Tula, unsere russische Partnerstadt (Dr. Marianne Kriesche)

Die geschichtliche Entwicklung von den Anfängen bis zur Gegenwart

Die ersten Siedler

Wie wir aus den ältesten Funden wissen, lebten schon die Frühmenschen auf dem Territorium, das heute den Namen „Gebiet Tula“ trägt. Am dichtesten siedelten sie am Mittellauf der Krasiwaja Metscha im sogenannten Schilawskital, das wegen seiner hohen Ufer und breiten Auwiesen bekannt ist. Die einzigartige Landschaft mit ihren Wäldern, in denen verschiedene Tiere, Pflanzen, Beeren und wilde Obstbäume zu finden waren, schuf ideale Lebensbedingungen für Jäger, Fischer und Sammler und später auch für die Ackerbauern. Zu einem der ältesten historischen Denkmäler zählt man eine Siedlung beim Dorf Bogowo in der Nähe von Efremov. Ihre Entstehung datiert man etwa auf das Jahr 250.000 v. Chr. Die Funde von abgeschliffenen Äxten aus der frühen Bronzezeit sind 500 bis 1.000 Jahre jünger. Die weiteren Entwicklungen verlaufen ähnlich wie in den Nachbargebieten. Historische Quellen fließen wieder reichlicher mit der Ausbreitung der Volks- und Sprachgruppe der Slawen auf dem Territorium des heutigen Russland. Ihre Urheimat lag zwischen den Karpaten und dem Don. Ihr Name taucht zuerst im 6. Jh. n. Chr. auf bei den röm.-byzantinischen Geschichtsschreibern Jordanis1 und Prokop2, die über die Goten und ihre Kämpfe berichteten. Die Ausbreitung der Slawen nach dem Westen erfolgte allmählich durch Nachrücken, infolge der Auflockerung der germanischen Besiedlung in der Völkerwanderung. Bei der Besiedlung fühlten sich die Slawen nicht an eine bestimmte geographische Zone gebunden, sondern sie lebten ebenso in dichten Wäldern wie in der fruchtbaren Federgrassteppe.

Im Einzugsgebiet des Flusses Oka, der die Region Tula begrenzt, datiert man die ältesten Zeugnisse slawischer Besiedlung auf das 7. Jh. n. Chr. Von den Ufern des Dnepr führte Wjatko seinen Stamm an die Oka und an die Upa (ein Fluss, der heute durch Tula fließt). Nach ihrem Fürsten wurde der Stamm danach die „Wjatitschi“ genannt. Als die historische Siedlung Satinskoje im 10. Jh. von den Tartaren bis auf den Grund niedergebrannt wurde, lebten und entwickelten sich die Slawen im entlegenen Tal des Flusses Krasiwaja Metscha weiter.

Die Entstehung Tulas

Wie alte Chroniken aus dem 16. und 17. Jh. bezeugen, kamen die Wjatitschi bereits im 10. Jh. an den Fluss Upa. Auf einer Halbinsel am Zusammenfluss der Upa mit der Tuliza gründeten sie eine Siedlung. Diese war aus Erde gebaut und von einem hohen Pfahlzaun umgeben. Natürlich kann man hier noch von keiner städtischen Anlage sprechen, sondern eher von einer temporären Festung der Wjatitschijäger. In seiner „Geschichte der Entstehung des Herrschaftsgebietes Tula“ bietet der Historiker I. Sacharow3 1832 zwei Versionen zur Entstehung der frühen Siedlung an:

Einerseits eben die bereits erwähnte, dass die alte Siedlung am Zusammenfluss der Upa und der Tuliza lag. In diesem Fall handelte es sich um das heutige Gebiet des Tulaer Zentrums, wo die Waffenfabrik und eine bekannte Kirche aus der Mitte des 17. Jh. stehen. Allerdings gibt es keine konkreten historischen Spuren; nur im Volke bewahrte man die Erinnerung an diesen Ort.

Der zweite mögliche Standort der alten Siedlung wäre das Dorf Krjukowo, 15 Werst von Tula entfernt. Er ist aber unwahrscheinlicher als der erstere.

Die früheste schriftliche Erwähnung Tulas stammt aus dem Jahre 1146 und findet sich in Nikonows Chronik (M. N. Tichomirow 4). Obwohl nicht völlig unbestritten, wird sie der heutigen Zeitrechnung, z. B. bei der Feier des Stadtjubiläums, zugrunde gelegt.

