Gedanken zur Geschichte unserer Stadt im 11. und 12. Jahrhundert (Hermann Preiser)

Die Marktgründung, die Rolle des Stalberg und der Warenburg, sowie die Stadtgründung.

Es ist keine leichte Aufgabe, sich mit einem Zeitraum der Villinger Geschichte zu beschäftigen, von dem mit Ausnahme der Marktverleihung, keine weiteren Quellen vorhanden sind, die sich mit der Ausübung des Marktes und der Stadtgründung befassen; für uns ist es eine urkundenlose Zeit. Trotzdem haben wir allen Grund, über diesen Zeitabschnitt nachzudenken, denn gerade in jener Epoche hat sich für Villingen ganz entscheidendes ereignet; Villingen ist aus dem dörflichen Status, den andere Siedlungen der Umgebung dauernd, oder bis in die jüngste Zeit hinein beibehalten haben, herausgewachsen und hat sich im Mittelalter zu einer der bedeutendsten Städte Süddeutschlands entwickelt.

Die Marktgründung allein war es nicht. Manche Märkte haben auch später ihren dörflichen Charakter behalten, sondern der Markt mit der neuen bewehrten Stadt. Beides zusammen haben erst Villingen zu dem gemacht, was es im Mittelalter geworden ist.

Zunächst wollen wir prüfen:

1. Wer war jener Graf Berthold, welcher für seinen Ort Villingen das Marktrecht erhielt,

2. aufgrund welcher Verdienste konnte sich jener Berthold diese Vergünstigung erbeten,

3. was für Gründe haben Graf Berthold bewogen, gerade Villingen als geeigneten Platz für einen Markt vorzuschlagen?

Schon bei der Prüfung der ersten Frage stoßen wir auf große Schwierigkeiten. Die Forschung nach der Herkunft der Zähringer war schon im letzten Jahrhundert ein beliebtes Thema, und sehr viele Geschichtsschreiber haben sich mit den Vorfahren der Zähringer beschäftigt; so u. a. Leichtlin 1831, Fickler 1849, Baumann 1881, Krüger 1891, Heyck 1891, Ganter 1891, Büttner 1958, Keller 1964, Klewitz 1966, List 1967 usw., und diese Forscher kommen zu teilweise ganz verschiedenen Ergebnissen.

Der erste Berthold (Bertold ), der bezeugt ist, war jener Graf der Baar, einige glauben in ihm auch einen Herzog zu sehen, der mit dem Alemannenherzog Nebi die Klostergründung auf der Reichenau vorbereitete und mit dem genannten Herzog zum fränkischen Hausmaier Karl Martel nach Jobila an der Maas eilte, um die Erlaubnis zu dieser Klostergründung einzuholen und Pirmin als ersten Abt bestätigen ließ. Wahrscheinlich ist es jener Berthold, welcher auf der Reichenau begraben wurde. Nach Baumann 1) dürften die später erscheinenden Bertholde wohl Abkömmlinge jenes alemannischen Adelsgeschlechtes sein, und nicht fränkischen Ursprungs, wie der Villinger Oberförster Ganter in seinem Band »Bezelin von Villingen« schreibt 2), was auch K. S. Bader schon berichtigt hat3).

Der um das Jahr 900 geborene Graf Berthold, welcher i. J. 955 im Kampf gegen die Ungarn auf dem Lechfeld gefallen ist, ist wahrscheinlich als ein Graf der Bertholdsbaar, welche damals ein weit größeres Gebiet umfaßte als unsere heutige stark verkleinerte Baar, anzusehen. Gegen Ende des 10. Jahrhunderts erscheinen schon eine ganze Anzahl Bertholde oder Birchtilo, welche Namen miteinander identisch sind, da oft dieselben Grafen mit dem einen oder anderen Namen erscheinen, so daß es oft sehr schwer ist, die einzelnen zu unterscheiden.

Allein in der für Kaiser Otto II. i. J. 982 unglücklich verlaufenen Sarazenenschlacht in Calabrien sind 3 Bertholde gefallen, darunter wohl auch der Breisgaugraf, dem i. J. 990 wieder ein Bichtilo als Breisgaugraf folgte, welcher als Gründer des Klosters Sulzburg anzusehen ist4). Heyck5) und viele andere Forscher sehen in diesem Berthold bzw. Birchtilo jenen Grafen, welcher sich im Gefolge des Schwabenherzogs Herimann am 2. Romzug von Kaiser Otto III. beteiligte und mit einer Reiterschar den vom Kaiser nicht anerkannten Gegenpapst Johannes von Platentia, welcher auf Veranlassung des römischen Machthabers Crescentius, den auf Vorschlag des Kaisers gewählten Papst Gregor V. verdrängte, gefangen nahm. Einige Geschichtsschreiber berichten hier zu, daß der Breisgaugraf jenen Johannes nach der Gefangennahme grausam verstümmelte, d. h. ihn blenden und Nase, Ohren und Zunge abschneiden ließ 6 . Mathilde Uhlirz betont aber in den Jahrbüchern des Deutschen Reiches unter Otto II. und Otto III. 7), daß die Mißhandlung des Gegenpapstes nicht bei der Gefangennahme durch die Truppen, sondern erst später in Rom erfolgt ist, und beruft sich auf Heyck, der schreibt, daß nur ein Mißverständnis früher die Verstümmelung des Gegenpapstes auf Bertholds Schultern gewälzt hat und die Schar, die ihn fing, an den Vorgängen in Rom nicht beteiligt war 8).

Alle Geschichtsschreiber erwähnen, daß der Kaiser den Breisgaugraf Berthold noch während jenes Romzuges für seine Verdienste belohnt hat und auf Bitte des Schwabenherzogs Herimann II. den Wunsch Bertholds erfüllte und das für die Stadtgründung notwendige Marktrecht mit allen dazu gehörigen Privilegien wie Münze, Zoll, Marktgericht usw. für seinen ihm gehörigen Ort Villingen verliehen hat. Dieses geschah noch in Rom am 29. März 999.

Ein Teil der Fürsten ist im Frühjahr 999 nach Deutschland zurückgekehrt, an der Spitze Herzog Heinrich von Bayern und in dessen Begleitung auch ein Graf Birtilo, wahrscheinlich mit bestimmten Aufträgen und Weisungen 9).

