Flucht aus dem Diebturm (Romeiusturm) (Werner Huger)

In Heinrich Hugs VILLINGER CHRONIK von 14951533 steht 1):

Im 97 jar uff concepsioniß Marie (8. December) do ward ainer gefangen, hieß Romiaß Manß und ward gelegett in den Diebturn2) von etlicher wortt wegen, die er gebrucht sollt haben gegen dem stattschriber und Hansen von Franckfurtt, was hie schulthaß; und lag in dem turn bis nach dem hochzitt winech (25. December). Do hatt man sin gebotten, geluten ratt3), und ward mit dem merer ratt erkent in den turn sin leben lang, und solt man im alle tag uß dem spitall geben 1 stuck brott und ain krug mit waser; aber was im sunst sin frind und ander gutt giner um gotz willen gabend, das mocht man wol liden. Do hat er gutt frind und giner, gab im je ainer ain tag der wochen zu essen im turn; und hat der gemein man gar ain groß mit-liden mit im, aber es moch im nitt zu hilff kumen. Und begab sich darnach in der fassten, das hertzog Jergen zug von Begern4) hie her kam; der wollt ritten in Hochburgund. Denselben grauffen und rittern lettend frum lutt Romiaß sach fur, warumb er so hertt gefangen wer, und was die ursach wer. Do battend fur in 3 grauffen und 7 ritter und frigheren. Aber es halff alls nut; ain ratt fermaintt, er raust im turn gestorben sin nach ir erkannuß. Und macht im ain ratt ain brugk uß flecklin5) in den turn und fersorgeten in faßt woll, des sy maintend; aber im mocht kain mensch da danen helffen.

Do ruff er die lieben helgen an und lugt, was im gutt mocht sin. Und ward im ain messer in turn ains fingers lang; dar-mit bracht er zu wegen mit der hilff gots und der lieben hellgen, das er ain spris nach dem ander in die mur bracht, bis er oben an die bine kam. Do hatter groß nott, dan die tromen all aiche groß sind; und arbaitt nu nachts und traib es so lang bis an unßers heren fronlichnams abend (13. Juni 1498)6) umb die 11 stund im tag. Do was er uff der bine im turn und russt sich zu mit den saillen, diel). Und do es nacht ward zwischen 10 und 11, do hat er sich ganz gerusst und fiel an aim saill zu ainer beg8) hinab bis uff as techlin vor dem turn, und ließend in die hend am sail und fiel herab uff dillen, die lagend da;

Damit war die Grundlage für die Romeius-Sage gelegt. Manches, was Heinrich Hug weiter über Romeius9) mitteilt, ist wenig konkret10). Es leistet der Romeius-Sage mehr Vorschub als es sie verhindert. Der von Hug beschriebene Ausbruch des Romeius aus dem „Diebturn“ hat die Phantasie besonders beflügelt11). Die erste und bis heute einzige in der Literatur bekannt gewordene Untersuchung des Turminnern mit dem Ziel, einen möglichen Fluchtweg aufzuzeigen, stammt von Christian Roder12). Er schreibt: Der Turm, in welchem Romeius gefangen lag, ist der noch stehende, massive, 38 m hohe St. Michaels turm, früher auch Diebsturm geheißen, in der Ringmauer an der westlichen Seite der Stadt. Nur schwere Übeltäter pflegte man in demselben zu verwahren. Das Verließ selbst ist 8,5 m unter dem Eingang auf der Sohle des Turms in dunklem Geviertraum ohne jede Seitenöffnung. Die Lichtweite je einer Mauer beträgt 4,10 m; in der Höhe von 4 m müssen früher Querbalken in die Mauer eingelassen gewesen sein, wie aus den viereckigen Einschnitten in derselben zu ersehen ist. Der Raum ist feucht mit stehendem Wasser an den Wänden. In der nordöstlichen Ecke gewahrt man eine etwas über die Erde herausragende viereckige Steinplatte, auf welcher ein cirka 11/2 Zentner schwerer, offenbar zur Fesselung der Gefangenen bestimmter Stein mit eingelassenem Eisenring liegt. Die Turmmauern haben unten eine Dicke von 2,60 m und bestehen hier aus zum Teil mächtigen Quadersteinen. In die Fugen der Mauern, besonders der nördlichen, sind mit eisernem Geräte Löcher tief eingekratzt, mittelst deren ein Mann von einiger Gewandtheit auch ohne eingetriebene Pflöcke etwa 3 m hinaufklettern kann. Hatte der Gefangene sich auf 4 m emporgearbeitet und durch eine eichene Diele des ersten Bodens über ihm eine Öffnung zum Durchschlüpfen zustande gebracht, was bei so primitivem Werkzeug wie ein Handmesser allerdings äußerst schwierig war, so gelangte er von diesem Boden zum zweiten, dann auf den hölzernen Stiegen zur oberen Bühne. Dort lagen Seile zum Hinaufziehen und Herablassen von Geschützen und Baumaterialien — ein Haspe ist noch vorhanden — und die Sache war soviel wie gewonnen 13).

