Das Vesperbild des Villinger Heilig-Geist-Spitals (Dr. J. Fuchs)

Im Museum „Altes Rathaus Villingen“ befindet sich eine Holzplastik mit ca. 80% alter Farbfassung, von der Paul Revellio sagt, sie stamme aus der Kapelle des ehemaligen Heilig-Geist-Spitals. Wie lange diese im Spital war und wann sie ins Museum kam, ist in der Stadtgeschichte bis jetzt nirgends aufgetaucht. Wir nehmen an, das sei bei Gründung der „Altertümersammlung im Alten Rathaus Villingen“ im Jahr 1876 dorthin gekommen. Grund zu dieser Annahme gibt uns ein handschriftliches Verzeichnis im Stadtarchiv, das vermutlich von dem 1889 verstorbenen Villinger Buchdrucker und zeitweisen Herausgeber des „Schwarzwälder“, Ferdinand Förderer, Mitbegründer der Altertümersammlung, stammt.

Die Frage des Standorts innerhalb der Stadt ist gleichzeitig die nach der Herkunft, d. h. des Stifters. Nicht nur heute erkennen wir den hohen Rang dieses Kunstwerks, auch schon zur Stifterzeit muß ein Auftraggeber gewesen sein, der Beziehung zu den bedeutendsten Künstlern der Zeit hatte. Wir wollen die Frage nach Standort und Stifter hier vorläufig stellen und sie am Schluß zu beantworten suchen. Als Standort kommen in Villingen in Frage: Unserer Frauen Kirche vor der Stadt, die Leutkirche in der Stadt (Münster), Johanniter, Franziskaner, Clarissen, Frauenkloster St. German, Frauenkloster St. Nikolaus (Nähe Bickenkapelle), Heilig-Geist-Spital. Mögliche Stifter sind: Die Stadt (Rat und Bürgerschaft wie im Falle des Scheibenkreuzes), die Fürstenberger bis 1326, der Zeit ihrer Funktion als Stadtherren, andere Stifter für die Klöster (niederer Adel oder reiche Kaufleute wie die Muntpratt im Fall des Muntpratt-Teppichs).

In jedem Fall aber dürfte das Auftauchen dieses „Andachtsbildes“ in Villingen mit einer neuen Form der Frömmigkeit, der Mystik, in Zusammenhang stehen. Das Eindringen der Mystik muß über die Zisterzienser mit ihrem großen Meister Bernhard von Clairvaux gesehen werden. Bernhards Kreuzzugspredigten sind bis Villingen gedrungen, zwei bedeutende Niederlassungen, Salem (Salmannsweiler) und Tennenbach hatten Besitzungen im Stadtbereich und häufig auch vertraglich mit der Stadt zu tun. Sodann sind es besonders die Schüler Meister Eck-harts, der um 1300 bereits seine große Wirkung hatte, Seuse in Konstanz und Tauler in Straßburg, die bereits um 1320 offenbar aufgrund eines guten Nährbodens im oberrheinischen Bereich ihre Ausstrahlung haben. Sowohl Konstanz wie Straßburg sind Orte, die mit der Stadt am Ostrand des Schwarzwaldes in gutem Kontakt stehen, Konstanz als Bischofssitz mit je einem bedeutenden Zähringer und Fürstenberger als Bischof, Straßburg, der Ort, von wo aus die Steinmetzen auch nach Villingen kamen und im Auftrag von Heinrich und Agnes von Fürstenberg zumindest bis 1282, dem Jahr des kaiserlichen Ritter schlags im Münster, den hochgotischen Chor des Münsters vollendeten. Diese Straßburger Meister sind es sicher gewesen, die die „Steinmadonna“, heute „Dauchinger Madonna“ geschaffen haben. Gerade dieser Tage gibt dir Aufdeckung der alten Fassung eine Herzwunde an diesem Standbild frei, das nur im Zusammenhang mit der Frömmigkeit jener Jahrzehnte gesehen werden kann. Unser Vesperbild steht in diesem Zusammenhang.

Die Quellen der deutschen Mystik, die es als Sonderform gibt, genauso wie die Sonderform des Andachtsbildes, besonders Vesperbild und Schmerzensmann, deren Darstellung es in Villingen eine Reihe gibt — um nur dir Kleinplastik am Sockel der Münsterkanzel zu nennen -werden vornehmlich aus den im Neuen Testament und den Apokryphen nicht genannten Szenen zwischen Kreuzabnahme und Grablegung Christi genommen und sind beeinflußt von Lebensgeschichten Jesu und Mariä und den Passionsspielen. Heinrich Seuse und Mechthild von Hackeborn stehen als Hauptpaten der spätmittelalterlichen deutschen Sonderform.