Damit ist bewiesen, daß ein Graf Birthilo ( Berthold ) das Marktrecht für seine Verdienste beim 2. Romzug des Kaisers erhalten hat; aber lange noch nicht, daß es sich hier um den Breisgaugrafen handelt, denn in der Marktrechtsurkunde ist nur ein Graf Berthold ohne Nennung einer bestimmten Grafschaft genannt. Trotzdem haben bis vor kurzer Zeit alle Geschichtsschreiber jenen Grafen Berthold als den Breisgaugrafen angesehen. Fickler schreibt aber schon 1849, daß bei einer früheren Veranlassung die Identität des Kriegsmannes Berthold mit dem gleichnamigen Breisgaugrafen stillschweigend zugegeben wurde, aber nicht erwiesen ist 10). Die Tatsache, daß im Jahre 990 ein Berthold als Breis-gaugraf bezeugt ist, welcher i. J. 993 das Kloster Sulzburg stiftete, und daß im Jahre 997 und 998 ebenfalls ein Berthold als Graf im Thurgau anzutreffen ist, verleitete zu der Annahme, daß der Breisgaugraf auch die Grafschaft im Thurgau innehatte.

List bringt nun im Jahresheft Schauinsland 1967 des Breisgaugeschichtsvereins den Nachweis, daß der Breis-gaugraf und der Thurgaugraf nicht, wie Heyck behauptet, identisch seien 11), sondern daß hier zwei verschiedene Bertholde zu unterscheiden sind. Demnach ist der Gründer von Sulzburg der Breisgaugraf, der erste Marktherr von Villingen aber der Thurgaugraf. Letzterer hatte engste Beziehungen zum Schwabenherzog, der auf dem Hohentwiel saß und in dessen Gefolge mit dem Kaiser nach Rom zog.

Eine noch größere Verwirrung herrschte mit der Zuordnung des Grafen »Bezelin von Villingen«. Heyck hält diesen Bezelin identisch mit dem Kleriker Bezelin, welcher im Zusammenhang mit dem Kloster Sulzburg erwähnt wird, also als Sohn des Breisgaugrafen 12). Andern Forschern erscheint die Identität der beiden Bezelinie aus verschiedenen Gründen für unmöglich und suchen dies auch zu beweisen. Krüger hält den Villinger Bezelin als Sohn des Thurgaugrafen Landolt 13) und gleichzeitig als denjenigen, der mit dem Villinger Marktrecht begabt wurde 14), was Ganter schon aus Altersgründen entschieden ablehnt.

Der heutige Stand der Forschung ist folgender:

Der Breisgaugraf Berthold ab 990 ist der Gründer von Sulzburg; er starb i. J. 1004 und gehört in die Familie der Grafen von Altenburg, denen auch die Habsburger entstammten. Sein Sohn ist der »Kleriker« Bezelin. Dieses Geschlecht setzte sich, wie schon Fickler nachgewiesen hat, in den Grafen von Nimburg fort 15).

Berthold der Thurgaugraf ist der Sohn des Thurgaugrafen Landolt, und er war es, der den Kaiser i. J. 998 auf seinem Romzug begleitete und für seine Verdienste das Marktrecht für Villingen erhielt. Dieser Berthold war 1014 tot. Seine Gemahlin war Berta von Büren und sein Sohn der Bezelin von Villingen.

Den Namen Bezelin mit dem Beinamen von Villingen erfahren wir aus einer Ahnenliste, in welcher dieser Bezelin als Sohn der Berta von Büren, der Schwester des Friedrich von Büren, dessen Sohn sich nachher Friedrich von Staufen nannte, vermerkt ist. Jene Stammtafel ließ Friedrich von Staufen ( Barbarossa) in seiner Ehe-scheidungsangelegenheit anfertigen, um nachzuweisen, daß seine damalige Frau mit ihm im 3. Grad blutsverwandt ist. Der Nachweis einer solchen Verwandtschaft genügte zur Ehescheidung.

Den Beinamen »von Villingen« wird jener Bezelin wohl dem Umstand verdanken, daß er von seinem Vater die Marktgerechtigkeit Villingens übernahm. Ob er zeitweise in Villingen seinen Wohnsitz hatte, ist möglich, aber nicht nachzuweisen. Die Warenburg stand zu jener Zeit noch nicht. Bald nach dem Tode seines Vaters übernahm Bezelin auch die Grafschaft in der Ortenau und ist nachher meistens als Begleiter des Kaisers anzutreffen. So ist er in den Jahren 1015, 1018 und 1021 im Gefolge des Kaisers festzustellen; er begleitete den Kaiser auch im Jahre 1022 bei seiner Heerfahrt nach Unteritalien, wo er bei einer Entscheidung als Urteilssprecher beigezogen wurde 17).

Bezelin von Villingen starb im Jahre 1024 und ist der letzte Vorfahre des Zähringergeschlechts. Sein Sohn ist »Berthold mit dem Barte«, der die Burg Zähringen erbaute. Da dieser erste Zähringer seine Burg nicht auf Eigengut, sondern auf Reichsgut erbaute, ist ein weiterer Beweis dafür, daß seine Vorgänger nicht die Breisgau-grafen sind, welche in jenem Gebiet doch begütert waren.

Der Markt Villingen

Bevor wir uns mit dem Markt Villingen beschäftigen, soll die Entwicklung des Marktwesens nach der Römerzeit vor Augen geführt werden. Nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches ging der Handel auf einen Bruchteil des früheren Umfanges zurück; nördlich der Alpen wurde sogar auf Tauschhandel zurückgegriffen 18) Gothein schreibt, daß es lange gedauert hat, bis der Handel bei den germanischen Völkern ständige Sitze erhielt; bis dahin wurde der Handel mit ausländischen Handelswaren dem Fremdkaufmann überlassen. Zuerst waren es die Syrier, dann die Juden und neben diesen auch die Venetianer, welche besonders die Kirchenfeste besuchten und dort ihre Luxuswaren feilboten 19).

