Buchbesprechung: Halt! Schweizergrenze!

Hermann Riedel, bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1961 Verwaltungsdirektor der Stadt Villingen, ist durch seine Bücher „Villingen 1945 — Bericht aus einer schweren Zeit „, „Ausweglos . . . ! — Letzter Akt des Krieges im Schwarzwald, in der Ostbaar und an der oberen Donau „, „Aasen — Schicksal einer Division “ und “ Marbach — Ein badisches Dorf bei Villingen im Schwarzwald “ über die Grenzen der heutigen Stadt Villingen—Schwenningen bekanntgeworden. Beim Vormarsch der Franzosen war er amtierender Bürgermeister der Stadt Villingen. Seinem energischen und mutigen Einsatz, getragen von nüchterner, realistischer Einschätzung der Lage, verdankt es die Stadt, daß damals Schaden von der Bevölkerung abgewendet wurde. Nun hat er noch einmal ein Zeitdokument verfaßt:

“ Halt ! Schweizergrenze! “

— Das Ende der 89. Infanterie—Division im April 1945 —

Von den dort geschilderten Ereignissen erfahren wir etwas über die Auflösung jener deutschen Truppen, die durch die nähere Raumschaft Villingens zogen und an der Schweizergrenze ihren Halt fanden.

In seinem Vorwort schreibt er selbst:

Nachdem die französische Coloniale—Infanterie—Division Anfang April 1945 von Karlsruhe her immer mehr die deutschen Wehrmachts—Einheiten ( die 106. Inf. Division und die Division Nr.405) nach Süden drängte, mußte auch die Division Nr. 805, die vom Kaiserstuhl bis südlich Lahr dem Rhein entlang in Stellung lag, um den 20. April herum, sich von ihren Stellungen absetzen und in den Schwarzwald zurückziehen. Dadurch mußte auch die Anschlußdivision, die 89. Inf. Division, in der die Brigaden Nr. 1005 und Baur zusammengefasst waren, ihre Stellungen am Rhein südlich Frei-burg/Br. bis Weil a. Rh. aufgeben.

Die 106. Inf. Division und die Division Nr. 405 haben sich in ihrer Mehrheit auf der Schwarzwaldhochstraße und durch das Kinzigtal zurückgezogen, wo sie von der 4. marokkanischen Gebirgs—Division und der 1. französischen Panzer—Division von Freudenstadt her entlang des östlichen Schwarzwalds überholt wurden.

In meinen Büchern „Aasen — Schicksal einer Division“ und „Ausweglos . . . ! “ (Leider sind alle genannten Titel bereits vergriffen. Die Redaktion) habe ich die Ereignisse beim Rückzug der Division Nr. 805 (352. Volks—Grenadier—Division) und der 106. Inf. Div. und der Division Nr. 405 ( 719. Inf. Div.) geschildert.

Mit der 89. Inf. Division, die bis zum 20. April im Abschnitt südlich Freiburg bis Weil a. Rh. in Stellung lag, bildeten diese vier Divisionen das XVIII. SS—AK. Bei diesen vier Divisionen handelte es sich nicht wie fälschlicherweise vermutet wurde um SS—Einheiten, sondern um reine Wehrmachts—Verbände die mit Volkssturm—Einheiten vermischt waren. Das XVIII. SS—AK unterstand lediglich dem Befehl des SS—Obergruppenführers und General der Waffen—SS Georg Keppler.

Zur Abrundung und Festhaltung der Auflösung der Verbände des XVIII. SS—AK Ende des Krieges und der sich dabei ergebenen Ereignisse habe ich mich nach mehr als 30 Jahren bemüht, auch die Auflösung der zu einer “ Kampfgruppe 89. Inf. Division “ zusammen gefaßten zwei Brigaden Nr. 1005 und Baur zu schildern.

Ich versuchte dabei, wie in meinen Büchern “ Aasen “ und „Ausweglos . . . ! “ die damaligen kriegerischen Vorgänge nicht nur von deutscher sondern auch von französischer und schweizer militärischer Seite zu beleuchten. Infolge des zeitlichen Abstandes von den Ereignissen war es sehr schwierig, von deutscher Seite persönliche Schilderungen von Offizieren und Soldaten, die an dem Rückzug der Kampfgruppe 89. Inf. Division teilnahmen, zu erhalten. Leider gelang es mir auch nicht, wie in meinen Büchern „Aasen “ und „Ausweglos . . . ! “ von französischer Seite persönliche Schilderungen von Teilnehmern an dem französischen Ein-schließungsunternehmen zu bekommen. Ich mußte auf Aufzüge aus französischen Büchern zurückgreifen, die über die in Frage kommenden Kämpfe und die militärischen Operationen berichteten…

Meine Darstellung der kriegerischen Ereignisse in den letzten Wochen des Krieges in der Südwestecke des Reiches wäre unvollständig, wenn ich nicht auch die Vorkommnisse auf dem zivilen Sektor, nämlich bei der Bevölkerung, welche in den letzten Wochen im April 1945 von dem Rückzug der deutschen Truppen, die sich in diesem Gebiet aufhielten, berichten würde …

Der Autor hat als Mitglied des Geschichts— und Heimatvereins die Redaktion des Heftes ermächtigt, in einem Vorabdruck nachstehende Leseprobe vorzustellen.

