Wilhelm Dürr (Dr. J. Fuchs)

Wilhelm Dürr, am 10. Mai 1815 als Sohn des Chorregenten Fidelis Dürr und der Elisabeth Dürr geb. Holl ( geb. 1784) in Villingen geboren, war ein Kind seiner Vaterstadt, das sich von den vielfältigen Strömungen des 19. Jahrhunderts nur in seinen ihm angemessenen Ideen prägen ließ. Die am Anfang des Jahrhunderts sich ausbreitenden liberalen Bestrebungen, gegen die beiden letzten großen Vertreter des Absolutismus, Josef II. und Napoleon, gerichtet, hatten sich bald unter dem Einfluß der Philosophie und Literatur zusammen mit den übrigen geistigen Kräften der Zeit zum Nationalismus der Romantik gewendet. Von der romantischen Wurzel waren jene Männer, welche sich von der preußischen Staatsphilosophie Hegels von der Allmacht des Staates abgewendet hatten — manche wie Nietzsche bis zur »Macht der Negation« sich treiben lassend — jener Haltung zugestrebt, die so beredt aus den bärtig-honorigen Gestalten jener Zeit wie z. B. aus dem Ölbild von Dürrs »Künstler in der Karlsruher Künstler-Galerie« zu uns sprechen.

Die schwer entwirrbaren Strömungen des 19. Jahrhunderts, die ebenso in der Kunst hervortraten, formten auch den Mann, dessen Großvater angesehener Bäckermeister und Landwirt war, dessen Vater Musik studiert, Messen und Kirchenlieder komponiert und die städtische Musik in Villingen geleitet hatte und der vom väterlichen Haus in der Schulgasse aus das von Benediktinern als Weltpriester geleitete Gymnasium besucht hatte. In der Schulgasse konnte Wilhelm Dürr die damals reiche Sammlung an Kunstschätzen aus dem säkularisierten Benediktinerkloster bewundern, die sein Vater gesammelt hatte. »Außer dieser Sammlung«, sagt Prof. Dieffenbacher 1915 von Dürr, »mögen auch die reichen Kunstschätze seiner Vaterstadt Villingen auf Wilhelm gewirkt haben«.

Schon sehr früh, 15-jährig, kam Wilhelm Dürr durch den mit der Familie Dold in Villingen verwandten k. k. Regierungsarzt, Dr. Andreas Handtmann, nach Wien. Auf Dr. Handtmann beziehen sich wohl jene Worte in dem, den jungen Wilhelm so kennzeichnenden Brief aus Wien vom 28. 12. 1939, der weiter unten zitiert ist. Manche Kunstströmungen, vor allem klassizistische, dann das in Rom durchbrechende Genre, wirkten auf ihn, u. a. durch Moritz von Schwindt, besonders mit seinen 1827 veröffentlichten »Kinderbelustigungen«. Abhängig war Dürr jedoch zeitlebens von den großen Wiener Genre-Malern der Romantik, Josef Danhauser, Matthias Ranftl, Peter Fendi und Franz Eibl. Sie haben das Alt-Wiener Sittenbild geschaffen, dessen Charakterzug es ist, das epische Element hervorzuheben, eine lehrreiche oder heitere Geschichte zu geben. Die äußerst saubere, mikroskopisch zeichnende und bis in endlose Feinheiten hinein lasierende Manier hat Dürr von den genannten Wiener Romantikern gelernt, und er bleibt zeitlebens von ihnen abhängig. Mit besonderer Meisterschaft beherrscht Dürr schon früh die Technik der Um-rißzeichnung.

Der Zeitpunkt der Hinwendung Dürrs zur christlichen Historienmalerei ist nicht genau bekannt: er scheint in Wien besonders unter dem Einfluß Leopold Kupelwiesers, dem er auch als Portraitist viel zu verdanken hat, den »Nazarenern« sich zugewandt zu haben. 1837 hat Dürr seine Akademiestudien unterbrochen und von Villingen aus über Wien die Romreise angetreten. Vom 28. 12. 1839 stammt jener bereits erwähnte, ihn kennzeichnende Brief, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte:

Wien den 28ten Dezembr. 39. Lieber Vater!