Im frühen Mittelalter war der Handel ganz von Byzanz abhängig, welches die Erzeugnisse aus dem Orient, Gewürze aus Indien und China ganz in seiner Hand hatte. Byzanz war damals Stapelplatz für die arabischen Händler; erst später hat Venedig diese Rolle übernommen. Es gab auch nordische Händler, besonders Friesen, die mit ihren Schiffen von Vorderasien die mitteleuropäischen Flüsse hinauffuhren und selbst in Straßburg in Erscheinung traten. Eingeführt wurde zu jener Zeit nur das, was im eigenen Land nicht erzeugt werden konnte, z. B. Gewürze, Spezereien, Metalle, Seide und andere Luxusgegenstände für den wohlhabenden Teil der Bevölkerung, sowie u. a. Weihrauch für den Kult 20).

Am Anfang der Karolingerzeit begegnen uns bereits einheimische Kaufleute am Oberrhein, die einen regelmäßigen Handelsverkehr zwischen Ober- und Niederrhein ausbildeten. Der Besuch von Jahrmärkten war zu jener Zeit die Hauptform des Handels; der karolingische Kaufmann ist Wander- und Fernkaufmann. Seine Aufgabe war es nicht nur, sich um die Beschaffung der Waren am Erzeugungsort zu kümmern, sondern er hatte dieselben auch auf eigenes Risiko an die Verkaufsplätze zu bringen. Der Kaufmann war den größten Teil des Jahres unterwegs; nur im Winter lag er an einem festen Platz im Winterquartier, wo er seine Waren stapelte. Die Jahrmärkte wurden deshalb meistens im Frühjahr und im Herbst bei der Aus- und Einreise abgehalten. Der Sicherheit wegen schlossen sich die Kaufleute oft zu Gemeinschaften zusammen und zogen so von Marktort zu Marktort 21).

Der Markttermin war anfänglich nicht auf einen bestimmten Tag festgelegt, denn wegen den großen Transportschwierigkeiten war lange Zeit hindurch eine genaue Festlegung eines bestimmten Termins unmöglich. Erst allmählich dürfte sich der Weg, der die gleiche Route bereisenden Kaufleute auf bestimmte Jahrmarktstermine eingespielt haben. Von jener Zeit ab wußte der Fernhändler, daß er zu einem bestimmten Zeitpunkt eine große Anzahl anderer Händler antraf, an die er seine Ware absetzen und Gegenstände eintauschen konnte. Aus diesem Grunde war der Jahrmarkt gegenüber dem Wochenmarkt immer von mehrtägiger Dauer. Für den Beginn des 10. Jahrh. sind uns die ersten Jahrmärkte überliefert.

Die Gegenstände des Handels waren jetzt schon vielfältiger und bestanden vornehmlich aus Salz, Gewürzen, Rauchwaren, Metallen, Waffen und anderen Schmiedearbeiten, Bernstein, Schmuck und Glaswaren, Tuche und Webwaren, Wolle Seide, Wachs und Honig, sowie Öl, Pelze und Sklaven 22) .

Die frühesten Märkte lagen immer an wichtigen Verkehrswegen, ob zu Wasser oder zu Lande, und immer in der Nähe von befestigten Siedlungen, wie an alten noch befestigten Römerstädten, Klöstern oder Bischofs-sitzen, die oft als Burgen bezeichnet wurden. Hier konnte der Kaufmann seine schutzbedürftige Ware stapeln und sich zu Zeiten der Not in diese Befestigungsanlagen zurückziehen 23).

Die uns nächstgelegenen Märkte zur Karolingerzeit scheinen in Chur, Zürich, Basel und Straßburg bestanden zu haben 24). Konstanz, der älteste mittelalterliche Markt am Bodensee, ist zwar nicht ganz so alt und ist wohl eine Stiftung von König Ludwig IV., »das Kind« von 900-911, an den Konstanzer Bischof Salomon, denn die ältesten Konstanzer Münzen zeigen das Bildnis dieses Bischofs, der um das Jahr 910 regierte 25) . Konstanz gewann nicht nur als Bischofssitz, sondern auch als Umschlagplatz des Handels für die nähere und weitere Umgebung, sowie wegen seiner günstigen Lage als Ausgangspunkt zu den Alpenpässen nach Italien, als Sammelplatz für die Ausfuhr immer größere Bedeutung und wurde deshalb schon früh ein Mittelpunkt für die über die Alpenpässe gekommenen Händler 26).

Im 10. Jahrhundert setzte im ganzen Reich eine auffallende wirtschaftliche Entwicklung ein; der wachsende Lebensstandard verlangte die vermehrte Einfuhr von Handelsgütern. Der Ort Villingen mußte damals schon ein wichtiger zentraler Platz gewesen sein, denn die von der Kinzig heraufführende Schwarzwaldstraße, nicht die neue über Triberg, verband die alten Märkte Straßburg und Konstanz. Aber auch die alte Römerstraße, die von Vindonissa über Hüfingen nach Rottweil und weiter ostwärts führte, wurde damals noch benutzt, nach alten Berichten wurde sie sogar bis Ende des 18. Jahrhunderts begangen, und berührte beim heutigen »Zollhäusle« die Villinger Gemarkung (Rottweil-Schaffhauser Weg). Der Fernhandel benutzte immer Brennpunkte des Verkehrs, und man kann ruhig sagen, daß Graf Berthold mit Villingen den richtigen Platz für einen Markt ausgewählt hat, zumal in weitem Umkreis kein Markt bestand. Die Neugründung eines Marktes wurde zwar nicht immer, aber doch mit Vorliebe dort vorgenommen, wo eine schon vorhandene Kaufmannssiedlung einen Erfolg für die Dauerhaftigkeit eines Marktes versprach, und Hamm vermutet, daß sich in Villingen eine Winterniederlassung reisender Kaufleute gebildet und sich allmählich zu einer Dauerniederlassung entwickelt hat 27).

Die Baar und das Brigachtal waren zu jener Zeit schon gut besiedelt, denn alle Ortschaften werden im 8. und 9. Jahrhundert in St. Galler Urkunden erwähnt. Es müssen in diesen Orten schon vor der Marktgründung Spezialisten, also Handwerker wie Töpfer, Schmiede gesessen haben, die für ihre Erzeugnisse Abnehmer bei den Bauern fanden, welche auf ihren Höfen manches brauchten, was sie nicht selber herstellen konnten. Aber auch Kaufleute waren notwendig, die fremde Erzeugnisse beischafften und einheimische Überschüsse weitergaben. Für die Errichtung eines Marktes in Villingen war sicher ein Bedürfnis vorhanden.

