Das Münster Unserer Lieben Frau zu Villingen – Ein archäologischer Beitrag zur Baugeschichte- (Thomas Keilhack)

 

 

Das Münster zu Villingen

 

Der mit den wissenschaftlichen Untersuchungen im Villinger Münster beauftragte Diplom-Archäologe Thomas Keilhack hat nach eineinhalbjähriger Dauer die Arbeit nahezu abgeschlossen. In drei umfangreichen Vorträgen hat er, unterstützt durch den Medizinhistoriker und Paläopathologen Dr. Guido Buhmann, dem die Untersuchungen der Skeletteile der Bestattungen im Kirchenboden oblagen, beim Geschichts- und Heimatverein und im Jahresheft IV, 1978/79, Teilergebnisse berichtet.

Der Inhalt des nachstehenden abgedruckten Beitrags signalisiert nur einen vorläufigen Abschluß der Forschungen. Noch sind zum Beispiel die aus der äußeren Wand des Mittelschiffs, dem Obergaden, geborgenen Eichenholzstümpfe dendrochronologisch nicht datiert. Es ist erregend sich vorzustellen, daß in absehbarer Zeit eine jahrgenaue Fixierung der romanischen Konsolbalken zu erwarten sein wird und damit exakte Jahrdaten für Kirchenbaumaßnahmen, über die es keine zeitgenössischen schriftlichen Quellen gibt. — Eine weitere wichtige Spur liegt noch im Boden. Sie ist bedeutsam für die Erforschung der Rechtsgeschichte der mittelalterlichen Stadt. Die bei den Grabungen ungefähr fünf Meter östlich des Chorabschlusses des staufisch —romanischen Baues II entdeckte Kirchhofmauer umfriedete, auf den heutigen Münsterplatz hinausführend, einen Kirchenbezirk, der klerikales Territorium von weltlichem (oder städtischem) abgrenzte.

Hier ist es zweifellos die Sache entsprechender Aufgeschlossenheit der für Villingen—Schwenningen Verantwortlichen, die letzten notwendigen Untersuchungen unterstützend zu fördern.

Die Redaktion

 

Abb. 1: Unmittelbar neben der Pfeiler-reihe verläuft im nördlichen Seitenschiff die Fundamentgrube der Nordfassade von Bau I. In der ausgeraubten Baugrube sind nur noch die untersten, unvermörtelten Steinlagen erhalten. Blick von Westen nach Osten.

 

Erstmalig wird der Name Villingens als „Filingun“ in einer Schenkungsurkunde Kaiser Ludwig des Frommen im Jahr 817 erwähnt. Kaiser Otto II I. verleiht 999 dem Grafen Bertold von Zähringen für seinen Ort Villingen das Markt—, Münz— und Zollrecht. Dieser Ort lag einst in der heutigen „Altstadt“ außerhalb der mittelalterlichen Stadt und besaß eine Pfarrkirche, deren romanischer Turm noch heute neben der Friedhofskirche des 19. Jahrhunderts steht. Diese Pfarrkirche mit Ma-rienpatrozinium behielt bis in das späte Mittelalter ihre pfarrkirchlichen Rechte bei, obwohl bei der Anlage der Stadt Villingen im Jahre 1119 auf dem westlichen Ufer der Brigach sicher von vornherein an den Bau einer größeren Stadtkirche gedacht war. Als Platz wurde dieser Kirche eine Stelle innerhalb des nordwestlichen Stadtviertels zugewiesen. —

 

Abb. 2: In den Resten der nördlichen Nebenapsiden des romansichen Münsters fanden sich noch einige behauene Quader in ihrem ursprünglichen Platz im Mauerverband. Der abgebildete Quader — mit dem Steinbeil 1 Fläche) sorgfältig bearbeitet — wurde mit seiner der Rundung der Apsis angepassten Vorderseite perfekt in das Mauerwerk eingebaut. Zeit: Mitte des 13. Jahrhunderts. Blick von Osten auf die ehemalige Außenseite der Apsis. —

 

