Wege der Stadtwache (Dr. Josef Fuchs)

In einer von starken Mauern umgebenen Stadt bestand eine der wichtigsten Aufgaben darin, Tag und Nacht, ohne Unterlaß Wachen zu haben und umgehen zu lassen. Neben Gefahren aus Krieg und Fehden war die Feuersgefahr für eine solche Siedlung die verhehrendste. Villingen ist trotz vieler kriegerischer Belagerungen seit 1271 nicht mehr abgebrannt.

Die Stadtbäche sowie bauliche Vorkehrungen wie das Lagern von Sand auf den Dachböden taten das ihre, entscheidend war aber eine ständige und aufmerksame Wache.

Eine erste Nachricht, wie nach stadtrechtlichem Gebot bei Raub, Brand, Gefangennahme und tätlicher Auseinandersetzung verfahren werden soll, erfahren wir aus der „Auszugsordnung“ vom 25. Dezember 1294, also erlassen am Weihnachtstag (Epiphanie war zu jener Zeit höher gefeiert als Weihnachten). Hier werden Ursachen aus Fehden und solche von normalen Gefahren — wie Feuerausbruch — gleich behandelt. Es wird im übrigen die große Glocke erst einzeln geläutet. Wie es heißt, soll der alte und der neue Rat auf dem „Kirchhof“ zusammenkommen ( Münsterplatz ) und beraten. „Und wenn man zum Sturm zusammen läutet“, soll man das Tor auftun.. . . Diese Anmerkung ist für Villingen bezüglich der Münsterbaugeschichte von besonderer Aussagekraft, was bedeutet, daß schon ein größeres Glockengeläute bestand. Es dürfte aber auch darauf zu schließen sein, daß sich schon um diese Zeit die wichtigste Wächterstube der Stadt auf dem Münster-turm, dem Südturm befand.

Mit dieser Feststellung kommen wir sodann zur zweiten Urkunde, welche uns über die Stadtwache oder besser gesagt, die Stadtwachen, etwas aussagt.

Im Jahr 1573 ist ein neues Eidbuch aufgeschrieben worden, in welchem auch der „Scharwechter aid“ verzeichnet ist. Aus nebenstehendem Original- und Übertragungstext ergeben sich folgende Überlegungen:

Die mittelalterliche Scharwache bezeichnet eine ganz bestimmte Art von Wache. Es handelt sich um eine „umgehende Wache „,die zu mehreren Personen gleichzeitig umgeht oder von der mehrere Personen nacheinander umgehen.

Der Text beginnt mit Formulierungen, die mehr rechtlich verbindlichen Inhalt haben; es ist aber dann auch gesagt, daß ‚auch nachts‘ zu wachen ist. Die weiteren Bestimmungen gleichen stark denen der Anordnungen um 1300, wo nicht zuerst das Feuer (Melden), sondern Unruhe ( Geschrei, Gelauf ) festzustellen, womöglich zu beheben oder dem Bürgermeister zu melden, geboten ist, ja sogar Gefangennahme wird — wenn nötig —befohlen. Doch nicht der Untersuchung des Rechtsgehalts, obwohl sehr interessant, wollen wir uns hier unterziehen und nur fragen, wie die Wache ihren Gang durch die Stadt genommen hat.

Also sollen alle Stund zwei Wächter aus dem Wachthaus heraus und herumgehen. Zum ersten Mal soll beim Brunnen am Keferberg gerufen werden.* Wir wissen aus einer umfangreichen Stadtrechtsaufzeichnung über den Lauf der Stadtbäche vom Jahr 1364, daß am Keferberg ‚des Grafen Brunnen‘ stand. Soweit zu sehen ist, ist nach gut 200 Jahren diese Bezeichnung verloren gegangen, es blieb aber offenbar die Bedeutung dieser Stelle bestehen, da — wie wir sehen werden — an recht wenigen Stellen in der Stadt ‚ausgerufen‘ wurde. Ausserdem gibt diese erste Rufstelle einen Hinweis auf die Lage der Wachtstube; vielleicht befand sich dieselbe in der ehemaligen Keferburg. Die Vogelperspektive von etwa 1650 zeigt jedenfalls noch ein überdimensioniertes Haus.

Dann soll er rufen an der ‚Obern straß‘ beim Obertor an Martin Müllers Eckhaus. Gingen die zwei Wächter die Kanzlei— oder die Josefsgasse herunter? Beides wäre möglich.