Die Fernkaufleute müssen aus verschiedenen Richtungen nach Villingen gekommen sein, um ihre Waren abzusetzen und am Ort produzierte aufzukaufen. Wir ersehen daraus, daß der Jahrmarkt selber zu jener Zeit ein reiner Händlermarkt, also eine Art Messe war. Dem kleinen Händler, der den Jahrmarkt besuchte, blieb es vorbehalten, die Handelswaren an die Handwerker und Verbraucher zu vermitteln.

Für die Zwecke des Verbrauchers bildete sich später der Wochenmarkt, welcher lediglich dem Nahverkehr diente, was auch daraus ersichtlich ist, daß beim Jahrmarkt der König den Marktfrieden sichert, beim Wochenmarkt dagegen der Grundherr. Eine weitere Unterscheidung sehen wir darin, daß der Jahrmarkt, wie es früher auch in Villingen war, eine Woche dauerte, der Wochenmarkt aber meistens nur einen halben Tag.

Bevor ich auf die Einzelheiten der Villinger Marktrechts-urkunde eingehe, will ich dieselbe im Wortlaut nach der Roder’schen Übersetzung anführen 28):

»Im Namen der heiligen ungeteilten Dreifaltigkeit, Otto, durch die Gunst der Gnade des Allerhöchsten römischer Kaiser, Augustus. Wenn Wir den gerechten Bitten Unserer Getreuen Zustimmung gewähren, so glauben Wir ohne Zweifel, daß jene Uns um so getreuer sein werden. Daher tun Wir der gesamten Menschheit des gegenwärtigen Jahrhunderts zu wissen, daß Wir auf das Ersuchen des erlauchten Herzogs Herimann Unserem Grafen Berthold gegeben, verliehen und bewilligt haben das Recht und die Gewalt, in einem ihm gehörigen Orte genannt Villingen, einen öffentlichen Markt zu gründen und einzurichten mit einer Münze, einer Zollstätte und dem ganzen öffentlichen Gerichtsbann, auch in der Grafschaft Bara, welche wie kund ist, Graf Hildibald mit seiner Machtbefugnis verwaltet. Und Wir haben kraft kaiserlichen Befehls, indem jeder Widerspruch der Menschen fern sein soll, beschlossen, daß dieser von Unserer höchsteigenen Bewilligung ausgehende Markt mit aller öffentlichen Handlung gesetzlich sei, und zwar mit dieser Rechtsbestimmung, daß allen, welche den schon genannten Markt besuchen wünschen, unbehelligt und in aller Ruhe und Feierlichkeit hin- und zurückgehen ohne jegliche Schädigung ihr Geschäft ausüben mögen mit Erwerben, Kaufen, Verkaufen und Betreibung alles dessen, was von solcher Hantierung genannt werden kann. Und so irgend ein sterblicher sich unter-finde, diese vorliegende Bestätigung des genannten Marktes in etwas zu verletzen, ungültig zu machen oder zu brechen, soll er wissen, daß er eine solche staatliche Buße zu erlegen habe, wie jener zu erlegen schuldig ist, welcher den Markt zu Konstanz oder zu Zürich durch irgendwelche Verwegenheit zu verletzen oder stören würde; er soll die kaiserliche Buße bezahlen dem vorgenannten Grafen Berthold, oder wem dieser sie bezahlt wissen will. Auch soll er der genannte Graf die Befugnis haben, den Markt zu vertauschen, zu verschenken, wie immer ihm belieben mag. Und damit Unsere Bewilligung unauflöslich und immerwährend bleibe, so haben wir diese Urkunde, wie man unten sieht, mit eigener Hand bekräftigt und mit Unserem Bleisiegel zu besiegeln befohlen.

Zeichen Ottos des unbesiegten Kaisers Heribert, Kanzler anstatt des Erzbischofs Willigis bezeugt es 29).

Gegeben am 4. Tag vor den Kalenden des Aprils (März 999 ), im Jahre der Geburt unseres Herrn 999, in der 12. Idiction, im 16. Jahre des Königtums Otto III., im 3. seines Kaisertums, Geschehen zu Rom: es gereiche zum Glück«.

Wir dürfen nicht übersehen, daß sich aus den Märkten durch die Marktzölle und Bußen beträchtliche Einnahmen erzielen ließen und daß sich der König durch Vergabe von Marktprivilegien an Bischöfe, Klöster, hohe Adlige usw. Gefolgsleute für seine Machtbestrebungen sicherte. Diese Verpflichtung dem König gegenüber ist in der Villinger Markturkunde besonders deutlich hervorgehoben, denn wir lesen darin wörtlich: »Wenn Wir den gerechten Bitten Unserer Getreuen Zustimmung gewähren, glauben Wir ohne Zweifel, daß jene Uns um so getreuer sein werden«.

Die Urkunde zeigt uns auch, daß nur ein Graf Berthold genannt wird, ohne Hinweis auf einen Breisgaugraf, und daß sich Herzog Hermann II. sehr um das Zustandekommen dieses Marktes aufgrund Bertholds Verdienste bemüht hat.

In der Markturkunde lesen wir ferner »in einem ihm gehörigen Ort Villingen«. Dieser Ort Villingen wird von den Forschern verschieden gedeutet. Gothein glaubt, daß der Graf nur im Besitz eines Hofes und einer Mühle an der Brigach gewesen ist, weil Klöster und andere Herrschaften zu jener Zeit ebenfalls in Villingen begütert waren. Ich halte diesen geringfügigen Besitz des Grafen in Villingen kaum glaubhaft, denn Villingen mußte schon vorher für Berthold ein wichtiger Platz gewesen sein, und wahrscheinlich hatte er dort ein festes Haus mit einem Verwalter für seine Güter besessen. Der Eigenbesitz muß von seinen Vorfahren herrühren, und es ist auch gar nicht ausgeschlossen, daß jener Baargraf Hildibald mit Berthold verwandt war. Die Tatsache, daß die Zähringer die Warenburg und die neugegründete Stadt Villingen auf eigenem Grund erbaut haben, spricht dafür, daß unser Berthold einen umfangreichen, wahrscheinlich zusammenhängenden Grundbesitz in und um Villingen sein Eigen nannte. Gothein betont auch, daß Graf Berthold die öffentliche Gewalt hier nicht besaß, weil in der Urkunde ein Graf Hildibald als Verwalter der Grafschaft genannt ist. Auf alle Fälle wurde aber spätestens mit der Marktverleihung in die Amtsgewalt des Hildibald eingegriffen, wenn anfangs auch nur hinsichtlich des Marktes, denn in der Markturkunde heißt es »mit dem öffentlichen Gerichtsbann auch in der Grafschaft Bara«. Das mit dem Markt verbundene Gericht beschneidet demnach die Rechte, des Grafen Hildibald, wenn nicht schon frühere uns unbekannte Rechte des Grafen Berthold vorauszusetzen sind. Wie anderwärts wird auch in Villingen der Jahrmarkt im Schutze eines befestigten Sitzes angelegt worden sein. Vielleicht ist von dort aus der Privatbesitz des Grafen Berthold verwaltet worden 30).

