Die Wasser-Belagerung im Jahre 1634 (Hermann Preiser)

Ölgemälde, ca. 70/120 cm, von Joh. Ant. Schilling, gemalt 1717, Wasserbelagerung 1634.

 

Vortrag von Hermann Preiser, gehalten am 2. 12. 1975 im Geschichtsverein Villingen.

über die Wasser-Belagerung im Jahre 1634 ist schon wiederholt geschrieben worden, aber niemand konnte sagen, wie weit das gestaute Wasser geflossen ist, da genaue zeitgenössische Aufzeichnungen darüber fehlen.

Bevor ich meine eigenen Untersuchungen bekanntgebe, möchte ich den Ablauf jener Belagerung in kurzen Zügen wiederholen*.

Wir wissen, daß nach dem Ende der zweiten Belagerung im Oktober des Jahres 1633 die Bürger der Stadt Villingen und ihre Besatzung in einer besonderen Notlage waren, weil die Ernte durch die Kriegsereignisse größtenteils vernichtet war.

Zwar sollten nach kaiserlichem Befehl die benachbarten Stände durch Zurverfügungstellung von Lebens- und Futtermitteln, sowie Vieh, zur Linderung der größten Not in der Stadt beitragen; aber diese Orte wehrten sich heftig, weil sie ebenfalls durch den Krieg gelitten und teilweise noch vom Feind besetzt waren. Zu alledem suchte Oberst Degenfeld, der sich nach Aufhebung der zweiten Belagerung mit seinem Kriegsvolk nach Rottweil zurück­ zog, von dort aus jede Lebensmittelzufuhr nach Villingen zu blockieren.

So war die Besatzung von Villingen gezwungen, wie es in Kriegszeiten üblich war, mit bewaffneter Hand für die Einbringung von Korn und Vieh zu sorgen, wobei vornehmlich die feindlichen württembergischen Orte bis in die Gegend von Freudenstadt und Sulz heimgesucht wurden, was oft zu blutigen Auseinandersetzungen mit den Bauern führte.

Da durch die Beutezüge der Villinger Besatzung sowie der eigenen Truppen die württembergische Landschaft schwer zu leiden hatte, wurde Herzog Eberhard von Württemberg von vielen Seiten gedrängt, dafür zu sorgen, daß den Villingern Einhalt geboten und die lästigen Ausschweifungen deren Besatzung verhindert wird.

Nachdem ein schon im Januar 1634 vorgenommener Versuch des Herzogs wegen Freistellung einiger Regimenter zwecks neuerlicher Belagerung Villingens fehlschlug, wurde im Februar der württembergische Oberst Georg Friedrich Holtz mit seinem Fußvolk in die Nähe Villingens (zuerst nach Hochemmingen und dann nach Dauchingen) gelegt und zur Vorbereitung einer neuen Belagerung damit beauftragt, mit Hilfe eines zugewiesenen Fachmannes im Festungsbau, starke Verschanzungen vor der Stadt zu errichten, um von diesen geschützten Stellungen aus gegen Villingen vorzugehen. Zur Sicherung dieser Arbeiten wurde Holtz ein schwedisches, größtenteils aus Franzosen bestehendes Reiter-Regiment zugeteilt.