Sicher ist auch, daß in den Jahren um 1300 die ersten Andachtsbilder dieser Art auftauchen. Die Franziskanische Frömmigkeit, die sicher mit der vollen Entfaltung de: Villinger Franziskanerklosters mit dem großen Provinzialkapitel im Jahr 1291 eintrat, dürfte auch noch durch eine literarische Form der „Marienklage“ beeinflußt wor. den sein. Hier waren es das blühende Kloster der Zisterzienserinnen von Lichtental bei Baden-Baden, deren „Lichtentaler Marienklage“ weithin bekannt war: “ Weinen war mir unbekannt—eh ich Mutter ward genannt… ein Gedicht von heute noch ergreifender Eindringlichkeit und Formschönheit. Neben den gedanklich-mystischer Ursprüngen des Motivs sind die formalen nicht zu übersehen: Vereinzelung der Szenenfolge Kreuzabnahme — Beweinung — Grablegung. In den Vorbildern (byzantinische und italienische) ist die Verschmelzung der Klagen. den mit dem toten Christus noch nirgends geschehen Die Frage der zeitlichen Festlegung unseres Vesperbildes ist für die Kunstgeschichte unserer Stadt abgesehen vorn Anschluß an geistig – geistliche Zentren des Ober-und Hochrhein (letzteres wird erst heute unterschieden) von besonderer Bedeutung. Es muß bei Fehlen schriftlicher Belege auf die Interpretation der Form besonderer Wert gelegt werden.

 

Die formale Einordnung unseres Vesperbildes

Die frühesten Formen unseres Typs, die überhaupt erstmals gleich nach 1300 auftreten, sind charakteristisch ausgebildet: Maria sitzt aufrecht mit dem diagonal gelagerten, treppenförmig gebrochenen toten Christus, wobei der Sitz (Bank oder Hocker) nicht in Erscheinung tritt oder sichtbar ist. Die ersten norddt. Typen — Salmdorf bei Münster, Erfurter Ursulinenkloster und in Wetzlar —zeigen Maria als gramgebeugte Greisin. Als Ausgangszentrum der Vesperbild-Darstellung wird jedoch Franken und Thüringen angenommen mit Ausstrahlungen nach Westfalen (Telgte), Schwaben (Radolfzell, jetzt Freiburger Augustmermuseum), Bayern (St. Peter in Straubing) und Tirol (Neustift).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aus unserer Sicht wird diese Aussage noch detaillierter zu behandeln und zu beweisen sein.

Im Verlauf des 14. Jhs. wird die Auffassung des Motivs intimer, kleiner in der Dimension, bis ab 1350 mit kindhaft kleinem Christus Darstellungen zu finden sind. Abgemergelte Körperlichkeit, erschütternder Ausdruck kennzeichnen die rheinischen Typen (Bonn, Köln), sind aber auch in Fritzlar (Domschatz) und in Schlesien bei den Zisterziensern in Leubus zu finden.

Die beiden Villinger Vesperbilder zeigen nun gerade in der Zeitfolge das Gegenteil von dem, was man allgemein zu beobachten glaubt: das jüngere Vesperbild aus dem Franziskanerkloster (15. Jh.) ist wesentlich größer als das ältere. Es ist uns in diesem Rahmen nicht möglich, auf die Forschung im Ganzen einzugehen und unsere Vesperbil-der, auch die späteren samt Gnadenstuhl und Schmerzensmänner, einer gründlichen Darstellung zu unterziehen. Unser Hauptproblem ist im Momemt die Erhaltung dieser bedeutenden Stücke, wobei in die Voruntersuchung und denkmalpflegerische Entscheidung ein Hineinstellen in den ganzen kunstgeschichtlichen und geistlichen Zusammenhang nicht entbehren kann. Wir haben vorläufig noch Zweifel anzumelden an der These vom Ausgangsort Franken/Thüringen und möchten mit unseren Andachtsbildern eine größere Eigenständigkeit der bodenseeschwäbischen-oberrheinischen Typen annehmen. Weitere Ausführungen müssen jedoch dem Verlauf der Voruntersuchung zur Restaurierung überlassen bleiben.

Dagegen sei noch eine Anmerkung zu besonderen Verhältnissen am Ort gestattet.