 

Gesamtansicht des Stadtzentrums von Tula. Im Vordergrund links: das Waffenmuseum (eine ehemalige Kirche), rechts: die Mariä Himmelfahrtskathedrale 5.


Bis zum Ende des 14. Jh. spielte Tula keine bedeutende Rolle in Russland. Der Name taucht nicht in offiziellen Berichten politischer Ereignisse auf, sondern nur in juristischen Dokumenten. Diese sollten den Streit um das Territorium von Tula, der zwischen den Fürstentümern Moskau und Rjasan bestand, regeln.

Der Bezirk zählte zum Herrschaftsbereich der Tartaren, und Tula bildete den nördlichen Teil dieses Staates.

So gibt es auch eine These, dass der Name „Tula“ abgeleitet ist von „Teidula“. So hieß die Frau von Khan Dshanibek.

Nach einer anderen Version kommt die Benennung vom Flussnamen Tuliza. Bis zu den achziger Jahren des 14. Jh. gehörte Tula zum Gebiet der Goldenen Horde.

Als deren Heer im Jahre 1380 aufbrach, um nach Westen zu ziehen und Moskau zu erobern, wurde es mit Hilfe von Streitkräften aus Tula aufgehalten und in der Schlacht auf dem Kulikowo-Feld entscheidend geschlagen. Tula wurde der Status einer neutralen Zone zuerkannt. Dieser Zustand währte jedoch nicht lange. Bereits Anfang des 15. Jh. verlieh der Sohn von Dimitrij Donskoi, Wassilij, das Territorium an das Fürstentum Rjasan. Danach gehörte Tula für kurze Zeit (1430 – 1434) dem litauischen Fürsten Witowt, kam aber zum Fürstentum Rjasan zurück.

Im Laufe des 15. Jh. entwickelte sich Tula zu einem wichtigen Verteidigungsknotenpunkt auf dem mittelalterlichen Wald-Schutzgürtel von Moskau. Funde von Schmucksachen byzantinischer, syrischer und ägyptischer Herkunft, Glas- und Metallwaren zeugen von hochentwickelten Handelskontakten der Siedlung mit der Außenwelt. Die Entdeckung eines Buchverschlusses lässt auf Lese- und Schreibkenntnisse in der Bevölkerung schließen.

Das Mittelalter

Als entfernte Grenzsiedlung spielte Tula keine wichtige Rolle im russischen Gesamtstaat. Von 1500 – 1531 erlebten Tula und sein Nachbarterritorium mehrfach blutige Kämpfe infolge der Raubzüge der Tartaren, die 1534 am Fluss Osjotr geschlagen wurden.

Im Jahre 1521 vermachte der letzte Fürst von Rjasan testamentarisch seine Territorien, einschließlich Tula, dem Moskowitischen Reich.

Iwan III ließ an den südlichen Grenzen mächtige Verteidigungsanlagen bauen und wies Tula dabei die Rolle eines Befestigungszentrums zu. Wassilij III setzte die Politik seines Vaters fort und ließ

1514 einen Steinkreml bauen, der die hölzernen Verteidigungsanlagen ersetzen sollte.

„Tula ex lapide constructa“ (Tula aus Stein erbaut) überschrieb der venezianische Kartograph Battista Anchese die Karte, die 1525 veröffentlicht wurde. Vermutlich war Tula bereits in jenen Jahren in Europa bekannt.

Eine Steinburg zu bauen, war keine leichte Aufgabe. Ursprünglich hatte man begonnen, am linken Ufer der Upa eine Festung aus Holz zu errichten. Wie die Chronik berichtet, wurde 1509 die Stadt aus Holz fertiggebaut.

Die Anlage der Festung war ungewöhnlich, da sie nicht an den hohen, steilen Ufern eines Flusses errichtet wurde wie z. B. der Moskauer Kreml. Untypisch war auch die Entstehung des Tulaer Kremls. Die Anlagen in Moskau oder Nowgorod wurden um die vorher existierenden Städte gebaut. Tula als Stadt wuchs im Schutze der Kremlmauer heran.

Die erste Holzsiedlung wurde aus Eichenholz erbaut und stand 221 Jahre. Erst 1750 wurde sie abgebaut.

