Anton Berin (Dr. Josef Fuchs)

„Heimsuchung“, die beiden markanten Frauengestalten hat A. B. vor einer herrlichen Landschaft in dieser Art unnachahmlich dargestellt. Es ist das obere Altarbild eines Seitenaltars aus der Villinger Franziskanerkirche, die um 1827 profaniert wurde.

 

In den „Kunstdenkmälern des Kreises Villingen“, bearbeitet von Franz Xaver Kraus, sagt der dort nicht angegebene Verfasser, wahrscheinlich Geheimrat Prof. Roder, der zu jener Zeit Archivar in Villingen war, daß die Zeit des 17. Jh. die schwerste und zugleich ruhmreichste Zeit der Stadt gewesen sei. Der 30jährige Krieg hat den Blick der europäischen Geschichte zeitweise auf Villingen gelenkt, und die erfolglose Belagerung des 70 Jahre nach den Belagerungen des 30jährigen Krieges ausgebrochene spanische Erbfolgekrieg schließt diese ruhmvolle Epoche der Stadt ab. Gerade diese Jahre aber sind es, in denen die Kunst in der Stadt weithin ruht und kein Vertreter der sonst so bekannten Villinger Maler, Bildhauer, Hafner u. a. tätig bzw. feststellbar ist.

Anders die Zeit des eigentlichen Barocks, das mit Josef Anton Schupp und Johann Sebastian Schilling eine künstlerische Schaffensperiode einleitet, die noch nicht genügend im Lande gewürdigt ist, hat Schupp doch im ganzen südwestdeutschen Raum bis in die Schweiz hinein seine vollendeten Arbeiten hinterlassen und hat Villingen nicht nur in Villingen und Südwestdeutschland, sondern z. B. in bayerischen Klöstern und Münchner Kirchen seine an die Seite der großen Barockmaler zu stellenden Bilder gemalt. Letzteres ist in Villingen bis heute nicht bekannt gewesen.

 

Die Zeit vor dem 30jährigen Krieg ist bisher sowohl von Roder wie von Revellio in den Künstlern Hans Kraut, Hans Amann, dem Goldschmied der Bürgermeisterkette, Anton Unger, den Glockengießern Reble und Grüninger u. a. Künstler bereits gewürdigt worden. Weniger bekannt jedoch ist der erste Maler Villingens, der mit seinem Werk identifizierbar ist, Anton oder Antoni Berin (um 1570 geboren und wahrscheinlich 1623 gestorben). Wieweit können wir diesen Künstler näher treten, und wie weit läßt sich dessen heute noch erhaltenes Werk zusammentragen und interpretieren? Revellio kommt das Verdienst zu, in seinen „Beiträgen“ vor allem Berin als Schöpfer der Villinger Pürschgerichtskarte vom Jahr 1607 ausgewiesen zu haben. Er ist es auch, der eine kurze Zusammenfassung dessen gab, was bis vor einigen Jahren noch über Anton Berin bekannt war. Versuchen wir zuerst, ein weniges über sein Leben zu sagen. Die Quellen des Villinger Stadtarchivs und Pfarrarchivs, welche über ihn etwas aussagen, sind Taufbücher, Ratsprotokoll-bücher, Hexenprozeßprotokoll und Musterrodel. In den Taufbüchern ist Anton Berin zwischen 1611 und 1621 16 mal als Taufpate genannt worden zusammen mit verschiedenen Frauen. Es würde sich lohnen, der Familienforschung sowohl der Mitpatinnen wie der Familien nachzugehen, für die er Patenschaft übernommen hat. Daß er fast in jedem dieser 16 Einträge etwas anders geschrieben wird, z. B. Antony Böring, Antonius Berum, Anton Perin, Anteino Berin, Antonius Peryn, Antoni Pering u. a. Schreibung, läßt auf die Lebhaftigkeit und weniger auf Konsternität seiner Zeit schließen. Letzteres jedoch müßte mit einem Blick auf die 3. genannte Quelle, das Hexenpozeßprotokoll vom Jahr 1626 über Elisabeth Schwarzin, eingeschränkt werden, wo gesagt ist, daß diese Elisabeth Schwarz durch Anhauchen und Anblasen Leuten, so auch Anton Berin, vor 5 Jahren tödliche Krankheiten beigebracht habe. Wir kennen weiter keinen Hinweis über seine Geburt und seinen Tod, als diese mysteriöse Angabe, die vielleicht darauf schließen läßt, daß Anton Berin an einer epidemischen Krankheit gestorben ist. Wir wissen in Villingen vor allem durch die Einträge in die Elenden Jahrzeitstiftung, wieviele Epidemien hier geherrscht haben. Mehr über sein Leben sagen die Muster- oder Musterungsrodel der Zünfte aus, wo Berin jeweils vom Wehrdienst und von allen Lasten, z. B. der Steuerzahlung, freigesprochen wird. Diese Befreiung wird nur sehr verdienten und hochgestellten Bürgern in Villingen zuteil und darf nicht zu dem Schluß verleiten, daß Berin, wie wir heute sagen würden, wehruntauglich oder sogar arm gewesen wäre. Vermutlich wird das Verhalten seiner Frau, die am 1. 4. 1610 und wieder 7 Jahre später mit zwei anderen Frauen zusammen „ihres sinnlosen Fressens und Saufens und ungebührlichen Verhaltens wegen“ vom Rat gerügt werden muß, dem Meister einige Unbill eingetragen haben.