Das Buch selbst wird voraussichtlich im Mai 1981 in den Buchhandlungen erscheinen.

Leseprobe:

General der Waffen—SS Georg Keppler:

“ Montag, der 23. 4. 1945:

Besprechung mit allen dem XVIII. SS—A.K. unterstehenden Divisions— und Brigade—Kommandeuren bei mir im Gefechtsstand. Befehl über Durchbruch des Korps nach Ost—Südost in allgemeiner Richtung Allgäu herausgegeben und in allen Einzelheiten besprochen. Die Teilnahme ist freiwillig. Der aus dem Rheintal und Schwarzwald stammende Volkssturm nimmt an dem Durchbruch nicht teil, sondern wird nach Hause entlassen, soll Armbinden ablegen und nach Möglichkeit alle Pferde und Fahrzeuge mitnehmen. Jegliche Zerstörung von Kunstbauten usw. ist nach wie vor verboten und mit allen Mitteln zu verhindern. Angehörige des „Werwolf „, die den Befehlen des Korps zuwider handeln, sind notfalls rücksichtslos festzunehmen.

Der Durchbruch erfolgte in zwei Gruppen, die sich später wieder vereinigen. Nördliche Durchbruchsgruppe unter Führung von Generalleutnant Seeger mit Angriffsbeginn am 24. 4. um 19 Uhr. Südliche Durchbruchsgruppe unter Generalmajor Bazing, Antreten 4. ab Eisenbach um 18.45 Uhr, Angriffsbeginn um 21 Uhr. Korpsstab bei Südgruppe.

Um 18 Uhr Besprechung mit Kreisleitern meines Korpsbereiches mit klarer Anweisung, alle Kampfhandlungen oder Zerstörungen ihrerseits oder seitens des Werwolfs zu unterlassen bzw. mit allen Mitteln zu unterbinden. Keinen Zweifel gelassen, daß ich bei Zuwiderhandlungen die Verantwortlichen unverzüglich vor Standgericht bringen werde.“

Ritterkreuzträger, Hauptmann Fritz Hockenjos, St. Märgen/Schwarzw., Begleiter und Berater von General Georg Keppler:

“ 23. 4.:

Auch in Eisenbach herrscht (bei meiner Rückkehr am Nachmittag( Alarmstimmung. Das Korps soll nach Südosten durchbrechen, um noch Anschluß an die Truppen im Allgäu zu suchen. Der Chef, General Keppler, fragt mich um meine Meinung; ich halte das Unternehmen für sinnlos. Wir werden nicht durchkommen, der Hegau ist ein ideales Panzer— und Jabo—Gelande. Im Schwarzwald dagegen könnten wir uns noch länger halten…

25.4.

In der Abenddämmerung des 24. April treten die beiden Kampfgruppen des Korps an. Der Korpsstab befindet sich bei der Kampftruppe Süd, die über Braun-lingen — Döggingen — Blumberg — Leipferdingen auf Engen durchstoßen soll. Ich hocke beim K. G. ( Kommandierenden General Keppler) im Volkswagen, es ist mondhell und lausig kalt .. .

Kampfgruppe Nord stößt schon bei Villingen auf stärkeren Widerstand, man hört dort MG — und bald auch Artillerielärm, und der Himmel färbt sich rot … Der Korpsstab bezieht im Dögginger Pfarrhaus Quartier . . . Der Tag verläuft ruhig .. . Der Widerstand des Gegners im brennenden Behla verstärkt sich, sodaß weitere Aktionen auf die Nacht verschoben werden. Der Kampfgruppe Nord gelingt es, bis Immendingen vorzustoßen und dort einen Brückenkopf über der Donau zu bilden.

Wegen des starken feindlichen Widerstands in Behla am 25./26. April soll Leipferdingen über Fützen—Zollhaus erreicht werden. Marsch geht am Abend des 25.4. über Mundelfingen — Aselfingen — Achdorf weiter. Am Morgen (26.4.) wird Fützen erreicht … (Ich war als infanterist. Berater zu einer Flak—Kampfgruppe (Vorausabteilung) abgestellt) …General Keppler rief mich zu sich zurück, der Stab lag in Epfenhofen … Als am Abend mit dem Dunkelwerden General Keppler den Befehl gibt, sich einzeln oder truppweise durchzuschlagen und als er fragt, wer ihn begleiten wolle, melde ich mich … “

Während General Keppler sich nach Osten absetzte, ging Hauptmann Hockenjos nach Westen und kam am 13. Mai 1945 wieder in seinen Wohnort Kandern im Markgräflerland nach Hause, wo er am 11. November 1945 in Kriegsgefangenschaft geriet.