Die völlig ungeklärte Baugeschichte des Villinger Münsters sowie die Ungewissheit über die Zusammenhänge zwischen Stadtgründung und einem ersten Kirchenbau innerhalb der Stadtmauern, veranlaßte die Außenstelle Freiburg des Landesdenkmalamtes Baden—Württemberg zu dem Entschluß, zunächst im Innern des Villinger Münsters eine flächige Grabung durchzuführen, zumal bei der Innenrestaurierung der Einbau einer tief in die Schichten eingreifenden Fußbodenheizung vorgesehen war. —

Die Ausgrabungen begannen im Juli 1978 und dauerten bis zum Oktober 1979 an. —

Bau I

Vor Baubeginn der ersten Kirche wurde das Gelände planiert. Einmal wurde die alte Humusschicht bis auf winzige Reste abgetragen, zum anderen durch die Brigach verursachte morastige Vertiefungen im Boden mit Geröll und Schotter aufgefüllt; stellenweise wurde das Gelände mit Lehm und Sand eingeebnet. Der Bau wurde so auf dem Platz abgesteckt, daß die Mittelapsis auf einer natürlichen Erhebung zu liegen kam, die um ca. 50 cm über das sonst übliche Niveau der Brigach—Niederung anstieg. —

Im Boden unter Bau I wurden keine Spuren einer älteren Bebauung gefunden. In den Humusresten wie auch im natürlichen Schwemmsand fanden sich jedoch eine große Zahl von Tierknochen, die ausschließlich von Haustieren (Rind, Schwein) stammen; eine Nutzung des Geländes als Viehweide vor der Zeit der Stadtgründung liegt nahe. —

 

Abb. 3: Blick von der Kanzel nach Osten in den komplett ausgegrabenen Chor des Münsters. In der Bildmitte die Reste der großen Mittelapsis von Bau I , die umspannt und geschnitten werden von den gewaltigen Fundamentresten des Rechteckchores des romanischen Münsters, an die wiederum der gotische Chor mit seiner Fundamentierung anschließt. Im Hintergrund verläuft — unter dem gotischen Chor von Nord nach Süden hinweg — die alte Kirchhofmauer, die bereits im 12. Jahrhundert den Kirchhof um Bau I herum vom übrigen Rathausplatz abtrennte. —

 

Abbildungen der alten Stadt Villingen im Wandel der technischen Möglichkeiten

Vor dreihundert Jahren. Federzeichnung 1685-1695 (vgl. auch Jahresheft IV 1979/80, Seite 10)

 

 

Heute. Luftbild 1980

 

Bau 1 war ein längsrechteckiger Saal von leicht unregelmäßigem, trapezförmigem Grundriß. Die Länge mißt ca. 33,5 Meter, die Breite im Westen 13,50 Meter, im Osten 14,50 Meter. Im Osten schloß sich eine unregelmäßig gestelzte runde Apsis von 4,90 Meter lichter Tiefe und 5,50 Meter Breite an, die im Norden wie im Süden von je einer Nebenapsis begleitet wurde. Die nördliche Nebenapsis war ca. 2,70 Meter breit und höchstens 2,50 Meter tief, die südliche Nebenapsis 3,40 Meter breit und ca. 3,30 Meter tief. Beide Nebenapsiden sind über unregelmäßigem Grundriß errichtet worden, ohne Einzug an den Seiten.

Die Fundamente dieses ersten Kirchenbaues waren im Durchschnitt 65 cm in den gewachsenen Boden eingetieft, so daß die unterste, unvermörtelte Steinlage fast immer auf die obersten Schichten des anstehenden Schotters zu liegen kam. Die Fundamentierung war in der Regel 1,25 Meter breit und bestand aus sorgfältig verlegten kopfgroßen Bruchsteinen aus Muschelkalk, deren Zwischenräume mit kleineren Steinen und Kieseln ausgefüllt waren. Erhalten hat sich meist nur die unterste, unvermörtelte Steinlage, lediglich die Fundamentierung der Mittelapsis und Teile des Fundamentes der Nord— und Westfassade waren in mehreren ungestört im Verband sitzenden Steinlagen erhalten.