Am hl. Abend bin ich hier angekommen, und wurde wieder wie das Kind, das lange in der Fremde war, aufgenommen. Herr Doktor wie auch die Bürgerl fand ich ganz wohl und munter. Meine Reise hieher ist ganz glücklich und mit viel humoristischer Würze abgelaufen, es war eine ächte Künstlerreise, gemüthlich und launig, nichts desto weniger, spielte mein Geldbeutel, trotz aller Sparsamkeit eine etwas tragische Rolle, denn viele Gast-wirthe stehen zuweilen in magnetischem Raporte mit diesen nach und nach immer leerer werdenden Körpern. Dieses Schicksal erlitt mein kleiner lederner Geldbeutel, dem großen der im Koffer war, mußte ich nur einmal ins Eingeweide langen um 12 Kronnen herauszunehmen die mich von München bis Wien aushielten. Wien fand ich wieder am alten Platz, und, sonderbar, ich bin hier wieder so zu Hause, als wäre ich blos von einer Vacanzreise zurückgekehrt, es gefällt mir wieder ganz gut hier, und bin auch bereits schon wieder völlig eingewienert. Ich besuchte schon größtenteils meine Bekannten wieder, die sich sehr über meine Wenigkeit erfreuten. Gestern lieber Vater genoß ich einen herrlichen Ohrenschmauß. Ich war in Mozarts Figaro. o hät ich Euch nur auf einige Stunden herzaubern können! ich war ein volliger Narr, das war non plus ultra. In München kann man die Kunst sehen, in Wien hört man sie. Robert der Teufel hörte ich in München äusserst brillant vorgetragen aber das Orchester steht dem Wiener, weit nach, gerade wie Majerbeer, dem unsterblichen Mozart. Könte man Wien und München in Eines zusammenschmelzen, es wäre ein wahres Elisium.

Doch auf dieser Erde ist nichts vollkommen, sonst hätte ich mir heut früh mein Hühneraug nicht operieren dürfen. Den Pater Veith hörte ich heute wieder zum ersten male predigen, es war wahrer Balsam für mein Herz, daß unsere Villinger-Redner bisher nur mit lauem Wasser, und faulen Eyern anfüllten. Den jungen Akermann verließ ich wohl, in München, er gefällt sich wie mir scheint recht gut dort, er ist in einem guten Hause wo man auf ihn acht gibt. Ich vergaß mein akademisches Zeugniß das geschriebene mitzunehmen seyd so gut lieber Vater und schickt es mir und zugleich das Maaß von einem neu badischen Schuh, was ja der Schreiner aufs Papier zeichnen kann, es ist mir wegen der Größe der Leinwand zum Altarblatt. Wer hätte auch bey jenem heroischen Einpacken auf alles dieses denken können. Gerne wünschte ich auch meine Lieder zu haben die mir schon oft so viel Freude machten, und die drey gemalten Skizzen vergaß ich auch, sie sind in dem grün ledernen Portefeulle vom Hr. Onkel seelig. Aber das Ding alles zusammen würde zu schwer werden, und den Transport zu sehr erhöhen. Wir haben hier wahres Frühlingswetter. Aber in Jtalien sollen Ueberschwemmungen große Verhörungen angerichtet haben, so daß Reisende in ihrem Fortgange gehemmt wurden, und genöthigt waren umzukehren. Aber ich hoffe bis ich von hier abreise was in 2 Monaten erst geschehen wird, sollen diese Gefahren, und Hindernisse wieder gehoben sein. Gestern war ich bey meinem lieben Lehrer Cupelwieser, der eine kindische Freude über meine Ankunft hatte, er endet gegenwärtig ein 22 Fuß hohes altarbild in die hie ßige Domini-kanerkirche. Mein Seesturm will ich zuvor frisch übermalen und ihn damit überraschen. Herr Doktor und die Burgerl grüßen Euch alle herzlich, und Burgerl wird den ihrigen nächstens schreiben. Lebet wohl lieber Vater, schreibet mir recht bald. Gott sey mit Euch und mit mir.

Euch alle herzlich grüßend

bin ich stets Euer dankbarer

froher Wilhelm.

N. B.

Jhr möget so gut sein und die Max fragen, wieviel Geld die Burgerl der Obermajerinn geben soll? und es beym Retourschreiben hier anmerken.

Der eben zitierte Brief gibt einen tiefen Einblick in den Charakter des »dankbaren« und »frohen« Sohnes, man darf sagen, in den ganzen Wilhelm Dürr, den »frommen« und den »heiteren«.

Dürr hat sich von 1837 bis 1839 mindestens zeitweise in Villingen aufgehalten, und in dieser Zeit schuf er, 24-jährig, das liebevolle Bildnis seiner Mutter.

