Villingen im Zwiespalt zwischen Reichsstadt und landesherrlichem Gerichtsort

Jeder wesentliche Bezug und jede Aussage zur Villinger Geschichte hat von der Tatsache der königlich (kaiserlichen) Markt-Münz-Zoll- und Gerichtsbannverleihung vom März 999 auszugehen. Der hier wiedergegebene Festvortrag betont u. a. die Tatsache, daß ein so früher Markt normalerweise nur einer geistlichen Herrschaft verliehen wurde. Villingen machte, so weit man sieht, die erste Ausnahme.

 

Festvortrag anläßlich des offiziellen Festakts zum Zähringerjubiläum der alten Stadt Villingen, gehalten von Prof. Dr. K. S. Bader am 26. August 1978 im Theater am Ring.

Jeweils im Abstand von einigen Jahren hat Ihr heutiger Festredner in Villingen einen Vortrag gehalten, und jeweils kreiste das ihm aufgegebene Thema um Ursprung und Anfänge dieser alten Stadt. Diesmal scheinen die Akzente etwas anders liegen zu müssen: das Jahr 1278, das Anlaß zu einer geschichtlichen Betrachtung im Rahmen Ihres Zähringerfestes 1978 geben soll, besagt zunächst nichts über den Ursprung und liegt gut 150 Jahre nach der Gründung der Stadt durch die Herzöge von Zähringen. Wohl aber kann es als Markstein der inneren Stadtentwicklung angesehen werden. In einer Urkunde König Rudolfs von Habsburg vom 22. Mai 1278, ausgestellt in der von ihm gegen den Böhmenkönig Ottokar behaupteten Stadt Wien, sagt Rudolf seinen und des Reiches Städten zu, daß ihre Bürger nicht außer der Stadt vor ein Landoder Provinzialgericht gezogen werden dürfen. Zwar ist Villingen in dieser Urkunde nicht ausdrücklich genannt; da eine Ausfertigung derselben aber im Stadtarchiv Villingen liegt, nimmt die Forschung seit langem an, daß dieser Freiheitsbrief auch Villingen zugegangen sei, das der König daher als Reichsstadt betrachtet habe. Ein knappes Vierteljahr später, am 19. August 1278, lag der Habsbur-ger im Lager zu Marcheck, wo man der Entscheidungsschlacht gegen den Böhmen entgegensah. Hier ließ König Rudolf dem Grafen Heinrich zu Fürstenberg, seinem Vetter, Anhänger und Feldgenossen, urkundlich bestätigen, daß dessen Städte Villingen, Fürstenberg, Haslach, Dornstetten und nicht genannte andere mit ihren Bürgern nicht vor ein Provinzialgericht geladen werden dürften, wogegen ein Stadtbürger im Streit mit einem Auswärtigen Rechtfertigung vor dessen Gericht suchen müsse. Das mag für den unbefangenen Betrachter als eine bloße Erneuerung dessen erscheinen, was für die Reichsstädte allgemein schon im Mai verurkundet worden war. In Wirklichkeit aber tut sich hier der Zwiespalt auf, von dem im Titel dieses Vortrages die Rede ist; denn Rudolf anerkennt, ob nun durch die Kriegslage gezwungen oder gnadenhalber aus freien Stücken, daß es sich bei den genannten Städten um solche handle, die der Fürstenberger kraft Erbrechts von seinem Vater und den zähringischen Vorfahren her rechtmäßig besitze.

Der Zwiespalt taucht auch später, wie wir sehen werden, wieder auf, überdauert sogar die verhältnismäßig kurze Epoche, in der Villingen fürstenbergischer Hauptort war, um dann in habsburgischen Besitz überzugehen. Er ist zugleich aber auch weit älter und verständlich nur, wenn wir tief in die Frühgeschichte des Marktes und der Stadt zurückgehen — über einen verschlungenen Weg, den ich Ihnen aber mitbegehbar machen möchte, indem ich —in einem dem heutigen Festanlaß angemessenen Vortrag—auf wesentliche Schwerpunkte abhebe und Sie nicht mit Jahreszahlen und Einzelheiten überschütte.

I

Villingen liegt auf uraltem, in den letzten Jahrzehnten wissenschaftlich stark erschlossenem Siedlungsboden —es genügt, mit dem einen Wort „Magdalenenbergle“ an die wichtigen vorgermanischen Funde zu erinnern. An der günstigen Siedlungs- und Verkehrslage im Vorfeld des siedlungsfeindlichen Schwarzwaldes vermochte natürlich auch der Untergang der keltisch-römischen Kultur nichts zu ändern.

