Herkunft und Wesen der Fasnacht – Kurzreferat vor der Wiederaufführung eines Villinger Fasnachtfilmes von Wilhelm Kutter

Am 28. Oktober 1978 wurde in der Villinger Tonhalle ein Amateurfilm für die Öffentlichkeit uraufgeführt, den der Villinger Bürger Kress 1925 gedreht hatte. Das obige Einführungsreferat hielt Wilhelm Kutter, der sich als Kulturreferent des Süddeutschen Rundfunks und langjähriges Vorstandsmitglied der Schwäbisch—alemannischen Narrenvereinigung einen Namen gemacht hatte. Kutter ist inzwischen verstorben. Seine damaligen Ausführungen sind interessant genug, um sie einem breiteren Publikum mitzuteilen.

Das bedeutet jedoch nicht, daß sich die Redaktion sei-.ne Meinung in allen Teilen zu eigen macht.

Text im Wortlaut:

„Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Narrenfreunde! Wenn ein Nicht—Villinger vor Villingern etwas über die Villinger Fasnacht sagen soll, so muß er dafür eine Berechtigung haben, so etwa, wie ein Abiturient, der sich auf der Universität einschreiben lassen will. Ich hoffe, daß Sie, liebe Villinger, meine Berechtigung anerkennen.

Zur Fasnacht 1935 erhielt ich als junger Rundfunkmann den Auftrag, eine — wie man damals sagte —Reportage von der Villinger Fasnacht zu machen. Es wurde mir auch gesagt, daß ich mich mit einem Albert Fischer in Verbindung setzen und mich um ihn als Gesprächspartner bemühen solle. Als ich zum vereinbarten Termin bei ihm vorsprach, stellte sich heraus, daß mein Vater und er befreundete Kollegen waren: der eine Lokomotivführer in Ulm und der andere, Albert Fischer, Lokomotivführer in Villingen. Von diesem Augenblick an hatte ich bei Albert Fischer einen Stein im Brett und er war mir behilflich, wo er nur konnte. Er nahm mich zu allen wichtigen Veranstaltungen mit und auch an den Stammtisch im Narrenwirtshaus. Hier bewunderte ich vor allem die Wand mit den vielen Schemen, über die die anwesenden Narren fachkundig, diskutierten. Ich spürte damals schon, daß in dieser Stadt ein sehr lebendiges Verhältnis des Narren zu seiner Larve besteht, obwohl ich noch nichts von der städtischen Schnitzerschule im 17. Jahrhundert, auch noch nichts von dem städtischen Ölmüller Dominikus Ackermann und den vielen, bis zum heutigen Tag bedeutenden Schemenschnitzern wußte. Ein Teil jener geheimnisvollen Magie zwischen Mensch und Maske wurde mir aber damals bewußt.

Von der Narrenstadt Villingen habe ich also für meine spätere intensive Beschäftigung mit der Fasnacht entscheidende Impulse bekommen. Mir fiel damals vor vierzig Jahren schon auf, daß sich die führenden Köpfe der Villinger Fasnacht nicht nur mit der lustigen Seite der närrischen Zeit beschäftigten, sondern daß sie auch bemüht waren, sich über die Herkunft und das Wesen des Mummenschanzes Gedanken zu machen. Und deshalb scheint es mir angebracht, heute und hier etwas über den Stand der volkskundlichen Forschung zu berichten.

Wir alle wissen, daß über Herkunft und Wesen der Fasnacht nicht viel bekannt ist und daß wir weitgehend auf Spekulationen und Vergleiche angewiesen sind. Wir dürfen annehmen, daß unsere Fasnacht ihren Ursprung in vorchristlichen kultischen Vorstellungen hatte und daß den christlichen Missionaren sehr daran gelegen war, die heidnischen Relikte auszumerzen.

