Der Marktbrunnen zu Villingen – Zeitgenössischer Pressebericht um 1872-1873 aus dem „Schwarzwälder“ von Ferdinand Förderer.

Bis zum Jahre 1554 stand auf der Mitte des Marktplatzes, dem Kreuzpunkte der Hauptstraßen hiesiger Stadt, ein hölzerner Brunnen, der sich von den Brunnen in den übrigen Stadtteilen nur durch etwas größere Dimensionen, durch zwei Ausflußröhren und den hl. Christophel auf dem Stocke, auszeichnete. Mit dem oblongen Hauptwasserbehälter waren noch kleinere Tröge zur Beförderung des in der Umgebung abgehaltenen Fischmarktes verbunden, welcher damals wegen der vielen benachbarten Weiher und strengen Einhaltung der Fasttage eine eine ganz andere Bedeutung als gegenwärtig hatte.

Dieser Brunnen wurde nun im obgenannte Jahre abgetragen und der Bau eines neuen von Stein begonnen. Dem hl. Christophel ward das Armbrustschützenhaus auf dem Lindenwasen zum fernern Aufenthalt angewiesen. Dasselbe befand sich vor dem Bickentor auf dem rechten Ufer der Brig und südlich von der Brücke unweit einer uralten Linde, wovon der Rasen seinen Namen hatte. Diese Linde, unter deren Schatten die Armbrustschützen ihre Interessen besprachen und Übungen anstellten, wurde erst vor etlichen fünfzig Jahren durch einen Sturm ihrer Hauptstätte beraubt und darauf gänzlich beseitigt.

Der neue Brunnen bestand in der Hauptsache aus einer etwa 20 Fuß hohen korintischen Säule, an deren Fuß vier Röhren, in der Richtung der Hauptstraßen angebracht, das Wasser durch ein achteckiges Bassin gossen. Das Kapitäl der Säule trug das fast lebensgroße Bildniß des Kaisers Ferdinand I., mit dem Antlitz nach Süden gerichtet.

 

Bald nach Vollendung dieses Brunnens verzierte auch ein patriotischer Bürger sein auf dem Marktplatze gelegenes Haus mit einem Gemälde, das nicht ohne Beziehung auf den neuen Brunnen war. Dieses Haus, dessen gegenwärtiger Besitzer Herr Kaufmann Ackermann ist, besteht aus zwei Häusern, wovon das eine von der Straße etwas mehr rückwärts liegt als das andere, so daß die Frontmauern einen einspringenden Flächenwinkel bilden, dessen schmälere Fläche senkrecht zur Straßenrichtung und die andere, mehr zurückliegende parallel mit derselben ist. Auf diesen Wandflächen befand sich nun das fragliche Gemälde. Zunächst der Winkelkante sah man auf der zurückliegenden Mauer ein stattliches Frauenzimmer, das mit der rechten Hand einen auf die schmale Winkelfläche gemalten Spiegel hielt. In diesem Spiegel zeigte sich das Bild des Kaisers auf dem Brunnen, das durch zwei muntere Knaben, die zur Linken des Frauenzimmers abgebildet waren, gar freundlich angelächelt wurde.

Den Zusammenhang zwischen diesem Bilde und dem Brunnen findet der Geschichtskundige leicht; doch wegen Anderen dürfte ein kurzer Nachweis billige Entschuldigung finden.

Nach der Abdankung Kaisers Karl V. im Jahr 1556 wurde sein Bruder Ferdinand I. zum Kaiser erwählt. Große Freude erregte diese Wahl in den vorderösterreichischen Landen, welche der nunmehrige Kaiser schon seit 1522 als Stadthalter, und von 1540 ab als wirklicher Landesherr zur allgemeinen Zufriedenheit regiert hatte. Aus Dankbarkeit errichtete ihm Freiburg schon in seinen Jünglingsjahren eine Ehrensäule, und Villingen war ihm besonders verbunden wegen Verleihung des schönen neuen Stadtwappens 1530. Liebe und Dankbarkeit haben wohl auch den neuen Brunnen mit seinem Bildnisse geschmückt.