 

 

Urkundenausschnitt „suo loco vilingun dicto“ (in nebenstehender Urkunde in der 4. Zeile) = Graf Berthold erhält das Marktrecht… „für seinen Ort Vilingun genannt“ 2. Urk. Ausschnitt: (in nebenstehender Urkunde in der 5. Zeile) „Hildibaldus comes“ Graf Hildibald. Der Name ist hier bildhaft betont, weil nach dem damaligen Recht Hildibald und nicht Berthold diese Königsrechte, Regalien, „für seinen Ort… „hätte erhalten sollen.

 

Ein gewiß schon im 6. Jahrhundert vorhandener alemannischer Hofverband ist in einer Urkunde Kaiser Ludwigs des Frommen von 817 — ad Vilingas — neben Orten der näheren und weiteren Umgebung genannt; wenn hierin Einkünfte aus dem Königsgut an das Kloster St. Gallen gegeben werden, so liegt ein bedeutsamer Hinweis dafür vor, daß schon in karolingischer Zeit die Zentralgewalt in unserem Raum Interessen zu wahren hatte.

Weit wichtiger ist dann aber jene auch für die allgemeine Verfassungsgeschichte bedeutsame Urkunde von 999, in der Kaiser Otto III. dem Grafen Berthold das Recht verleiht, in Villingen einen Markt zu errichten. Hier wird direkt das königliche Marktregal berührt, von dem Kaiser und Könige jener Zeit fast ausschließlich zu Gunsten geistlicher Fürsten Gebrauch machten. In Villingen aber erhält dieses Recht, „publicum faciendi et construendi merkatum cum moneta, thelonio“ etc. — öffentlichen Markt mit Münz- und Zollrecht zu errichten — nicht der in der Kaiserurkunde genannte Graf Hildibald für seinen Amtsbereich, sondern auf Veranlassung des Herzogs Hermann der Graf Berthold, einer der am frühesten klar erfassbaren Zähringer. Für den Markt sollen die Befugnisse maßgeblich sein, die den Märkten von Konstanz und Zürich zukommen. Wir wollen die üppige Literatur, die sich um diese Villinger und andere Marktgründungen des 10. und 11. Jahrhunderts angenommen hat, nicht vermehren, obwohl und gerade weil darin noch zahlreiche Fragen offen bleiben. Vielleicht ist, wenn Villingen im Jahr 1999 das Tausendjahrjubiläum der Marktgründung in gewiß gebührender Form feiert, der dann aufzubietende Rechtshistoriker in der Lage, bessere Aufschlüsse zu geben. Er wird sie vermutlich, da neue Urkundenfunde nicht zu erwarten sind, der fortschreitenden Mittelalter-Archäologie verdanken.

Daß der alte Ort Villingen mit seiner noch bis in die städtische Zeit hinein Pfarrechte bewahrenden Kirche „im Altdorf“, also links der Brigach lag, ist unbestritten. Gilt das aber in allen Stücken auch für den Markt von 999? Das ist herkömmliche Meinung, gegen die ich Bedenken habe. Zunächst kommt es darauf an, was man sich unter einem mercatum-Markt am Ende des ersten Jahrtausends vorzustellen hat. Ganz gewiss noch keine Stadt, keine feste Daueranlage. Wohl aber glaube ich, nach neueren Funden und Beobachtungen sagen zu können, daß für diesen Markt gewisse Unterkünfte nötig waren und daß man dafür auch die räumlich günstigere Lage rechts der Brigach herangezogen hat. Ob dort auch schon eine —nennen wir sie einmal so — Marktkapelle vorhanden war, müssen sorgfältige Untersuchungen unter dem heutigen Münster und in jenem nicht in den zähringischen Straßenplan passenden Häuserkonglomerat erweisen. Die zäh-ringische Stadtanlage wäre dann nicht so exorbitant neu und geschlossen, wie man noch zu Paul Revellios Zeiten gemeint hat.