Am 10. April wurde man in der Stadt durch eine Nachricht und durch Auftauchen feindlicher Gruppen gewahr, daß eine neuerliche Belagerung bevorstand, und die Besatzung suchte so gut es ging, den Feind zu stören. Da aber die Truppen der Obersten von Holtz und von Gassion zu einer Belagerung nicht ausreichten und auch schwere Belagerungsgeschütze fehlten, weil dieselben zu jenem Zeitpunkt für die Belagerung an anderen Orten abgezogen waren, suchte man nach anderen Möglichkeiten, um die Stadt auf die Knie zu zwingen. Ende Mai tauchte nun erstmals der Plan auf, Villingen unter Wasser zu setzen, und nach den notwendigen Erkundigungen wurden die erforderlichen Vorbereitungen getroffen. Herzog Eberhard sandte zu diesem Zweck den Werkmeister Killian Kessenbrot und den Zeugmeister Friedrich Reichstätter, die die fachgerechte Aufschüttung des Dammes an der engsten Stelle des Brigachtales zwischen Warenberg und Ölmühle zu bewerkstelligen hatten. Der Herzog versprach 1200 Schanzgräber für die Aufschüttung des Dammes zur Verfügung zu stellen; aber erst Mitte Juli nach Fertigstellung der Schanzen wurde systematisch an der Errichtung des Dammes gearbeitet. Das Vorhaben ging aber trotzdem langsam voran, weil von den zugesagten Schanzern und Fuhrleuten nur etwa 500 eingetroffen waren. Nachdem aber der Herzog immer heftiger auf die Fertigstellung des Dammes drängte, wurden die Bewohner vieler Orte aus dem „Fürstenbergischen“ und der Herrschaft Triberg zum Dammbau gezwungen. Heute nennt man das zwangsverpflichtet. Am 16. Juli konnte Holtz das errichtete befestigte Lager mit Brustwehr und Umschanzungen am Warenberg beziehen, und nach vielen vorhergehenden Scharmützeln mit der einheimischen Besatzung erschien auch am 16. Juli Oberst Gassion an der Spitze seines Reiterregimentes vor der Stadt, um sie durch einen Trompeter zur Obergabe aufzufordern, was vom Magistrat prompt abgelehnt wurde mit dem Bemerken, daß dem Kommandanten die Stadt Villingen von der Herrschaft Österreich gnädigst anvertraut wurde und daß der Bürgermeister und Rat, sowie die ganze Bürgerschaft dem Hause Österreich mit Eid und Pflichten verbunden sind und keinen fremden Herren anerkennen können, bevor sie dieses Begehren höheren Ortes vorgebracht haben. Der Oberst solle sich bis zum Eingang dieser Antwort gedulden, falls er aber inzwischen feindliche Absichten gegen die Stadt unternehme, werde man sich nach „äußerstem Vermögen und mit Gottes Beistand“, wie es schon in den zwei vorhergehenden Belagerungen erfolgt ist, wehren und den Feind von den Mauern vertreiben. Gassion verschanzte sich nach dieser Antwort ebenfalls am Warenberg.

Am 26. oder 27. Juli wurde man zum erstenmal in der Stadt gewahr, daß der Feind vorhatte, sie unter Wasser zu setzen, denn er hatte inzwischen von seinem Lager am Warenberg bis zur anderen Bergseite eine Brustwehr aufgeworfen, die schon so weit fortgeschritten war, daß man ihn nicht mehr vertreiben konnte. Die Stadt sandte sogleich nach allen Seiten Hilferufe aus, erhielt aber nur Vertröstungen und suchte so gut es ging, durch Ausfälle ihrer Besatzung den Dammbau zu hindern. Sechs Wochen lang wurde Tag und Nacht, immer wieder mit frisch herbeigeholten Kräften an der Aufwerfung des Dammes gearbeitet, und am 16. August war die Brustwehr zu einer solchen Höhe angewachsen, daß die Bewohner in größter Sorge waren, weil sie stündlich befürchten mußten, daß der Damm geschlossen wird. Es wurde nochmals an allen maßgebenden Stellen um Hilfe (Succurs) gebeten, und es wurden Pläne geschmiedet, den Feind mit einem Aufgebot von mehreren hundert Reitern und einem Corps Fußvolk in seinem Lager zu überfallen, wobei man sich vor allem Hilfe aus Uberlingen versprach, wohin Pläne der Verschanzungen geschickt wurden, um von dort aus den Oberfall in Bewegung zu setzen, wozu es aber nicht gekommen ist. Ein Zeitgenosse schreibt, daß, als die Württemberger ihren von der Villinger Besatzung gefangenen Rittmeister Schön loskaufen wollten, man ihnen zur Antwort gab, daß wenn man sie schon ersäufen wolle, dann müsse der Rittmeister bei ihnen bleiben und den ersten Suff tun.