Der Grundriß des Saales ist in den Fundamenten gut zu rekonstruieren; die Fundamente der späteren Baumaßnahmen haben die unter dem heutigen Kirchenschiff erhaltenen Reste von Bau I kaum gestört, während die Ostteile durch die Neubauten, Bestattungen und den Heizungseinbau ( 1905 — 1911 ) nur zum Teil nachgewiesen werden konnten. Aufgehendes Mauerwerk hat sich in keinem Fall erhalten.

Abb. 4: Blick von der Mittelschiffdecke nach Osten in das Mittelschiff und in den Chor. In der oberen Bildhälfte gut erkennbar die Fundamentreste der Mittelapsis von Bau I , um sie herum die Fundamente des romanischen Rechteckchores. Ganz im Hintergrund die zu beiden Kirchen gehörende Kirchhofmauer. In der Bildmitte das durch Gräber gestörte Lettnerfundament. Westlich davon — exakt auf der Kirchenmittelachse — Reste einer gemauerten Gruft.

 

Da nach der Niederlegung dieses Baues der Bauplatz erneut abplaniert wurde, haben sich dadurch nirgends Fußbodenreste erhalten, die nähere Auskunft über weitere bauliche Einzelheiten erlauben würden. So läßt sich nichts über Zugänge zum Kirchenraum sagen; von den Altären fanden sich keine Spuren. Mit einiger Sicherheit kann man behaupten, daß dieser Kirche keine Bestattungen zuzurechnen sind.

Etwa 5,00 Meter östlich der Mittelapsis ist die unterste Steinlage eines Mauerzuges erhalten, der — leicht geknickt — von Norden nach Süden quer unter dem heutigen gotischen Chor hindurchzieht. Auffallend bei diesem Fundament ist die ausschließliche Verwendung großer, grob zugehauener Sandsteinblöcke von einem Maß bis zu 60 x 80 cm, die nur wenige Zentimeter in den Bauhorizont von Bau I eingetieft sind. Die Breite dieses Fundamentes beträgt ca. 1,25 Meter. Zwischen der Apsis und diesem Mauerzug wurde das Gelände um wenige Zentimeter mit Lehm und kleinerem Geröll einplaniert, östlich der Mauer wurde das sumpfige Gelände bis auf den reinen Sand abgegraben, anschliessend mit grobem Kies wieder aufgefüllt — bis zur Oberkante der untersten Steinlage. Die Lage sowie die Befunde der einzelnen Schichten erlauben es, diesen Mauerzug als „Kirchhofmauer “ anzusprechen; innerhalb der Kirchhofmauer hatte sich mit der Zeit über der Planierung eine Humusschicht gebildet; Bestattungen wurden keine festgestellt. Außerhalb der Kirchhof-mauer war die Kiesschüttung sehr festgepreßt; auf ihr fanden sich Dachziegeltrümmer, Eisenstückchen und — recht häufig — Lederreste von Schuhsohlen. —

Der erste Kirchenbau mußte vollständig dem geplanten Neubau weichen. Anhaltspunkte für eine vorzeitige Aufgabe des Baues I wegen Brand oder Beschädigung fanden sich keine. Um einen sorgfältig eingeebneten Bauplatz zu erhalten, wurde — nachdem man Bau I bis in die Fundamente hinein abgetragen hatte — der Bauschutt abgefahren. Bei dieser Maßnahme wurde auch der Fußboden und zum allergrößten Teil der sich noch darunter befindliche Bauhorizont zerstört und abgegraben und die offenen Fundamentgräben verschüttet. Der so planierte Platz muß für einige Zeit unberührt gewesen sein: Humus und Lehm sind festgetreten und bilden einen regelrechten Gehhorizont, auf dem Steine eingetreten und vereinzelte größere Steine an ihrer Oberfläche abgeschliffen sind; es finden sich auch Ziegelstücke, Tierknochen, vereinzelt Keramik. Bau II

Bevor der Neubau abgesteckt werden konnte, wurde der Bauplatz mit einer 10 cm mächtigen Schüttung aus Lehm und feinem Kies erhöht und sehr sorgfältig eingeebnet. Durch die Schicht hindurch wurden die Fun-damentgräben des Neubaues abgetieft.