Das ändert aber nichts daran, daß die zwischen 1100 und 1120 anzusetzende Gründung der Stadt ein kühner planerischer und vor allem ein entscheidender Rechtsakt war. Die Zeugnisse für das 12. Jahrhundert fallen außerordentlich schwach an. Aber es ist ebenso gewiß, daß sich bereits in dieser Zeit, also in der eigentlichen zähringischen Epoche, vor und nach der Aussteckung der Stadt, vielerlei geändert hat. Aus der „villa“ Villingen von 1090 wird die „civitas“, also ein Ort mit Bürgergemeinde, auch vom „oppidum“ und „castrum“ ist nun die Rede. Auffällig ist und bleibt, daß uns — im Gegensatz zu Freiburg i. Br. — kein über eine chronikalische Spätnotiz hinausreichendes schriftliches Zeugnis für die Stadtgründung vorliegt. Persönlich bin ich der Meinung, daß diese Stadterhebung derjenigen von Freiburg vorangegangen ist. Dafür spricht, neben einer sonst nicht bezeugten chronikalischen Notiz zum Jahr 1119, der gesamte Weg, den das Haus Zähringen bei seinem Standortwechsel aus dem inneren Schwaben an den Oberrhein genommen hat: ein allmähliches Fortschreiten in der Überwindung der sogenannten Schwarzwaldbarriere. Läßt man Rottweil als unsicheren Zähringerposten für einmal beiseite, dann ging es doch den Zähringern darum, zunächst den Altbesitz an der östlichen Schwarzwaldabdachung zu sichern. Das würde aber zugleich bedeuten, daß das vielgerühmte Freiburger Straßenkreuz nicht auf Villingen übertragen worden ist, sondern eine originäre Schöpfung des Gründergeschlechts vorliegt. „Straßenkreuze“ gibt es im übrigen nicht nur im zähringischen Bereich, und man muß sich fragen, wie eine Stadt, wo nur die geographische Lage es zuließ, ohne ein solches Straßenkreuz auskommen könnte.

Für unser Thema von Belang ist aber auch, daß neben dem Zähringer Grundbesitz, ohne den es nicht zu Stadtgründungen hätte kommen können, stets auch Reichsrechte vorhanden waren. In der Zeit der Salier wird darüber nichts berichtet. Als aber der Konkurrenzkampf zwischen Staufern und Zähringern begann, als die Titularherzöge nach einem handfesten staufischen Herzogtum die Hand ausstreckten, wird der Kampf, zumal in der Zeit von Friedrich Barbarossa, offenkundig. Beharrlich setzen die Zähringer, vor allem im kirchlichen Bereich, ihre Bemühungen fort, Villingen als zähringisches Hausgut, als Allod im Sprachstil der Zeit, erscheinen zu lassen. Ebenso aber schimmert das durch die Staufer vertretene Reichsinteresse durch. Ob diese Ansprüche sich noch auf die Marktgründung, und damit auf das Marktregal, stützen, oder ob andere handfeste Tatsachen mitgewirkt haben, bleibt bloßer Vermutung überlassen. Daß der Staufer Friedrich II. alsbald nach dem Aussterben der Zähringer 1218 mit allen Reichslehenschaften auch Villingen an sich zog, spricht dafür, daß man im Reich gute Gründe dafür hatte, Villingen, zähringische Stadtgründung hin oder her, als Reichsstadt anzusehen.

 

Urkunde, ausgestellt Wien 1278, Mai 22. Neben den Reichsanliegen König Rudolf erneuert die früher von ihm seinen und des Reiches Städten gegebenen Freiheit, daß kein Bürger derselben vor ein Provinzialgericht geladen werden darf, aber auch die Bestimmung, daß ein Stadtbürger im Streit mit einem Auswärtigen die Rechtfertigung vor dessen Gericht suchen muß. — Königliches Majestätssiegel von Wachs, gut erhalten. Orig. Pergament, Lit. A, Stadtarchiv Villingen.

 

Neben den Reichsanliegen mögen dabei auch höchst verworrene erbrechtliche Zusammenhänge eine Rolle gespielt haben, die Villingen nicht nur als Reichs-, sondern auch als staufisches Hausgut betrachteten. Jedenfalls vermochten die zähringischen Allodialerben, für den rechtsrheinischen Teil des sogenannten „Staates der Herzöge von Zähringen“ die Grafen von Urach-Freiburg, ihre Ansprüche auf Villingen zunächst nicht durchzusetzen. Von 1218 an gilt Villingen für die staufische Seite und für ihre Anhänger bis in die Zeit des Interregnums als Reichsstadt. Die Grafen von Urach-Freiburg, nach einer Teilung des altzähringischen Erbes dann die ihnen blutsverwandten Grafen zu Fürstenberg, als solche erst um 1250 ausgewiesen, hören ihrerseits nie auf, ihre Rechte zu betonen.