Der Herzog konnte es kaum erwarten, daß mit der Schwellung des Wassers begonnen wurde, denn er wußte, daß man in Bälde Villingen zu Hilfe kommen wollte, und am 27. August wurde einem feindlichen Kurier ein Schreiben an den Herzog abgenommen, worin berichtet wird, daß der Dammbau beendigt sei, worauf der Magistrat die Bitte um den versprochenen Succurs an mehreren Stellen wiederholte. Tatsächlich wurde aber das Wasser bereits am Abend des 24. August angelassen.

Für die Villinger völlig überraschend haben die Belagerer am Samstag, den 9. September (1634), morgens 9 Uhr aufgrund eines in der Nacht eingetroffenen Befehls ihr Lager angezündet und sind „mit großer Confusion und Schrecken“ abgezogen. Grund war die völlige Niederlage der schwedischen und württembergischen Truppen in der Schlacht bei Nördlingen. Der Herzog mußte zur Sicherung seiner Leute die Belagerung aufheben und floh in aller Eile nach Straßburg, wohin ihm auch Oberst Holtz mit seinen Truppen folgte.

Nach dem Abzug des Feindes war noch die Stauung der Brigach zu beseitigen, was durch einen Abzugsgraben auf dem Rücken des Dammes, der sich durch das ausströmende Wasser schnell vergrößerte, herbeigeführt wurde. Außerdem mußten die in der Nähe liegenden Orte, welche Leute zum Dammbau bereitgestellt hatten, sich wieder an der Öffnung des Dammes beteiligen. Besonders die Leute aus dem „Fürstenbergischen“ wurden herangezogen, und im Villinger Stadtarchiv liegt eine Urkunde, worin die fürstenbergischen Amtsleute aus Geisingen der Stadt mitteilen, daß sie auf ihr Ersuchen aus Wolterdingen, Tannheim, Donaueschingen, Pfohren, Asenheim, Heidenhofen und Sunthausen bis Freitag und Samstag, den 22. und 23. September, einhundert Personen mit „Bickeln, Hauen und Schaufeln“ frühmorgens zur Zurichtung des Dammes aufgeboten haben und mehr nicht abstellen können, weil die armen Leute genug zu tun haben „um das Heugras sich zu erwehren“.

Für uns Villinger erhebt sich nun die Frage, wie weit das gestaute Brigachwasser gelangt ist und ob es bereits in die Stadt hineingeflossen ist. Von Zeitgenossen ist uns darüber gar nichts überliefert. Abt Michael Gaisser war zu jenem Zeitpunkt auf Hilfesuche in Konstanz und Über-

ngen. Im hiesigen Rathaus-Museum befindet sich ein Ölbild, gemalt von Johann Anton Schilling im Jahre 1717, welches die Wasserbelagerung zeigt und auf welchem das Wasser bis zum „zweiten Bronnen“, reicht, in dessen Nähe die Schaller’sche Mühle stand.

Schleicher entnimmt aus einem Bericht von damals, „daß der Feind das Wasser zu schwellen und nahe der Stadt gebracht hat und durch die Wendung der Dinge der Dammbau unterbrochen worden sei“.

J. G. Benedikt Kefer verdanken wir den ersten kurzen chronologischen Bericht über die Wasserbelagerung; er hat aber die Frage des Wasserstandes bei Aufhebung der Belagerung nicht angeschnitten. Schleicher hat sich für seine ausführliche Abhandlung über die dritte Belagerung auch des Dammes angenommen und denselben genau untersucht. Er schreibt, daß die Länge des Dammes zu seiner Zeit (1854) vom Rietheimer Weg bis zum Wehrbach 105 Ruthen beträgt und die Höhe in der Nähe des gegenwärtigen Durchstichs 16 Fuß über den Wasserspiegel gegenüber ursprünglich 22-25 Fuß. Nach seinen Angaben enthält die Erde aus der Mitte des Durchstichs 43% feinen Quarzsand und 57% Ton und Lehm. Mit Wasser vermischt bildet diese Erde einen zähen Teig. Wir ersehen daraus, daß der Damm fachmännisch angelegt und seinen Zweck erfüllt hätte. Schleicher bemerkt aber, daß der Damm, um eine Stauung des Wassers bis zum Marktplatz zu erreichen, mindestens die Höhe von 27 Fuß haben müßte und daß eine solche Stauung eine Wassermenge erfordert hätte, welche die Brigach, deren Wasserstand im August unter dem Mittel liegt, während der Belagerungszeit nicht erbringen konnte, besonders auch deshalb, weil ein großer Teil des Warenbachtales und mehrerer Niederungen sich mit Wasser füllen mußten, was die Belagerer übersehen hatten.