Der zweite Kirchenbau auf dem Villinger Münster-platz überschreitet den Grundriß von Bau I in der Länge nur um weniges, verschiebt sich in der Breite jedoch um ca. 4,00 Meter nach Norden; die Ausrichtung nach Osten verändert sich in ihrer Himmelsrichtung geringfügig.

Bau II war eine acht—jochige, dreischiffige, flachgedeckte Pfeilerbasilika ohne Querschiff mit Rechteck-chor und zwei Nebenapsiden.

 

Abb. 5: Der Grundrißplan auf der nächsten Seite zeigt den Mauerverlauf der einzelnen Gotteshäuser, wie er archäologisch 1979/80 nachgewiesen wurde. — Die einzelnen Bauphasen sind auf dem Plan erläutert. Es empfiehlt sich, ihn zu drehen.

 

Die Länge des Kirchenschiffes beträgt im Mittel 35,00 Meter, das Mittelschiff ist im Westen 7,75 Meter, im Osten ca. 8,20 Meter breit; die Seitenschiffe haben etwa halbe Mittelschiffbreite und sind nach Westen um ca. 20 cm verbreitert. Der Rechteckchor knickt mit seiner Achse um ca. 2 Grad gegenüber der Mittelschiffachse nach Süden ab; seine lichte Breite betrug in den Fundamenten im Westen ca. 4,50 Meter, am Chorhaupt etwa 4,15 Meter. Die lichte Tiefe betrug über 6,50 Meter. Die nördliche Nebenapsis betrug in der Breite ca. 3,70 Meter, in der Tiefe 2,80 Meter; die südliche Nebenapsis maß 4,00 Meter Breite, in der Tiefe ca. 2,60 Meter. Die Grundrisse der Nebenapsiden sind halbkreisförmig, jedoch sehr unregelmäßig ausgebildet.

Abb. 6: Unter den vielen aufgefundenen Mauertrümmern fanden sich manch wertvolle Hinweise, die mithalfen, etwas mehr Licht in die komplizierte Baugeschichte des Villinger Münsters zu bringen. In den Fundamentierungen der Südportale des 18. Jahrhunderts fanden sich diese Quader eines Fenstergewandes, die von den gotischen Fenstern der Sei-tenschiffassaden stammen, die den barocken Umbauten des frühen 18. Jahrhunderts zum Opfer fielen. An den Profilen der Gewändesteine fanden sich noch Reste mittelalterlicher Farbigkeit, die von dem Kalkweiß einer frühen barocken Umgestaltung überstrichen wurden.

 

Von diesem spätromanischen Bau sind noch wichtige Teile im heute bestehenden Baukörper erhalten. Bestehen blieb zum großen Teil die Westfassade mit dem Stufenportal, die heute zwischen die Bauteile der spätgotischen, um die Ecken in die Westfassade eingreifenden Seitenschifferweiterung des 15. Jahrhunderts eingespannt ist. Angebunden an die Westfassade sind die spitzbogigen Arkaden, die auf mächtigen Kämpfern über den Rechteckpfeilern ruhen.

Das fünfte Stützenpaar von Westen besteht aus zwei monolithen Säulen, die auf attischen Basen mit Eckblättern stehen; sie tragen einfache Würfelkapitelle, von denen das Kapitell der Säule in der südlichen Arkadenreihe durch einfache Weinrankenmuster verziert ist. Die sechste Stütze der südlichen Arkadenreihe war ebenfalls eine Säule gleichen Musters; sie wurde in späterer Zeit durch einen schmalen Achteckpfeiler ersetzt, der auf den Resten der attischen Basis steht.

Über den Arkadenreihen hat sich — unter den heutigen Seitenschiffdachern verborgen — der romanische Obergaden bis in eine Höhe von 0,20 Meter unter dem oberen Ansatz der heutigen Seitenschiffdächer erhalten. Vom oberen Ansatz der alten romanischen Seiten-schiffdachstühle blieb der Wasserschlag z. T. sehr gut erhalten; darüber hinaus wurden unterhalb des Wasserschlags des nördlichen Obergadens vier Konsolbalken aus gut erhaltenem Eichenholz vorgefunden, von denen einer komplett erhalten war. Diese Konsolbalken müssen dem romanischen Dachstuhl zugerechnet werden, da sie mit eingekerbten Widerhaken versehen, ursprünglich in das Mauerwerk des romanischen Obergadens eingebunden waren. Der Außenputz des romanischen Obergadens ist noch vollständig vorhanden —bis auf die zugemauerten Lücken im Mauerwerk, in denen sich einst die Fenster des Obergadens befanden. Es gilt als sicher, daß die im Gesamtkonzept des Bauwerkes etwas altertümlich wirkenden Fenster des heutigen Obergadens die wiederverwendeten Fenster des romanischen Obergadens sind.