Einstweilen, nach 1218, sitzen die Staufer am stärkeren Hebel. Schon 1219, also ein Jahr nach dem Tod des letzten Zähringerherzogs, verfügt König Friedrich II. über eindeutig zähringisches Gut in der Umgebung von Villingen. In der Stadt selbst wird eine Art Reichsstatthalter-schaft eingesetzt: 1225 erscheint Konrad Schenk von Winterstetten, der bekannte staufische Reichsministeriale, als derjenige, „qui civitatem Villingin auctoritate regis . . . procurat“, also als der Verwalter des zu jener Zeit vom König gehaltenen Villingen. Als Zeuge tritt dabei für die civitas, die Bürgergemeinde, ein anderer Konrad als „scultetus“= Schultheiss — Reichsschultheiss dürfen wir sagen — auf. Andererseits behaupten die Zähringererben hartnäckig ihr innerhalb und außerhalb der Stadt gelegenes Hausgut. Es ist wahrscheinlich, daß beide Teile, Stauferkönig und gräflicher Landesherr, sich jeweils im Recht wähnten; ebenso wahrscheinlich und sogar sicher, daß die Rechtsverhältnisse mehr als unklar waren.

Nun kommt aber hinzu, daß zwischen den beiden Gewalten selbst stark wechselnde Beziehungen bestanden: ein getreues Spiegelbild der großen Spannungen, die zwischen Kaiser und Papst bestanden. Die Parteinahme der Urach-Freiburger wechselt; sie setzten auf die jeweils ihnen günstigere Seite. Kein Zweifel, daß die Stadt selbst mehr auf der Seite des Kaiser-Königs stand. Einen Rückschlag für die reichsstädtisch gesinnte Partei der Bürgerschaft bedeutete es, daß der im Streit mit seinem Vater Friedrich liegende König Heinrich zeitweise den auf der Burg Zindelstein im Bregtal sitzenden Grafen Egen begünstigte, und in den nächsten zwei Jahren hielt man es in Villingen dann vorsichtigerweise mit dem abtrünnigen Staufer Friedrich. Als dessen Sterne sanken, zog der zweite Kaisersohn Konrad Villingen wieder näher an das Reich. In den Reichsmatrikeln blieb Villingen während der ganzen Streitereien als Reichsstadt eingetragen. Noch 1249 verfiel die Stadt dem päpstlichen Interdikt, weil sie zu den Begünstigern („fautoribus“) des seinem Lebensende sich nähernden Kaisers Friedrich gezählt wurde.

II.

Den Umschwung brachte denn auch der Tod des alten Kaisers. Jetzt traten die Egoniden, nunmehr in der Person des Grafen Heinrich zu Fürstenberg, unverblümter hervor. Wir finden den Grafen 1251 selbst in der Stadt. Fast Jahr für Jahr nimmt er dort wichtige Rechtshandlungen vor. Er stiftet und begabt das Johanniterhaus in Villingen, das der Stadt nicht immer reine Freude bereitete, da es sich der Gerichtsbarkeit und Steuerhoheit zu entziehen suchte. Später kommen die Franziskaner an die Reihe, um 1270 erfolgt die Einrichtung des Spitals zum Heiligen Geist. Graf Heinrich und seine Gemahlin tragen zum Ausbau des Münsters bei und stiften den berühmten Fürstenbergkelch. Der Graf findet seine Grabstätte in „seinem“ Münster und gibt damit über seinen Tod hinaus deutlich zu erkennen, daß er Villingen als Mittelpunkt und Hauptort seines werdenden Territoriums betrachtet. Das Interregnum begünstigte diese Vorstöße. Der Graf zu Fürstenberg tat es in diesen Jahrzehnten ja nur den anderen gleich, wenn er Rechte des Reiches, in unserem Fall zudem noch höchst umstrittene, an sich brachte.

Und nun sind wir bereits in der Epoche angelangt, in die unsere eingangs erwähnten Urkunden fallen. Als Parteigänger und Sippengenosse des ersten deutschen Königs aus dem Hause Habsburg mochte Graf Heinrich wohl mit der Hilfe des neuen, von staufischen Denkformen sich entfernenden Reichsoberhaupts rechnen. Der König, selbst Abrundungen familiären Hausbesitzes bekanntlich nicht abgeneigt, geriet aber selbst in den Zwiespalt, den die Reichslage mit sich brachte. Seinem Programm mußte es entsprechen, während der „kaiserlosen, der schrecklichen Zeit“ entfremdetes Reichsgut zu vindizieren. Er hat das mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit, auch Waffengänge nicht scheuend, getan. Jetzt, kaum daß er den Reichsstädten Schutz und Befreiung von landesherrlicher Bedrängnis garantiert hatte, muß er seinem Vetter und Waffengefährten, um ihn bei der Stange zu halten, Reichsstädte — oder doch Städte, die wie Villingen als Reichsstädte galten — opfern und sie als Eigenstädte anerkennen. Die Befreiung von fremder Gerichtsbarkeit kam im Falle Villingens ja letztlich dem Grafen zu Fürstenberg zugute, in dessen faktischer Gewalt die Stadt stand. Immerhin mochte das Stadtgericht gestärkt aus dem Handel hervorgehen, da es von Eingriffen Auswärtiger geschützt wurde. Das Privileg vom 19. August 1278 blieb denn offenbar auch nicht unangefochten. Es meldeten sich in einem Jahrzehnt, da die Formel „Kaiser und Reich“ an Inhalt gewann, aus dem Fürstenstand Stimmen, die sich gegen die Preisgabe der Reichsstadt wandten.