Im ersten Nägelinskreuzbüchlein des Stadtpfarrers Benedikt Schue vom Jahre 1735 lesen wir: „Bey der Wasser-Belagerung / da war der fluß Brige biß schon an den zwey in der Nider Straß lauffenden Röhrenbrunnen angeschwöllt / ist durch gewaltsamen Durchbruch des aufgeworffenen Dammes alles feindliche in das höchste Unwesen gekommen /“.

Hier wird also erstmals berichtet, daß das Wasser bis zum Brunnen am Marktplatz gelaufen sei und daß ein gewaltsamer Durchbruch des Dammes vorgenommen wurde, und hier also beginnt schon das Märchen von der Durchstoßung des Dammes mit dem Fäßchen Quecksilber. Albert Fischer stützt sich in seinem Band „Aus Villingens Vergangenheit“ hauptsächlich auf die Untersuchungen von Schleicher und schreibt: „Wie weit das Wasser in die Stadt eingedrungen war, darüber sind die Berichte geteilt; nach der einen Quelle soll das Wasser bis zum Marktplatz gedrungen sein, nach der anderen sei es nicht weiter hinauf bis zum zweiten Brunnen gekommen. Nach der Höhe des Dammes wäre letzteres als richtig anzusehen. Für den ersten Bericht, wonach das Wasser bis zum Marktplatz gestiegen sei, spricht allerdings die Tatsache, daß die Statue des hl. Nepomuk, die im Jahre 1711 vom österr. Botschafter in der Schweiz, Graf Ehrenreich von Trautmannsdorf, der Stadt für die wackere Haltung in den Belagerungen zum Geschenk gemacht hat, damals an der Stelle aufgestellt wurde, bis zu welcher in der Wasserbelagerung das Wasser gedrungen war; sie stand damals vor dem Haus Niedere Straße 12 (heute „Stern’s Bunte Stube“). Auf einer Seite des Denkmals befindet sich die Inschrift: „Dieses Standbild ließ 1711 Graf Trautmanns-dorf unter Beisteuerung des Magistrats in der Niederen Straße vor dem Hause 416 an der Stelle errichten, bis zu welcher nach der Sage in der Belagerung 1634 das Wasser der Brigach gestiegen war“. Letztere Inschrift wurde aber, wie ich feststellte, erst im Jahre 1898 anläßlich der Renovierung dieses Denkmals eingraviert.

Revellio hat, um einen besseren Überblick über die Vorgänge bei der Wasserbelagerung zu gewinnen und dieselbe aus der Sicht des Feindes kennenzulernen, die gegnerischen Kriegsakten im Stuttgarter Hauptstaatsarchiv durchgesehen und dabei interessante Einzelheiten zutagegefördert. Es betont vor allem, daß nicht die Schweden, sondern die Württemberger die Erbauer des Dammes gewesen sind und daß sich der Feind schon viel früher, als die Villinger geahnt hatten, mit der Errichtung des Dammes befaßten. über den Stand des Wassers konnte er aber auch nur das anführen, was bereits gesagt worden ist.

Um der Sache, wie weit die Stauung gereicht hat, auf den Grund zu kommen, habe ich nun in den Jahren 1972 und 1973 selber Wassermessungen an der Brigach vorgenommen, wobei mir im ersten Jahr mein Sohn Siegfried und im zweiten Jahr mein Freund Georg Thomas behilflich war. Ich erwähne jetzt nur die letzte Messung am 4. September 1973, weil dieselbe gründlicher war.

