„Wilder Mann” ein mittelalterliches Baudenkmal (W. Haas)

400 Jahre Haus- und Familiengeschichte / Wird die Tradition fortgesetzt? Auszug aus der Lokalpresse, Juli 1968, von W. Haas

Villingen. Seit über drei Monaten gibt es den Gasthof „Wilder Mann“ nicht mehr. Daran ist nichts mehr zu ändern, auch wenn dieser Verlust bedauerlich ist und damit wieder eines der altehrwürdigen Gasthäuser aus dem Stadtbild verschwindet. Bereits im frühen 16. Jahrhundert, zu Lebzeiten des sagenhaften Lokalhelden Romaias Mann, ist eine Wirtschaft „Wilder Mann“ urkundlich erwähnt. Stadtarchivar Dr. Fuchs nimmt sogar mit Sicherheit an, daß der „Wilde Mann“ schon im 14. Jahrhundert bestand. Damit gehörte dieses Lokal sogar zu den ältesten Gasthäusern der Bundesrepublik.

Die kulturgeschichtliche Seite, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll, ist ebenfalls bedeutungsvoll. Die wilden Leute, mit langen Haaren bedeckte Waldmenschen, spielten in den Sagen der Gebirgsländer schon immer eine große Rolle. Es waren fremdartige, unheimliche Wesen, die fernab von menschlichen Siedlungen lebten. Wilde Leute als Symbol der Naturnähe sind auch auf dem etwa 1468 entstandenen Basler Bildteppich zu erkennen. Auch das Wappen von Dänemark enthält zwei wilde Männer. Es wird von ihnen flankiert, und sie halten den Wappenschild mit einer Hand. Mit der anderen Hand halten die beiden wilden Männer jeweils eine lange, hölzerne Keule.

Mit dem Gasthof „Wilder Mann“ hat sich auch der Häuserforscher beschäftigt. Das Ergebnis seiner Nachforschungen hat er in der Form einer Chronik zusammengestellt, um so einige Daten und Fakten der Vergangenheit zu entreißen:

1563 Ringlin berichtet in der Fortsetzung der Chronik von Heinrich Hug: „Uff Judica (28. 3.) sind sechs camelthier allhie gewesen mit sampt einem moren in Hanns Speten Hauss zum wildenmann.“

1566 In der Tanzlaube zum Wilden Mann war eine schwarze, lebende Kalbin zu sehen mit sechs Füßen. Wer sie hat sehen wollen, mußte einen Fünfer geben.

1589 Bartlin Speht in einem württembergischen Missivbuch als Zeuge erwähnt wegen eines Roßdiebstahls. Ein Konrad Spät wird bereits 1443 urkundlich erwähnt.

1612 Gregorius Bawmann als Wirt der Herberge zum Wilden Mann wird im Ratsprotokoll genannt; 1632 Obrist Aescher ist im Wilden Mann abgestiegen.

1633 Laut Abt Gaissers Tagebuch durchschlug bei der Belagerung eine Kugel alle drei Stockwerke im Gasthaus zum Wilden Mann, riß in der Schenkstube der Wirtin ein Bein weg, zerriß ein Kind und tötete einen weiteren Menschen.

1658 Christian Bantlin als Gastgeber im Wilden Mann. Seine Tochter Barbara heiratete den Hafner Jakob Kraut. 1660 Math. Klaiser wird im Ratsprotokoll als Wildmann-würth genannt.

1701 und 1707 Hans Georg Moser wird als Wildmann-würth genannt; 1719 Hans Jerk Merckle genannt als Würth zum Wilden Mann; 1724 Der Wirt Georg Merkle genannt.

1766 Carl Merckle ist Eigentümer des dreistöckigen Hauses mit zweistöckiger Scheuer. Der Wilde Mann, Haus Nr. 78, wird mit 1000 Gulden angeschlagen.

1781 Wildmannwirt Ignaz Mayer geht wegen Wiedergenehmigung der Passionsspiele mit einer Deputation nach Freiburg.

1781/82 In dem rund 30 Jahre dauernden Kampf um die Ratsverfassung der Stadt und im Kampf der Schnabuliner, Mordiner und Finkenreiter um das Stadtregiment spielte der Wildmannwirt Ignaz Mayer eine große Rolle. Zunächst auf der Seite der Rebellen, wechselte er später als Finkenreiter hinüber in das Lager des Magistrats.

1784 Der Wilde Mann, inzwischen ein vierstöckiges Anwesen, wird mit 3150 Gulden angeschlagen.

1792 Ignaz Mayer wird zum Bürgermeister gewählt. Er amtierte bis 1817. Seine Tochter Walburga (1777-1839) verheiratete sich mit Franz Xaver Dold, Wirt zur „Blume“.

