Alemannische Mundart

Im Lande Baden-Württemberg zeichnen sich zwei große Mundartgebiete ab: das Fränkische im Norden, das Alemannische mehr im Süden. Die Villinger Stadtmundart gehört zum Alemannischen, zu dem auch die Dialekte im Elsaß, im Allgäu und in der Schweiz zählen. Zu welcher Aussagekraft die alemannische Mundart fähig ist, sollen die folgenden Beispiele zeigen.

Joh. Peter Hebel (1760-1826)
Die Wiese

(Eingangsverse seines berühmten Gedichtes „Die Wiese“. Gemeint ist die Wiese, ein Fluß, der am Feldberg entspringt und bei Kleinhüningen im Kanton Basel in den Rhein mündet.)

Wo der Dengle-Geist in mitternächtige Stunde

uffeme silberne Gschirr si goldeni Sägese denglet,

(Todmaus Chnabe wüsse’s wohl), am waldige Feldberg,

wo mit liebligem Gsicht us tief verborgene Chlüfte

d’Wise luegt un check go Todtnau aben ins Tal springt,

schwebt my muntere Blick und schwebe mini Gidanke!

Feldbergs lieblige TocIter, o Wise, bis mer Gottwilche!

Loos, i will di jetz mit mine Lideren ehre

un mit Gsang bigleiten uf dine freudige Wege!

Im verschwigene Schoß der Felse heimli gibore,

an de Wulke gsäugt mit Duft und himmlischem Rege,

schlofsch, e Bütschelichind, in dim verborgene Stübli,

heimli, wohl verwahrt. No nie hen menschliche Auge

güggele dörfen und seh, wie schön mi Maideli do lit

im christallene Ghalt un in der silberne Wagle;

und kei menschlich Ohr het no si Otmen erlustret

oder si Stimmli ghört, si heimli Lächlen und Briegge.

Numme stilli Geister, si göhn uf verborgene Pfade

us und i, sie ziehn di uf und lehre di laufe,

genn der e freudige Sinn un zeige der nützliche Sache;

und es isch kei Wort verlore, was sie der sage.

Denn so bald de chasch uf eigene Füßlene furtcho,

schliefsch mit stillem Tritt us dim christallene

Stübli barfiß usen un luegsch mit stillem Lächeln an Himmel.

0, wie bisch so nett, wie hesch so heitere Äugle! Gell,

do ussen isch ’s hübsch, und gell, so hesch der’s nit vorgstellt?

Hörsch, wie’s Läubli ruuscht, un hörsch, wie d’Vögeli pfiife?

Jo, de seisch: „I hör’s; doch gangi witers und blib nit.

Freudig isch mi Weg und allewiil schöner, wie wiiter!“

 

Hermann Burte (1879-1960) (Dr. h. c.; Kleistpreis, Schillerpreis, Hebelpreis u. a.; Mundart des Markgräflerlandes)

Drei Scheine

Wenn d’Nacht verwacht im Land am Oberrhy

Se stöhnde uffem blaue Gwölb drei Schii.

E nooche hooche, haiter wie wenns heel isch,

Dasch Basel Schwyzer Freiheit evangelisch —

Mühlhuuse zue ne matte Schimmer,

wiis, do winke Elsis Hochburg und Paris —

Jez ob em Blaue, wo de Himmelpol isch,

Do denkt aim: Fryburg Münster Chrütz katholisch —

Drei Lichtschii wirke haimlig uf ys ine,

Vo alle goht mer kaine völlig ii:

Lieb Haimetland am Rhy, wie find i Dyne?

Lang Wy, schenk ii, do singt e Melodii, Wo d’Sunne lacht un liebe

Stärne schyne, I will in dir mit mir im Reine sy!

 

Das verlassene Mädchen

Der Drüübel waiket an der Landere

s‘ isch an der Zyt;

Die liebe Schwälmli fliege furt un wandere Wer weiß wie wyt —

My Schatz isch ab, er sei go Flandere —

Mi so verloh!

O wenn er lacht ob mir by Andere:

Hi soll er goh!

 

 

Gerhard Jung (1926; Hebelpreis 1974;

Mundart des Markgräflerlandes)

Sell mueß mr chönne

Egal ob mr jung isch,

egal ob mr alt isch,

e Zit, wo so hert isch,

so falsch un so chalt isch,

e Zit, voll mit Hunger,

mit Haß und mit Spott,

e li-Zit, wo keine de ander will chenne,

e Zit ohne Mensche,

e Zit ohne Gott:

De chasch sie bloß trage,

wenn „Du“ chasch sage.

Du! Sell mueß mr sage chönne,

trotz dere Zit.

Du — suscht nüt.

S mueß dr uf de Lippe brenne!

 

Karl Kurrus (1911; Kaiserstühler Mundart)

Wer tuat s

Not in der Welt,

regiare tuat s Geld. —

Rede un Predig:

Guats tua isch netig!

Wer hert s?

Wer tuat s?

Hersch es aü zehmol, hundertmol.

Nit murre,

nit grolle!

Der Teifel süfliart:

„Selli solle!“

Hans Hauser (1907; Villinger Stadtmundart)

Morge

I bi um d’Mitternacht verwacht

und hau mer Angst und Sorge gmacht.#

Jetz taget es. Zum viertemol

schleet’s Münster d’Stund, ’s schlooft ells noh wohl.

Mich triibt es nus, i find koe Rueh,

es Hochgricht nuff, Lorette zue.

Und wie n i stand, emol verschnuuf,

goht ob em Bluetroe d’Sunne n uff,

si hanget über d’Wanne rii

mit rote Ärm in Nebel nii

und schumet wie e Wäscheri.

Wie suber stond jetz Türn scho do,

und d’Gibel au denandernoo;

jetz wäscht si d’First und d’Gaupen ab,

jetz Dächer bis an Kearner nab,

jetz glüenet d’Schiibe geal und rot,

z’mols glitzeret ells. Um d’Ringmuur stoht

jetz Boom a Boom und Struuch im Tau.

Hei, danket iserm Hergett au!

Es liitet Bätziit. Tröstli stoht

des Liite jetz im Morgerot.

Die erste Kämig raichet drii,

’s word welleweag bi de Becke sii.

So, sind er uff? Helfichi Gott!

Si bachet is es tägli Brot.

Wa het mi nu so druckt die Nacht

und worum hau mer Sorge gmacht?

I woes es nimme, acht nit druff,

und ell Dag goht jo d’Sunne n uff!