Das Doppelportal der Südseite fand seine Wiederverwendung an gleicher Stelle in der Seitenschiffassade des 15. Jahrhunderts.

Die Grundmauern der Seitenschiffe waren in den Fundamentgräben bis auf die unterste Steinlage ausgeräumt, stellenweise wurde nur noch die leere Grube angetroffen.

Außer dem Fundament unter der Westfassade sind lediglich Fundamente der Ostteile in mehreren Steinlagen im Boden verblieben, soweit sie nicht durch spätere Überbauungen und Bestattungen geschnitten wurden. Die Fundamente sind in gleicher Tiefe wie bei Bau I in den gewachsenen Boden eingebracht; die Fundamente des Rechteckchores und der Nebenkapellen sind jedoch ca. 0,60 Meter tiefer bis in den natürlichen Schotter hinein eingebracht worden.

Die Breite der Fundamente in den Seitenschiffen betrug in der Regel 1,30 Meter, die Nebenapsiden sind mit 1,10 Meter etwas schmaler angelegt.

Die sehr gut erhaltene Fundamentierung des Chores dagegen mißt in der Breite bis zu 4,00 Meter. Das Mauerwerk dieses Fundamentes besteht aus Bruchsteinen aus Kalk— und Sandstein unter Verwendung von Flußwacken; die Schalen des Mauerwerks sind mit ausgesuchten, meist kopfgroßen Steinen gesetzt. Die Schalen der unteren Fundamentlage bestehen jedoch aus großen, grob gehauenen Sandsteinblöcken, die mit ihren Stirnseiten nach außen in den Steinverband eingemörtelt sind.

Besonders betont sind die Fundamente des Choransatzes; hier bestehen die Fundamente bis zur Oberkante z. T. aus über einen Meter großen und 0,40 Meter starken Sandsteinblöcken, die einst die Wandvorlagen für die letzten Arkadenbögen trugen.

Das Mauerwerk der übrigen Bauteile entspricht in seiner Technik dem des Rechteckchores; lediglich die Quermauer vor der nördlichen Nebenapsis besteht im wesentlichen ebenfalls fast ausschließlich aus großen Sandsteinblöcken.

Von den Fußböden und den einst vorhandenen Einbauten hat sich wenig erhalten. Bei den Kirchenrenovierungen des 16. und 17. Jahrhunderts sind immer wieder Eingriffe in die Fußböden erfolgt; im Kirchenschiff lagen Schuttschichten und Fußbodenreste einer Renovierung des späten 16. Jahrhunderts direkt auf den spärlichen Überresten des Bauhorizontes vom Bau II. Als formale Eigentümlichkeit muß die Tatsache gewertet werden, daß die rechteckigen Basen der romanischen Pfeiler von Anbeginn zugeschüttet und nicht sichtbar waren. —

Das Fubodenniveau des romanischen Chores lag um mindestens 0,45 Meter über demjenigen des Kirchenschiffes; es fand sich das Fundament einer Stufenanlage, die den Chor von dem übrigen Raum abtrennte. Hinweise über eine Chorschranke o. ä. zeigten sich nicht. Bei der letzten umfassenden Restaurierung der Jahre 1905 bis 1911 wurde unter der Sakristei ein Heizungsraum eingebaut. Die Kanäle für die Warmluft durchzogen schräg den Chorraum und teilten sich vor dem Chor im rechten Winkel zur Kirchenlängsachse; durch die gleichzeitige Verlegung der fünf Chorstufen vom Choransatz um fast 6,00 Meter nach Osten in Richtung Hochaltar wurde in diesem Bereich die Fußbodenhöhe um 0,80 Meter abgesenkt. Dadurch wurden die Schichten im ganzen Geviert des romanischen Chores vollends stark gestört, der Standort eines zugehörigen Altares konnte nicht mehr nachgewiesen werden. Die Innenräume der Nebenapsiden waren — mit winzigen Ausnahmen — durch Bestattungen derart ausgeräumt, daß auch hier die Anlage älterer Altäre nicht mehr bewiesen werden konnte.