Es ist anzunehmen, daß Graf Berthold seinem Markt Villingen eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt hat, daß sich derselbe entwickelt hat und er oder sein Nachfolger bald einsehen mußte, daß der Platz der alten Siedlung links der Brigach für die Bildung einer Marktgemeinde ungünstig gelegen war, und daß sich auf der großen ebenen Fläche rechts der Brigach ein weit besseres Gelände anbot, wobei man schon an eine Stadtgründung dachte. Märkte haben städtebildende Kraft. Vermutlich ist die Warenburg auf der rechten Brigachseite erbaut worden, als die erste Phase der Stadtplanung begann.

Die Warenburg wurde Stützpunkt der Zähringerherrschaft im Brigachtat und wahrscheinlich wurde bald auch der Markt dorthin verlegt. Die Kaufleute konnten wohl bei der Burg ihre Waren deponieren und einen Umschlagplatz errichten.

Davon dürfte »Warenberg« und »Warenburg« ihren Namen erhalten haben. Während im altdeutschen Wörterbuch das Wort »wara« mit wehren oder acht haben und »wari« mit Verteidigung, Kampf usw. gedeutet wird, übersetzt das Mittelhochdeutsche Wörterbuch von Lexer »ware« mit Kaufmannsgut, wobei in Grimms Deutschem Wörterbuch steht, daß dieses Wort seit dem 13. Jahrhundert belegt ist. Nachdem die Wortbildung erst später nach der Erbauung der Warenburg einsetzte, könnte meine Auffassung zutreffen.

Ganter macht sich die schon von andern geäußerten Gedanken zu eigen und behauptet in seinem Buch »Bezelin von Villingen«, worin er auch die Herkunft der Zähringer von den Franken ableitet, daß die Warenburg ihren Namen dem fränkischen Kammerboten und Thurgaugrafen Waro oder Warin, der schon 774 gestorben ist, verdankt und daß derselbe zeitweise seinen Wohnsitz auf dem Warenberg aufgeschlagen hatte 31).

Karl Siegfried Bader nimmt Ganters phantasiereiche Schrift, wie er sie nennt, kritisch unter die Lupe und bestreitet, daß die Warenburg, ebensowenig wie die andern Bergburgen der Baar und des oberdeutschen Gebiets in fränkische Zeit zurückreichen 32).

Wie u. a. H. M. Maurer feststellt 33), kannte die fränkische Zeit noch keine Adelsburgen. Das Burgbau-Regal lag bis zum Anfang des 11. Jahrh. in den Händen des Königs, widerrechtlich erbaute Burgen mußten auf seinen Wunsch abgebrochen werden. Die erste Herzogsburg in unserer Landschaft, nämlich die auf dem Hohentwiel, entstand um das Jahr 1000. Erst nach dem Anfang des 11. Jahrhunderts ging das Burgbau-Regal auf die Herzöge über, welche dieses Recht im Laufe der Jahre an ihre Grafen und Ministerialen weitergaben. Vor der Mitte des 11. Jahrhunderts saßen die führenden Adelsgeschlechter meistens in gesicherten Herrenhöfen, die in oder nahe bei den Dörfern standen. Nach diesem Zeitpunkt aber, besonders im 12. und 13. Jahrhundert, schossen die Adelsburgen, die jetzt auf den Höhen errichtet wurden, wie Pilze aus dem Boden; aber erst ab dem Ende des 11. Jahrhunderts wurde es Brauch, daß sich der Adel nach ihren Höhenburgen benannte.

Der Zug von der Ebene auf die Höhen läßt sich in vielen Fällen genau verfolgen. So nannte sich noch im Jahre 1112 ein Adlinger »Conradus de Geisingen«, und derselbe Conradus urkundet im Jahre 1138, also 26 Jahre später, als »Conradus von Wartenberg« 34). In einem weiteren Beispiel sehen wir, daß der im Jahre 1152 genannte »Bertholdus von Engen« im Jahre 1171 als »Bertholdus von Hewen« urkundete 35).

Karl Siegfried Bader hat die Geschichte der Warenburg ausführlich beleuchtet; er ist der Meinung, daß es sich bei dieser Burg um eine Zähringerfeste handelt, der die Aufgabe zufiel, das Brigachtal zu decken und die Rolle des Marktes zu überwachen. Bader bestätigt auch, daß im Zusammenhang mit dem Markt die Warenburg erbaut wurde 36).

Mit der Warenburg war eine eigene Herrschaft über das Brigachtal verbunden, die spätestens mit deren Erbauung zustandekam, wenn sie nicht schon früher bestand, denn Graf Hildibald treffen wir letztmals i. J. 1007 an. Die genannte Herrschaft umfaßte die Orte Rietheim, Marbach, Klengen, Überauchen, Beckhofen und Grünin-gen, war also ein Bestandteil der jüngeren Baar, welche vorher von Aasen aus verwaltet wurde, sowie umfangreichen Grundbesitz bei der Burg. Auch 1/3 des Kornzehnten zu Volkertsweiler und Sommertshausen gehörte lt. Zehntrodel vom J. 1441 zur Warenburg. Die Burg bildete demnach den Mittelpunkt einer alten Herrschaft im Brigachtal, zu der ursprünglich wohl auch das Dorf Villingen links der Brigach gehörte.