„Verkündigung“, in diesem formal reichen und doch ruhig und fein komponierten Gemälde ist Albrecht Dürer als Vorbild augenfällig zu spüren.

 

Inwieweit er evtl. selber das vitale und vielleicht ausschweifende Leben eines Renaissancemenschen geführt hat, vermögen wir nicht zu sagen. Mag sein, daß die zeitweise Derbheit und Vitalität seiner Malweise in späteren Jahren vielleicht auf solche Lebensweise schließen läßt. Doch diesbezüglich tappen wir völlig im Dunkeln. Es kann auch sein, daß rein künstlerische Krisen und Einflüsse dies bewirkt haben.

Der vorige Hinweis, Berin sei wohl kein armer Mensch gewesen, kann durch eine Akte belegt werden, die einen Vertrag zwischen dem „geistlichen gnädigen Herrn Prälaten zu St. Blasien“ (Abt) und ihm darstellt. Es heißt in diesem im Generallandesarchiv Karlsruhe befindlichen Vertrag, dem einzigen, den wir von Anton Berin kennen, folgendermaßen: Am 10. Tag des Dezember 1618 ist in St. Blasien mit Anton Berin, Maler und Abconterfetter zu Villingen, wegen Lausheim mit dem genannten Prälaten durch den geistlichen Herrn Georg Weißer, Conventual und Abrechner des Klosters, und Christian Pfister, Pfarrverweser in Lausheim, abgeschlossen worden, “ erstlichen soll Berin in der Kirchen Lausheim ein Chorblatt laut Weisung machen in das große Blatt die Krönung Mariae der Jungfrauen“. Möglicherweise hat diese Krönung Mariae ähnlich ausgesehen wie diejenige, welche uns im Franziskanerkloster erhalten ist und die in unserem Museum zu sehen ist, allerdings hier als eine Art Votivbild für den Ritter Hans III. von Karpfen, der mit seiner Gemahlin, Tochter und Sohn auf dem Votivbild kniend, im Hintergrund seine Burg Hohenkarpfen, abgebildet ist. Revellio, der diese Angabe macht, gibt die Quelle hierfür nicht an. Wir haben keine Belege für die Bestellung dieses Bildes, das uns lediglich außer der genannten Geschäftsverbindung mit dem Kloster St. Blasien ein wertvoller Fingerzeig für seinen über die Stadt hinaus erweiterten Wirkungskreis gewesen wäre.

Anton Berin scheint ähnlich wie z. B. Hans Kraut, den er noch persönlich gekannt und erlebt hat, nachweisbar im Auftrag der Klöster gearbeitet zu haben. Wir wissen ja von Hans Kraut, daß die beiden noch erhaltenen Ofen von Klöstern bestellt worden waren. Wir sind deshalb besonders dankbar, daß die Pfarrei Emmingen ab Egg zwei Gemälde Berins auf Holztafeln bewahrt hat, die unser Maler für das Kloster Amtenhausen geschaffen hat. Wieviel er für dieses bedeutende Frauenkloster geschaffen hat, vermögen wir heute noch nicht zu sagen. Die beiden Tafeln weisen von der Form her darauf hin, daß sie als eine Art Täfelung, vielleicht im Klosterbau selbst, vielleicht in der Sakristei der Kirche oder in der Kirche direkt angebracht waren. Die Arbeiten sind ein Hinweis, daß Berin mit den Benediktinern in Verbindung gestanden hat. Obwohl der Tagebuchführende Abt Michael Gaisser, ein Freund des Malers und Zeitgenossen Karlin Stetter, des Malers des Alten Rathauses in Villingen (Treppenhaus und Ratslaube), war, hat er eine Vermittlerrolle zu dem unter seiner Aufsicht stehenden Kloster Amtenhausen nicht abgelehnt und durch die Erhaltung der genannten „Sibylla und Antonius Tafel“ ist ein weiterer Hinweis auf seine Verbindung und Tätigkeit vorhanden. Die Chronik von Emmingen ab Egg sagt aus, daß der Erbprinz von Fürstenberg im Jahre 1850 der Gemeinde Emmingen a. E. die Renaissancealtäre der Amtenhausener Kirche u. a. vermacht hat und die Emminger Bauern schon einige Tage nach dieser Dedikation mit dem Abreißen Amtenhausens begannen. Ein kleiner Blick in die Zeitläufte und das Schicksal einst berühmter geistiger und künstlerischer Zentren: Gerade Amtenhausen wird uns wegen der spätgotischen Holzplastiken, die das Museum von der Münsterpfarrei erhalten hat, noch beschäftigen müssen.