Die schon zu Bau I zugehörige Kirchhofmauer blieb während der Nutzung von Bau II weiterhin bestehen.

Das Gelände zwischen Chorhaus und Kirchhofmauer wurde allerdings gründlich saniert, indem eine 0,40 Meter mächtige Kiesschicht aufgeschüttet wurde. Auch außerhalb des Kirchhofes wurde das Niveau des Münsterplatzes um zwei deutlich voneinander trennbare Schüttungen aus grobem Kies erhöht.

Da von dem romanischen Münster wesentliche Bauteile im aufgehenden Mauerwerk erhalten sind, lassen sich genauere Angaben über die Konzeption seines Äußeren machen. Wie der noch stehende Teil der Westfassade, waren die Fassaden der Seitenschiffe und der Ostteile mit dem Bruchsteinmauerwerk vorgeblendeten Quadern aus rotem und grünem Sandstein hochgeführt; entsprechender Sandsteinschrott fand sich in allen Abbruchhorizonten, die Bau I I und seinen Perioden zuge rechnet werden müssen. Das Quaderwerk der Westfassade ist von hoher Qualität; die Blöcke aus verschiedenfarbig rotem Sandstein und grünem Schilfsandstein sind exakt mittels schmaler Preßfugen, in denen der feine, hellweiße Kalkmörtel sichtbar wird, aufeinan-dergeschichtet. Auch die Gewände der Portale weisen diesen Steinwechsel auf; die eingestellten Säulen und ihre Kapitelle sind aus dem festeren roten Sandstein gearbeitet. Die Art des Steinbehaues läßt sich nur noch an denjenigen Quadern ablesen, die an den Ecken in das Bruchsteinmauerwerk des ehemaligen romanischen Obergadens eingebunden sind ( jetzt unter den Seitenschiffdächern) : die Kanten der Quader begleitet ein schmaler, etwa einen Zentimeter breiter Randschlag, während die Fronten der Quader sorgfältig mit der Fläche — meist diagonal — abgearbeitet sind. An den Quadern finden sich keine Zangenlöcher.

 

Abb. 7: 79/82/3 Blick auf einen Teil des unter den heutigen Seitenschiffdächern verborgenen romanischen Obergadens. Der Maßstab steht vor der zugemauerten Maueröffnung, in der sich einst eines der romanischen Fenster befand, die ihre Wiederverwendung in dem höheren spätgotischen Mittelschiff fanden. Links ein erhaltenes Feld des ehemaligen Außenputzes, an dessen Kanten stellenweise sich Abdrücke der Fenstergewände finden ließen.

 

Das romanische Münster erfuhr in seinen östlichen Bauteilen mehrere Umbauten. So wurde die nördliche Nebenapsis niedergelegt und durch einen fast quadratischen Anbau von ca. 4,60 Meter lichter Breite und Tiefe ersetzt. Dieser Bauteil wurde jedoch schon bald wieder zugunsten der Neukonstruktion einer Apsis aufgegeben, die mit einer lichten Tiefe von knapp über drei Metern in einem merkwürdig flachen Bogen an die Außenmauer des Rechteckchores anstieß.

Von dieser Apsis hat sich zu einem Teil die unterste Reihe der Außenquaderung erhalten. Die südliche Nebenapsis wurde ebenfalls neu erbaut; sie benutzt — wie auch ihr nördliches Gegenstück — das Fundament der vorherigen Apsis und bindet in einem mehr nach außen gedrückten Bogen an den Rechteckchor an.

