufgaben im Tor- und Wehrbereich diente, während der Stadtentwicklung aber in den Häuserbestand integriert wurde und Wohnturmfunktion erhielt“. Welcher Art diese Aufgaben waren, läßt sich heute noch nicht sagen. Auf jeden Fall ist dieser Turm ein Fixpunkt der Stadtentwicklung. Bliebe abschließend noch eine Hypothese in bauhistorischer Hinsicht vorzutragen : In etwa 14 m Höhe befindet sich in der Nordwand des Hauses Färberstraße 1 gegen das Haus Rietstraße 11 (heute Hornstein mit dem Geschäft Tschibo) ein schmuckloses Fenster, dessen Außenseite (gegen Norden) nur eine relativ schmale Öffnung besitzt, die eine steinerne Einfassung hat. Nach innen verbreitert sich die Laibung. Für besondere Lichtverhältnisse war das Fenster nicht geschaffen. Es ähnelt einer Schießscharte. Irgendwann wurde die äußere schmale Lichtöffnung mit Bruchsteinen verschlossen. Das Fenster gehörte funktional zu dem erwähnten Turm, der ja als Vorgänger des heutigen Bauzustands immer noch in dem Gebäude steckt und drei Seiten seiner Mauerflächen bildet. Der Sturz über der Gesamtlaibung des etwa 60 cm tiefen Fensters bestand aus einer Holzbohle, von der Fachleute sagen, sie würde in dieser Art stets baugleich mit dem Fenster eingesetzt. Auch sie verbrachte ich an die Universität Hohenheim. Leider war die Jahrringzahl nicht ausreichend, um sie dendrochronologisch mit der erforderlichen Sicherheit zu bestimmen. Es gab aber signifikante Anzeichen, wonach das Holz in die Zeit zwischen 1306 bis etwa 1340 passen könnte. Da das Fenster ja einmal eine Funktion hatte, also offen war, muß die Verschließung von außen zu dem Zeitpunkt erfolgt sein, als der Nachbar das heutige Haus Rietstraße 11 in der Höhe baulich erweiterte. In dem 1371 erneuerten Stadtrecht findet sich im § 46 folgende aufschlußreiche Bestimmung:

Wir haben gesetzet: Swa ainer ain hofstat ald ain garten het stossent an ain andern, und der (deren) liehter gend her uber die hofstat ald uber den garten, wil der an in buwen, so sol er in von der liehter wegen daran nut ierren, er lasse in buwen, es wer denne, das er vor sinem hus veld hetti uf der hofstat ald uf dem garten, so vil das wer, das sol er im lassen ligen und sol nun untz dar buwen; es wer denne, das er brief oder lebent gezug hetti, das er im die liehter nut verbuwen solt…

Mit dieser Regelung wurden also Baubegrenzungen in der Höhe grundsätzlich einer freieren Lösung öffentlich-rechtlich und privatrechtlich zugeführt. — Die Traufenhöhe des Hauses Färberstraße 1 ist mit dem Jahr 1375 vorgegeben. Ob und wann eine Angleichung der Traufenhöhe und dann auch der Gebäudehöhe des Hauses Rietstraße 11 ( Hauptstraße!) erfolgte, ist derzeit nicht zu sagen. Sie könnte aber eine Folge der neuen Rechtsordnung von 1371 sein. Dieser Hinweis ist vielleicht bedeutungsvoll für die Beurteilung der gesamten Traufenhöhe der repräsentablen Häuser der Innenstadt seit dem ausgehenden 14. Jahrhundert, an denen sich, soweit es die Hauptstraßen betrifft, die Bauordnung des ausgehenden 20. Jahrhunderts neu orientiert. — Der Befund des Hauses Färberstraße 1 ist jedenfalls zu einem Kriterium der baugeschichtlichen Forschung im Zentrum der alten Stadt geworsden. Ich wünsche verständigen Laien und berufenen Fachleuten, daß ihnen dieser Bericht Hilfe und Anregung für weiteres Forschen ist.

Werner Huger

 

Die dendrochronologische Kurve der Hölzer Haus Färberstraße 1.

 

LITERATURVERZEICHNIS:

Beus Barbara:    Familienleben in Deutschland, Rowolth -Verlag 1980,S. 140

Brüstle Hans:    Villingen — aus der Geschichte der Stadt, Neckar-Verlag Villingen, 1971

Gruber Karl:    Die Gestalt der deutschen Stadt,

Callwey -Verlag München, 3. Auflage, 1977, S. 89

Hollstein Ernst:    Die Abhängigkeit des dendrochronologischen Datierungserfolges von Holzart, Holzqualität und Konservierung; in: Sonderdruck aus: Mitteilungen der Bundesforschungsanstalt für Forst-und Holzwirtschaft Reinbeck bei Hamburg, Nr. 77, Holzbiologie, Juli 1970 ,S. 37/38

Keilhack Thomas:    Das Münster Unserer Lieben Frau zu Villingen — Ein archäologischer Beitrag zur Baugeschichte, in : Geschichts-und Heimatverein Villingen, Jahresheft V, 1980, S. 37

Meier Jürg :    Die Adelstürme von Zürich, in : Nachrichten des Schweizerischen Burgen-vereins, Watt / Regensdorf ZH, Xl. Jahrgang, 1967, 7. Band, März/April Nr. 2 sowie Fortsetzung Nr. 2/1967

Oberrheinische    Erstes Heft: Villingen. Bearbeitet von

Stadtrechte:    Christian Roder, Heidelberg 1905

RevelIio Paul:    Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen, Ring-Verlag Villingen, 1964, S. 55, 67 ff., 72

Souchal Francois:    Kunst im Bild — Das Hohe Mittelalter — Holle Verlag Baden-Baden, S. 183

Strobel Richard:        Wehrturm, Wohnturm, Patrizierturm in Regensburg; aus: Festschrift Karl Oettinger, Erlanger Forschungen, Reihe A, Band 20, Erlangen 1967

Wollasch Hans-Josef:     Inventar über die Bestände des Stadtarchivs, Band 1: Urkunden, Ring-Verlag Villingen, S. 267

Zahn Wolfgang:        Inventarverzeichnis über alle in der Altstadt befindlichen, ganz oder teilweise unter Denkmalschutz stehenden Gebäude, Villingen 1969

Ferner erhielt ich wertvolle Hinweise durch den Villinger Häuserforscher Walter K. F. Haas, die nicht veröffentlicht sind, von mir aber an der entsprechenden Stelle gekennzeichnet wurden.