Man ist gewohnt, die Epoche der Renaissance nahezu ausschließlich als Wiedergeburt zu betrachten, vergißt dabei aber, daß in ihr der neutestamentliche Wiederge-burtsbegriff, der bei Joachim von Fiore und Franz von Assisi eine aktuelle Bedeutung gewonnen hatte, sowohl als ethisch-religiöses Moment (Dante und seine Nachwirkung) wie als älthetisch-literarisches Moment (Petrarca), oft in gegenseitiger Verbundenheit, auftrat mit Rom als Symbol antiker wie christlicher Erneuerung. Dabei wird der Maler Giotto als Bahnbrecher gefeiert; er gilt als der 1. Vertreter der perspektivischen Malerei, die besonders auch unser Berin meisterhaft beherrscht und angewandt hat.

Man kann aus diesen wenigen Andeutungen ersehen, wie dicht die schöpferischen Verwandtschaften und Abhängigkeiten der mittelalterlichen und neuzeitlichen Kultur, Kunstinhalte und Formen beieinanderstehen. Es läßt sich nicht übersehen, daß franziskanischer Geist wirksam wird und die Thematik Berins, Geschehnisse um die Geburt Christi, sowohl von Dürer (z. B. Marienleben) als von den Franziskanern her zu verstehen sind.

Gerade letztere Frage ist für die lokale Kultur- und Kunstgeschichte am Ort von besonderem Interesse, weil sich das Problem der Wirkung Berins auf Um- und Nachwelt von selbst stellt, die sich aber auch vom erhaltenen Werk her aufdrängt. Ohne Beispiele, d. h. ohne Ausstellung ist dies nicht deutlich zu machen.

Aus diesem Grund auch hat sich der Vorstand des dieses Heft herausgebenden Vereins entschlossen, in der Wiedergabe von Abbildungen großzügig zu verfahren. Am Dreikönigstitelbild ist nicht nur die Farbenpracht des Meisters, sondern gerade die großartige „perspektivische“ Architekturmalerei zu bewundern. Auch ein Spiegelbild der alten Villinger Kultur.

Josef Fuchs

 

„Geburt Christi“, ein sehr beliebtes Thema des Meisters. Der Mann in der linken unteren Ecke dürfte A. B. selbst sein. Hirten hat B. auch sonst häufig dargestellt. Man könnte dieses Bild kennzeichnen: „Hirten vor dem Kind mit Dudelsack“.

 

Antony Berin als Pate

Villinger Taufbuch:

1611 5. V. ist Pate (im Taufbuch I.) „Anthony Börin“ (-zusammen mit Jgfr. Magdlen Wydmännin – bei Kind Anna des Lorenz Hüenner und der Barbara Hugerin).

1611 16. V. ders. zus. mit Lucia Weiglerin (Wwe des Mich. Schwert) bei Kind A. M. des Jörg Rüeder und Christina Deckherin.

1612 14. II. wieder P: Anthonius Berum (zus. mit Anna Häsin bei Joh. des Nicol… und der Maria Essich).

1612 Nov. P: Anthoni Perin zus. mit A. Kath. Strythin bei x Kath. des Andr. Wyß und Kath. Käferin).

1613 29. II. P: Anthaino Berin (zus. mit Hel. Widmannin bei Joh. des Laur. Hierer (Hieurer) und Barb. Hugin.

1613 5. XI. P: Anthonius Perin conterfeitter (zus. mit Verena Wildhölze in bei x Elis. des Jac: Rieckger wissgärber und Ag. Techbergerin).

1614 12. VI. P: Anthonius Peryn conterfitter (zus. mit Euphros. Häfelin Johklr. des Joh. Klr. Christan/ M. Neugärtner).

1615 23. VII. P: Anthoni Böring (mit Eva Grün u. Anna März b. d. x M. Magd. und Anna des Sebast. Noll/Urs. Schlenker).

1616 18. V. P: Antoni Bering (zus. mit Barb. Kögelin bei x dor. des Andr. Weiss und Anna Limperger).

1616 8. X. P: M: Anthoni Pering (mit Fraw N. Widmännin bei x Martin des Laur. Miener u. Rosina Warm)

1617 20. V. P: Anthonius Berinn (mit Agn. Köglerin bei x Bernh. des Jac. Gluri u. d. M. Hailer).

1618 3. II. P: Anth. Bering (u. Agnes Kelmeyerin bei x Judith des Christop Tober u. Anna Neydinger).

1618 18. VI. P: Anthonius Bering (mit fraw Anna Wittmännin bei x Laur. des Laur. Hener u. d. Rosina Warm).

1619 31. VII. P: Anthonius Pering conterfeüter (u. frow Widmännin bei x Barb. des Laur. Huener/Rosina Warm)

1620 9. II. P: Anthonius Bering (mit Elis. Schutz bei x Tobias des Petrus Kaz u. d. Anna Kätterin).

1620 24. X. P: Johannes Bering (u. Anna Widmännin bei x Laur des Laur. Hierer).