Der nächste Ruf ist beim Brunnen an der Hafnergasse. Nachdem der Wächterruf bei der Vettersammlung ( Anfang Bärengasse) und nochmals an Jacob Bösingers Eckhaus, das entweder der ‚Bären‘ oder das Eckhaus gegenüber (heute Südkurier) war, kann erst nur ein Brunnen am Eingang der Hafnergasse gemeint sein beim Kaufhaus Schilling. Es wäre auch vorstellbar, daß an der Bärengasse wegen der beiden Frauenklöster eine besondere Abmachung bestand.

Auf den Anruf des Wächters vom ‚Wendelstein‘ kommen wir am Schluß… .

* Was gerufen wurde, ist nicht gesagt.

Die Wache wendet sich dann zur Stadtmitte am ‚Markt-Brunnen‘. Wenn er dreimal gerufen hat, soll er ebenso rufen bei Balthasar Goldtschmidts Haus am Eck, danach an des Arnolts Haus. Mit diesen Ortsnennungen nach den Haus— oder Bewohnernamen kommen wir auf schwankenden Boden, was den Weg der Wache angeht. Es ist im Türkensteuerrodel im Jahr 1544 ein Balihis Goldschmid verzeichnet. Die in diesem Zusammenhang weniger interessierende Frage der Goldschmiede in Villingen ist mit der Bemerkung zu streifen, daß ein Melchior von Villingen, ‚der goltsmyt‘ 1486 genannt ist und weitere ‚goltsmyt‘ offenbar im selben Eck-(orth)hus wohnen. Des Arnolts hus gibt uns ebenfalls keinen Aufschluß, jedoch spielen die Arnolt in Villingen durch Jahrhunderte eine Rolle, und offenbar weiß jeder, was gemeint ist.

Weitere Rätsel gibt uns das Gluncken hus am Graben auf, vielleicht ist es die Mühle zwischen den Stadtmauern, östlich des Niederen Tores gelegen. Bei der Durchsicht der Gluncken—Sippe fällt deren ganz besondere Bedeutung auf, Bürgermeister, Schultheißen und alle führenden Ämter werden von den ‚Gluncken‘ bekleidet. Soweit der Text angibt, gehen die Scharwächter von der heutigen Gerberstraße vor an Jacob Schoppers Haus in der Niederen Straß und dann erst zu des Gluncken Haus am Graben. Sodann sollen sie rufen des Rieckers Haus im Rieth, genannt der Frauen Haus, was offenbar eine uns bisher nicht bekannte Frauensammlung, ein Frauenkloster war. Es ist ohnehin verwunderlich, daß in diesem größten Viertel keine ‚Frauensammlung‘ hätte sein sollen. — Sodann kommen wir zu der bedeutsamen Nennung eines ‚Baumgartens‘ bei den Barfüßern (Minoriten).

Danach rufen sie an desTheis Knoblachs, des Schmieds Eckhaus. Hier darf man mit großer Sicherheit das Eckhaus des Uhren— und Schmuckfachgeschäftes Müller angeben, zumal danach wieder am ‚Markt‘ gerufen wird.

Danach macht die Scharwache einen dritten Umgang, zuerst zur Münstermette, zur Frühmesse, früher ‚prima missa‘ genannt. Diese Messe hatte einen eigenen Kaplan und eine eigene Stiftung, die in kleinem Umfang heute noch besteht, genannt ‚Primissariatsfond‘. Zu diesem hatte die Stadt auch beizutragen und wie man sieht, steht diese ‚prima missa‘ in einem städtischen Funktionszusammenhang. Merkwürdig, daß danach nochmals an Balthasar Goldschmidts Haus gerufen wird, was doch vermuten läßt, daß es vielleicht doch beim heutigen Kaufhaus BILKA war oder das andere Eck des Viertels, bei der Firma Wiebelt, da die Scharwächter danach die Kette am Bickentor prüfen sollen. Der dann folgende Bogen führt nochmals durch den südlichen Teil der Stadt, was sicher ganz bestimmte Gründe hat. In diesem Teil wurde am meisten Vieh gehalten, und die Leute waren zum Aufstehen an einen bestimmten Wächterruf gewohnt.

Dr. Josef Fuchs