Aus der Vereinsgeschichte

Geschichts- und Heimatverein älter als vermutet

1994 feierte der GHV das 25-jährige Vereinsjubiläum. Günter Rath als Erster Vorsitzender hatte hierzu auf der Jubiläumsveranstaltung am 2. Juni 1994 eine Rede gehalten. Wie aus seinem Munde zu erfahren war, erfolgte am 9. Juni 1969 in den Villinger Zeitungen der Aufruf geschichtsinteressierter Bürgerinnen und Bürger einen Geschichts- und Heimatverein „wieder neu zu begründen“. Die betreffende Gründungsversammlung fand dann am 16. Juni 1969 statt. Sie war einberufen worden von Uta Baumann, Dr. Wilhelm Binder, Wolfgang Blessing, Hans Brüstle,

Dr. Josef Fuchs, Dr. August Kroneisen und den Geschwistern Frieda, Gertrud sowie Hildegard Heinzmann. Doch – gab es denn nicht schon einen „Heimatverein?“ Und waren unter den obigen Namen nicht Personen, die diesem Verein angehörten? Tatsächlich ist hier exemplarisch Hans Brüstle zu nennen. Er wurde nämlich der Vorsitzende des „neuen“ Vereins. Inzwischen fanden sich hierzu ältere Hinweise: Nachdem es schon vor 1958 eine „Art des Heimatvereins als lose Vereinigung“ gegeben hatte, lud mit dieser Formulierung Johann Baptist Blessing (Oberhusbuer) am 8. März 1958 zu einer „Gründungsversammlung“ für den 12. März 1958, 20 Uhr, in das Hotel „Blume Post“ ein. Es sollte sich zunächst nur um einen kleinen Kreis von zehn geladenen Teilnehmern handeln. Ihre Namen:

Dr. Joh. Nep. Häßler, prakt. Arzt, Klosterring 2

Hans Brüstle, Hauptlehrer, Rote Gasse 15

Richard Fuhrer, Malermeister, Färberstraße 65

Hermann Grieshaber, Angestellter, Schützenstr. 9a

Josef Honold, Dipl.-Kaufmann, Niedere Straße 2

Wilhelm Kaiser, Mechaniker, Schulgasse 23

Heinrich Mauch, Postschaffner, Goethestraße 27

Kurt Müller, Rechtsanwalt, Wehrstraße 1

Hermann Neugart, Rentner, Kalkofenstraße 8

Hubert Schieber, Verwaltungsinspektor, Warenburgstraße 1

Zu dem vorgesehenen Zweck hatte Blessing „den Entwurf über die Niederschrift der Gründungsversammlung gefertigt, in dem die Satzung aufgenommen ist.“ Dieser Wortlaut des Satzungsentwurfs für einen eingetragenen Verein datiert vom 12. März 1958.

Zum „Zweck des Vereins“ heißt es darin:

§1 Der „Heimatverein“ Villingen erstrebt und fördert:

a) die das Stadt- und Kreisgebiet berührenden Geschichtsquellen zu erforschen,

b) die alten Bauwerke, insbesondere das geschichtliche Baubild, zu erhalten,

c) die Volks- und Heimatkunde zu pflegen, d) die Familien- und Sippenforschung zu unterstützen.

§2 Mit seinem Wirken sollen vorwiegend:

a) anregende und aufklärende Vorträge ermöglicht und vermittelt,

b) einschlägiges Schrifttum verfasst und veröffentlicht und

c) zweckverwandte Bestrebungen anderer Heimat- und Geschichtsvereine gefördert und unterstützt werden.

§3 der Satzung besagt „Der Verein führt den Namen ,Heimatverein Villingen‘. Er ist in das Vereinsregister einzutragen…“.

Über die Aktivitäten ist heutzutage nur noch wenig bekannt, etwa die Anregung an Oberbürgermeister Severin Kern, den im 75. Lebensjahr als Archivar und Custos der Städtischen Sammlungen zurücktretenden Dr. Paul Revellio zu ehren (Anm.: Er wurde später Ehrenbürger der Stadt), verbunden mit einer Denkschrift zur künftigen Gestaltung und Entfaltung des Archivs und der Sammlungen. (Schreiben des „Heimatvereins e.V.“ vom Juni 1961. Da auf der Kopie die Absenderangabe „Klosterring 3“ steht, müsste das Original die Unterschrift des Vorsitzenden Dr. Nepomuk Häßler getragen haben.)