Bau III

Das romanische ViIIinger Münster sollte wohl ursprünglich durch die Anlage eines gotischen Neubaues komplett abgelöst werden. In Wirklichkeit gelang es nur, die Teile des romanischen Chores durch den Bau eines zweijochigen Chores mit 5/8—Schluß zu ersetzen, der von zwei im Grundriß unregelmäßig fünfeckigen Türmen flankiert wird. In den Untergeschossen der Türme sind überwölbte Kapellen eingebaut, die in breiten, spitzbogig übermauerten Durchgängen zu den Seitenschiffen geöffnet sind. Schmale Durchgänge führen zum Chor und zu den Spindeltreppen, über die man die Obergeschosse der Türme und die Dachböden erreichen konnte.

 

Abb. 8: Blick in die ausgegrabene Nägelin —Kreuz—Kapelle (Südkapelle). Hier fanden sich — unmittelbar übereinanderliegend — die erste und zweite südliche Nebenapsis des romanischen Münsters; unter deren Fundamente fanden sich — etwas nach Süden verschoben — Fundamentreste der Südapsis von Bau I. Blick vom Altar nach Westen. —

 

An den Befunden läßt sich ablesen, daß zuerst die Kirchhofmauer abgerissen wurde. Anschließend wurde damit begonnen, das Mauerwerk des Rechteckchores und der Seitenkapellen niederzulegen, wobei man mit den Massen des Bauschuttes das Baugelände östlich des alten Chores aufschüttete und mit dem aus dem Abbruch gewonnenen Steinmaterial sogleich die Fundamente des neu zu errichtenden Chores um die Fundamentreste des alten Chores herum hochzog. Zwischen die Schichten des Bauschuttes wurden Planierschichten aus Lehm und Kies aus den neuen Fundamentgräben eingebracht, um so das angestrebte hohe Niveau des zukünftigen Chorinnern zu erhalten. Die Fundamente des Chorhauses und der Türme sind in einem einzigen Arbeitsgang eingetieft worden; der Chor wurde jedoch — wohl aus praktischen Gründen —zuerst fertiggestellt, während die Turmuntergeschosse am bereits erstellten Chor im Bauvorgang nachgeführt wurden.

Die geflickte Baunaht zwischen dem erhaltenen romanischen Obergaden und den angebauten Türmen ist unter den Seitenschiffdächern noch gut zu erkennen. Da der Ansatz des gotischen Chores sich um 0,80 Meter weiter im Osten befindet als der Standort der abgegangenen romanischen Wandpfeiler, die die letzten beiden Arkadenbögen mittrugen, mußten diese beiden Arkadenbögen — zu Rundbögen gestreckt — an die gotischen Chorschultern angepaßt werden.

Abb. 9: Unter den unzähligen Bestattungen, die unter dem Fußboden des Villinger Münsters gefunden wurden, war das Grab Nr. 58 das auffälligste: weder die archäologischen noch die medizin—historischen Untersuchungen konnten eine Erklärung für die merkwürdige Haltung des Toten bieten, der ohne alle Zweifel in dieser Haltung in einem überbreiten Holzsarg bestattet worden ist. Es handelt sich um einen ca. 35jährigen Mann, der an einer Infektionskrankheit sterben mußte. —

 

Die über den anstoßenden Seitenschiffdächern hochgeführten Westfassaden der Türme aus Bruchstein, eine im Winkel zwischen Obergaden und Südturm eingemauerte Gewölberippe auf Konsole in Höhe des Triumphbogens erlauben ebenso wie im Kircheninnern das Mißverhältnis zwischen dem Triumphbogen und dem dessen Profil schneidenden Obergaden die Vermutung, daß im Anschluß an den gotischen Chor die Errichtung einer Hallenkirche geplant war, deren bauliche Ausführung nicht mehr in Angriff genommen werden konnte. Statt dessen wurden — gewissermaßen als Ersatz — im 15. Jahrhundert die Außenmauern der romanischen Basilika abgebrochen, damit die Seitenschiffe in der äußeren Flucht der Türme erweitert werden konnten. Wohl in die gleiche Zeit fällt auch die Erhöhung des Mittelschiffes und die damit verbundene Veränderung der Westfassade sowie die Errichtung der oberen Turmgeschosse.

