Villinger Holzmasken (Schemen)

Manfred Merz — Glatte Maske

 

(Fortsetzung von Heft 1)

Nach 1945 traten jüngere Maskenschnitzer mehr und mehr an die Stelle der alten Meister.

Unter ihnen soll hier vor allem Manfred Merz erwähnt werden, der nunmehr auf eine produktive Tätigkeit als Bildhauer von rd. einem Vierteljahrhundert zurückblicken kann. Merz stammt aus einer Familie, die väterlicherseits in Unterbaldingen auf der Baar beheimatet war. Zwei Brüder haben sich in der Kunst ausgezeichnet. Der eine war der Baarmaler Karl Merz (+-1970), der, aus der Trübner-Schule stammend, die Landschaft der Baar in seinen Bildern eingefangen hat. Er war auch ein bedeutender Porträtmaler. Dem Villinger Narro hat er in einem fast lebensgroßen Gruppen-Olbild ein unvergängliches Denkmal gesetzt.

Sein Bruder Eugen Merz, der Vater von Manfred, ließ sich in Villingen nieder und gründete hier eine Bildschnitzerwerkstatt. Viel hat das Stadtbild Villingens dem Bildhauer Eugen Merz zu verdanken. Die Figuren, die heute die Brunnen der Innenstadt zieren, stammen aus seiner Werkstatt: der Villinger Held Romeias, die Radmacher Wette, die Alt-Villingerin, die Trachtenträgerin aus der Baar und als Krönung dieser Figurenreihe: den Brunnennarro in der Oberen Straße.

Manfred Merz trat in die Nachfolge seines Vaters. Er hat dessen Wirkungsbereich um einen wesentlichen Sektor erweitert. Die Atmosphäre der Villinger Fastnacht mit ihrer prächtigen Entfaltung von Farben und Formen hat es ihm angetan. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat der damals Zwanzigjährige als Maskenschnitzer begonnen und es darin zur respektablen Meisterschaft gebracht. Ein Vielschnitzer ist er dabei nicht geworden. Er läßt sich Zeit, auch wenn die Besteller drängen. Denn was er an Zeit verliert, gewinnt er an Qualität. Um so erstaunlicher ist trotzdem der Umfang seiner Produktivität, die sich im Laufe der Jahre allen drei Schemenarten zugewandt hat. Ihnen gilt gleichermaßen seine Liebe, obwohl er sich selbst bewußt als künstlerischer Nachfahre des Olmüllers Dominik Ackermann sieht, dessen glatte Maske ihm Vorbild geworden ist, ein hohes Ideal, dem er nachstrebt. Hatte sich die Villinger Maskenschnitzerei bisher darauf verlegt, die nicht glatte Maske, den Surhebel, vorwiegend entweder nach der drohend-dämonischen oder nach der mehr situationsbedingten komischen Seite zu gestalten, so hat Merz auch den hinterhältig lächelnden, den satirischen und ironischen Surhebel in seine Arbeit einbezogen. Zweifellos kam diese Variante dem Bedürfnis seiner Schaffenskraft entgegen, an den vielgestaltigen Formen des Surhebels sein ganzes schnitzerisches Können zu zeigen. Neben den althergebrachten dämonischen Surhebel, wie ihn Neukum noch konzipiert hatte, trat ein nun etwas freundlicherer, weniger mystischer aber nichtsdestoweniger gleich ausdrucksvoller Surhebel als echte Strählmaske. Auch Merzens „Murbili“-Maske zeigt alle Zeichen eigenwilliger Phantasie. Sie ist eine Fortentwicklung des herkömmlichen Typs. Aber mehr als bisher tritt das Pfiffig-Schelmische an dieser Maske hervor und verleiht ihr einen unverwechselbaren Charakter und besonderen Charme. Die Villinger Maskenschnitzer können mit Genugtuung feststellen, daß das Bedürfnis nach Schemen im Wachsen ist. Alle diese Masken sind als Sprechmasken gedacht. Es gehört mit zur Kunst des Maskenschnitzers, eine dünne, leichte Maske mit resonierender Wandung herzustellen. Merzens Masken sind dafür bekannt, daß sie diese Eigenschaft besitzen, denn sie sollen ja in erster Linie freies Sprechen nicht nur ermöglichen, sondern durch die Resonanz des Holzes den Ton etwas verfärben.

Manfred Merz — Surhebel und Murbili

 

Dieses Sprechen nennt man hier „Strählen“, was so viel bedeutet, aus dem, was über einen Gesprächspartner bekannt ist, das jeweils Passende herauszusuchen und auf humorvolle Weise mit der nötigen Pointe an den Mann zu bringen. Daß neue Variationen in der Gestaltung der Maske dazu beitragen können, zeigen die Arbeiten von Manfred Merz. Die Entwicklung in der Maskenschnitz-kunst ist nicht abgeschlossen. Wenn sie behutsam weitergeführt wird, kann sie nur daran profitieren. Manfred Merz kann hierzu wegweisend wirken.

Durch das sogenannte Strählen ist auch heute noch, wenn auch nicht ausschließlich, das Brauchtumsbild des Narros weitgehend bestimmt. Der Ton der Stimme, die aus der hölzernen Maske tönt, vereint sich mit dem Gang und dem gesamten übrigen Gehabe dieser Fastnachtsfigur vor dem Hintergrund der mittelalterlichen Stadt zu einer geschlossenen unantastbaren Einheit. Allein schon der Maskenton mit seiner eigentümlichen Verfremdung kann bisweilen stellvertretend genommen werden für die Gesamterscheinung der Figur. Die Atmosphäre, die sie um sich verbreitet, stellt sich oft beim Anblick einer guten Maske wie von selbst ein. Mehrere Masken sind imstande,

die Wirkung zu erhöhen. Sie scheinen aus sich selbst zu sprechen. Sie sind die Träger eines beredten Schweigens. Es herrscht in Villingen noch der Brauch, nach Dreikönig eine oder mehrere Masken an die Wand zu hängen. Bisweilen häufen sich die Masken kurz vor Fastnacht an einer Wand des einen oder anderen Gasthauses. Dann hört der gute Narro seine Schemen bisweilen sprechen, und er wiederum spricht mit ihnen.

So geschah es auch vor rund 20 Jahren einmal vor Fastnacht im Gasthaus zum Hirschen. Ein unbekannter Sonntagsabendgast hat damals seine stumme Zwiesprache mit der versammelten „Maskenschaft“ an der gegenüber-befindlichen Wirtshauswand im Gästebuch mit folgenden Distichen beschlossen:

Vor mir hängt ihr nun ihr glänzenden Masken der Fastnacht; neben dem glatten Gesicht funkelt der Dämon auch. Doch wenn beim grauenden Morgen entfesselte Geister sich nahen, schwindet ihr hinweg aus der Nacht in den Tag. Blut und Fleisch verwandelt euch alle in redende Wesen, und die lebend’ge Kraft schenkt euch Sprache und Spruch.

 

 

 

Masken von Manfred Merz – Gruppenbild: Narro, Murbili und Surhebel.