Geht man in der Frage nach der Entwicklung des für die Neuzeit so bedeutenden 19. Jahrhunderts eine Schicht tiefer, so darf man feststellen, daß die Verwurzelung dieses Mannes den Versuchungen kultureller und künstlerischer Strömungen standgehalten hat, wie sie in seiner Jugend mit den Nazarenern auf ihn eindrangen. Nur wenige Skizzen und Zeichnungen verraten diese verbreitete Strömung, in die Dürr in seiner römischen Zeit geraten war. Gerade in diesen Jahren lassen sich deutliche Schöpfungen starken Humors in karikaturistischen Formen, aber auch in sehr ernsthaften Werken zeigen, wie Dürrs starke Persönlichkeit in ihre Empfindungstiefe die manchmal oberflächlichen und süßlichen Formen überwand.

Wenn in der Zeit der Mondlandung auch einmal der Gedanke ausgesprochen wurde, wir sollten froh sein, daß wir nicht im Zeitalter der Romantik leben würden, weil sonst der Überschwang der Gefühle und das Sich-Überschlagen der hochgesteigerten Publizität nicht mehr erträglich wäre, so muß man sich fragen, ob jene Meinung unseren Vorfahren des vergangenen Jahrhunderts gerecht wird, oder ob es nur die Pseudohaltung des Wilhelminischen Zeitalters betreffen kann. Angesichts der Leistung eines Mannes wie Dürr, als Gesamtpersönlichkeit weit über einer schematischen Betrachtung stehend, darf man betonen, wie notwendig es ist, sich mit Persönlichkeit und Werk über die festgelegten Begriffe der Geschichte hinaus zu bemühen.

Aus diesen Überlegungen heraus wagen wir es wieder, diesen in seiner ganzen Persönlichkeit deutlich hervortretenden Sohn unserer Stadt vor Ihr Auge zu stellen. Letzteres darf hier deshalb betont werden, weil die Kunst in Villingen immer in jedem Jahrhundert ihres Bestehens eine starke Pflege gefunden hat. Allerdings konnten in den übrigen vorangehenden Jahrhunderten die Villinger Künstler mehr ihrer Stadt dienen, als Wilhelm Dürr, der notgedrungen an Orten mit weiterreichender Kultur-Wirkung, Weiterbildung und Brot suchen mußte. Ob man, um einzelne Maler zu nennen, an Balthasar Gödescher, 1462 geboren, von dessen Werk nur noch einige Teile in der Franziskanerkapelle vorhanden sind, denkt, oder an Anton Bein um 1570, von dessen Werken viele noch vorhanden sind, und der eine der frühesten Karten, dessen Original von 1607 in Innsbruck ist, für den Pürschgerichtsbezirk gezeichnet hat, oder ob man die Malersippe Schilling der Barockzeit hervorhebt, von denen viele Werke ebenfalls in Villingen und Umgebung erhalten sind; von Johann Sebastian Schilling konnte das Museum (jetzt) ein ausgezeichnetes Portrait erwerben.

 

 

Auf dem Bild der Familie Blessing in Villingen/Schw. sehen wir von links nach rechts: Johann Baptist Blessing, Bauer und Säger, 1770-1853 — Großvater —. Wolfgang Blessing Orchestrionhersteller, 1842-1925 — Kind —. Maria Blessing geb. Wolpert, 1818-1893 — Mutter —. Maria Agathe Coelestine Blessing geb. Glückheler, 1769-1845 — Großmutter —. Wolfgang Blessing, Bauer und Säger, — 1812-1873 — Vater —. Nachdruck mit ausdrücklicher Erlaubnis des Gemälde-Eigentümers.

 