Ein durch seine Fundamente nachgewiesener Lettner wurde Ende des 15. Jahrhunderts dem Chor vorgebaut.

Zwei Renovierungen lassen sich archäologisch nachweisen. Ende des 16. Jahrhunderts wurde ein neuer Steinplattenbelag für den Fußboden eingebracht und über dem ersten Joch im Westen des Mittelschiffes eine Empore eingebaut. Gleichzeitig wurde das Kircheninnere ausgeweißt.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde im Zuge einer Neugestaltung im Sinne des Barocks der Fußboden im Schiff wesentlich erhöht; die Maßwerkfenster der Seitenschiffe wurden durch größere Öffnungen ersetzt, die zusammen mit den alten versetzten und neu ausgebrochenen Eingängen den Seitenschiffen eine neue Symmetrie in der Gestaltung der Fassade gaben. Zusätzlich wurden die Seitenschiffe um zwei Steinlagen erhöht und mit neuen Dachstühlen versehen. Die in einen liegenden Dachstuhl eingehängte Holztonne wurde durch eine waagrechte Stuckdecke ersetzt; die Seitenschiffe erhielten ebenfalls Stuckdecken.

Abb. 10: Uber der heutigen Mittelschiffdecke kann man im Dachboden an der Innenseite des Westgiebels Reste einer Malerei entdecken, die einst der hölzernen Rundtonne zugeordnet waren, die im 15. Jahrhundert eingebaut wurde und das Mittelschiff steil überspannte. —

 

Datierung

Während die Abfolge der einzelnen Perioden im Boden wie auch am aufgehenden Mauerwerk gesichert scheint, so bereitet die absolute Datierung der ersten Villinger Stadtkirche Schwierigkeiten. Vorbehaltlich einer endgültigen Auswertung der Grabungsbefunde lassen sich jedoch einige erste Anhaltspunkte finden. Das wichtige Datum 1119 als überliefertes Gründungsjahr der Stadt Villingen, das Fehlen älterer Schichten unter Bau I und die Einordnung der ältesten Keramikfunde aus Bau I zugehörigen Schichten in die Mitte bis in das Ende des 12. Jahrhunderts ergeben die Möglichkeit, die Gründung des ersten Baues sicher nach 1119, wohl eher in die Mitte des Jahrhunderts anzunehmen. Erschwert wird eine genauere Datierung vor allem durch die geringe Ausbeute an verwertbaren Kleinfunden.

Die Technik des Mauerwerkes von Bau II verweist noch in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts, stilistisch läßt sich der erhaltene Bestand an Architekturplastik in die zwanziger Jahre des 13. Jahrhunderts einreihen. Dieses Bild wird ergänzt durch die Beobachtungen im Boden wie auch durch die in dieser Periode häufiger vorkommenden Kleinfunde wie Putz— und Malereireste, aber auch besonders durch das sich verbreiternde Keramikspektrum. Schriftliche Quellen zu den beiden ersten Villinger Kirchenbauten aus dem 12. und frühen 13. Jahrhundert sind uns nicht bekannt.

Spätmittelalterliche Quellen berichten von der Fertigstellung des gotischen Chores in den 90er Jahren des 13. Jahrhunderts. Dieser Überlieferung kann vorerst nicht widersprochen werden, obwohl stilistische Einzelheiten eher in die beiden ersten Jahrzehnte des 14. Jahrhunderts weisen.

Schlußbemerkung

Als wahrer Glücksfall für die Archäologie des Mittelalters erwies sich die Möglichkeit, relativ ungestört sechszehn Monate lang den Boden unter dem Villinger Münster zu untersuchen und gleichzeitig im Zug der Renovierungsarbeiten an den Außenfassaden die dort aufgedeckten Befunde festzuhalten. Bleibt zu hoffen, daß während der Durchführung der Innenrestaurierung die dann noch zu erwartenden Befunde das bisherige Bild ergänzen oder neue Aspekte hinzufügen. Geplant sind auch archäologische Stichproben außerhalb des Gebäudes, die noch mehr Licht in die Frühgeschichte der Stadt Villingen und ihr Münster bringen sollen. —

 

Thomas Keilhack Malzholzweg 16 7859 Eimeldingen