Als Material für den Kreml diente zunächst der berühmte weiße Stein aus Wenjow, der später, ähnlich wie in Moskau, durch Ziegel ersetzt wurde. Alle Bauarbeiten gingen 1520 zu Ende. Mit der Zeit belebte sich das Territorium des Kremls. Man baute die sog. „Belagerungshöfe“, in die sich die reicheren Schichten der Bevölkerung während der Raubzüge und Angriffe zurückzogen.

Nach der Chronik zählte die Tulaer Bevölkerung in den Jahren 1588/89 lediglich 882 Personen.

Im Zentrum des Kremls wurde Ende des 16. Jh. eine Kathedrale aus Holz auf Steinfundament errichtet, die von Anfang an Mariä Himmelfahrtskathedrale (Uspenskij Sobor) hieß.

Neben der Kirche befanden sich im Kreml die Häuser von Geistlichen und von den zwei Hauptpersonen in Tula, dem Heerführer und dem Obersten Priester.

Seit den ersten Jahren seines Bestehens begann der Kreml die Stadtentwicklung zu beeinflussen.

Von seinen Türmen gingen fächerähnliche Straßen aus. Die mächtige Burganlage versprach Schutz vor feindlichen Einfällen.

Dadurch lockte sie Händler und Handwerker an und förderte das Wachstum und den Reichtum der Stadt.

Die ersten Prüfungen

Die Festung Tula bewirkte Ruhe für das ganze Gebiet an den südlichen Grenzen. Doch gab es im Westen einen bedrohlichen Nachbarn: Litauen, das bereits 1404 die russische Stadt Smolensk besiegte. Als Wassilij III einen Kriegszug gegen Litauen durchführte, kam Tula eine besondere, strategische Rolle zu. Die Streitkräfte waren seit März 1513 in Tula konzentriert und gewannen Smolensk für Russland zurück.

1531 misslang ein Angriff der Krimtartaren auf Tula, das sich so behaupten konnte. Ihr weiterer Versuch, 1552 den Kreml im Sturm zu erobern, wurde ebenfalls zu Fall gebracht. Selbst Frauen und Kinder hatten dem Feind heldenhaft Widerstand geleistet.

Als sich Tula dem bewaffneten Aufstand der Kosaken und Bauern 1607 anschloss, mussten die Verteidiger wegen Hochwassers und Hungers in der Festung die Waffen strecken.

Die Neuzeit:

Tulaer Waffenschmiede

Für die Verteidigung der Städte und Festungen wurden viele Waffen benötigt. Tula bot gute natürliche Voraussetzungen für die Waffenherstellung: Eisenerz, Wälder und tüchtige Schmiede.

Seit Ende des 16. Jh. bekamen die Tulaer Schmiede regelmäßig Aufträge für die Herstellung neuer und die Reparatur alter Waffen. Die ersten Exemplare der Tulaer Waffen waren einfach und schmucklos. Gefordert wurden nur Qualität, Zuverlässigkeit und Dauerhaftigkeit der Waffe. Doch mit der Zeit begannen sich die Tulaer Waffenschmiede auch für die Dekorierung ihrer Erzeugnisse zu interessieren.

Laut Erlass des Zaren Alexej Michailowitsch vom Jahre 1652 sollten die Tulaer Schmiede von den Meistern in Moskau lernen. Letzten Endes haben aber die Tulaer Schüler ihre Lehrer übertroffen.

In 1700 kaufte Peter I (der Große) Muster neuer Waffen im Ausland. Innerhalb von zwei Jahren wurden 11.194 Flinten nach Russland geliefert. Aber der Preis war zu hoch. Gegenüber der englischen Waffe galt das Gewehr aus Tula als preiswerter und zuverlässiger.

So erhielt die Stadt im Jahre 1703 vom Zaren einen ersten großen Auftrag für die Herstellung von 15.000 Flinten.

Am 26. Juli 1705 gründete Peter der Große per Erlass die erste Waffenfabrik. Die neuen Regeln für die Arbeit der Waffenschmiede schränkten die Freiheit der Meister bedeutend ein: Die Schmiede durften Tula nicht ohne Erlaubnis verlassen. Eine Berufsänderung war streng verboten. Für hohe Qualität bei der Produktion wurde zusätzliches Geld gezahlt, Ausschuss wurde streng bestraft. Faulenzer und Trinker wurden geschlagen und sogar an die Kette gelegt.