Wir müssen auf eine Erscheinung in unserer Stadtgeschichte verweisen, den Zusammenhang von Naegelinskreuz und Vesperbild. Das für die Frömmigkeitsgeschichte in Villingen so wichtige Nägelins-Kreuz-Büchlein, welches „unterthänigst gehorsamste Burger Matthias Casimir Sartori Buchbinder“ in Villingen nach der Tallard’schen Belagerung Villingens von 1704 herausgegeben hat, nimmt nach Inhalt und Form des Titelblatts Kreuz und Vesperbild in einem. Der Titel: „Nägelins-Kreuz oder das Wunder- und Gnadenreich — Bildniß unsers Erlösers — auch — seiner schmerzhaften Mutter — zur beständig — und immer fortdauernden Andacht und Verehrung . . . “

Die zweite Stelle, wo von der Kapellen, Verehrung, Gnade und gutthaten des Nägelin-Kreuzes erzählt wird, berichtet, daß der Rat der Stadt und die Bürger „seiner Gelübte getreu “ ein Kapell für den heiligen Kreutzschaftz errichteten und vor dem Bickentor die Stelle auserwählten. Jedenfalls wird vom Anfang des Gelübdes gesprocher und das Jahr 1300 genannt, wo erst wohl eine offene Kapell und 1624 wieder eine größere erbaut wurde. „Aller Gattung Elender, Kranken, und von geist- und leiblichen Anliegeheiten bedrängter Menschen nahmen hier zu diem Gandenkreuz sowohl, als auch der Schmerzen-Mutter ihre Zuflucht und festes Vertrauen“.

Wenn wir auch keine frühen Belege von Kreuz und Schmerzensbild haben, so sieht zumindest unser Autor eine so frühe Verbindung. Auffallend ist nun heute aufgrund neuester Forschung (Lexikon der Christlichen Ikonographie, Bd. 4, 1972, Spalte 450-457), daß man die ersten Vesperbilder in die ersten Jahre nach 1300 verlegen darf.

Der früheste Typus, der uns entgegentritt, zeigt Maria mit aufrecht sitzendem oder diagonal gelagertem und ruckartig treppenförmig gebrochenem totem Christus. Die frühesten Typen (Telgte, Westf.; Radolfzell, Schwaben; Bayern, St. Peter, Straubing, und Tirol, Neustift) zeigen den herabhängenden rechten Arm Christi. Während man die Treppenförmigkeit bei der Gestalt Christi und herabhängenden Arm bestätigt sieht, stimmt es mit der Greisenhaftigkeit Mariä nicht mehr richtig. Gerade hier ist schon ein Übergang zu spüren, wenn man in dem wohl stärksten Ausdruck des Gesichts von Maria etwas zu sehen vermag, was von den Vergleichstücken wohl kaum erreicht wird. Das mag allerdings auch daran liegen, daß die Farbfassung, wohl die Erste, noch erhalten ist und außerdem die Tränen sichtbar blieben.

Die auffallend aufrechte Haltung unseres Bildes gegen- über den frühen vergleichbaren darf man ganz sicher noch als vom spätromanischen Stil übernommen annehmen, genau so wie man die Gestaltung der Mundpartie mit der ganz frühen dt. Kathedralplastik in Einklang bringen darf, wie wir an einem Beispiel eines Sandsteinengels vom hiesigen Münster nachweisen können.

Eine ganze Reihe von interessanten Details wie die Verwendung von Farben und ihr Aufbau wie z. B. die Haarvergoldung unter dem Schleier, der Aufbau des Schleiers selbst oder etwa aufgebrachte Diagonalschraffur der auf dem Schleier aufgebauten Farben, wird erst die Voruntersuchung klären können.

Wir sind überzeugt, daß diese Untersuchung nicht nur den Wert unseres frühen Vesperbildes heben, sondern auch seine Bedeutung für die Erforschung dieses noch erweisen wird. Möglicherweise ergeben sich für die Kunst- und Frömmigkeitsgeschichte unserer Stadt noch Vergleichsmöglichkeiten, die sich durch das Auffinden einer Herzwunde an der sog. „Dauchinger Madonna“, der Hauptmarienplastik unseres Münsters, eben auch durch neue Methoden in der Erhaltung und Restaurierung ergeben haben.

Wie sich aus dem Holzschnittbild des Nägelinkreuzbüchleins ablesen läßt, trägt die unter dem Kreuz abgebildete Pieta, wie man seit dem 16. Jh. das Vesperbild nennt, den toten Christus unter einem Schutzmantel. Vom 16. Jh. an war es besonders verbreitet, kultische Plastik in kostbare und bestickte Gewänder zu kleiden. Ein ergreifendes Bild dieser Art besitzt unser Franzis-kanermuseum, das wir zum Vergleich hier abbilden (s. S. 12). Es soll stellvertretend für die in Villingen erhaltenen Vesperbilder stehen, die in einem späteren Beitrag auch bildlich vorgestellt werden.