Diese Darstellung mußte wohl oder übel bis heute geglaubt werden14). Wenn wir inzwischen zu veränderter Ergebnissen kommen, dann liegt es vor allem an dei exakteren Beobachtung, die uns durch die besseren technischen Hilfsmittel, besonders dem elektrischen Lichit und der Fotografie als Instrument nachträglicher Kontrolle, zur Verfügung steht15).

Roders Ausführungen sind im Kern realistisch. In wichtigen Punkten sind sie allerdings ungenau, zu wenig reflektiert, bzw. irrig. In der vorliegenden Form kann man sie deshalb nicht mehr verwerten.

Es wurden zwei neuere Untersuchungen durchgeführt. Die erste erfolgte am 19 Februar 1971. Hier wurde ausschließlich der innere Turmbereich ab Höhe des Eingangs zum Turm bis zur Turmsohle beobachtet und fotografiert sowie alle wichtigen Daten notiert16).

Blick oberhalb des Eingangs nach unten in das Turmverlies. Eingang bei der Strickleiter.

 

 

Erwin Thierer beim Ersteigen der Nordwand.

 

Dieser Turmteil diente in früherer Zeit als Gefängnis, wie sich überhaupt in mittelalterlichen Anlagen die Verliese nicht in einem Keller sondern im Turm unterhalb des in mehreren Metern Höhe liegenden Eingangs befanden. Beim Romeiusturm ist die Oberkante der Eingangsschwelle außen 5,90 m über dem derzeitigen, gepflasterten Boden. Ein schmaler Gang von etwa zweieinhalb Meter Länge führt durch die Mauer der Ostwand ins Innere. Die Turmsohle liegt rund 8,80 m unterhalb der Höhe der Eingangsschwelle. (In den Ringanlagen sind es an der nordwestlichen Ecke ab dem letzten oberirdisch sichtbaren Teil des Turms noch ungefähr 1,5 m bis zur Turmsohle in seinem Innern. Es bleibt dabei offen, wie weit die Fundamentierung reicht.)