Ritterkreuzträger Major Rudolf Altstadt,

Bad Langenbrücken,

Kommandeur der Luftwaffenschule A.O.K. 19:

„Man rief mich zu einer Besprechung (wohl am 23. 4. 1945 — Der Verf.), wo man mir eröffnete, daß die alliierten Verbände bereits mit drei Stoßkeilen (den Schwarzwald ostwärts umgehend) am Bodensee angekommen seien ( ?). Die dadurch im Schwarzwald abgeschnittenen Truppen sollten in Kampf— und Troßstaffel geteilt werden. Die Kampfstaffel sollte in überraschendem Vorgehen eine Gasse durch die 3 Stoßkeile brechen, durch die die gesamte Kampfstaffel durchgezogen werden sollte. Deren Hauptziel: das Reduit im Allgäu. Von dort aus sollte dann nach Neuordnung und — Bewaffnung die Freikämpfung des aufgegebenen Raumes erfolgen. Die Troßstaffel sollte in der Gegend von Neustadt/Schwarzwald verbleiben und sich überlegenem Gegner ergeben.

Es sollte eine aus Panzern und Sturmgeschützen mit einigen Paks zusammengestellte Stoßspitze gebildet werden. Ihre Aufgabe: Aufreissen einer Gasse durch den Gegner und Durchstossen ohne Rücksicht auf Verbindung. Die nachfolgenden, nicht mehr so beweglichen Verbände sollten im Eiltransport oder Eilmärschen überschlagend—kämpfend in Richtung Reduit vordringen. Ein Feuerschlag sollte die Sache einleiten und Gegenmaßnahmen des Gegners möglichst ausschalten. Nun weiß ich nicht mehr genau, war der Durchbruch der schnellen (gepanzerten) Vorausabteilung an der gleichen Stelle oder weiter nördlich. Gehört hat man jedenfalls, daß die Alliierten überrascht wurden und sie anstandslos passieren ließen.“

Der Rückzug auf die Südbaar mit Feindberührung an der Grenze des Kantons Schaffhausen und die Auflösung der Kampfgruppe 89. Inf. Division im Randen und Wutachgebiet.

General der Waffen—SS Georg Keppler: “ Dienstag, der 24. 4. 1945:

Durchbruchsvorbereitungen. Der Feindring schließt sich enger um das XVIII. SS—A.K. — Versammlung der beiden Durchbruchsgruppen erfolgt in den Nachmittagsstunden reibungslos. Feindliche Lufttätigkeit verschwindend gering.

Angriffsbeginn erfolgt bei beiden Durchbruchsgruppen planmäßig zu den befohlenen Zeiten und voller Hoffnung. Feindwiderstand nur gering.

Mittwoch, der 25. 4. 1945:

Durchbruchsgruppe Seeger ( Nord ) meldet mittags durch Funk Erreichen der Donau und Vorbereitung zum Flußübergang. Durchbruchsgruppe Bazing (Süd) erreicht in den frühen Morgenstunden Döggingen mit Spitze. Kampfgruppe Altstadt meldet Kämpfe um Behla südlich Hüfingen.

Donnerstag, der 26. 4. 1945:

Das weitere Vorgehen der Gruppe Süd wird stark verzögert durch einsetzenden Regen, der die Wege in dem stark bergigen Gelände nördlich Fützen aufweicht und unbefahrbar macht. Die 8,8 Flakgeschütze können trotz Vorspann von 3 und 4 Zugmaschinen oder bis zu 24 Pferden die glitschigen, steilen Bergwege nicht mehr hinaufgeschafft werden. Fast alle schweren Fahrzeuge bleiben liegen, Munition und Betriebsstoff gehen zur Neige, die schweren Waffen sind nicht mehr da oder nicht mehr einsatzbereit. Stärkere Feindkräfte schieben sich näher und näher an unsere Kolonnen heran, Schüsse peitschen uns aus nächster Nähe oder von den Bergkuppen um die Ohren. Die feindliche Luftwaffe setzt in stärkerem Umfange und schließlich in rollendem Einsatz auf unsere Fahrzeugkolonnen und alle sich bietenden Ziele an und richtet Verwirrung an.

 

Die Lage wird hoffnungslos. Von der nördlichen Durchbruchsgruppe Seeger keinerlei Meldung mehr, antwortet auch nicht mehr auf unseren Funkanruf. Die Weiterführung des Durchbruchsversuches ist angesichts des Verlustes aller Voraussetzungen aussichtslos und sinnlos.

Infolgedessen mittags alle Divisions— und Brigadekommandeure zu mir bestellt. Befehl: “ Der Kampf wird abgebrochen. Alles schlägt sich truppweise oder einzeln in Richtung Osten oder Allgäu durch. Um das zu ermöglichen, wird hart nördlich Zollhaus Blumberg durch ein noch kampfkräftiges Bataillon eine breite Bresche in die feindliche Umklammerungsfront geschlagen mit starker Abschirmung der beiden Flanken, um das Ausströmen der Masse der Durchbruchsgruppe Süd aus dem Kessel zu ermöglichen. Der Krieg ist damit für uns mit dem heutigen Tage beendet. Das XVII I. SS—A.K. existiert nicht mehr. Dank an alle Offiziere, Unteroffiziere und Männer. Ein erschütternder aber notwendiger Augenblick!“…