»Das Bild, von dem nachmaligen großherzoglich-badischen Hofmaler Wilhelm Dürr, einem Sohn Villingens, gemalt, vermittelt einen Einblick in die Weihnachtszeit um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Noch fehlt der heute über allem dominierende Christbaum. Lediglich ein kleiner Zweig mit Äpfeln, Nüssen und Backwerk behangen, zeigt den Übergang zu dem aus dem Norden stammenden Christbaum. Die wenigen, ja bescheidenen Spielsachen, wie Nußknacker und Spielklötzchen, versinnbildlichen, daß Weihnachten bereits zu einem weltlichen Fest des Schenkens und damit des Freudebereitens geworden ist. Was wäre Weihnachten ohne die festlichen Schalmeienklänge des 18. und 19. Jahrhunderts in unserem alemannischen Bereich. Deshalb war es üblich, daß zumindest einer aus der Familie an Weihnachten zum Musikinstrument griff. Der Kleine kann es kaum erwarten, seinem im Alter erblindeten Großvater nachzuahmen. Er greift buchstäblich nach dem Instrument. Aber auch die Mutter erfreut sich an der einfachen Hausmusik. Im Hintergrund kommt der Vater gerade von der Stallarbeit, um im Kreise seiner Lieben Weihnachten zu feiern. Der Hofhund, vermutlich vorausgeeilt, darf natürlich nicht fehlen. Damit aber ob allem gerade die in bäuerlichen Kreisen hochgeachtete Ordnung gewahrt bleibt, hält die Großmutter die Zuchtrute in der Hand.«    Beitrag von Rechtsanwalt Wolfgang Blessing, Villingen.

Im Herbst 1840 war Wilhelm Dürr nach Rom gekommen, das er Ende Mai 1842 wegen Wechselfiebers verlassen mußte. Seine »Rückkehr aus Italien«, 1842, ist im Besitz unserer Sammlung. Eltern und Geschwister, die Mutter in der hohen Villinger Haube, stellt er uns selbst vor.

Ein Jahr nach seiner Rückkehr malte Dürr das anmutige Bild seiner Jugendfreundin Mina Petzold. Das Bild hat Dürr für ein Altarbildnis verwendet, was er oft tat. Daraus erklärt sich auch die raffaeleske Haltung.

1844 heiratet Dürr Berta Gruny, die Tochter des Amts-Chirurgs Ferdinand Gruny und der Annemarie Gruny, die bereits verstorben waren, aus St. Blasien. Am 11. 11. 1844 fand die Trauung im Villinger Münster statt.

Das erste sichere Datum seiner neuen Wohnstätte in Freiburg ist 1847 (bis 1887 ). Bis dahin wohnte das junge Paar im 2. Stock des elterlichen Hauses in Villingen. Ein Jahr vor der 48er Revolution gründete Dürr in Freiburg die »Ponte-Molle-Gesellschaft«, dem Jahr also, in dem die deutschen Künstler in Rom sich kaum mehr auf die Straßen wagen konnten, von dem früheren tollen Treiben des Ponte Molle in Rom nichts mehr blieb. —Schon 1850 gehörte Dürr dem Kunstvereinsausschuß in Freiburg an. Zuvor, 1848, fand im Freiburger städtischen Kaufhaussaal eine Ausstellung des Kunstvereins für das Großherzogtum Baden statt, bei der Dürr mit 5 Portraits und einem Genrebild »Das Ständchen« vertreten war.

Im Jahre 1851 erhielt Dürr auf Veranlassung des Stadtrats Pyhrr den Auftrag, die Bilder an den beiden Stadttoren in Freiburg, wahrscheinlich nach alter Vorlage, wieder zu malen, was er zur großen Zufriedenheit ausführte. 1902 wurde das Martinstorbild durch Maler Fay aus Köln erneuert und eben bei der Renovierung des Turmes mit Kalk überstrichen.

Dieffenbacher schreibt auf Seite 14 seiner Abhandlung: »Ein Jahr darauf schuf Dürr ein Turmgemälde für seine Vaterstadt. Ein Bild des Riesen Romeias war früher auf der äußeren Stadtmauer beim Obertorturm angebracht. Als dann in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts diese niedergelegt wurde, wäre die Erinnerung an das alte Bild verloren gegangen, wenn nicht ein Zeichenschüler, Nepomuk Oberle, eine Kohlezeichnung davon an die Gartenmauer seiner Wohnung gemacht hätte. Der frühere Archivar und Gewerbeschulhauptlehrer J. W. Schleicher veranlaßte die Wiederherstellung des Ro-meias. Das am St. Michaelsturm befindliche Gemälde wurde nach einer Aquarellskizze Dürrs ausgeführt; es stellt einen riesigen Landsknecht mit einer Hellebarde in der Rechten dar, der mit seiner Linken einen ausgehängten Torflügel hält. Das Bild wurde 1891 erneuert, ist aber heute in einem ähnlich schlechten Zustande bzw. zerstört wie das Martinstorbild«. (Dieser Hinweis möchte ein Beitrag zur heutigen Diskussion um dieses Bild am Romäusturm sein.)