Mit Briefkopf „Heimatverein e.V. Villingen- Schwenningen“ lud am 12. Juni 1961 der „stellvertretende Vorsitzer“ Blessing die Mitglieder des Vorstandes und Beirats zu einer Zusammenkunft für den 15. Juni ein. Es ging dabei um die Konsultation der Stadt wegen der Benennung neuer Straßenzüge. Die angeschriebenen Personen waren: Dr. Nep. Häßler, Klosterring 2, Hans Brüstle, Rote Gasse 13, Richard Fuhrer, Färberstraße 65, Josef Honold, Niedere Straße 2, Wilhelm Kaiser, Schulgasse 23, Heinrich Mauch, Goethestraße 27, Hermann Neugart, Kalkofenstraße 8, Hubert Schieber, Warenburgstraße 12, Gustav Walzer, Neustadt/Schw., Bahnhofstraße 18, Erwin Kaiser, Hotel „Blume Post“, Bickenstraße 2. (In einem Anschlussschreiben vom 21.06.61 war Letzterer ausgelassen.)

Von diesen „Altmitgliedern“ gehörten dem „neuen“ Geschichts- und Heimatverein an: Hans Brüstle als Vereinsvorsitzender, Dr. Nep. Häßler als Ehrenmitglied, Hubert Schieber, Erwin Kaiser, Hermann Neugart – während die eventuelle Mitgliedschaft der übrigen nicht geprüft wurde.

Was der Verein an Aktivitäten einbrachte ist für die frühere Zeit nur über Hörensagen zu erfahren. Lediglich ein Schreiben des Bürgermeisteramtes vom 3. September 1962 an den Heimatverein bezeugt dessen Existenz weiterhin. Es ist zu vermuten, dass nach dem Tode von Joh. Baptist Blessing (1965) ein „Motor“ fehlte und die Aktivitäten erlahmten.

Ein Aufhören des Vereins im Sinne der satzungsgemäßen Auflösung ist jedenfalls nicht feststellbar. Als 1969 der „neue“ Verein aus der Taufe gehoben wurde, bot allein schon der Name Hans Brüstle, als dessen Erster Vorsitzender, die Gewähr für eine ungebrochene Kontinuität unter unveränderten Vorzeichen des Vereinszwecks. Es tauchen im Vorstand und dem Beirat allerdings neue Namen auf, wie schon weiter oben dargestellt. Zweiter Vorsitzender wurde Hermann Preiser, der nach dem Tode Brüstles 1976 über einige Jahre zur bindenden und gestaltenden Kraft wurde.

Gab es einen äußeren Anlass, ein Motiv der die „Neugründung“ stimulierte und in deren Folge 81 Personen spontan dem Verein beitraten? Es gab ihn, auch wenn er inzwischen in die scheinbare Bedeutungslosigkeit oder Vergessenheit abgetaucht ist: Es war die Zeit als das Großprojekt der Nachgrabungen am keltischen Fürstengrabhügel Magdalenenbergle 1969 in ein akutes Stadium trat. Professor Edward Sangmeister von der Universität Freiburg hatte sich entschlossen, den Anregungen der späteren Vereinsmitglieder Oberforstdirektor Dr. Rodenwaldt und Fabrikant Kuno Moser zu folgen und, in Ergänzung der Grabung von 1890, eine modernen Ansprüchen genügende Ausgrabung mit wissenschaftlicher Überwachung durchzuführen.

Vor einem mit Publikum vollbesetzten Saal im Alten Rathaus referierte vor dem Gemeinderat sein als Grabungsleiter vorgesehener Assistent Dr. Konrad Spindler. Es mobilisierten sich geschichtsinteressierte Bürger und das erklärt auch die Welle der Eintritte in den Geschichts- und Heimatverein. Während der folgenden Grabungen ab 1970 war der Verein in mehrfacher Hinsicht aktiv. Aber war es wirklich ein n e u e r Verein? Wir meinen, dass über die Kontinuität der maßgeblichen Personen zwischen „altem“ und „neuem“ Verein in der Sache kein Unterschied zu machen ist, es sei denn, man würde den „juristischen Maßstab“ einer „Neugründung“ anlegen, d. h. dass der „neue“ Verein sich eine „neue“ Satzung zulegte. Es scheint uns angebracht weder von einer Gründung noch einer Neugründung sondern von einer Neubelebung des Heimatvereins, der sich jetzt „Geschichts- und Heimatverein“ nannte, zu sprechen.

Kann man sich auf diese Interpretation verständigen, dann ist das Alter des Geschichts- und Heimatvereins Villingen über die Kontinuität von Personen und der Sache zumindest auf das Jahr des allerersten Satzungsbeschlusses zu datieren, d. h. auf das Jahr 1958. Das „25. Jubiläumsjahr 1994“ würde dann zum 36. und das Jahr 2002 zum 44. Jahr der Gründung.