Der im Jahre 753 verstorbene Abt Pirmin von der Reichenau hat schriftliche Anweisungen an die ihm unterstellten Geistlichen hinterlassen, welche heidnischen Bräuche sie bekämpfen sollten. Wenn auch diese Anweisungen von Pirmin — die dicta abbatis Pirminii —heute von manchem Historiker ob ihrer Echtheit angezweifelt werden, so gibt uns doch der 6. Abschnitt im 22. Kapitel eine Vorstellung von den Formen und Zeiten der frühen Vermummungen. Pirmins Verbote sind lateinisch abgefaßt. Ins Deutsche übertragen lautet der erwähnte Abschnitt:

„Gehet nicht am Monatsersten oder zu irgend einer anderen Zeit als Hirsche oder als alte Weiber verkleidet umher! Ihr Männer sollt keine Frauenkleider, ihr Frauen keine Männerkleider anlegen, sei es am Monatsersten selbst oder bei anderen lustigen Begehungen, die sehr zahlreich sind.“

Selbst wenn diese Verbote ein Falsifikat sind und nicht aus dem 8., sondern erst aus dem 9. oder 10. Jahrhundert stammen, so geben sie uns doch Anlaß zu einigen Überlegungen. So dürfte wohl die erwähnte Hirschverkleidung allgemein für Tierverkleidung stehen. Unsere heutige Fasnacht weist ja noch eine stattliche Anzahl von Tiervermummungen auf — wenn auch ausgerechnet der Hirsch im deutschen Südwesten nicht mehr anzutreffen ist. Dagegen sind Hirschvermummungen im oberbayrischen Werdenfelserland noch üblich. Wir dürfen also wohl mit einigem Recht annehmen, daß Tierverkleidungen — auch der hiesige Putzesel — zu den ältesten Vermummungsarten gehören.

Und noch ein anderer Entwicklungsgang ist nach Pirmins Anweisung möglich. Die von ihm erwähnte geschlechtsvertauschende Verkleidung kann im Verlaufe von einigen Generationen zu den Brauchgestalten Wildmann und Wildweib geführt haben. In der langen Entwicklungskette ist dann nur noch ein kurzer Schritt zur Fasnachtsgestalt der Hexe, die, nach meiner Meinung, als Hexe deklariert wohl erst nach dem Aufhören der Hexenprozesse in der Frühaufklärung erscheint, also frühestens im 16. Jahrhundert.

Noch etwas scheint mir in dem zitierten Verbot von Pirmin bemerkenswert, nämlich die Zeitangaben für die Vermummungen, auf die er zweimal hinweist. Wir ersehen daraus — ganz gleich, wann die dicta Pirminii niedergeschrieben wurden —, daß es Maskenbräuche auch außerhalb der Fasnachtszeit gab. Und Maskenbräuche, die vor und nach der Fasnacht liegen, gibt es noch. Sie beschränken sich heute auf die Zeit zwischen Martini und Pfingsten.

Durch Pirmins Anweisungen und ähnliche frühe Verbote wissen wir, daß sie die Geistlichen angewiesen haben, alle heidnisch—kultischen Bräuche und Vorstellungen zu unterdrücken. Bei dieser aufgetragenen Ent-dämonisierung wurden nicht selten alte Formen und Handlungen übernommen und mit neuen —eben christlichen — Inhalten versehen. Dieser Wandel vollzog sich sicherlich nur langsam über mehrere Jahrhunderte hinweg, etwa vom 9. bis zum 13. Jahrhundert. Was einst ernste kultische Handlung war, wurde in dieser langen Überganszeit allmählich zur Verulkung oder zum belehrenden und heiteren Spiel mit zum Teil überkommenen und neuen Vermummungen. Diese Entwicklung verlief wohl von Anfang an auf zwei verschiedenen Ebenen: in der höfischen und auf einer bäuerlich—bür-gerlichen. Dabei wurden im höfischen Mummenschanz gerne Personen der niederen Stände dargestellt und umgekehrt liebten es Angehörige von Handwerkerzünften — nachdem die Zünfte in den Städten die Mit-regierung erreicht hatten —, sich als Edelleute zu verkleiden. Möglicherweise haben Villinger Handwerker ein höfisches Barock— oder Theaterkleid in ihren Mummenschanz übernommen und daraus ihren unverwechselbaren Narro gemacht.

