Das Schicksal der Villinger Silbermannorgel von 1752 (Gerhard Graf)

 

Orgel in der ev.-luth. Stadtkirche Karlsruhe vor der Zerstörung.

 

Seit Ende September 2002 können wir in der herrlichen Benediktinerkirche die vom elsässischen Orgelbaumeister Gaston Kern nach Originalplänen rekonstruierte Silbermann-Orgel bewundern und uns an der Musik erfreuen.

Der Bau der Originalorgel für die Villinger Stiftskirche (Benediktinerkirche) wurde am 14. Januar 1751 zwischen dem Reichsprälaten Hieronimus und den Orgelbauern Johann Andreas und Johann Daniel Silbermann aus Straßburg durch Siegel und Unterschrift beschlossen. Sie wurde im Folgejahr 1752 fertiggestellt und von den Villinger Benediktinermönchen freudig in ihrer Kirche eingeweiht.

Das Schicksal dieser Orgel wurde durch die Säkularisierung des Benediktiner-Klosters am 8. 11.1806 bereits besiegelt – sie wurde Staatsbesitz und konnte vom damaligen Großherzog Karl Friedrich als Landesund Stadtherr frei verfügt werden: „Wir, Karl Friedrich, von Gottes Gnaden, Großherzog zu Baden, Herzog zu Zähringen, haben uns gnädigst bewogen gefunden, unserer evang.-luth. Gemeinde dahier zum Behuf ihrer neuen Kirche, die sieben Glocken auf dem Turm der St. Georgskirche zu Villingen, samt der dazu gehörigen, auf ein Glockenspiel eingerichteten Uhr, nebst der dortigen Silbermann’schen Orgel, schenkungsweise als wahres Eigentum von nun an zu überlassen.

Karlsruhe, den 4. Februar 1809.

Die Orgel wurde, trotz heftigem Villinger Widerstand, im Jahr 1812 ausgebaut, bis Frühjahr 1815 zwischengelagert und ab Mai 1815 in Karlsruhe aufgebaut.

Ab 11. 5. 1812 befanden sich die Glocken und die Uhr in Karlsruhe.

Bereits zu diesem Zeitpunkt erfuhr die Villinger Orgel eine erhebliche Änderung:

Das barocke Gehäuse passte nicht zu der klassizistischen Architektur von Friedrich Weinbrenner. Der Baumeister entwarf ein eigenes Gehäuse das, fast unverändert, bis 1944 die Orgel zierte.

Zur Zeit des Einbaus befand sich die ev. Stadtkirche am Karlsruher Marktplatz noch im Baustadium.

Die Kirche wie auch die Orgel wurden am 2. Juni 1816 eingeweiht.

Lange Zeit bleibt nun der Werdegang der Orgel im Dunkel. Erst am 8. Mai 1842 notierte der Organist Zeuner aufgetretene Fehler.

Zeuner vermutet in seiner Schrift den „wirklich beklagenswerten“ Zustand einiger Register, herbeigeführt durch unsanfte Bedienung, der mangelnden Pflege und der Witterung. Gleichfalls beanstandet er, dass Windladen und Bälge undicht seien.

Im Jahre 1862 ersuchte der Organist Henrici den Kirchengemeinderat um Genehmigung eines umfangreichen Umbaus der Orgel. Als Grund führte er u.a. an, dass der Spieltisch ausgeleiert und veraltet ist, dass Windladen und Bälge schadhaft seien sowie viele Register keine rechte Stimmung mehr halten würden.

Gleichfalls 1862 wurde eine Dispositionsangabe gefertigt die über die Eingriffe in die Silbermann-Orgel Aufschluss gab, d. h. über das was durch Umbauten von ihr übrig geblieben war.

Es würde an dieser Stelle zu weit führen, alle noch verbliebenen Register aufzuzählen – kurz: geblieben war etwa die Hälfte.

1869 erhielt der Orgelbauer Voit aus Durlach den Auftrag zum Umbau. Die Orgel wurde auf 40 Register vergrößert und 1871 wieder in Gebrauch genommen.

Nach dem Umbau waren noch 16 Register Silbermanns erhalten1). Wie viele Pfeifen von Silbermann tatsächlich erhalten blieben ist fraglich, es muss wohl angenommen werden, dass schadhafte Pfeifen kurzerhand durch neue ersetzt wurden. Im Abnahmebericht über den Umbau und die Erweiterung werden drei Viertel des Pfeifenbestands als neu bezeichnet.