Wir haben zunächst an einer Stelle der Brigach, bei der Ölmühle gegenüber dem sogen. Schwedendamm, die Breite des Flusses und die Wassertiefe in der Mitte der Brigach und an beiden Ufern gemessen. Anschließend haben wir ein 10 Meter langes Stück am Brigachlauf abgesteckt. Ich habe dann in die Mitte der Brigach einen großen Korken geworfen und die Zeit vom Aufprall auf das Wasser bis zum Passieren der 10 Meter gestoppt. Von drei solcher Meßversuche habe ich dann den Durchschnitt errechnet. Bei der Ausrechnung bin ich dann auf einen Wasser-Durchfluß von 0,41 m3/sec. gekommen. Daraufhin habe ich mich an das Wasserwirtschaftsamt in Donaueschingen gewandt mit der Frage, ob die Art meiner Messung richtig ist, worauf mir gesagt wurde, daß die Fließgeschwindigkeit mit einem Wasserflügel oder annähernd auch durch Einwerfen eines Treibholzes und Abstoppen der Zeit auf eine bestimmte Fließstrecke erfolgen kann, so daß meine Art der Messung grobrichtig ist. Ich wurde aber gleichzeitig darauf aufmerksam gemacht, daß seit dem Jahre 1958 das Brigachwasser an einem Pegel bei der Bahnhofsbrücke automatisch gemessen wird, weshalb ich mir die mittleren Tageswerte vom Pegel Villingen für die maßgebenden Tage der Monate August und September beschafft habe und an dem von mir gemessenen Tag am 4. September 1973 einen Tagesdurchschnitt von 0,23 m 3/s vorfand. Das sind 56% der Wassermenge, wie meine Messungen ergaben. Es ist aber zu berücksichtigen, daß vom Pegel am Bahnhof bis zur Ölmühle noch mehrere Zuflüsse erfolgen, nämlich das Wasser aus dem Kanal bzw. dem früheren Stadtbach, der heute verdohlt ist und unterhalb der Luisenbrücke in die Brigach mündet; dann die Steppach, zwar ein sehr kleines Bächlein, das aber infolge des Gefälles von Nordstetten her, sehr munter fließt, sowie der Warenbach, der sich gegenüber der Herrenmühle in die Brigach ergießt. Es sind aber noch Abweichungen denkbar, weil das Bachbett der Brigach bei der Ölmühle sehr uneben ist und 3 Tiefenmessungen vielleicht nicht genügen, sowie der Umstand, daß die vom Wasserwirtschaftsamt erhaltenen Daten den durchschnittlichen Tageswert innerhalb 24 Stunden darstellen, wobei sich während der verschiedenen Stunden oft Schwankungen ergeben. In Donaueschingen erfuhr ich aber noch, was vielen unbekannt sein dürfte, daß die Oberflächenmessung allein für ein ganz genaues Ergebnis nicht genügt, weil das Wasser an der Oberfläche eines Baches schneller fließt wie am Bachgrund. Zu einem genaueren Ergebnis führen Geschwindigkeitsmessungen, die unten am Bachbett, in mittlerer Tiefe und an der Oberfläche erfolgen, die aber nur mit einer mechanischen Vorrichtung möglich sind. Die Reibung am Grund hemmt die Geschwindigkeit des Wassers. Ich habe aus obengenannten Gründen nun die Ergebnisse meiner eigenen Messungen nicht verwertet, sondern die Durchflüsse am Brigachpegel, die ich mir, soweit sie noch nicht im gewässerkundlichen Jahrbuch veröffentlicht sind, von der Landesstelle für Gewässerkunde in Karlsruhe beschafft habe, zu meinen Berechnungen herangezogen. Da die Niederschläge in den einzelnen Jahren sehr großen Schwankungen unterworfen sind, habe ich den Durchschnitt der maßgebenden Tage der Jahre 1963-1973 benützt und für die Zuflüsse ab dem Pegel Villingen 10% hinzugerechnet. Ich komme so auf einen mittleren täglichen Wasserzufluß von 90.000 m3, also von 90 Millionen Liter pro Tag, welche Menge knapp 30% unter meinen eigenen Messungen liegt.