Mit der Ernennung Dürrs zum »Badischen Hofmaler« 1852 durch den jungen, 26-jährigen Großherzog, seine Förderung durch Johann Wilhelm Schirmer ( aus Düsseldorf) und den wie Dürr katholischen Architekturmaler Adolf von Bayer, welcher ihm zahlreiche Altar-bildaufträge verschaffte, war das Fundament für die gute wirtschaftliche Situation Dürrs gelegt. 1855 erhielt Dürr den Auftrag, für die Freiburger Ludwigskirche eine »Christi Himmelfahrt« zu malen. 1857 trat er durch zwei Beiträge zum »Friedrich-Luisen-Album« besonders hervor. 1873 finden wir Dürr als Mitbegründer des »Schauinslandvereins«, ein Organ, in dem Dürr u. a. am damaligen Kulturkampf teilnahm.

Wie wir sahen, hat Dürr schon mit 24 Jahren das starke Mutterbildnis geschaffen, das über seiner liebevollen Behandlung die ungemein scharfe Charakterisierungsfähigkeit so früh hervortreten läßt. Weit mehr tritt das psychologische Verständnis und die Einfühlung in den Charakter des Darzustellenden in den Skizzenbüchern zutage, besonders, wenn er die zahlreichen Maler- und andere Freunde zeichnete. Man spürt deutlich in der Nähe des Umgangs die Strahlkraft der Charaktere in seiner Darstellung, die oftmals an der äußersten Grenze zur Karikatur hin erst Halt macht, obwohl er immer genau die Linie zwischen beiden Stilarten zu wahren weiß. Seine sorgfältige, glatte Malweise hat er im Wien der Fügerzeit bei den beiden Lampi, die durch ihre Bilder ungeheueres Aufsehen erregt hatten, gelernt und vom vielbeschäftigten Portraitmaler der Biedermeierzeit Johann Ender oder dem Fügerschüler Michael Daffinger auf dem Gebiet der Miniaturmalerei beachtliches geleistet hat. Auf den Dürr’schen Portraits ruht ein Sonnenstrahl aus der Wiener Bildniskunst, wie sich Dieffenbacher in etwa ausdrückt, welche einem stark ausgeprägten koloristischen Sinn das äußerst peinlich und liebevoll ausgeführte Detail, man beachte die gemalten Spitzen, hinzufügt. Leider konnte die Feinheit der Beobachtung und die Treffsicherheit der Wiedergabe des Geschauten im Kostümdetail nicht häufig wiedergegeben werden, da die während der wichtigsten Jahre seines Schaffens im Land — wir wissen es von Villingen, von dem Jahrzehnt nach der 48er Revolution — große Armut herrschte und meist nur Kopfbildnisse — und diese wiederum häufig in kleinem Format — bestellt wurden.

Ein kurzer Blick auf die Reihenfolge der von ihm gemalten Portraits zeigt, daß er dem Bildnis der Mutter und der Jugendfreundin noch ein weiteres bedeutendes, das des jugendlichen Alban Stolz, der damals seinen -»Kalender für Zeit und Ewigkeit« — Abführmittel gegen Todesangst — schrieb, hinzufügte. Dürr hat Al-lan Stolz in seinem Todesjahr noch einmal gemalt, allerdings nach einer Vorlage aus Stolz‘ mittleren Jahren. Im Villinger Jahr 1842 schuf Dürr das gelungene Bild des Gymnasiasten Thimotheus Merkel. In die frühere Freiburger Zeit gehören die Wappenbilder ( Bildhauer Knittel), das Ehepaar Stadler und Sporer und das wohl stärkste Bild Dürrs von 1851 des Geheimrats Dr. Josef Kern ( Karlsruhe, Privatbesitz ). Kern war wohl die bedeutendste Persönlichkeit im damaligen Freiburg. Er war schon im 85. Lebensjahr, als Dürr ihn malte. Die ganze Haltung, jeder Zug des energischen Gesichts verrät die einstige politische Bedeutung des bis ins hohe Greisenalter tätigen Mannes.