Beim Übergang der Stadt Villingen an das Haus Österreich war der größere Teil der Herrschaft Warenburg mit den vorher genannten Orten im Kaufvertrag mit eingeschlossen, während der kleinere Teil mit den hochrichterlichen Rechten den Fürstenbergern verblieb 37). Das Niedergericht verblieb aber bei der Herrschaft, auch als die Herrschaft von den Österreichern mehrmals verpfändet wurde und i. J. 1466 durch Kauf an die Stadt gelangte. Wie wir aus den Quellen ersehen, wurde noch im 16. Jahrh. zweimal im Jahre auf dem Warenberg im Namen des Hauses Österreich in Anwesenheit eines Obervogts und Gerichtsschreibers, eines Knechts und eines Pfarrers und einer Menge Volk Gericht gehalten. Nach altem Brauch wurde anschließend jedesmal von der Stadt zu Gast geladen, was der Stadt für Speis und Trank acht und mehr Gulden verursachte 38).

Roder beschreibt die Warenburg wie folgt: »Eine Viertelstunde südlich von Villingen, wo sich der Höhenzug des Warenbergs (50 m) östlich gegen das Brigachtal sanft absenkt, bemerkt man einen durchschnittlich 2,5 m hohen gegen Westen in die natürliche Bodenerhebung übergehenden Erdwall, an welchen sich nach innen ein jetzt noch teilweiser 5 m tiefer, 30-40 Schritt breiter Graben anschließt. Die Grundform bildet ein Quadrat von je 110 Schritt Länge der Seiten. Der davon ausgehende Raum ist (i. J. 1890) ein mit 50 jährigem Tannenbestand bewachsenes Trümmerfeld von Bausteinen und Ziegeln, aus welchen am südlichen Ende ein 5 m hoher, ebenfalls überwachsener Hügel hervorragt. Dieser aus Gemäuer mit Mörtelverbindung bestehend, läßt sich deutlich als der Überrest eines Geviertturmes von je 7 m Breite erkennen. Das ganze nennt man Warenburg 39)«.

Man nimmt an, daß die Stadt die Burg nach dem Kauf der Herrschaft verfallen ließ, nachdem ihr sowieso alle in ihrer nächsten Umgebung liegenden befestigten Sitze ein Dorn im Auge waren, denn der Rat berichtet i. J. 1556, daß die Burg nur noch ein alter Burgstall ohne Dach und einem Haufen Steine sei 40).

Im Jahre 1556 gingen die zur Burg gehörigen Güter mit dem Laible in den Besitz der Spitalverwaltung über, welche anstelle des alten Meierhofes i. J. 1567 einen neuen aus Stein erbaute, welcher aber im 30jährigen Krieg ( 6. 1. 1633), als sich General Horn der Stadt näherte, auf Anordnung von Oberst Äscher, um dem Feind keinen Unterschlupf zu bieten, von der einheimischen Besatzung in Brand gesteckt wurde.

Der über dem Eingang jenes Meierhofes angebrachte Schlußstein mit Wappen wurde später über der Eingangstüre zur Gaststätte Ott in der Färberstraße eingesetzt, wo er sich heute noch befindet 41).

Der Markt und die neue Stadt

Nach Erbauung der Stadt wurde auch der Markt in diese verlegt; der Markt erhielt ein neues Recht, welches sich wohl aus dem besonderen Recht der freien Kaufleute, das sich im Laufe der Zeit auf die übrigen Bewohner ausdehnte, entwickelt hat.

Auch die alte Siedlung Villingen mitsamt der Kirche, welche noch jahrhundertelang die Pfarrkirche für die neue Stadt blieb, wurde aus der Herrschaft Warenburg ausgeklammert.

Die gräflichen oder herzoglichen Beamten, die auf der Warenburg den Markt kontrollierten, sind ebenfalls in die Stadt gezogen und haben dort ihres Amtes gewaltet. Es ist gar nicht ausgeschlossen, daß diese Herren die ersten Schultheißen der Stadt wurden, denn der Schultheiß stand ursprünglich im Dienste des Grundherren, und erst viel später wurde derselbe von den Bürgern und vom Rat gewählt. Vielleicht haben diese ersten Schultheißen die Wohntürme bewohnt, von denen einige in der Stadt standen, denn nur hochgestellte Leute bzw. solche vom Adel hatten das Recht, solche Wohntürme zu erstellen. Wahrscheinlich bildeten diese Türme den Abschluß der ersten Stadtbefestigung, denn die heutigen Tortürme sind frühestens zur Stauferzeit entstanden.

Die Namen der ersten Schultheißen Villingens sind uns nicht überliefert; interessant ist aber, daß ein großes Gewann direkt unter dem Warenberg sich Stähelinshalde nennt 42). Die Stähelins, die auch in Stockburg saßen, spielten im 13. und 14. Jahrh. in Villingen noch eine große Rolle. Wahrscheinlich war der 1223 genannte Schultheiß »Cunradus« ein Stähelin. Im Jahre 1236 finden wir einen Stähelin als Zeuge bei einer Schenkung der Gräfin Adelheid von Fürstenberg an die geistlichen Schwestern in Villingen 43), und im Jahre 1265 44) und oftmals darnach sind die Stähelins als Schultheißen und Bürgermeister von Villingen vermerkt.

Die Anlage der Stadt

Der Villinger Stadtarchivar Dr. Fuchs hat als erster nachgewiesen, daß die Stadt Villingen nicht in einem Zuge, sondern in zwei Etappen erbaut worden ist, wobei die nördliche Hälfte der ältere Stadtteil ist 43). Es wundert mich, daß diese Feststellung nicht mehr Aufsehen erregt hat, galt es doch bisher als feststehend, daß alle, auch die ersten Zähringerstädte, nach einem festen Plan — Rondel mit vier in der Mitte sich kreuzenden Hauptstraßen — erbaut worden sind.