In den 16 Tagen der Stauung vom Abend des 24. August bis 9. September abends hätte sich nach den zugrunde-gelegten Daten das durch den Damm gebildete Becken um ca. 1.450.000 m 3 angefüllt. Nach den durch Vermessungsingenieur Georg Lux für mich freundlicherweise durchgeführten Geländemessungen und Berechnungen hätte sich das Wasser bei einer Wassertiefe von ca. 4 Meter am Damm bis über die Mündung der Steppach, also bis zum heutigen Schlachthof gestaut und sich nach Westen den Warenbach hinauf bis in die Nähe der Waren-bachbrücke am südlichen Ende der Bleichestraße ausgedehnt, wogegen es gegen Osten noch ein Teil der Steppachwiesen südlich des früher viel kleineren Friedhofes überschwemmt hätte. Der dazwischenliegende Bahndamm ist eine neuere Aufschüttung, durch welchen die Steppach heute in Röhren hindurchgeleitet wird. Nächst der Stadt hätte das Wasser bis zu den früheren Schützenwiesen zwischen Obrist-Äscher-Straße und Karlstraße gereicht. Das Baugelände dort wurde größtenteils aufgefüllt, was noch besonders deutlich am Haus Irslinger zu sehen ist, das tiefer als die Schwedendammstraße liegt. Man kann nun einwenden, daß die Niederschlagsmengen und die dadurch bedingte Wasserführung der Brigach vor über 300 Jahren ganz andere gewesen sind. Gewisse Unterschiede sind schon möglich, weil die Wassermengen von Jahr zu Jahr sehr unterschiedlich sind, aber man muß bedenken, daß nach dem 16. Jahrhundert keine Klimaänderung in unserer Landschaft stattgefunden hat und daß es für die heutige Beurteilung gar keine Rolle spielt, ob das Wasser 100 Meter weiter oder weniger gegen die Stadt vorgedrungen ist. Ich verweise aber auf das schon erwähnte Gemälde von Johann Anton Schilling. Dieses Bild, das im Jahre 1717 entstand, ist sicher kein Phantasieprodukt, und Schilling hat sich wahrscheinlich einer zeitgenössischen Vorlage bedient, wie bei seinem Gemälde von der Winterbelagerung 1633, wozu ihm eine alte heute noch vorhandene Federzeichnung als Vorlage diente, sonst hätte er den Damm nicht in allen Einzelheiten gezeichnet. Revellio schreibt, daß der Damm mit seinen Schanzen und Schleusen ein kleines Kunstwerk sei und daß auf diesem Bild das Wasser bis zum Platz der damaligen Schaller’schen Mühle beim heutigen Städtischen Elektrizitätswerk reicht, vor welchem in späteren Jahren der heutige Schlachthof erbaut wurde.

Das Ergebnis meiner Untersuchungen deckt sich zufällig ziemlich genau mit dem genannten Bild, und es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß das Wasser nicht bis an das Niedere Tor und noch weniger bis zum Marktplatz vorgedrungen ist. Schon eine Stauung bis zum Niederen Tor hätte noch einige Wochen erfordert, weil sich das Wasser nicht nur zur Stadt hin, sondern nach 3 Seiten ausgebreitet hat. In der Nähe des Niederen Tores wäre es allerdings kritisch geworden, weil sich dort das Becken verengt; zum Marktplatz aber hätte es einer Wassermenge von ca. 5.500.000 m3 bedurft. Wenn ein Teil der Stadt wirklich unter Wasser gestanden wäre, dann hätte dies zu einer solchen Katastrophe geführt, daß sie von den Zeitgenossen und Chronisten gebührend gewürdigt worden wäre. Die Häuser in der Stadt hatten zu damaliger Zeit überhaupt keine Keller, und wenn das Wasser in das untere Stockwerk hineingelaufen wäre, hätte es unabsehbare Gebäudeschäden hinterlassen.