Am 28. Februar 1712 setzte der Zar den Erlass über die Errichtung der staatlichen Waffenfabrik in Tula in Kraft. Es war der erste Versuch Peters, eine staatliche Manufaktur mit Fronarbeit zu betreiben. Die Zahl der Waffenschmiede wurde um das Sechsfache vergrößert und die Produktion der Waffenfabrik Tula war beispielhaft für das ganze Land.

Katharina II erhöhte den Auftrag für die Waffenfabrik auf 90.000 Flinten. Etwa im Jahre 1775 besuchte die Zarin Tula und das Werk und fand es ausgezeichnet.

Die Initiative Peters des Großen förderte die Entwicklung der Stadt. Ohne Waffenfabrik wäre Tula ein kleines Provinzstädtchen geblieben. Tatsächlich aber nahm es jetzt eine aufsteigende Entwicklung.Bereits in den dreißiger Jahren des 18. Jh. wurden Maßnahmen zum Brandschutz ergriffen. Zur gleichen Zeit begannen die reich gewordenen Waffenschmiede Häuser aus Stein entlang der Upa zu bauen. Das Haus von A. Dimidow beispielsweise war ein richtiger Palast, in dem Katharina II übernachtete. Das schönste Gebäude aus dem 18. Jh. ist zweifellos die Mariä Himmelfahrtskathedrale im Kreml. Sie wurde in den Jahren 1762 – 1764 als Ersatz für die uralte, hölzerne Kirche errichtet. Den unbekannten Meistern gelang es, einen harmonischen Einklang aus Architektur, Malerei, Skulptur und Schnitzerei herzustellen. Einen bedeutenden Kunstwert verkörpern die vergoldete Ikonostase aus Holz und die Ikonen, die von Meistern aus Tula und Kaluga gemalt wurden.

In zehn Jahren (1772 – 1776) wurde nach den Plänen des Architekten Prawe neben der Kremlkathedrale ein Glockenturm mit einer Höhe von 67 m errichtet. Von ihm aus führten sternförmig drei Hauptstraßen in die Stadt. Dieses wunderschöne Bauwerk wurde in Sowjetzeiten leider zerstört.

Als Katharina II das russische Verwaltungssystem zu ändern begann, teilte sie mit Erlass vom 7. November 1775 das Land in 50 Gouvernements. Tula war eines von ihnen. Es bestand seinerseits aus 12 Landkreisen. Diese Einteilung ist insgesamt bis heute gültig geblieben.

Die Samowarhersteller

Ursprünglich gingen alle Gewerbe in Tula von den Waffenschmieden aus. So begann man die Herstellung der berühmten Lebkuchen, nachdem ein unbekannt gebliebener Schmied die Lebkuchenform erfunden hatte.

Die Fabrikation der Samoware begann im Jahr 1778 im Tulaer Stadtteil Saretschje, wo die Brüder Lisiziny die erste kleine Werkstatt eröffnet hatten. Die Herstellung war jedoch keine Neuerfindung, sondern war im Uralgebiet bereits in den dreißiger und vierziger Jahren des 18.Jh. bekannt. In dünn besiedelten Gegenden brauchte man einen „Topf“, in dem man alles kochen konnte: Tee ebenso wie Eier. Es gab auch einen besonderen Samowar bestehend aus drei Teilen, in dem man ein Mittagessen von drei Gängen kochen konnte.

 

 

Tulaer Samoware 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts.

 

 

Im Jahre 1803 zählte die Werkstatt der Brüder Lisiziny schon 26 Mitarbeiter. Sowohl die Vielfalt der Formen und Muster als auch der erschwingliche Preis trugen zu einer hohen Rentabilität bei. Immer mehr Betriebe, die Samoware herstellten, entstanden in Tula. Gab es Anfang des 19. Jh. acht Fabriken, die für das Inlands und für das Auslandsgeschäft produzierten, so zählte Tula Ende des 19. Jh. schon 77 Samowarfabriken, in denen 1.362 Meister tätig waren.

 

Tulaer Geschenksamoware, Beginn des 20. Jahrhunderts.