Wir wissen auch, daß das Fasnachtsspiel sich im ausgehenden Mittelalter zu großen Aufzügen entwickelt und seinen literarischen Höhepunkt durch die Nürnberger Meistersinger Hans Rosenplüt und vor allem durch Hans Sachs erreicht hat. Es war zu dieser Zeit auch üblich, daß sich Kleriker Fasnachtsspiele von den Männern der Stadt vorführen ließen. Dafür und für das Abhalten der Fasnacht im allgemeinen gibt es in einzelnen Städten unseres Landes die ersten schriftlichen Belege aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Auch die ersten Fasnachtsverbote erscheinen um diese Zeit in Ratsprotokollen und Kirchenbüchern. Aber es ist nirgends darin von „Narrenzünften“ die Rede.

Durch die Nachfolger von Luther — er selbst war dem Fasnachtsspiel zugetan — wurde in den reformierten Landesteilen die Fasnacht als „papistische Unsitte“ untersagt. Auch die sich an die Reformation anschliessenden Religionskriege des 16. und 17. Jahrhunderts und die späteren Erbfolgekriege waren fasnachtsfeindlich. Erst mit dem Aufblühen der barocken Duodezfürstenhöfe im 17. und 18. Jahrhundert, das zwar auf Kosten der Landeskinder ging, erhielt die Fasnacht neue Impulse durch höfische Maskeraden und Gastspiele englischer und italienischer Komödianten.

Die Streckschere zum Beispiel, die manche Narrengestalt unseres Landes mit sich führt, war schon ein Attribut der italienischen Spaßmacher. Alte Larven aus Barock und Rokoko sind heute noch vorhanden. Der Typus des glatten, fast geschlechtslosen jugendlichen Gesichtes mit spätbarocken Schönheitspflästerchen wurde von dem Villinger Ölmüller Dominikus Ackermann um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert geschaffen. Die besondere Villinger Larventradition, von der ich schon vor mehr als vierzig Jahren fasziniert wurde, hat ihre Ursache wohl auch in der 1649 von der Stadt Villingen gegründeten Schnitzerschule.

Die Romantik, als literarische und geistesgeschichtliche Bewegung mit ihrer Hinwendung zu den deutschen Volksaltertümern, beeinflußt auch die Fasnacht. Da im Mittelalter in einigen Städten einzelne Handwerkerzünfte das Privileg hatten, die Fasnacht auszurichten (so wie die Metzgerzunft in Nürnberg und die Fischerzunft in Laufenburg), wurde vor rund 100 Jahren bei uns damit begonnen, närrische Zusammenschlüsse „Narrenzünfte- zu nennen. Die ersten organisatorischen Zusammenschlüsse zu „Narrenvereinen“ erfolgten bei uns zwischen 1840 und 1850. Diese Gründungen,die manchmal sogar „Karnevalsvereine“ hießen, erfolgten aus romantisch—revolutionärem Geist und sollten den Drang der Bürger nach Freiheit repräsentieren. Zur gleichen Zeit und aus ähnlichem Anlaß entstanden auch die Turn—, Gesang— und Musik—Vereine. Narrenzünfte gab es — wie schon gesagt — weder im Mittelalter noch vor der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Alle Zünfte dieser Zeit waren Handwerkerzünfte. Die ab 1840 entstandenen Narrenvereine änderten erst später auch unter romantischen Einflüssen ihre Namen in Narrenzünfte um.

Von Villingen aus gingen vor rund 80 Jahren die Bemühungen, das Entstehen unserer Narrenzünfte im Mittelalter zu suchen. Dieses Streben führte dann zu den Bezeichnungen „historische“ oder gar „althistorische Narrenzunft“. Hier in Villingen wurde auch vor 54 Jahren die Vereinigung „Schwäbisch—alemannischer Narrenzünfte“ gegründet, der die hiesige Zunft bis in die fünfziger Jahre angehört hat.

Wenn dagegen eine Zunft in den Archiven ihrer Stadt einen Hinweis auf ihre Fasnacht findet, so kann sie korrekterweise auf ihre Briefbögen drucken: „Erste fas-nächtliche Erwähnung im Jahre XY“, aber nicht „Gegründet im Jahre XY“ oder gar „im Jahre XY e. V.“.

Nach diesem kurzen Blick auf die Geschichte unserer Fasnacht und auf einige unkorrekte historische Deutungen nun noch ein kurzes Wort zum Entstehen von Larven und Gewändern.