Wie ist es nun zu der Sage gekommen, daß das Wasser bis kurz vor den Marktplatz, also bis zu der Stelle gelaufen ist, wo später das Nepomukdenkmal aufgestellt wurde? Es muß doch sicher irgend einen Grund gehabt haben. Sicherlich hat man ausgerechnet, wie weit bei der seinerzeitigen Dammhöhe das Wasser geflossen wäre, wenn die Belagerung nicht vorzeitig hätte abgebrochen werden müssen. Schleicher schreibt, daß der Damm mindestens 27 Fuß hoch hätte sein müssen, um eine Stauung bis zum Marktplatz zu erreichen. Der Fuß oder Schuh galt damals als offizielles Längenmaß und schwankte in den einzelnen Gegenden Deutschlands zwischen 25-34 cm. Schleicher nennt die ursprüngliche Höhe des Dammes ca. 25 Fuß und die fehlenden 2 Fuß machen, wenn wir den badischen Fuß mit 30 cm annehmen 60 cm aus. Heute besteht vom ursprünglichen Standort des Nepomukdenkmales beim Haus Stern bis zum Marktplatz eine Steigung von knapp 50 cm, wobei zu berücksichtigen ist, daß sich das Straßenniveau im Laufe der Zeit durch verschiedene Beläge usw. eine Kleinigkeit geändert hat. Man wußte also, daß das Wasser bei längerer Stauung bis zum Hause „Stern’s Bunte Stube“ gelaufen wäre. Diese Tatsache wurde aber im Laufe der Jahre verschwommen, und weil die Phantasie später meistens alles vergrößert, haben spätere Generationen geglaubt, daß das Wasser tatsächlich bis an die genannte Stelle vorgedrungen war.

Um jene Stauung zu erreichen, hätte die Auffüllung auch bei größeren Niederschlägen die mehrfache Zeit gebraucht; aber soweit wäre es gar nicht gekommen, denn als die Gefahr erkannt wurde, wurden vom Magistrat laufend Boten um Hilfeleistung ausgesandt. Schon Anfang August wurde Abt Michael Gaisser von Stadtschreiber und Syndikus Joh. Philipp Mayenberg um schnelle Verwendung um Succurs gebeten, und am 9. August begab sich der Abt zu Pferd auf die recht beschwerliche Reise zu den Kaiserlichen Kommandanten und Räten am Bodensee, die er in seinem Tagebuch in allen Einzelheiten beschrieb. Wegen der Nähe des Feindes mußte sich der Abt weltlich kleiden und einen großen Umweg machen. Er nahm zuerst seinen Weg durch den Germanswald nach Stockwald, wohin er sich durch einige Besatzungssoldaten begleiten ließ. Ein Stück weiter über das Langmoos und Roggenbach nach Vöhrenbach begleiteten ihn noch zwei Bürger. Von hier ritt Gaisser durch das Urach-, Schollach- und Wutachtal und weiter nach Schaffhausen. Der Abt schilderte manche interessante Erlebnisse dieser Reise; so z. B. daß sein Pferd (wahrscheinlich war es ein heißer Augusttag) mit ihm in einen Wassertümpel gekniet sei und sich benetzt hätte, wobei er völlig durchnäßt wurde und in einem Gasthaus seine Kleider trocknen mußte. Die letzte Wegstrecke führte ihn über Kloster Paradies, Dießenhofen, Stein a. Rh. nach Konstanz, wo er erst nach Nennung des Namens Villingen durch ein Tor eingelassen wurde und sofort Fühlung mit Oberstleutnant Singer aufnahm, dem er die ernste Lage Villingens schilderte und um schnelle Hilfe bat. Singer wunderte sich, daß die Hilfeleistung nicht nur für Villingen, sondern auch für Rheinfelden und Breisach solange aufgeschoben sei und sagte, daß die spanischen Truppen aufgehalten worden seien, versprach aber seinerseits für Villingen das Beste zu tun. Anschließend ging Gaisser zwecks Bitte um Hilfeleistung nach Überlingen, wo er einen ihm nachgesandten Boten aus Villingen erreichte, mit dem Ersuchen des Magistrats, wegen der großen Gefahr auf allerschnellste Hilfeleistung zu drängen. Gaisser gab dem Boten ein Schreiben nach Villingen mit, worin er, obwohl er noch keine Zusagen hatte, der Stadt Hoffnung machte und sie zu beruhigen versuchte. Im Verein mit weiteren eingetroffenen Villingern suchte Abt Gaisser in Konstanz weitere hohe Offiziere von der bösen Lage, in der Villingen schwebte, zu überzeugen. Oberst von Wolfegg, der Kommandant von Konstanz, versprach dem Abt den Einsatz seines ganzen Fußvolkes, wenn dasselbe durch Reiterei, die ihm fehle, gedeckt werde. Gaisser mietete sich darauf in Konstanz ein Segelschiff und unternahm eine beschwerliche 2-tägige Seereise zu Oberst von Vitzthum nach Lindau, der leider die erforderliche Reiterei auch nicht stellen konnte, weil das nahegelegene Buchhorn (Friedrichshafen) noch von den Schweden besetzt sei und vertröstete ihn damit, daß feststehe, daß die kaiserlichen und die mit ihnen vereinigten bayrischen und spanischen Truppen sofort nach einem Sieg über General Horn, Villingen zu Hilfe kämen. Er versicherte gleichzeitig, daß er sich sehnlichst wünscht, dem treuen Villingen helfen zu können, wobei er die Tapferkeit der Stadt Villingen besonders hervorhob. Sehr interessant ist, daß alle Offiziere der kaiserlichen Armee über die heldenmütige Verteidigung der Stadt während der vorausgegangenen 2 Belagerungen genauestens unterrichtet waren.