Der Boden der Turmsohle besteht aus Stein, vermutlich keine Platten, vielmehr eingelassene Quader. Wände und Boden sind absolut trocken. Achtzig Zentimeter unterhalb der Höhe der Oberkante der Eingangsstufe befindet sich an der östlichen und westlichen Innenwand, auf mehreren Mauerkonsolen aufliegend, je ein Balken, der in Nord-Südrichtung verläuft 17). Im rechten Winkel auf diesen zwei Balken liegend, verlaufen in Ost-Westrichtung vier Balken. Der eine schließt an die Nordwand an, es folgen im regelmäßigen Abstand die nächsten zwei, die über den mittleren Teil des Raumes führen, der letzte grenzt an die Südwand. Es fehlen nur die abdeckenden Bohlen oder Bretter, um das Stockwerk fertigzustellen, denn hier lag der Boden des untersten Stockwerks des Turms auf: acht Meter rund über der Sohle18). Das Turminnere ist, der Architektur des Gesamtbaues folgend, quadratisch und hat eine Seitenlange von durchschnittlich 4,15 m. Der Fußboden ist mit Verwitterungsschutt, Taubenmist, zahlreichen toten Tauben und Gerümpel in unterschiedlicher Höhe bis etwa fünfzig Zentimeter bedeckt. Der ursprüngliche Fußboden wurde aus zeitlichen und technischen Gründen nur dort, wo es sich als sinnvoll erwies, hauptsächlich bei der Nordwand, im Umfang eines halben Quadratmeters freigelegt. Die Turmfundamente bestehen im Innern aus zum Teil mächtigen, mehrere Zentner wiegenden Bruchsteinen. Die Struktur ist mit der Außenseite des Turms, wie sie unterhalb des Eingangs zu beobachten ist, zu vergleichen. Für die Schließung des unregelmäßigen Stoßes zwischen den Steinen wurde Kalkmörtel verwendet. Der Raum war taghell ausgeleuchtet. Es wurden die Wände in Augenschein genommen. Ostseite: Bis zum untersten Etagenboden in rund acht Meter Höhe ist der Mörtel und sind die Steine unbeschädigt. Die Wand ist fugenlos und besitzt keine auffallenden bzw. erwähnenswerten Steinvorsprünge oder Löcher. Das gilt auch für die Südseite. Die Westseite zeigt etwa in der Mitte, etwas über einem Meter Höhe ab Fußboden, zwei auffallende Löcher geringen Umfangs und Tiefe in den Fugen nahe beieinanderliegend.

Schlüsse von Bedeutung lassen sich daraus nicht ziehen. Man kann annehmen, daß die Löcher von Menschenhand eingekratzt wurden. Auffallende Veränderungen zeigt als einzige die Nordwand des Turmes. Links von der Mitte der Wand liegen mehrere Löcher neben- und übereinander. Sie sind — ohne eine Entscheidung zu treffen —regelmäßig so groß, daß ein Mensch bequem seinen Fuß hineinstellen kann. Sie befinden sich immer an Stellen, wo der unregelmäßige Stoß der Bruchsteine die bindende Vermörtelung notwendig machte. Nach der Breite liegen sie ungefähr fünfzig Zentimeter auseinander, in der Höhe annähernd Schrittlänge. Eine genaue Symetrie besteht nicht, aber die Zuordnung ist auffällig. Die gesamte Breite der Löcherzone beträgt ungefähr ein Meter. In 4,20 m bis 4,60 m Höhe sind diese Löcher zu Ende 18a). Erwin Thierer erstieg diese Höhe ohne nennenswerte Anstrengung bei der Erprobung. Die restlichen knappen vier Meter der Nordwand bis zum Balken sind in der Richtung rechts von der Mitte ziemlich glatt. Man könnte hier nicht weitersteigen. Links von der Mitte, ungefähr in der Diagonalen zur nordwestlichen Turmecke hin, erlauben es Unregelmäßigkeiten in der gegen das Turminnere gerichteten Fläche der Mauersteine, ferner kleinere Löcher im Mauerwerk und sonstige unscheinbare, kleine Vorsprünge, wenn auch mit Gefahr, weiterzusteigen. Während von unten her die nach oben gegen die Mauer gerichteten Scheinwerfer mit den Unebenheiten der Wand ein Schattenrelief dem Betrachter von oben zuwarfen, bestätigte Fritz Kruckow, vom Eingang des Turmes her beobachtend, daß die Unebenheiten der Nordseite einen Aufstieg möglich machen müßten. Fritz Kruckow, der auch Bergsteiger ist, meinte, ein Bergsteiger würde auf den jeweiligen Vorsprüngen bei den vorhandenen Griffmöglichkeiten eine viertel bis eine halbe Stunde ausharren können. Auf sein Angebot hin, wurde Erwin Thierer ans Seil genommen, von oben fachgerecht gesichert, um den Aufstieg zu versuchen. Er überwand zunächst den Bereich, der durch die Wandlöcher gut zu ersteigen ist, wie er bewiesen hatte, mit Hilfe der Leiter bis in vier Meter Höhe. Von dort erkletterte er die restlichen vier Meter bis zum Balken in diagonaler Richtung und erreichte ihn in der nordwestlichen Ecke. Er benötigte dazu nur verhältnismäßig kurze Zeit.