 

Die weitere Industrialisierung und Mechanisierung


Noch ein weiterer Gewerbezweig wurde von einem Tualer Waffenschmied entdeckt, nämlich der Harmonikabau. Auf einer Messe in Nischni Nowgorod hatte dieser Schmied die Harmonika kennen gelernt, brachte sie mit nach Tula und errichtete eine eigene Werkstatt, um das Instrument nachzubauen. Zu gleicher Zeit entstand eine weitere Harmonikafabrik mit 20 Beschäftigten. Die schönen Zierelemente und die Preiswürdigkeit der Tulaer Instrumente machten sie bald in anderen Städten beliebt. Selbst in Moskau und Nischni Nowgorod wurden sie gerne gekauft. 1870 erfand Belborodow die chromatische Harmonika, Tschulkow, der 1880 mit seinen 6 Söhnen eine eigene Werkstatt gegründet hatte, entwickelte sie weiter und erhielt als Auszeichnung eine goldene Medaille.

Zwischen 1910 – 1912 arbeiteten in den Tulaer Harmonikawerkstätten 1.000 Meister. Die Harmonikaherstellung nahm hinter der Samowarproduktion den 2. Platz ein.

Eine Weiterentwicklung und Mechanisierung trat in der Waffenindustrie ein, als mit Mossins Erfindung 1891 die Massenproduktion der Flinte einsetzte.

Es ist nicht verwunderlich, dass Tula auf Grund der beschriebenen technischen und wirtschaftlichen Fortschritte bis zur Jahrhundertwende zu einem der wichtigsten Industriezentren Russlands wurde.

Tula am Vorabend der Revolution

Als im Jahre 1905 überall in Russland Aufstände aufflackerten, begannen im Oktober auch in Tula zahlreiche Streiks, an denen besonders die Bahn- und Telegraphenarbeiter beteiligt waren. Am 8. Oktober war das öffentliche Leben völlig lahmgelegt. Zwei Parteien standen einander gegenüber: die Revolutionäre und die Monarchisten. Am 20. Oktober gab es in der Hauptstraße, dem heutigen Leninprospekt, Kämpfe und Tote. Dann wurde die Ordnung wieder hergestellt.

Die Revolution

Im Februar 1917 begannen die Tulaer Werktätigen ihren Aufstand früher, als es in Moskau und Petersburg der Fall war. Die Ereignisse wurden eingeleitet durch einen Streik der Waffenarbeiter, dessen Ursache der Mangel an Brot war.

Da griff General Tretjakow ein, schloss die Waffenfabrik, und entließ die Arbeiter. Danach stellte er neue ein, damit die Waffenproduktion fortgesetzt werden konnte. So endete der erste Streik. Am 3. März verbreiteten Agitatoren in Tula Berichte über die Geschehnisse in Petersburg. Man bildete ein Komitee aus den verschiedenen Kräften: der Beourgoisie, den Menschewiken und den Bolschewiken. Letztere ließen sogleich auch einen Arbeiter- und Soldatenrat wählen.

Zunächst herrschte ein Gleichgewicht der Kräfte zwischen Menschewiken und Bolschewiken. Als aber die Nachricht von der Oktoberrevolution eintraf, erhöhten die Bolschewiken ihren Einfluss und nahmen Verbindung mit Moskau auf. In Tula herrschte Mangel an Lebensmitteln, die Betriebe funktionierten nicht, und es wurden keine Löhne ausgezahlt. In dieser Lage übernahm der Rat der Arbeiter und Soldaten im Dezember die Macht, nachdem die Menschewiken ihre Mitarbeit aufgesagt hatten. Diese Entwicklung verlief parallel zu den Ereignissen in ganz Russland.

Im März 1918 befand sich Tula vollständig unter der Kontrolle der Bolschewiken, nachdem es dem neuen Regime lange Widerstand geleistet hatte. Von der Inflation, die 1918 in ganz Russland ausbrach, wurde auch Tula betroffen. Um dem Hunger zu begegnen, enteigneten die Bolschewiken die Kulaken (wohlhabendere Bauern). Sie nahmen ihnen alle Lebensmittel und das Vieh weg. Aus den Kirchen raubten sie die Wertgegenstände. Am schlimmsten war die Situation im Sommer 1919. Die Bauern leisteten Widerstand, und in den Dörfern tobte der Bürgerkrieg.

