Aus der Villinger Chronik von 1794 bis 1812 (Jos. Simon Eisele, Christian Roder)

verfaßt von Jos. Simon Eisele, herausgegeben von Christian Roder

Anno 1798 fielen die Franzosen in die Schweiz ein; wir (Villingen) blieben daher in diesem Jahr von Soldaten (Einquartierung) frei. Der Friede sollte zu Rastatt geschlossen werden; bekanntlich aber kam er nicht zustande. Daher ging der Krieg aufs neue an.

Anno 1799, den 1. März, brachen die Franzosen abermals über den Rhein und schon den 3. März kamen ihre Vorposten hier an.

Den 4. März marschierte die Armee, Infanterie wie Kavallerie, hier durch, wo wir 33000 Mann und 36 000 Pferde erhalten mußten. Manche Leute gerieten dadurch so sehr in Not, daß sie den Wirten sogenannte Gottengelder, Zinn, Gaißen usw. versetzen mußten, nur um dem Feind genug Wein anschaffen zu können. Viele Bürger hatten 20, der Reichere 30 Mann im Quartier. Die Klosterfrauen mußten 100 Mann und die Kapuziner ebensoviel verpflegen. Bei den Benediktinern quartierten sich der General und alle Offiziere ein; General Jourdan war der erste davon. Anfangs zeigte er sich sehr höflich, bald darauf aber forderte er 550 Gulden. Der beste Klosterwein war ihm zu schlecht. Man mußte ihm Burgunder- und Champagnerwein holen lassen und über jede Mittagstafel 25 Speisen, ohne das Konfekt, aufstellen. Der Stadt forderte er auch 200 Gulden ab. Sie ließ 100 Malter Früchte zu Kommißbrot mahlen und sollte noch 6000 z Heu hergeben. Allein die meisten Bürger hatten keines mehr zu Hause. Daher wollten die Franzosen die Häuser visitieren, was aber vom Magistrat noch verbeten wurde. Der Mangel an Futter wurde endlich so groß, daß viele Bauern ihr Vieh aus Mangel dessen schlachten mußten.

Den 7. eiusdem mußten auf der Stelle 3 Backöfen in der Franziskanerkirche rechter Hand bei der Kanzel errichtet und die Kirchenmauer durchbrochen werden, um die Öfen in dem Kreuzgang anbringen zu können.

Den 15. eiusdem fiel die versilberte Statue von Kaiser Karl V., welche in Lebensgröße auf dem Marktbrunnen stand, mittags zwischen 12 und 1 Uhr von selbst in den Brunnen, welches von vielen als eine böse Vorbedeutung angesehen wurde.

Den 26. und 27. eiusdem kam die geschlagene französische Armee hier wieder an (nach ihrer Niederlage bei Ostrach und Stockach), wo General Jourdan der Stadt abermals eine Forderung machte, welche man nicht aufzubringen wußte. Alle Tage mußten bei 100 Malter Früchten zum Kommißbrot herbeigeschafft werden. Und als den Fleischhackern ihre Mastochsen ausgegangen waren, so nahm man den Bürgern ihre Ochsen aus den Ställen und schlachtete sie.

Den 31. eiusdem zogen die Franzosen endlich in der Nacht von hier ab. Zuvor forderte der General Jourdan von der Stadt noch 14 000 Gulden, und als diese nicht zusammengebracht werden konnten, hob er heimlicher Weise 7 bemittelte Bürger als Geiseln aus und führte sie nach Straßburg ab, wo sie bis nach Erlegung des Geldes verbleiben mußten. Es waren dies: Herr Dr. Syndicus Handtmann, Herr Benedikt Ummenhofer, Apotheker und Richter, Herr Talvogt und Richter Barnabas Mayer, Herr Jakob Dold, Blumenwirt, Herr Jos. Provence, Kaufmann, Herr Adrian Wickenhauser, Hirschwirt, und Anton Schertle, Metzger. Als endlich Herr Thurneisen in Basel der Stadt das Geld vorgeschossen hatte, kamen die den 17. April hier wieder an.

Anno 1800 fielen die Franzosen wieder über den Rhein. Den 26. April mußte der Landsturm von den hiesigen Bürgerssöhnen, wie aller Orten, nach dem Breisgau ausrücken. Sie nahmen einen eigenen Feldkaplan namens Georg Käfer (den späteren Theologieprofessor in Freiburg) mit, kamen aber nicht weiter als bis nach Waldkirch, wo die kaiserlichen Truppen aufgestellt waren . . . Den 2. Mai kam der Landsturm hier wieder an, weil die Kaiserlichen sich zurückzogen, nachdem die Franzosen bei Stein über den Rhein gesetzt hatten und den Unsrigen beinahe in den Rücken gekommen waren.

Den 20. Juli marschierten hier viele Franzosen durch und quartierten sich auf den umliegenden Bauernhöfen ein. In der Stadt lagen ungefähr nur 100 Mann und verblieben drei Monate lang. Die Bürger mußten alle Monat eine halbe Steuer bezahlen und alle 14 Tage eine Ration Haber, eine Ration Heu und eine Ration Stroh liefern. Während dieser drei Monate kostete es jeden Bürger 11/2 Steuer. Zum Glück hatten wir im nämlichen Jahre eine außerordentlich ergiebige Kornernte.

Den 10. Christmonat wurden 1500 Franzosen hier einquartiert.

Anno 1801, den 7. Jänner, wurde die ganze Bürgerschaft in die Pfarrkirche geboten, wo ihr der (französische) Kommandant zwei schriftliche Aufsätze vorlas, den einten für das Militär, den andern für das Civil, damit jeder wisse, wie er sich zu verhalten habe. Hierauf wurde das bürgerliche Gewehr abgefordert und in Verwahrung genommen.

Vom 15. November bis zum 17. Jänner (1801) hatten wir 34 000 Soldaten in Speis und Trank umsonst erhalten. Im Frühling dieses Jahres kam zwischen Frankreich, Österreich und England der Friede zustande (Lüneville, 9. 1. 1801).

Anno 1803, den 13. März, las der Stadtpfarrer Wittum ein öffentliches Patent von der Kanzel ab, daß wir einen neuen Landesherrn, nämlich den Prinz Ferdinand von Modena haben, welchem nach den Tode des Herkules Magnus, Herzogs von Modena, das Breisgau erblich zugefallen war.

Anno 1806, den 5. Jänner, kam ein württembergischer Kommissär mit 50 Mann Infanterie und 50 Mann Cavallerie hierher und nahm für die Krone Württembergs von der Stadt Besitz (im Frieden von Preßburg, den 26. 12. 1805, waren Villingen und Bräunlingen zu Württemberg gekommen).

Den 30. Mai wurde die Stadt von einem französischen General dem württembergischen Kommissär übergeben. Den 24. eiusdem wurde alles Gold, Silber, Kelch und Monstranzen und was in den Kirchen von Wert war, von dem württembergischen Kommissär aus dem Benediktiner-, Kapuziner- und Ursulinerkloster hinweggeführt und die Klöster aufgehoben.

Den 12. September kam ein französischer General mit einem badischen Kommissär hier an und übergab Villingen und Bräunlingen dem Großherzog von Baden.