Der Beweis, daß die Nordwand, so wie sie derzeit vorgefunden wird, von der Sohle bis in die Höhe von rund acht Metern, d. h. bis in den Bereich der untersten Bodendecke des Turmes, grundsätzlich erstiegen werden kann, wurde erbracht. Die Anstrengungen sind allerdings bedeutend, und die Gefahr des Absturzes besteht immer, vor allem dann, wenn es dunkel ist und alles ertastet werden muß.

Die notwendige Zurückhaltung erlaubt es dem Verfasser nicht, das gelungene Experiment als Beweis für die Flucht technik des Romeius zu würdigen. Die Flucht hat sich aber wahrscheinlich so ereignet.

Die zweite Untersuchung des Turminnern wurde am 14. Oktober 1972 durchgeführt 19). Der Verfasser überprüfte in einer Kontrollbeobachtung den Inhalt seiner Niederschrift vom 20. Februar 1971 unter besonderer Berücksichtigung der Roder’schen Angaben20). Es ist sicher, daß es früher in vier Meter Höhe über der Turmsohle keine Querbalken und damit auch keinen Boden gegeben hat, weil es keine angeblich viereckigen Einschnitte in der Wand dafür gibt. Es befindet sich ein einziges viereckiges Loch mit rund dreißig Zentimeter Seitenlänge in etwa vier Meter Höhe21). Es hat jedoch kein Gegenstück und keine sonst dafür passende Verbindung. Es liegt dafür in der Zone der übrigen Wandlöcher, die als vertikale Anordnung aufgefaßt werden müssen, und ist dieser zuzuordnen. Das Loch paßt zur Theorie der „Aufstiegszone“ Dieser Sachverhalt macht in Wahrheit einen Ausbruch noch verwegener. Wer heraus wollte, mußte bis zur Höhe von acht Meter steigen!

Der zweite Teil der Ortsbesichtigung galt der Beobachtung der Geschosse ab Turmeingang nach oben. Auf Höhe des Eingangs befindet sich kein Stockwerkboden 21a). Ein schmaler, podestartiger Steg führt gegen die Südwand zu einer Treppe. In halber Höhe zum nächsten Stockwerk winkelt diese sich ab und verläuft nun an der Westwand. Die Holzkonstruktion ist alte, rauhe Zimmermannsarbeit, die Balkenverbindung holzverzapft22). Zum erstenmal bringt eine rechteckige, mit den Längsseiten nach oben verlaufende Wandöffnung auf der Ost seite Licht in das Stockwerk über dem Eingang. Wiede winkeln sich die Treppen, diesmal standortversetzt, in Halbetagen an den Wänden hoch zum zweiten Obergeschoß über der Eingangspforte. Die Stockwerke haben einen gegenseitigen Abstand von durchschnittlich viereinhalb Meter23).

Fensteröffnung im 2. Obergeschoß über dem Eingang. Links alte Seilwinde, rechts alter Treppenaufgang zum nächsten Stockwerk.