Am 11. September erhielt Abt Gaisser in Überlingen die Nachricht von der glücklichen Befreiung von Villingen und Buchhorn, weshalb er, wie er schreibt, dem Trunke stark zugesprochen habe. Das ist eine ganz menschliche Reaktion nach einer ausgestandenen Gefahr! Der Feind hatte nun auch Radolfzell aufgegeben, und baldige Hilfe für Villingen wäre in Aussicht gestanden, so daß es zu einer längeren Belagerung nicht mehr gekommen wäre. Wenn wir diese Wasser-Belagerung mit der Gesamt-Situation vergleichen, müssen wir sagen, daß sie nur eine kleine Nebenerscheinung am Rande des 30-jährigen Krieges war; sie war eigentlich nichts anderes als eine Strafexpedition des Herzogs Eberhard von Württemberg gegen die ihm mißliebige Stadt Villingen, und die Blamage des erneuten Rückzuges hätte er sich ersparen können. Die großen Entscheidungen im 30-jährigen Krieg sind anderwärts gefallen. Der Widerstand der Städte hatte aber einen doppelten Sinn; er hat nicht nur dieselben vor Besetzung und Plünderungen bewahrt, sondern die einzelnen Belagerungen von Villingen, Rheinfelden, Breisach, Radolfzell, Buchhorn usw. hatten dem Feind sehr viele Kräfte gebunden, die ihm nachher in den entscheidenden Schlachten gefehlt haben.

Unsere Stadt war aber nach diesen Belagerungen in einer so betrüblichen Verfassung, daß sie viele Jahre brauchte, um sich einigermaßen zu erholen.

Hermann Preiser

Quellen- und Literatur-Verzeichnis

Tagebuch des Abt Michael Gaisser (Juli, August, September 1634).

Nägelinskreuzbüchlein vom Jahre 1735.

J. B. Kefer, Collectanen über die Geschichte der Stadt Villingen.

N. Schleicher, Beitrag zur Geschichte der Stadt Villingen mit besonderer Berücksichtigung der Wasser-Belagerung (1854).

Albert Fischer, Aus Villingens Vergangenheit (1914).

P. Revellio, Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen (1964).

Ergänzend zu obigem Artikel sei der Provisionszettel für die Küche des kaiserlichen Oberfeldherrn wiedergegeben. Aus: „Beitrag zur Geschichte der Stadt Villingen mit besonderer Beziehung auf die Wasserbelagerung 1634.“ Von Nepomuk Schleicher, 1854.