Die Reihe der im Skizzenbuch dargestellten Freunde Wilhelm Dürrs führt Friedrich Michael von Boeck an, und geht bis zu so kauzigen Gestalten wie die des Stadtpfarrers Oswald Bremeier. Ebenso wie männliche Portraits hat Dürr Frauenbildnisse zu gestalten gewußt. Gerade hier trat seine Begabung, Charaktere fein zu individualisieren, in Erscheinung. Leider sind die meisten Bildnisse in Privatbesitz, z. T. auch in Norddeutschland, so wir diese Begabungsseite Dürrs hier kaum kennen. Ähnlich verhält es sich mit den Kinder- und Jugendbildern. Einige Proben seiner Kinderdarstellungen finden sich auf Gruppenbildern, auch auf dem schönen Weihnachtsbild der Familie Blessing aus Villingen, oder auf dem kleinen, reizvollen Gemälde »Besuch von Künstlern in der Karlsruher Gemäldegalerie«, Augustiner-museum Freiburg. Es darf an dieser Stelle die Zwischenbemerkung erlaubt sein, daß ein Zweck dieser Vorstellung darin besteht, die Besitzer und auch die Händler von Dürr-Bildern und anderen Villinger Kunstwerken darauf hinzuweisen, daß Stadt und Museum Villingen am Kauf von lokalgebundenen Kunstwerken interessiert sind. Der Vollständigkeit halber soll nicht versäumt werden, auf die zahlreichen Puttendarstellungen hinzuweisen, besonders auf jenes Puttenfries, das früher in einer Nische seiner Freiburger Hauses war und später an den Gymnasialoberlehrer P. Schmitz in Köln ging. In den Bereich der Portraitdarstellungen wären auch am Rande die zahlreichen Landschafts- und Gesellschaftsdarstellungen, die bei Dürr vor allem in seinen Illustrationen zu Hebel’schen Gedichten nie ohne Menschen und Kinder denkbar sind, einzureihen, so in den Gedichten »Der Schmelzofen«, »Es leb der Markgraf und si Hus«, »Das Gedicht der Karfunkel«, dann in dem sehr bekannten »Zufriedenen Landmann« oder »Auf den Tod des Zechers«, die Dürr in den letzten Freiburger Jahren gemalt hat, ebenso wie seine Illustrationen zu dem Alban-Stolz-Kalender, die vor allem in den 70-er und 80-er Jahren geschaffen wurden. Im hohen Alter war Dürr noch täglich unermüdlich tätig, immer getreu seinem Grundsatz »nulla dies sine linea«, kein Tag ohne einen Strich, ohne ein Werk oder eine Skizze.

Es ist ebenso bekannt, daß er sich der Ausbildung seiner Kinder, vornehmlich der seines Sohnes Wilhelm, der den Vater in manchem künstlerisch erreichte, im Stilleben übertraf, gewidmet hat. In jenen Jahren hat er, wie bereits erwähnt, sich noch sehr stark mit der religiösen Malerei beschäftigt. Aus seinen wenigen Münchener Jahren, wo er 75-jährig starb, ist nicht sehr viel bekannt. Man kann lediglich feststellen, daß sehr vieles von seinem Werk in München geblieben war und sehr viele Stücke in den Besitz von Kunsthändlern gekommen sind. Auch heute noch darf man es als eine besondere Aufgabe ansehen, das Werk dieses Mannes und seiner beiden Kinder, von denen Marie Dürr, welche das starke Gemälde des Geheimrats Schaaf ( im Museum »Altes Rathaus Villingen« ) geschaffen hat, noch nicht erwähnt wurde, so weit wie möglich zu sammeln, zumindest aber ein Werkverzeichnis aufzustellen.

Die berechtigte Erwartung auf eine kunstgeschichtliche Analyse des Werkes Wilhelm Dürrs und seiner Zeit kann hier nicht erfüllt werden. Eine Überladung mit kultur- und kunstgeschichtlichen Fakten und Daten würde ein kleines Portrait von Persönlichkeit und Zeit wohl eher trüben, als den hier und heute beabsichtigten Gedanken Ihnen im kurzen vor Augen zu führen. Den ernsten und zugleich mit Witz und Humor begabten Wilhelm Dürr in seiner tiefreligiösen Art, von der uns viel überkommen ist, der die längste Schaffenszeit seines Lebens in Freiburg seßhaft war, in seinen Beziehungen weit über das Land hinaus darzustellen und diesem Mann mehr zu widmen, als nur den flüchtigen Gedanken einer halben Stunde, war diese Aufgabe. Dies nicht nur, weil er aus seiner Kunst uns ein weniges nachempfinden lassen kann, weil er seine Gedanken ins Bild bannen konnte, sondern auch, weil er, wenn auch nur nahe, an die ganz großen Persönlichkeiten herankommend, so doch Bleibendes vermitteln konnte.