Die Villinger Passion (Antje Knorr)

 

Eine handschriftliche Seite aus „Der Villinger Passion“, wie sie im Stadtarchiv aufbewahrt ist. An den Einteilungsworten „Actus (pri)lmus“ und Regieanweisungen in lateinischer Sprache darf man die Mitwirkung oder Verfasserschaft von Mönchen vermuten.

 

Literarhistorische Einordnung und erstmalige Herausgabe des Urtextes und der Überarbeitungen von Antje Knorr

Besprochen von J. Fuchs

Es erscheint notwendig, auf die Tatsache des Bestehens der „Villinger Passionsspiele“ bis zum Verbot durch Kaiser Joseph II. im Jahre 1773 hinzuweisen. Die Bedeutung dieser religiös-kulturellen Erscheinung im alten Villingen, die Tatsache des Mysterienspiels „Der Villinger Passion“ ist zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Was heute im alten Villingen und vielen Bewohnern noch lebendig ist, ist die Tatsache, daß alljährlich, wenn in der Stadt in vielen Häusern die Großkrippen aufgestellt werden, „d’Wihnächte“ genannt, von den „Gullerfiguren“ aus Ton und farbglasiert, die Rede ist.

Der „Guller“, Dominikus Ummenhofer, hat offenbar den Hahn der Passionsspiele gespielt bzw. den Hahnenschrei losgelassen. Und mit der Anachronie des Verbotsjahres 1773 und der Lebenszeit des „Guller“ haben wir ein zweites Phänomen in Villingen, das auch nicht vergessen werden sollte, daß im 19. Jh. durch Wanderbühnen in Villingen Passionsspiele aufgeführt wurden. Anzeigen davon sind in den frühen Ausgaben des „Schwarzwälder“, der bei Ferdinand Förderer in Villingen erschien und gedruckt wurde, zu finden.

Damit wären wir auch bei der „Villinger Passion“, die nicht „Die Villinger Passion“, sondern mit dem maskulinen Artikel, „Der Villinger Passion“, bezeichnet wird.

Wir stehen mit unserem Bericht vor der Schwierigkeit, die große Vielgestaltigkeit dieses Dramas in Kürze vorzustellen, desgleichen vor derselben Unmöglichkeit, die erschöpfende wissenschaftliche Arbeit der Germanistin Antje Knorr angemessen zu würdigen. Die Verfasserin hat die literaturgeschichtlichen Zusammenhänge gleichermaßen wie die mundartliche Einordnung zum Villinger Dialekt um 1600 wie die Beschreibung der beiden Handschriften, sodann die Aufführung selbst mit Bühnenplan, Ort der Aufführung, Aufführungsstil aufgezeigt und behandelt. — Desgleichen hat die Autorin es unternommen, innerhalb ihrer Arbeit bzw. im 2. Teil den Text aufgrund der beiden erhaltenen Handschriften, zu veröffentlichen. S. 17, Abschnitt II, 2 Inhalt der Villinger Passion — gibt sie den Umfang an: „Die Handschrift 138 a, b des VP überliefert uns die erste Fassung des Spiels fast vollständig. Nur drei relativ geringfügige Lücken finden sich darin: Im Prolog der ersten Spieltages fehlen ca. 11 1/2 Verse (zwischen Vers 6 und 7), im Epilog dieses Tages fehlt höchstens ein Blatt Text, wahrscheinlich weniger (nach V. 4071), und im Epilog des zweiten Tages ist der Schluß verlorengegangen (nach V. 7339). Die Zahl der uns erhaltenen Verse beläuft sich auf 7339; der Villinger Passion wird also, wenn man die Lücken mit berücksichtigt, etwa 7400 Verse gezählt haben. Das ist für einen Passion des 16. Jahrhunderts auf deutschem Boden eine normale mittlere Länge.

Nun wären insbesondere die Fragen der Aufführung, Ort, Dauer und der Aufführungsstil von Belang. Sehr spannend die Frage der Zahl und Personen der Mitwirkenden, auch Villinger Namen sind zu finden, sowie der Textumfang, der dem einzelnen zugemutet werden konnte, zu lernen.

Am meisten könnte vielleicht — aber nur vielleicht —hier am Ort interessieren, wie der Villinger Dialekt in der Passion in Erscheinung tritt. Man spürt beim Lesen der Darlegungen der Autorin die Schwierigkeit, mit der Klangform der Zwischenlaute des örtlichen Dialekts zurechtzukommen. Sie nennt eine Reihe von Beispielen: firs = für das, gegriest = gegrüßt, eich = euch, sin = sein, gsin = gewesen (Knorr S. 10, 11). Zum Lautstand (Knorr S. 14) wird angegeben: losen für hören, horchen, lupfen für heben (1759), lehren für lernen (253), heben für halten (5179), luogen für schauen (600, 750). Ganz eindeutig herrscht das schwäbische und schweizerische „nit“ vor. Auch Schimpfwörter, so „kaib“ und „luhr“, sind u. a. zu finden. Die Verfasserin weist darauf hin, daß einzelne Substantive im Villinger Passion ein vom Hochdeutschen abweichendes typisch alemannisches Genus bewahrt haben, etwa „der gewalt“, „der pracht“, „der tauf“, „der passion“, „die schoß“.