Die wirtschaftliche Lage Tulas war zu dieser Zeit schlecht. Fabriken und Werke funktionierten nicht. Vor der Revolution hatte es 202 Betriebe gegeben, 1921 waren es nur noch 93. In der Waffenfabrik war noch ein Drittel der Arbeiter tätig. In der Landwirtschaft sah es ähnlich aus.

1920 erlaubte Lenin den Bauern wieder, freien Handel zu treiben. Das Ende dieser Politik kam mit Stalin, der eine neue Welle der Enteignung einleitete.

Stalin war es 1924 gelungen, Trotzki im Kampf um die Nachfolge Lenins auszuschalten. Seit 1927 war er absoluter Diktator der Sowjetunion. Stalins besonderes Ziel nach der Ausrottung des Bauerntums war die Kollektivierung und Industrialisierung der Landwirtschaft sowie die Umwandlung Russlands in einen Industriestaat mit hohem Rüstungspotential. Zur Verwirklichung sollten ab 1927 zwei Fünfjahrespläne dienen. In diesen Plänen spielte Tula eine besondere Rolle. Es sollte sich von der Stahlstadt Peters des Großen zur Metallurgiestadt entwickeln und so die metallurgische Basis für Russland begründen. 1931 wurde das Metallurgische Kombinat eröffnet. 1932 folgte der Bau des Chemischen Kombinats in Nowomoskowsk (bei Tula), des größten Betriebes seiner Art in der USSR, des Hüttenwerks in Tula und zweier Wärmekraftwerke. Man plante auch einen neuen Maschinenbaubetrieb, die Erschließung zweier neuer Gruben und die Modernisierung der Waffenfabrik.

Nicht alle Pläne konnten verwirklicht werden. Die schlechten wirtschaftlichen Bedingungen wurden noch durch unbegründete Repressalien erschwert. Es brach ein Massenterror aus, bei dem Tausende unschuldiger Menschen ums Leben kamen. Im April 1938 erschien eine Kommission des Zentralkomitees der KP in Tula, um nach Saboteuren zu suchen. Eine größere Gruppe hoher Parteifunktionäre wurde verhaftet. Insgesamt wurden etwa

1.000 Betriebsleiter bestraft. Gemäß dem Ziel der Fünfjahrespläne wurde nun auf Kosten des Verkaufs der Landwirtschaftsproduktion die Industrialisierung des Landes vorangetrieben.

Waren im Jahre 1924 fast 73 % des Einzelwarenumsatzes in Privathänden, so wurden 1927 79% aller Industriegüter und 37 % der Bauernproduktion durch Konsumgenossenschaften vertrieben. Trotz zäher Gegenwehr der Bauern entwickelte sich die Kollektivierung zur Staatspolitik. Es bestand nur die Alternative: kollektive Wirtschaft oder Verbannung nach Sibirien.

Im Gebiet Tula war die Kollektivierung erst im Jahre 1937 abgeschlossen. 228.100 Bauernhöfe verwandelten sich in 4.567 Kollektivwirtschaften, davon 112 Sowchosen.

Trotz aller Schwierigkeiten der Industrialisierung und Kollektivierung wuchs der Warenumsatz im Gebiet Tula. Allmählich entwickelte sich auch der Bau von Wohnungen und öffentlichen Gebäuden.

1938 wurde die Pädagogische Universität eröffnet. Im gleichen Jahr konnten 4 Theater ihrer Bestimmung übergeben werden: das Puppentheater, das Dramatheater und 2 Wandertheater für die Kolchosen und Sowchosen.

Der zweite Weltkrieg

Als am 22. Juni 1941 der deutsche Angriff auf die Sowjetunion begann, wurden bereits in den ersten Kriegstagen in Tula viele Männer zu den Waffen gerufen und in die 330. Schützendivision eingereiht. Ungefähr 5.000 Soldaten gingen später an die Front.

Im wirtschaftlichen Leben der Stadt gab es viele Veränderungen. Fast in allen Betrieben Tulas wurden Waffen hergestellt. In den ersten 3 Kriegsmonaten verdoppelte man die Waffenproduktion.

Im Herbst 1941 rückte die Kampffront nahe an Tula heran. Die Offensive „Taifun“ sollte den Angriff auf Moskau einleiten. Am 3. Oktober standen die deutschen Panzer in Orjol, und am 12. Oktober fiel Kaluga, das damals zum Gebiet Tula gehörte. Am 26. Oktober 1941 wurde über Tula der Belagerungszustand verhängt. Die Bevölkerung musste teilweise evakuiert werden. Die Belagerung Tulas dauerte 45 Tage. Mehrere Versuche des Generals Guderian, die Stadt einzunehmen, scheiterten.