Kaiser Ferdinand I. hatte drei Söhne, Maxmilian, Ferdinand und Karl. Ferdinand begleitete 1548 seinen Vater auf den Reichstag zu Augsburg und fand daselbst ein junges Frauenzimmer von so seltener Schönheit, Charakter-und Geistesbildung, daß er die heftigste Neigung zu ihr faßte und sie seiner ganzen Liebe würdig hielt. Philippine Welser war ihr Name, und ihre Eltern gehörten zu der angesehensten Patrizier-Familie Augsburgs. Erzherzog Ferdinand blieb nicht ohne Gegenliebe; doch wußten beide Liebenden das Feuer ihrer Leidenschaft, ohne daß der Vater des Prinzen etwas davon merkte, zwei Jahre lang in ihren Herzen zu verbergen. Im Jahr 1550 kam aber dies Feuer dadurch zum Ausbruch, daß beide sich heimlich vermählten.

Kopf König Ferdinands I., dessen Statue den Renaissance-Marktbrunnen ab 1552 zierte. Heute im „Museum Altes Rathaus“.

 

Der Vater des Prinzen, sowie auch der Oheim, Kaiser Karl V., waren über diese nicht standesgemäße Heirat höchst entrüstet, und ersterer verbot sogar seinem Sohne, ohne Erlaubnis nie mehr unter die väterlichen Augen zu treten.

Acht Jahre dauerte dieses gespannte Verhältnis zum großen Leidwesen der vorderösterreichischen Lande, die in Liebe ergeben an dem Wohl und Weh ihrer fürstlichen Familie so innigen Anteil nahmen. Endlich gelang es Philippinen im Jahr 1558, verkleidet ihren Schwiegervater und nunmehrigen Kaiser zu überraschen, und sich mit einer Bittschrift demselben zu Füßen zu werfen. Dieser Auftritt war rührend. Die Schönheit und Anmut der Bittenden, die Herzensgüte, welche ihr ganzes Tun beurkundete und Alle bezauberte, welche mit ihr in Berührung kamen, besänftigte schließlich auch den Zorn des grollengen Kaisers. Er verzieh seinem Sohne den Fehltritt, begrüßte Philippe als Schwiegertochter, erklärte ihre Kinder als ehelich, doch nicht für ebenbürtig und erlaubte ihnen nur den Titel Markgrafen von Burgau zu führen. Dieses immerhin freudige Ereigniß setzte alle Vorlande in Bewegung und wurde durch allgemeine Dankgebete gefeiert.

Biedermeierbild „Obere Straße Villingen 1839“ von Johann Nepomuk Ummenhofer.

 

Philippine schenkte ihrem Gemahl vier Kinder, zwei Mädchen und zwei Knaben. Die beiden ersteren starben schon in der Wiege, dagegen wuchsen die Knaben, Andreas und Karl, kräftig heran. Die Eltern derselben genossen noch 22 Jahr nach der Versöhnung das ungetrübteste häusliche Glück, und als Philippine 1580 starb, ließ ihr Gemahl eine Denkmünze prägen mit ihrem Bildnisse und der Umschrift „Divae Philippinae“ (der göttlichen Philippine.)

Der geneigte Leser wird nun schon in dem Frauenzimmer auf unserem Gemälde Philippine die Mutter der beiden Knaben erkannt, und in dem freunlichen Tun dieser jungen Prinzen gegen ihren Großvater nur Freude und Dank für die Aussöhnung wahrgenommen haben.

Der Marktbrunnen blieb in diesem Zustande bis um die Mitte des vorvorigen Jahrhunderts, wo durch einen unbekannten Zufall die Statue des Kaisers herunterstürzte und zerbrach. Der Kopf derselben glaubt Hr. Conservator Hirt dahier noch in seinem antiquarischen Cabinett zu besitzen. Später ward die Kaiserstatue durch ein Urne mit einer Aloe aus grünbemaltem Blech ersetzte, und in neuester Zeit wurde sogar mit Allem, Brunnen und Aloe völlig aufgeräumt, um der modernen Leere hübsch Platz zu machen.