 

Die Bodenkonstruktion ist die gleiche wie schon beim Verlies beschrieben: Konsolsteine in der Wand, darauf ein Längsbalken, darüber Querbalken, darauf der Bretterboden ohne besondere Befestigung. Das zweite Obergeschoß hat an der Ostseite ebenfalls eine rechteckige Lichtöffnung. Sie ist ein halber Meter breit und über zwei Meter hoch. Von der Öffnung beträgt die Turmhöhe bis zum früheren Boden an der äußeren Ostseite rund sechzehn Meter oder sechs Stockwerke eines modernen Hauses. In dem Raum befindet sich neben der Luke, im Nordteil und diesen von West nach Ost fast ausfüllend, eine querliegende, baumstammartige Welle, die an ihren Enden jeweils in einen fest verankerten, senkrecht stehenden Balken drehbar ausläuft. Es ist eine Seilwinde, die geeignet ist, aus dem Innern des Turms schweres Material nach oben zu bringen24). Ein Mensch könnte sich von hier aus nach außen abseilen.

Stein zur Anfesselung der Gefangenen mit Rest eines eingelassenen Eisenringes.

 

Bevor wir unter Würdigung des vorgefundenen Sachverhalts die Möglichkeit eines Ausbruchs andeutungsweise rekonstruieren, muß noch ein Fund erwähnt werden. Roder schreibt, daß auf der Sohle des Turms „ein ca. 11/2 Zentner schwerer, offenbar zur Fesselung der Gefangenen bestimmter Stein mit eingelassenem Eisenrin liegt“25). Im hellen Licht unserer Lampen entdeckte einer der Helfer am 19. 2. 71 einen Stein, der im Protokoll vom 20. 2. 71 wie folgt beschrieben ist: Er ist fast halbkugelig, besitzt zum Teil jedoch ebene Flächen, die ihn zu einem Zwischending von Kugel und stumpfen Kegel machen. Die Grundfläche ist plan. Der Durchmesser beträgt etwa dreißig Zentimeter. Man kann ihn ohne große Anstrengung hochheben. Er wiegt schätzungsweise zwanzig Kilo. Die Farbe ist hell. Im Zentrum, oben in der Wölbung, ist Eisen eingelassen, das schon stark oxidiert ist. Man kann aber deutlich erkennen, daß es sich um den unteren Kreisausschnitt eines Ringes handelt. . . . Er erinnert an die Eisenkugeln, die man mit Ketten den Häftlingen in späterer Zeit an den Beinen befestigte. . . .26). Der Stein wurde am 14. Oktober 1972 geborgen, gewogen, konserviert und dem Stadtarchiv Villingen für das Museum übergeben. Sein genaues Gewicht ist achtundzwanzig Kilogramm27).

SKIZZE W. Huger: Romeiusturm Villingen, Nordwand, innen

 

Der Leser mag sich nach den vorliegenden Schilderungen den Fluchtweg des Romeius nun selbst zusammenkombi-nieren. Dem Berichterstatter bleibt nur nochmals der Hinweis, daß eine Flucht von der Sohle des Turmes über die Wand bis zur Balkenlage in acht Meter Höhe eine gewaltige Anstrengung verbunden mit großer Gefahr — zumal bei völliger Dunkelheit — bedeutet. An den Balken angelangt, bieten diese gute Haltemöglichkeiten. Ein Brett oder eine Bohle des darüber befindlichen Bodens nach oben und auf die Seite zu drücken (nicht mit dem Messer durcharbeiten, wie Roder meint) ist nicht mehr so schwierig. Der Weg weiter nach oben, die schwere Eingangstür ist ja verschlossen, geht dann über die Treppen. Das Abseilen aus beachtlicher Höhe bei Nacht ist eine mutige Tat, wobei man nicht vergessen sollte, daß Mut, Verzweiflung und Angst nahe beieinander wohnen28). Ein Ausbruch, wie er uns von Heinrich Hug für Romeius beschrieben wird, ist überhaupt nur aus der Grenzsituation eines verlorenen Menschen zu verstehen. Der Lebenswille erzeugt eine ungewöhnliche Leistung, die sich im Laufe der Zeit zu einer sagenhaften Tat verklärt.