Die Suwarowskajastraße mit einstöckigen Holzhäusern Anfang des 20. Jahrhunderts.

 

Die deutschen Truppen waren gezwungen sich zurückzuziehen und konnten das Ziel der Operation „Taifun“, Moskau zu erobern, nicht erreichen.

Zum 35. Jubiläum seiner Verteidigung erhielt Tula daher im Jahre 1977 den Ehrentitel „Heldenstadt“. Tula trug schwer an den Kriegsfolgen. Viele Betriebe blieben bis zum Kriegsende evakuiert. Die Waffenproduktion für die Rote Armee jedoch wurde bereits im Frühjahr 1942 wieder aufgenommen. Stalin starb am 5. März 1953. Drei Jahre später wurden vom Obersten Gericht der USSR die unschuldig verurteilten Tulaer rehabilitiert, einige allerdings erst nach ihrem Tode.

Die Nachkriegszeit

Während der Chruschtschjowzeit der 50iger und 60iger Jahre spielte die Schwerindustrie eine besondere Rolle.

In 3 Jahren des 6. Fünfjahresplanes wurden in Tula mehr als 60 neue Maschinenarten hergestellt, darunter Mähmaschinen, Waschmaschinen sowie Jagd- und Sportwaffen.

Nach dem neuen Siebenjahresplan wurde die Etappe der Vergrößerung der Kolchosen eingeleitet. In den 60iger Jahren blieben im Gebiet Tula nur 237 große Kolchosen bestehen.

Unter Chruschtschjows Regierung bekamen die Bauern mehr Freiheit. Sie erhielten endlich Pässe und einen stabilen Lohn. Auch wurden ihnen erstmalig Renten gezahlt. Andererseits vertrat Chruschtschjow die Idee der Vernichtung des Privateigentums in den russischen Dörfern.

 

Die gleiche Straße heute als eine der Hauptstraßen Tulas, die Krasnaarmeisky Avenue.

 

Mittel dazu war die enorme Besteuerung von Obstbäumen, Geflügel etc. Die Folge war eine neue Lebensmittelkrise, die Tula ebenso wie das übrige Russland heimsuchte.

Neue Entwicklungen Ende des 20. Jahrhunderts Die Geschichte Tulas in den letzten 20 Jahren des Jahrhunderts spiegelt vielfach die politischen Ereignisse wider, die für ganz Russland Bedeutung hatten. (Gawril Tschudnow)6

Die Ära Gorbatschow mit Glasnost und Perestreuka ist bei vielen Tulaer Bürger nicht in guter Erinnerung geblieben, insbesondere wegen ihrer wirtschaftlichen Instabilität.

Zwei Ereignisse der 80iger Jahre sind erwähnenswert: Anlässlich der Olympiade 1980 kam die Olympische Fackel nach Tula und wurde von den dortigen Sportlern weitergetragen.

Im gleichen Jahr beging Tula den 600. Jahrestag des Sieges über die Goldene Horde auf dem Kulikowo-Feld mit einer großartigen Feier.

Im April 1986 ereignete sich die Katastrpohe von Tschernobyl, die schlimme Auswirkungen auch auf Tula hatte, da ein Teil seines Gebietes erheblich verstrahlt wurde.

Am 12. Juni 1991 fanden in Russland die ersten freien Präsidentschaftswahlen statt. 74,8 % der Bevölkerung Tulas stimmten für Boris Jelzin. Als im August 1991 eine Regierungskrise ausbrach, befand sich unter den Gegnern des neuen Präsidenten ein Mann, der auch heute noch als Politiker im Tulaer Gebiet eine große Rolle spielt, W. Starodubzew. Er war damals Vorsitzender der Lenin-Kolchose im Nowomoskowsk, wurde wegen der Teilnahme an dem Aufstand verhaftet und 1992 begnadigt. 1993 wählte man ihn zum Abgeordneten des Rates der russischen Förderation und im März 1997 wurde er Gouverneur des Gebietes Tula.

Im Frühjahr 2001 gelang ihm die Wiederwahl für eine 2. Amtsperiode.