Beigegebene Originalwiedergabe einer handschriftlichen Seite, welche eine Abschrift der Chronik der Juliana Ernst oder „Ernestin“, Abtissin der Clarissen des Bickenklosters zu Villingen, darstellt, gibt einen für die Geschichte der Villinger Passionsspiele äußerst interessanten Hinweis: „Item do man zalt (zählt) nach geburt christi 1590 jar, den 5. Juny…habent die von Villingen den Passion hie gar zierlich gespilet und ist gar vil frömds volck darzu her kumen…“ Nach den Untersuchungen von Antje Knorr haben die P.-Spiele in Villingen 1599 begonnen. Da die Passionsbruderschaft 1585 gegründet wurde, muß man sicherlich eine frühere Datierung der P.-Spiele als 1599 annehmen. Vielleicht muß man aber doch an eine ältere Tradition denken, welche die Spiele wesentlich einfacher gestaltete. Die Datierung der Wandmalerei, „Kreuzabnahme“ ca. 4 x 5 m, im Bogen des Obertors, welche vor drei Jahren mit großem Aufwand wegen Gefährdung abgenommen wurde, könnte weiteren Aufschluß bringen.

 

Die nahezu ungeheure Fülle an Kultur- und Sprachgeschichtlichen Erscheinungen wird von der Autorin in den gesamten möglichen Bereichen angedeutet; erschöpft werden kann dieses Werk, vor allem orts- und personengeschichtlich nicht leicht. Am Beispiel sei (S. 25) angeführt: Der Villinger Kompilator hat Namen aus der Villinger Bürgerschaft in die Villinger Passion eingeführt. Dadurch dringt etwas Lokalkolorit in unseren Passion ein. Mit Hilfe der „Villinger Namenskartei“ des Villinger Stadtarchivs ließen sie einige der fraglichen Namen als solche von Villinger Geschlechtern nachweisen. Das trifft außer für Reblin und Bichweiler, die Roder bereits erwähnt (Lit. Chr. Roder) für den Kriegsknecht Mangolt (1. Tag. 57), den erst von späterer Hand noch eingeschobenen Schergen Schradi und für die Teufelsnamen Vögle (erster Schreiber) und Gräßli (späterer Schreiber) zu. Der zuletzt genannte Name, Gräßli, ist für Villingen selbst nicht nachgewiesen, doch wird in dem ebenfalls im Villinger Stadtarchiv vorhandenen „Namensverzeichnis der Umgegend Villingens nach Villinger Quellen“ ein Glasmeister Gräßlin angeführt, der im Jahr 1658 urkundlich belegt ist. „Gräßle“ gilt übrigens als Name des Teufels und ist als solcher 1631 in Rottweil, also nicht weit von Villingen, bezeugt. Zudem handelt es sich hier um einen sprechenden Namen, der eine wilde, zornige, gräßliche Person bezeichnet. Wieder in Villingen bekannt ist der Name Reichart, den in Villinger Passion der Prologsprecher trägt, der gleichzeitig auch die Aufgabe hat, die Juden zur Judenschule und das Volk zur Kreuzigung zusammenzublasen. Jedoch ließ sich die Vermutung von Dinges (Lit.), hinter Reichart verberge sich vielleicht der Regisseur und der Stadtpfeiffer, nicht erhärten. Für andere deutsche Namen im Villinger Passion, etwa für Gottschalck, ein Wächter am 1. Spieltag, oder für Hederle, einen Teufel am 2. Tag, konnten in der allerdings nicht ganz vollständigen Namenskartei des Villinger Stadtarchivs keine Vorbilder gefunden werden; doch sind auch diese Namen im Alemannischen Sprachraum nachweisbar.

Hs. Jul Ernst Passion 1590/Abdruck einer Seite/etliche Zeilen.

VIERT KRIEGSMAN:

5795

Hüetten die nacht gahr manlich!

Ich bin ein küenner dägen abgericht,

Ich streit auch also sehr vnnd gehrn,

Von hertzen ist diß mein begern.

Ich will mich da legen ohn verholen

Vnnd hietten, das er vns nit werd gstollen,

Der groß verfüehrer, vß dem grab.

Von dem orth dreibt mich niemandt ab.

 

ERST KRIEGSMAN:

5800

So bin ich genandt herr Ysengrien

Vnnd homo vmb mich gleich wie ein schwin.

Ich bin auch ein solcher starcker man,

Das ich derft hundert allein bestohn.

Seit fröhlich, auch gantz ohn sorg!

Beleib du hie, so lig ich dort.

ANNDER KRIEGSMAN:

5805

Ihr hond eüch großer ding vermeßen,

Doch will ich mein auch nit vergeßen.

Ich bin starckh vnnd hab ein leü(ch)ten muth,

Ich biß ein loch durch einen yßen huot

Vnnd will mich legen all daher

 

5810

Vnnd auch brumlen gleich wie ein behr.

 

DRIT KRIEGSMAN:

5815

Nun hören auch alle, ir genoßen, Wir wöllen spihlen vnnd losen Vmb diße wacht vnnd vmb diße huot. Ich hab drey würffel, die sünd guot,

Vnnd will auch gleichbaldt heben an.

 

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