1) Heinrich Hugs „Villinger Chronik von 1495 bis 1533“, herausgegeben von Dr. Christian Roder, Professor am Realgymnasium Villingen, Tübingen 1883, Seite drei und vier. In der Roder’schen Wiedergabe des Textes erscheinen bei verschiedenen Wörtern Aktenzeichen. Sie wurden hier weggelassen. Die Datumspunkte, z. B. 8. December, wurden vom Verfasser eingesetzt.

Auf die Übernahme der Roder’schen Fußnoten wurde in der Regel ebenfalls verzichtet. Wo auf Fußnoten verwiesen wird, handelt es sich um die des Verfassers dieses Beitrags, teilweise in Verbindung mit den Roder’schen Anmerkungen.

2) Laut Roder ist der Diebesturm der jetzige S. Michelsturm; wiederum der jetzige Romäus-, Romeius- oder Romeiasturm. Der Verfasser entscheidet sich für die Bezeichnung „Romeius“, weil sie nach seinem Sprachempfinden auf die ältere Mundartform verweist.

3) Nach Roder: Der durch die Ratsglocke zusammenberufene Rat.

4) Nach Roder: Begern = Baiern (Bayern)

5) „brugk uß flecklin“ wird eine Holzpritsche sein; flecklin = Pflöcke (?) (Ein alter Villinger sagte dem Verfasser, der Ausdruck „flecklin“ oder „pflecklin“ für Pflöcke sei ihm noch vertraut.)

6) Er saß also bereits ein halbes Jahr im Turm. Das muß eine erhebliche seelische und körperliche Folter gewesen sein, bei völliger Dunkelheit, Stille, Kühle und Einsamkeit: Ein starkes Motiv für einen Ausbruch.

7) Textstelle unvollständig. Nach Roder sinngemäß: „die dort lagen“.

8) Nach Roder: Laden; (Öffnung).

9) Die vergangene Zeit liefert mehrere Schreibweisen: Romäus, Romeias, Remigius, Romyas, Romiaß.

10) Chronik a. a. 0. Seite 5 und 51.

11) Nachzulesen bei Hans Brüstle: Villingen — Aus der Geschichte der Stadt, Neckar-Verlag Villingen, 1971, Seite 102ff. vgl. auch Max Rieple, Sagen und Schwänke vom Schwarzwald, s. 65 ff: Vom Riesen Romeias, Rosgarten Verlag, Konstanz.

12) Die Veröffentlichung liegt dem Verfasser in Fotokopie vor. Leider fehlt der Einband mit Titel. Aus den Seiten 205 und besonders 209 unten ist zu entnehmen, daß es sich um ein Scheffeljahrbuch nach 1892, möglicherweise 1895 gedruckt, handelt.

13) Scheffeljahrbuch a. a. 0., S. 204 und 205.

14) Vgl. z. B. Hermann Alexander Neugart: Der unsterbliche Rebell, Verlag Müllerdruck, Villingen 1970, Anhang S. 162, Ziffer 27.

15) Der Herausgeber des Jahrbuchs, a. a. 0. Seite 205 — Fußnote —, schreibt, er habe mit Meister Roder zusammen in den letzten Herbstferien den Diebsturm untersucht und könne die obigen Angaben (in seinem Jahrbuch) an Zeugenstatt bestätigen. „Dort unten aber war’s fürchterlich“. Daraus ist zu schließen, wie unzureichend ihre Lichtquellen damals waren. Im hellen Licht einiger hundert Watt wird die gespenstische Finsternis entzaubert und für „fürchterlich“ ist dann „trostlos“ zu setzen.