1825 Martin Mayer, verehelicht mit Maria Anna Hummel, ist Eigentümer des Wilden Mannes, der jetzt mit 5850 Gulden angeschlagen wird. Erstmals wird auch ein gewölbter Keller erwähnt. Martin Mayer war zu jener Zeit auch Eigentümer des sogenannten Glunkenhauses (Färberstraße 62), wo im Schlußstein des Türbogens zum Keller die Initialen „M M 1828“ eingemeißelt sind. Auf diesem Grundstück betrieben später seine beiden Söhne Johann Baptist und Emil August Mayer eine Malzfabrik. 1834 Martin Mayer stirbt. Seine Witwe verkauft das Wirtshaus zum Wilden Mann mit Keller, Scheuer, Stall, Bräuhaus, Kegelbahn und das auf dem Haus ruhende Tafern-, Real-, Bierbrau- und Schankrecht sowie ein Siebtel Anteil an der Bräugesellschaft (J. B. Schilling & Comp.) um 8300 Gulden an den aus Rötenbach stammenden ledigen Johann Heizmann.

1839 „Adler“-Wirt Franz Meinrad Hauger kauft von Heizmann das Gasthaus zum Wilden Mann um 10100 Gulden.

1839 Auf einem Gemälde von Joh. Nep. Ummenhofer, darstellend die Obere Straße, ist der Wilde Mann mit einem Erker abgebildet. Pius Beha ließ diesen Erker in den 1880er-Jahren abbrechen.

 

DER WILDE MANN kurz vor seiner „Pensionierung“. Das Gesicht des Hauses, die Fassade, wird sich durch einen Umbau bald verändern. Foto: privat

 

1843 Josef Grüßer, Müller, kauft von F. M. Hauger den Wilden Mann um 8000 Gulden. Der Wilde Mann hatte zu jener Zeit 10 Zimmer, einen Tanzsaal und Stallungen, in denen 70 Pferde eingestellt werden konnten. Ein Röhrenbrunnen im Hof wird auch erstmals erwähnt, der gegen einen jährlichen Canon von zehn Gulden an die Stadtkasse beibehalten wurde; 1846 Josef Grüßer stirbt im Alter von 38 Jahren.

1847 Der Wilde Mann wird zum Verkauf ausgeschrieben, ebenso 1848, 1852 und 1862.

1849 Thomas Meyer, Metzger, pachtet den Wilden Mann und führt alle Sorten Fleisch- und Wurstwaren. 1862 Johann Baptist Grüßer, Metzger, übernimmt den Wilden Mann um 8000 Gulden.

1869 J. B. Grüßer stirbt und hinterläßt Witwe und zwei Kinder.

1876 Pauline Grüßer, Witwe, geb. Sättele, verkauft den Wilden Mann um 24 857 Mark an Pius Beha, bisher Müller auf der Siechenmühle. Seine Ehefrau Christiana Reiser (1837-1900) ist eine Tochter des aus Kappel stammenden

Simon Reiser und eine Schwester des Landwirts Leo Reiser vom „Nordstetter Hof“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1904 Das dreistöckige Ökonomiegebäude mit Durchfahrt an der Hans-Kraut-Gasse brennt ab. Später entstand dort der Kinosaal der heutigen Camera-Lichtspiele.

1905 Georg Dreer, Bierbrauer von Kirchheim, Bayern, heiratet die Tochter Anna Beha.

1906 Pius Beha, ein Sohn des Sägers Isidors Beha und ein Bruder des Sägewerkbesitzers Josef Beha, stirbt im Alter von 73 Jahren.

1921 Nach dem Tod der Anna Dreer geb. Beha vererbt sich der Wilde Mann auf den Witwer, Gastwirt Georg Dreer.

1951 Frieda Schmid, geb. Dreer, Ehefrau des Bierbrauereibesitzers Karl Schmid in Spaichingen, erbt den Wilden Mann nach dem Tode ihres Vaters.

1942 Das Ehepaar Lotte und Josef Kupferschmid pachtet den Wilden Mann; 1958 Renovierung der Gaststätte, 1959 Rundbogendurchgang zur ehemaligen „Sonne“ gefunden. Später als Telefonzelle verwendet; 1968 Kaufmann Wilhelm Oberle kauft den Wilden Mann zur Erweiterung seines Möbelhauses; 1968 Der Wilde Mann wird am 1. April stillgelegt.

Mit dem „Wilden Mann“ ging ein gutes Stück gastronomische Tradition des mittelalterlichen Villingens zu Ende. Man darf jedoch hoffen, daß in Villingen ein neuer Gasthof „Wilder Mann“ erstehen wird zur Erinnerung an ein kulturgeschichtliches Zeugnis ferner Vergangenheit. H.