 

Pergamenturkunde, ausgestellt im Lager von Marcheck, östlich von Wien, 1278, August 19, vor der Entscheidungsschlacht gegen König Ottokar von Böhmen. — König Rudolf erneuert und bestätigt dem Grafen Heinrich — „nos ipsius comitis Heinrici“ — nos ipsius, eine Formel, die besondere Verbundenheit zum Ausdruck bringt — für dessen Städte Villingen, Fürstenberg, Haslach und Dornstetten die Befreiung von auswärtigen Gerichten.

 

 

Villingen aus der „Vogelperspektive“ im späten 17. Jahrh. (Gumpp ’scher Plan). Wie selten in alten Städtedarstellungen und Stichen ist die ganze Fülle der mittelalterlichen Stadt ausgebreitet. Die Kunst, die ganze Stadt von oben zu sehen ist selten, selten auch die Stilisierung und Realitätsschilderung in Harmonie zu bringen, was jedoch oft mißverstanden wird, so z. B., daß der Nord- und Südteil halbiert ist, was der Wirklichkeit in Villingen nicht entspricht. Unerklärt bis heute die dreifache Befestigung, die besonders an Vortoren und den Türchen des Walles reizvolle Formen zeitigt.

 

Aber schließlich gingen die sogenannten Willebriefe, d. h. die Zustimmungserklärungen der Kurfürsten ein, wenn auch einer von ihnen, der Erzbischof von Mainz, sie offensichtlich widerwillig und nur unter dem Zusatz, daß Villingen kein Präjudiz bedeuten solle, gab.

Um allen Vorwürfen zu entgehen, die sich trotzdem meldeten, griff der König fünf Jahre später zu einem, in der Reichsgeschichte des Spätmittelalters nicht selten angewandten Mittel. Er holte auf einem Hoftag die Genehmigung dafür ein, daß er den Grafen Heinrich zu Fürstenberg mit den Städten Villingen und Haslach belehnte. Damit war das Obereigentum des Reiches gewahrt. Beim Stand des Lehnswesens am Ende des 13. Jahrhunderts bedeutete die Belehnung aber, daß der Lehnsmann, also Fürstenberg, alleiniger und erblicher Inhaber der Stadt war und blieb. Kurz zuvor hatte der König in einem rechtshistorisch schwer einzuordnenden Hoftagsbeschluß potentielle Konkurrenten des Fürstenbergers, die Grafen von Sulz und deren Partner, die Freiherren von Wartenberg, dazu vermocht, die Landgrafschaft in der Baar dem Hause Fürstenberg zu überlassen, und derselbe Hoftag faßte den allgemein reichsrechtlich verbindlichen Beschluß, daß keine Grafschaft im Reich ohne Willen von Kaiser und Ständen geteilt werden dürfe.

Seit 1283 war also Villingen, wie es schien, fest in fürstenbergischer Hand. Der alte Wunsch der Villinger, Reichsstadt zu sein und zu bleiben, erhielt sich jedoch bis über das Jahr 1326 hinaus, als König Albrecht die Stadt in deren Streit mit den gräflichen Stadtherren von Fürsten-berg-Haslach in seinen Schutz nahm. Der Schutz fiel allerdings more Austriaco aus: Villingen wurde österreichische Landstadt. Das reichsstädtische Bewußtsein flackerte jedoch immer wieder von neuem auf — so bei Versuchen der Stadt Villingen, mit den Reichsstädten Rottweil und Schaffhausen Bündnisse zu schließen; so nochmals 1415, als das Konzil von Konstanz den habsburgischen Stadtherrn in die Acht erklärte. Wenn links des Rheines die Eidgenossen diese Gelegenheit dazu benützten, die Reste althabsburgischen Besitzes im Aaareraum an sich zu bringen, blieb das Ereignis in Villingen Episode: nach wenigen Monaten fand diese kurze und letzte Villinger Reichsfreiheit ihr Ende, und schließlich wurde Villingen ein besonders treues Mitglied Habsburg-Österreichs in deren Vorderen Landen, bis das Napoleonische Zeitalter zu einer Neuordnung Europas ansetzte.