16) An dem Unternehmen waren außer dem Verfasser beteiligt: Dr. Josef Fuchs, Leiter des Stadtarchivs Villingen, Oberstudiendirektor Gerhard Walther vom Wirtschaftsgymnasium Villingen, Oberstudienrat Fritz Kruckow vom Wirtschaftsgymnasium Villingen, (beide Herren schossen die vorzüglichen fotografischen Aufnahmen.) Erwin Thierer, Werkmeister bei den Stadtwerken Villingen, (er war für die technische Hilfe zuständig und lieferte durch seinen persönlichen Mut einen wichtigen Beweis), zwei Schüler des Wirtschaftsgymnasiums: sonstige Hilfe.

Allen Helfern, denen der Verfasser teilweise freundschaftlich verbunden ist, sei hier gedankt.

Technische Ausrüstung: Pickel und Schaufeln, Strickleiter, Steigleiter, Meß- und Zeichengerät, Bergsteigerseil, sonstige Seile, zwei elektrische Lampen mit zusammen 1500 Watt Leistung, fotografische Geräte u. a.

Der Aufenthalt im Turm dauerte von 15 bis 17 Uhr. Dennoch mußte aus Zeitgründen die an sich erforderliche und auch vorgesehene exakte zeichnerische Bestandsaufnahme unterbleiben. Die Protokollierung der im Turm gemachten Notizen erfolgte einen Tag später, am 20. Februar 1971. Das Protokoll und sämtliche fotografischen Bilder wurden dem Stadtarchiv Villingen übergeben.

17) Die achtzig; Zentimeter beziehen sich auf die Oberkante des Nord-Südbalkens. Die Form der Mauerkonsolen kann auch an der Außenwand des Turmes unterhalb des Einganges beobachtet werden.

18) Vgl. außerdem die Skizze in diesem Beitrag. Bodenlagen sind in den oberen Stockwerken noch zu sehen. Sie zeigen, wie es unten einmal ausgesehen hat. Vgl. hierzu die nachfolgenden Ausführungen.

18a) siehe hierzu die Skizze; als Arbeitsbezeichnung könnte man für den Löcherbereich „Aufstiegszone“ verwenden.

19) Wieder waren Oberstudiendirektor Gerhard Walther und Oberstudienrat Fritz Kruckow (beide Fotografie), außerdem ein Arbeiter der Stadtwerke beteiligt. Diesmal wurde nur eine Lampe mit mehreren hundert Watt eingesetzt, die vollständig ausreichte.

20) Jahrbuch a. a. 0.

21) siehe Skizze.

21a) Es gibt zur Zeit keine einleuchtende Erklärung, weshalb der erste Holzboden im Turm mehr als einen halben Meter unter der Eingangsschwelle lag.

22) Eine genauere Beschreibung unterbleibt, um den Bericht zu beschränken. Das Thema würde damit auch nicht bereichert.

23) Sie setzen sich fort bis unter das Dach.

24) Roder spricht von „ein Haspel“, vgl. a. a. 0.

25) Jahrbuch a. a. 0., S. 205

26) Protokoll des Verfassers vom 20. 2. 71 im Stadtarchiv Villingen.

27) Da irgendwann offenbar ein Stück abgeschlagen wurde, könnte der Stein ursprünglich dreißig Kilogramm gewogen haben. Es muß sich um den von Roder beschriebenen Stein handeln. Es gibt keinen anderen Stein auf der Sohle des Turms, und sicher hat niemand einen so schweren, unförmigen Stein jemals aus dem Turm geholt. Roder muß sich erheblich verschätzt haben.

28) Es darf übrigens nicht übersehen werden, daß entweder das Seil zu Ende war oder der Ausbrecher glaubte, in der Dunkelheit den Boden erreicht zu haben, jedenfalls ist der Sturz vom „techlin vor dem turn“, zweifellos ist die Überdachung am Eingang gemeint, aus acht Metern erschreckend.