Für die Entwicklung der fasnächtlichen Vermummungen, also des Gewandes, der Larve und der närrischen Attribute, sind weniger kultische, ästhetische und zeitgeschmackliche Vorstellungen entscheidend, sondern vielmehr die wirtschaftlichen Verhältnisse. Noch vor hundert Jahren waren die meisten Leute — besonders auf den Dörfern — bitterarm. Und wenn sie Fasnacht machen wollten, so durfte mindestens die Vermummung nichts kosten. Man nahm, was man im bäuerlichen oder kleinbürgerlichen Haushalt hatte, vor allem Naturalien. Vermummungen aus Stroh, Baumflechten, Schilf oder mit Nußschalen und leeren Schneckenhäusern kosteten nichts. Oder man griff in den häuslichen Flickkorb, schnitt bunte Stoffreste dachplattenförmig, viereckig, rhombisch oder rund aus und nähte sie auf einen alten Anzug, von dem sie oft nach der Fasnacht wieder abgetrennt wurden, weil der Anzug noch getragen werden mußte. Daß das Herstellen solcher billigen Fasnachtshäser sehr viel Zeit gekostet hat, spielte keine Rolle, denn die Zeit stand noch in keiner Relation zum Stundenlohn. Holzlarven wurden meist selbst geschnitzt oder, wenn sie bei einem Schnitzer bestellt wurden, bezahlte man häufig im Tauschverfahren. Anders dagegen in einer wirtschaftlich blühenden Stadt. So sind zum Beispiel von Villingen eine Fülle von Schemen aus mehr als drei Jahrhunderten erhalten, wie sie in dieser Zahl und Qualität nur in wenigen Narrenstädten vorzufinden ist. Über die heute meist mit kunstvollen Stofflarven verhüllten Gesichter wurden früher einfach schwarze Wollstrümpfe oder weiße Vorhangstücke gezogen. Noch zu Beginn unseres Jahrhunderts glichen sich die Blätzle—, Spättle—oder Fleck legewänder in allen Orten. Die lokale Differenzierung durch bestimmte Farbzusammenstellungen und variierte Schnittformen erfolgte meist erst nach der Jahrhundertwende. Auch gab es noch keine leuchtenden chemischen Farben, sondern nur Naturfarben in gedeckten Tönen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und nun aber zum Film, der von Ihrem Zunftmeister Christian Huonker wiederentdeckt wurde und dessentwegen wir heute hier zusammengekommen sind. Dieser Film aus dem Jahre 1925 ist die älteste kinematographische Dokumentation des schwäbisch—alemannischen Fasnachtsgeschehens. In Elzach und Donaue-schingen wurden erst Ende der zwanziger und Mitte der dreißiger Jahre fasnächtliche Ereignisse filmisch aufgenommen. Der Villinger Film zeigt besonders deutlich das in dieser Stadt übliche Festhalten an ererbten Traditionen: die Narren von 1925 sind bis ins Detail denen von 1978 gleich, gleich sind auch Haltung und Sprung und gleich wäre auch — wenn der Film schon einen Ton hätte — der Narrenmarsch und das Strählen. Aus dem Film zu erkennen ist auch eine alte Freundschaft der Narrenzünfte von Elzach und Villingen. Es muß für die Villinger besonders wohltuend sein, darin ihre Stadt ohne Auto zu erleben und dadurch einen freien Blick zu haben auf das alte gewachsene Stadtbild. Neben den Menschen beherrschen das Pferd und pferdebespannte Fahrzeuge die Straßen. Außer den vielen Narros sind Putzesel—Gruppen und Wueschte zu sehen, dagegen sind Stachi und Morbili noch selten. Im Gegensatz zum Sprung der Narren zeigt sich vor mehr als fünfzig Jahren ein geruhsames humanes Leben im Vergleich zum Gehetze unserer Tage.

Manch älterer Bewohner dieser Stadt wird auf dem Filmstreifen vielleicht einen längst verstorbenen Nachbar oder einen lieben Freund erkennen. So gesehen ist dieser Film nicht nur eine wichtige Dokumentation für die Entwicklung unserer Fasnacht, sondern er besitzt auch eine erhebliche stadtgeschichtliche Bedeutung, ja sogar einen noch kaum zu ermessenden Gemütswert.

Und nun, um mit Hans Rosental zu reden: „Film ab!“

Wilhelm Kutter