Man bringt zwar das älteste Villinger Stadtwappen mit dem österreichischen Bindeschild in Beziehung, aber können wir in diesem Wappen nicht auch die Abbildung des ältesten Stadtbildes sehen und damit eine Bestätigung für die Feststellung von Dr. Fuchs finden? Dieses Wappen wird zwar oft umgedreht gezeigt, aber richtig dürfte wohl das blaue Feld mit dem weißen Balken, die nördliche Hälfte darstellend, und der weiße Balken als Hauptstraße die beiden Blöcke trennen, während das weiße Feld der linken Wappenseite die südliche noch unbebaute Hälfte zeigen würde. Andere Zähringerstädte, wie z. B. Freiburg i. Br., führen das Zähringerkreuz, vier sich kreuzende Hauptstraßen, in ihrem Wappen.

Im ältesten Stadtteil Villingens finden wir Häuserblocks mit sehr großen Innenhöfen. Hier haben sich die Kaufleute und die Gewerbetreibenden angesiedelt. Es ist sehr gut möglich, daß bei der Stadtgründung die Handwerker der Umgebung in die Stadt hereingeholt wurden, wie es nachweislich die Fürstenberger später im Falle der Konkurrenzgründung Vöhrenbachs zwangsweise getan haben. Alle wichtigen Gebäude standen in der alten, der nördlichen Stadthälfte. Der Platz für die Kirche wurde dort ausgespart, das Rathaus steht dort und ebenfalls die Rabenscheuer, das älteste Haus Villingens. Vielleicht war jenes das gemeinsame Haus der Kaufleute, ihr erster Warenspeicher.

Erst in der zweiten Hälfte des Ausbaues, beim Bau der südlichen Stadthälfte, haben die Bauern, wenigstens der größere Teil von ihnen, ihre bisherigen Höfe außerhalb der Stadt aufgegeben und haben sich in dieser angesiedelt. Ihretwegen wurde der bisherige Bauplan etwas verändert und die Hauptstraßen rückseitig mit Versorgungsgassen versehen, um Ställe und Scheunen für das Vieh anzulegen.

Aufgrund dieser Sachlage kann man mit Sicherheit sagen, daß sich in Villingen das Zähringerkreuz entwickelt hat, das von den nachfolgenden Zähringerstädten nachgeahmt wurde. Das sehe ich als einen Beweis dafür an, daß Villingen die erste Zähringerstadt ist.

Die Freiburger glauben zwar immer, daß Freiburg älter als Villingen sein muß, weil der Rechtszug von Freiburg nach Villingen gelaufen ist 45). Freiburg hat zwar das ältere bekannte Stadtrecht, aber es ist sehr gut möglich, daß sich Villingen, nachdem Freiburg die Metropole der Zähringer wurde, sich dessen Stadtrecht im Laufe der Zeit anpassen mußte. Dr. Fuchs weist auch mit Recht auf die selbständigen Rechtsbestimmungen im Stadtrecht von 1371 hin 47). Welche Stadt nun zuerst vollendet war, mag dahingestellt bleiben, aber jedenfalls wurde mit der Erbauung Villingens früher begonnen. Man muß immer die Tatsache berücksichtigen, daß für Villingen der Markt den Ausgangspunkt zur Stadtgründung bildete, für Freiburg aber umgekehrt die Stadt für den Markt. Freuen würde ich mich, wenn mein bescheidener Beitrag zu weiteren fruchtbaren Diskussionen anregen und sich auch die Forschung noch mehr mit diesem Zeitabschnitt Villingens befassen würde, um die noch im Dunkel liegende Zeit unserer Stadtgeschichte etwas aufzuhellen. Einen Wunsch möchte ich noch zum Schluß äußern! Die Reste der Ruine Warenburg sind die ältesten Zeugen aus der Zeit der Stadtgründung, und sie und ihre allernächste Umgebung befinden sich in einem verwahrlosten Zustand. Ich weiß, daß unsere Stadt und die Denkmalspflege z. Z. kaum Mittel zur Verbesserung dieses Zustandes bereitstellen kann; aber wäre nicht ein Weg zu finden, um auf freiwilliger Grundlage mit wenig Mitteln die Grundmauern freizulegen und zu konservieren, wobei natürlich die Sicherstellung jedes kleinsten Bodenfundes, der weitere Aufschlüsse bringen kann, gewährleistet sein muß. Alsdann sollte die Forstverwaltung einen Weg um die Ruine anlegen und einige Ruhebänke aufstellen. Der Gang dort hinauf würde sich dann noch mehr lohnen, denn wir hätten dann zwei große Zeugen unserer Geschichte, den Magdalenenberg und die Ruine der Warenburg, in ordentlichem Zustand nahe beisammen, und mancher würde noch mehr zum Nachdenken über die Geschichte unserer Heimat angeregt werden.

Literatur und Anmerkungen

1) F. L. Baumann, Gaugrafschaften im württb. Schwaben (1879).

2) Hubert Ganter, Bezelin von Villingen (1891) S. 13 ff.

3) K. S. Bader, Kürnburg, Zindelstein u. Warenburg, in: Schauinsland Heft 64/1937 S. 115.

4) K. List, Stifter des Klosters Sulzburg i. Breisgau, in: Schauinsland Heft 84/85 (1966/67) S. 268.

5) E. Heyck, Die Herzöge von Zähringen ( 1891 ) S. 7.

6) L. Ranke, Jahrb. d. Deutschen Reiches unter dem sächsischen Hause ( 1840 ) Bd. 2 S. 99. R. Holtzmann, Gesch. der sächsischen Kaiserzeit 9001024 ( 1955 ) S. 345.

7) Mathilde Uhlirz, Jahrb. d. Deutschen Reiches unter Otto II. u. Otto III. (1954) Bd. 2 S. 259.

8) Heyck, a. a. 0. Anmerkungen S. 7 f.

9) Uhlirz, a. a. 0. S. 299.

10) C. A. B. Fickler, Quellen und Forschungen zur Gesch. Schwabens u. Ostschweiz ( 1849 ) S. CI.

11) List, a. a. 0. S. 274.

12) Heyck, a. a. 0. S. 6 ff.

13) E. Krüger, Zur Herkunft der Zähringer, in: ZGO Bd. 45 ( 1891 ) S. 571.

14) ebd. S. 572

15) Fickler, a. a. 0. S. CVI.

16) List, a. a. 0. S. 271 ff.

17) Heyck, a. a. 0. S. 14 f.

18) A. Schulte, Gesch. d. mittelalterl. Handels u. Verkehrs zwischen Westdeutschland u. Italien ( 1900 ) Bd. 1, S. 69.

