Auf den Spuren der großen Pilgerwallfahrt des Mittelalters nach Santiago de Compostela, Spanien, zum Grabe des Apostels Jakobus:Wo stand die St. Jakobskapelle in Villingen? (Werner Huger)

Zu allen Zeiten und in allen Kulturreligionen der Welt ist es frommer Brauch, entfernte heilige Stätten zu besuchen: die Wallfahrt. Auch die christliche Religion kennt hunderte von verehrten heiligen Stätten, allein in Deutschland sind es rund 350 Wallfahrtsorte. In der Geschichte des Abendlandes sind die drei herausragendsten Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela. Die Pilgerfahrt nach Compostela gilt dem Grab des Apostels Jacobus major. Zeitweilig war sie im Mittelalter bedeutender als Rom. Man nannte Santiago de Compostela auch das „westliche Jerusalem „. —

“ Das Grab des Apostels Jacobus ist das glorreichste unter allen Gräbern der Heiligen aller Nationen „, meinte der heilige Bonaventura. Die Pilger kommen aus allen europäischen Ländern. Das deutsche Sprachgebiet ist sehr früh, schon im 9. Jahrhundert, vertreten. Bereits Notker der Stammler (gest. 912), vom Kloster St. Gallen, verweist auf den Jakobskult in den oberdeutschen Gegenden, wozu unser Raum gehört.

 

Ehemaliger Standort der abgegangenen St. Jakobskapelle bei Nordstetten; s. hierzu. Seite 39. Die Person auf der Wiese bezeichnet etwa den Mittelpunkt.

 

Kaiser und Könige, Heilige, geistliche und weltliche Fürsten und Herren pilgerten nach Compostela im spanischen Galicien (Nordwestspanien), ganz zu schweigen von der großen Masse der bescheidenen Pilger, die bis auf den heutigen Tag das ferne Ziel suchen. Zahlreich sind die Gründungen von Jakobskirchen, —kapellen und —hospizen in allen Ländern und die der Jakobsbruderschaften, von deren Mitgliedern eine besondere Pilgerqualifikation verlangt wurde. Erstere markieren noch heute sehr oft den Verlauf der Pilgerstraßen. Für das Gebiet des alten Römisch-Deutschen Reiches lassen sich im allgemeinen drei verschiedene Sammelpunkte der Pilger nennen. Sammelpunkt der Oberdeutschen war das Kloster Einsiedeln. Der oberdeutsche Weg führte wohl mit seinem Hauptzweig „von Frankfurt über Heidelberg an den Bodensee“ nach Einsiedeln ( — die deutschen Wege sind noch kaum erforscht — ) oder, wie Revellio schreibt, durchs Gutach- und Kinzigtal über den Brogenpaß auf dem Schwarzwald, um südlich Villingen durchs Steppachtal, der alten Schweizer Straße folgend, über Hüfingen, Schaffhausen oder Zurzach, Zürich, nach Einsiedeln zu gelangen. Von Mönchweiler nach Sommertshausen (einem Weiler südlich Obereschach) führt noch heute der alte Pilgerweg durchs „obere Nordstetten “ ins nördliche Steppachtal, hinweg über die alte Rottweiler Straße, wo er in den sogenannten „Totenweg “ übergeht, der, sich südlich fortsetzend, die Verbindung der Altstadt von Villingen mit den Höfen des oberen Nordstetten herstellt. Zwischen dem oberen Nordstetten und der alten Rottweiler Straße haben sich noch die Flurnamen „St. Jakob“ und „Jakobsgasse “ erhalten. In diesem Gewann stand eine St. Jakobskapelle. Wir finden von ihr Abbildungen auf der Rottweiler Pirschgerichtskarte von 1564 (siehe Bild) und der Karte vom Villinger Pirschgerichtsbezirk von 1607 (im Tiroler Landesarchiv Innsbruck). Die Kapelle (St. Jacobus et St. Verena in Nordstetten de parochia in Villingen) findet 1342 Erwähnung in einem päpstslichen Ablaßbrief. Wohl aus jener Zeit stammt auch als einzig erhaltenes Relikt die Steinplastik, die heute im Villinger Museum aufbewahrt wird. Sie zeigt St. Jakob, der ein Pilgerpaar krönt. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Kapelle vom Feind „umschanzet und ihr viel Böses zugefügt „. Der Rat der Stadt beantragte daraufhin im Jahre 1658 beim Bischof von Konstanz, die Kapelle nicht mehr zu erneuern sondern den Gottesdienst ins Münster zu verlegen. “ Das Vermögen der Kapelle betrug damals 2400 fl. zu 5% verzinst und aus 24 Jauchert Äcker „. Es wurde dem sehr bedürftigen Münsterfond einverleibt. Damit fand die Kapelle ihr Ende, sie wurde abgebrochen.