Präsident Jelzin verfolgte während seiner Regierungszeit u. a. die Ziele der Demokratisierung des Landes und der Rehabilitierung der russischorthodoxen Kirche. So verabschiedete er 1991 ein Gesetz, das der Kirche die Rückgabe der enteigneten Kirchengebäude und Einrichtungen zusicherte. In Tula wurden demgemäß im gleichen Jahr die Mariä Himmelfahrtskathedrale im Kreml und weitere Kirchen den Gemeinden wieder zur Verfügung gestellt. Heute sind von 70 Kirchen, die während der Sowjetzeit geschlossen wurden, 35 wieder intakt und werden für Gottesdienste genutzt.

Auch die 90iger Jahre waren für Russland und für Tula geprägt von inneren und äußeren Unruhen und von wirtschaftlichen Schwierigkeiten.

1994/95 wurden russische Truppen in Kämpfe in Tschertschenien verwickelt. Nach 5 Monate andauernden Kriegshandlungen kehrte das 51. Regiment nach Tula zurück und wurde für seine Tapferkeit ausgezeichnet. 2.000 Soldaten erhielten Medaillen, 4 Soldaten wurden zu Helden Russlands erklärt.

Der Sommer 1996 stand im Zeichen großer Feierlichkeiten für Tula, da das 850. Jubiläum seines Bestehens festlich begangen wurde. Jedoch konnte die Festfreude nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in der Stadt große wirtschaftliche Schwierigkeiten gab. Die Betriebe arbeiteten nicht voll, und insbesondere die Waffenindustrie funktionierte nur mit 10 % ihres Potentials. In den Jahren 1992 – 97 waren mehr als 70.000 Menschen arbeitslos geworden.

In dieser schlimmen Lage schlug am 17. August 1998 die Nachricht von der Finanzkrise und der Rubelabwertung in Russland wie ein Blitz in Tula ein. Eine große Anzahl kleinerer Firmen in seinem Gebiet brachen zusammen und mussten aufgeben. Inflationäre Tendenzen wirkten sich besonders auf den Nahrungsmittelmarkt aus und sind bis heute noch nicht überwunden.

Doch die Jahrhundertwende brachte nochmals eine Erfolgsmeldung für Tula: den Raumflug von Sergej Saljetin, gebürtig aus dem Tulaer Gebiet, am 4. April 2000. Vor ihm hatten bereits 3 Kosmonauten aus Tula und seiner Umgebung das All erobert.

 

Leo Tolstois Haus in Jasnaja Poljana nahe Tula.

 

Das heutige Tula mit seinen rund 600.000 Einwohnern ist nicht nur ein Industriezentrum sondern auch eine Kulturstadt mit ausgezeichneten Bildungseinrichtungen, Sammlungen und Museen. Der ehemalige Wohnsitz des großen russischen Schriftstellers Leo Tolstoi, das Gut Jasnaja Poljana, wird seit 1994 von Wladimir Tolstoi, dem Urenkel des Schriftstellers als Museum verwaltet und zieht zahlreiche Besucher aus nah und fern an. Weitere Sehenswürdigkeiten sind mit berühmten Namen wie Iwan Turgenew, Wikenti Weressajew, Gleb Uspennski, Wassilii Shukowski, Iwan Bolotnikow, Anführer des Bauernaufstandes und Wselewod Rudnew, Kommandeur des legendären Kreuzers „Warjag“ verbunden und spiegeln auf ihre Weise die Geschichte Tulas wider.

Der 855. Geburtstag der Stadt, der im Spätsommer 2001 gefeiert wurde, gab Gelegenheit, zurückzuschauen auf eine reiche Vergangenheit und mit Zuversicht vorwärts zu blicken auf eine gedeihliche Zukunft.

Literaturhinweise

(Übertragung aus dem Russischen):

1 Geschichtsschreiber, † 552 schrieb eine Geschichte der Goten.

2 † 562 berichtete als Augenzeuge von Belisars Kriegen gegen Perser, Wandalen und Ostgoten.

3 Geschichte der gesellschaftlichen Entwicklung des Tulaer Regierungsgebietes, Moskau 1832.

4 Der russiche Staat von 1500 bis 1700, Moskau 1973.

5 Atlas des Tulaer Gebietes, geschichtlich-wirtschaftliche Übersicht, Tula 1996.

6 Geschichte des Tulaer Gebietes, Tula 2000.