19) E. Gothein, Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwaldes (1892), S. 64.

20) Schulte, a. a. 0. S. 75.

21) Gothein, a. a. 0. S. 64

22) H. Planitz, Die Deutsche Stadt im Mittelalter (1954 ) S. 57.

23) F. Rößler, Sachwörterbuch zur Deutschen Geschichte (1958), S. 1223.

24) Berta Borchert, Untersuchungen zur Gesch. d. Marktwesens im Bodenseeraum ( 1956 ), in: ZGO Bd. 104 S. 318.

25) 0. Feger, Auf dem Weg vom Markt zur Stadt (1958 ), in: ZGO Bd. 106 S. 2.

26) Borchert, a. a. 0. S. 138

27) E. Hamm, Städtegründungen d. Herzöge v. Zähringen in Südwestdeutschland ( 1932 ) Veröff. des Alem. Inst., Freiburg, Bd. 1, S. 95.

28) P. Revellio, Beiträge z. Gesch. d. Stadt Villingen (1964).

29) Der genannte Erzkanzler (Erzbischof) Willigis hatte sich mit dem Kaiser entzweit und deshalb nicht an diesem Romzug teilgenommen.

30) Ich halte es für durchaus möglich, daß dieser Sitz schon vorher als Mittelpunkt der Siedlung auf dem Stalberg stand, denn die Mauerreste, die noch nach der Mitte des vorigen Jahrhunderts auf dem Stalberg anzutreffen waren, können diese Vermutung nur bestätigen. Dem Stalberg wurde bisher viel zu wenig Beachtung geschenkt.

Schleicher leitet den Namen Stalberg in seiner i. J. 1872 erschienenen Schrift: »Villingen unter den Grafen von Fürstenberg« von dem Wort »Burgstalberg« ab, wobei er annimmt, daß sich der Name im Laufe der Zeit abgeschliffen hat und die Anfangssilbe Burg verschwunden ist. Er schreibt aber auch, daß zu jener Zeit auf dem Stalberg noch die Grundmauern umfangreicher Gebäulichkeiten anzutreffen waren, die, wie er meint, mit denen des Schlößlebühl und Rundstal in Beziehung stehen. Jene Grundmauern auf dem Stalberg sind inzwischen verschwunden, und auch den genauen Platz konnte ich mangels weiterer Anhaltspunkte nicht mehr ausmachen.

In einem Güterrodel vom Jahre 1506 wird ein Feldstück »stalberg gen der stainmur« genannt. Ich bezweifle aber, ob sich dasselbe auf die von Schleicher erwähnten Gundmauern bezieht, denn links vom Zollhäusleweg, gegenüber dem Pfarrwald, gibt es ein Gewann, das »Steinmaurle« genannt wird.

Maier schreibt in seinem Flurnamenbuch, daß der Name Stallberg auf eine frühere Bebauung in irgend einer Form hinweist. Ob es römische Bauten waren, oder etwa nur ein Stall zum Unterstellen von Weidevieh oben stand, meint er, ließe sich durch Nachgrabungen feststellen, glaubt aber eher, daß wahrscheinlich das erstere der Fall ist, weil schon 1506 nur noch formlose Steintrümmer vorhanden waren, an welche sich keine Erinnerung mehr an den früheren Zustand knüpften. Früher hat man gerne Mauerreste, die man nicht zu deuten wußte, den Römern zugeschrieben, und es ist auch gar nicht ausgeschlossen, daß die Römer zur Sicherung jenes Straßenstücks, das nur ca. 1-1,5 km östlich vom Stalberg vorbeiführte, an diesem zweifellos strategisch wichtigen Punkt einen Sicherungsposten hatten, der aber nicht die Ursache zu ausgedehnten Gebäulich-keiten sein konnte. Auch im Ortsteil Bühlingen der Stadt Rottweil gibt es einen »Stahlberg«, und Dr. Hecht vermutet, daß auch hier ein Gebäude stand, nachdem nebenan die Römerstraße vorbeiführte.

Es erhebt sich nun zwangsläufig die Frage, was mit den lt. Schleicher noch vorhandenen Grundmauern geschehen ist. Heute finden wir beim Stalberg viele kleinere aufgegebene Steinbrüche, und es wäre möglich, daß nachdem man die Grundmauern abgetragen hatte, an jener Stelle weiterhin Steine gebrochen wurden für die Erstellung naheliegender Gebäude, wie z. B. dem »Ho-henstein« und dessen Bierkeller.

31) Ganter, a. a. 0. S. 36.

32) K. S. Bader, a. a. 0. S. 115 f.

33) H. M. Maurer, Die Entstehung der mittelalterlichen Adelsburg in Südwestdeutschland ( 1969 ), in: ZGO Bd. 117, S. 296.

34) F. L. Baumann, Die Freiherren v. Wartenberg ( 1877) in: FDA, Bd. 11. S. 149.

35) Kindler von Knobloch, Oberbadisches Geschlechterbuch ( 1905 ), Bd. 2, S. 59.

36) Bader, a. a. 0. S. 116.

37) Stadtarchiv Villingen, Urkunde H 25 ( Inventar Bd. 1, Nr. 505, S. 104).

38) Schleicher, a. a. 0. S. 4.

39) F. X. Kraus Kunstdenkmäler (1890) Bd. 2, S. 15.

40) Stadtarchiv Villingen, Urkunde H. 37 ( Inventar Bd. 2 Nr. 2969 S. 140 ).

41) Schleicher, a. a. 0. S. 6.

42) Stadtarchiv Villingen, Urkunde E 53 ( Inventar Bd. 2 Nr. 2443 S. 75 ).

43) Fürstenbg. Urk. Buch, Bd. 1, Nr. 390, S. 171.

44) Codex Dipl. Salemitanus ( 1883 ) Bd. 1 S. 462.

45) J. Fuchs, Die Stadt Villingen im 12. und 13. Jahrh. ( 1972 ), in: Villingen und die Westbaar, Veröff. des Aleman. Inst., Freiburg, Bd. 32, S. 92 f.

46) F. Beyerle, Untersuchungen zur Gesch, des älteren Stadtrechts von Freiburg i. Br. und Villingen ( 1910 ), S. 5.

47) J. Fuchs, a. a. 0. S. 90 f.