Im Frühjahr 1981, nach der Schneeschmelze und nachdem die ersten Regen die Maulwurfshügel ausgewaschen hatten, hat der Verfasser die Stelle der fast vergessenen Kapelle gesucht und sie dort gefunden, wo zahlreiche rote Ziegelbruchstücke ihren Standort verrieten. Der Ort ist gekennzeichnet durch die auf dem Bild auf der Wiese stehende Person. — Dicht bei der kleinen Straßenbrücke über den Steppach im nördlichen Steppachtal, zweigt von der alten Rottweiler Straße die jetzt asphaltierte „Jakobsgasse “ nach Norden ab und zieht leicht ansteigend gegen das obere Nordstetten. In halber Entfernung, bevor es leicht abwärts geht, finden wir etwa 50 m rechts (östlich) zwischen dem Weg und dem Ende des Heckenrains auf der Wiese die Stelle, die unserer Erinnerung und Bewahrung anheim gegeben ist.

Werner Huger

Quellenangaben :

1. Hermann J. Hüffer : Von Jakobus-Kult und Pilgerfahrt im Abendland, in : Vera und Hellmut Hell „Die große Wallfahrt des Mittelalters „, Verlag Ernst Wasmuth Tübingen 1979, Seite 7 — 31

2. Paul Revellio: Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen, „St. Jakob bei Villingen „, Ring Verlag Villingen 1964, Seite 99 — 103

3. Gerhard Elsner : Das Wunder vom gehenkten Jüngling, in: Sonderdruck aus Konradskalender 1981, Badenia Verlag Karlsruhe, Seite 47 — 51

Da die Villinger St. Jakobskapelle für alle Zeiten verschwunden ist, können wir nie mehr rekonstruieren, wie ihr Kirchenraum einmal ausgesehen hat. Der Verfasser ist deshalb auf einen „Trick“ verfallen. Die Legende berichtet, fast wie in einem Kriminalfall, von einer Pilgerfamilie — Vater, Mutter, Sohn — der auf ihrer Wallfahrt zum Grabe des heiligen Jakob in Compostela Übles widerfährt. In einer Herberge der Stadt Domingo de la Cabzada, wo sie übernachten, verliebt sich das Wirtstöchterchen in den Sohn. Weil er ihre Liebe nicht erwidert, wird aus Leidenschaft Haß. Der Wirt, als rächender Vater, steckt nachts, während die Familie schläft, einen kostbaren Becher ins Gepäck der Gäste. Am nächsten Tag holt er dann eilends die Gerichtsdiener und beschuldigt die Gäste des Diebstahls. Der Becher wird gefunden, das Urteil schnell gesprochen, der Sohn sogleich weggeführt und am Galgen gehenkt. Dennoch ziehen die Eltern zum Grabe des Heiligen und beten zu ihm. Auf der Rückreise kommen die Eltern erneut zum Galgenhügel, wo sie ihren Sohn noch lebend am Galgen vorfinden, weil der heilige Jakob ihn die ganze Zeit über gestützt hatte. Schleunigst begeben sie sich zum Richter, der gerade Hühnchen am Spieß brät, und berichten von dem Wunder.

In derb-realistischer Weise zeigt das Bild wie die gerupften Brathähnchen vorn Spieß des ungläubigen Richters davonfliegen.

 

Die Eltern des durch die Gnade des Heiligen erretteten Sohnes knien vor St. Jakob und danken ihm. Der Heilige ist in die typische Kleidung der St. Jakobspilger gehüllt.

 

Unwillig meint der, sowenig wie diese Hühnchen am Spieß noch einmal fliegen könnten, könne der Gehängte noch einmal leben. Kaum gesagt, fangen die gebratenen Hühner mit ihren Stummelflügeln an zu schlagen und zischen, wie von der Startrampe geschossen, vom Bratspieß ab durchs Fenster. Das Wunder ist geschehen. Der junge Mann wird vom Galgen geführt, der böse Wirt dafür aufgeknüpft. Noch einmal ziehen Vater, Mutter und Sohn zum Grabe des Heiligen, um ihm für die wunderbare Errettung zu danken.

Um 1515 berichtet Nikolaus Bertrand, daß alle Jakobskirchen und —kapellen mit dieser Legende ausgemalt worden seien, also wohl auch unsere Kapelle zu Villingen. Nun gibt es aber in Überlingen am Bodensee eine 1424 gestiftete Jodokskapelle, die auch eine St. Jakobskapelle ist. Erst in diesem Jahrhundert entdeckte man in ihr große Jakobusfresken, die in einer szenenreichen Darstellung des 15. Jahrhunderts, auf der linken Wandseite im Innern, von der Wunderlegende des heiligen Jakobs berichten. Die Form manchmal derber Realistik wird als besondere Eigenart der Malerei von Konstanz und Umgebung während des 15. Jahrhunderts bezeichnet. Könnten so nicht auch die Wandmalereien in der Villinger St. Jakobskapelle ausgesehen haben?