Ab diesem Umbau 1871 können wir nicht mehr von einer Silbermann-Orgel sprechen – sie war, bis auf wenige Pfeifen, verschwunden.2)

 

Letzte Orgelaufnahme vor der Zerstörung 1944.

 

In allen Schriftstücken der damaligen Zeit wurde nie der Name „Silbermann“ erwähnt. Kannte man den Namen des Erbauers nicht mehr? Sicher aber wusste man den Wert der Orgel nicht zu schätzen. Nur so lässt sich der sorglose, ja rücksichtslose, Umgang in der Pflege und bei Umbauten erklären.

1880 machten sich bereits weitere Störungen bemerkbar. Durch Bauarbeiten im Innern der Kirche wurden das Pfeifenwerk durch Staub und Sand beeinträchtigt. Die Organisten forderten daher eine umfassende Reinigung. Bei dieser Reinigung wurden mehrere noch vorhandene Silbermannstimmen ausgetauscht.

Wenige Jahre später führte die erneute Notwendigkeit einer kostspieligen Reparatur an der Orgel zu jahrelangen Verhandlungen zwischen der für die Orgelerhaltung zuständigen Großherzoglichen Domänenverwaltung, dem Kirchengemeinderat und Orgel-Sachverständigen.

Als Ergebnis dieser Verhandlungen wurde 1896 die Pflege und Unterhaltung der Orgel der Kirchengemeinde übertragen. Die Kirchengemeinde beschloss kurz darauf die alte Orgel durch ein völlig neues und modernes Werk zu ersetzen.

Im Jahre 1904 erhielt die Orgelbaufirma Voit aus Durlach den Auftrag für den Orgel-Umbau. Die neue Orgel umfasste 64 klingende Stimmen, darunter 3 Hochdruckregister, 3 Manualen und Pedal, pneumatischer Traktur, Ventilator und neuem Spieltisch. Nachträglich wurde die Orgel u. a. um ein 65. Register erweitert.

Nach 150 Jahren war von der ursprünglichen Disposition Silbermanns nichts mehr vorhanden. Eine weitere, erhebliche Veränderung erfuhr die ehemalige Silbermann-Orgel mitten im Krieg. Der damalige Kantor der ev. Stadtkirche Wilhelm Rumpf regte 1941 einen Umbau an. Das inzwischen weiter veränderte (Kirchen-)Musikempfinden verlangte nach einer Orgel, die, wie er sich ausdrückte „den brutalen Gesamtklang und die brüllenden Tonmassen“ des letzten Umbaus zu revidieren vermöchte.3) Bereits 1941 wurde der Umbau durch die Ludwigsburger Orgelbauanstalt Walcker durchgeführt und 1942 abgeschlossen.

Am 27. Mai 1944 kurz nach 13 Uhr wurde das Gotteshaus durch eine Bombe getroffen.

Spieltisch nach dem letzten Umbau 1941/1942.

 

 

Wilhelm Rumpf befand sich zu diesem Zeitpunkt in der Kirche und musste die Zerstörung großer Teile des Gotteshauses und den Untergang seiner Orgel miterleben.

Herr Dr. Kares vom ev. Oberkirchenrat Karlsruhe sagte mir, dass sich 1944 von der alten Silbermannorgel, wenn überhaupt, nur sehr wenige Pfeifen in der Orgel befanden.

 

Anmerkung:

Großherzog Karl Friedrich, so muss vermutet werden, war ein Liebhaber von Silbermann-Orgeln. Bereits in seiner Hofkirche im Karlsruher Schloss befand sich eine Orgel von Silbermann4). Nach der Säkularisierung der Klöster in St. Blasien und Baden-Baden wurden vom Großherzog die Silbermann-Orgeln der Stiftskirche zu Baden-Baden in die Kirche St. Cyriakus in Bulach (heute Stadtteil von Karlsruhe) und die Orgel von St. Blasien in die kath. Stadtkirche St. Stephan gebracht.

 

Quellen:

1) Rumpf, Wilhelm in „Die Orgelstadt Karlsruhe innerhalb der Orgellandschaft am Oberrhein“, Selbstverlag der Bad. Landesbibliothek, 2001, S. 43. Der Fachmann findet hier alle die ihn interessierenden und autorisierten Hinweise.

2) ders. S. 44

3) ders. S. 45 ff.

4) Mündlicher Hinweis von Dr. Martin Kares