De Heckerhuet

Es war nach den achtundvierziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Revolution war niedergeschlagen worden, auch in Villingen, und die neuerstandene Obrigkeit versäumte nicht, durch Verbote, Vorschriften und Polizeigewalt daran zu erinnern, daß sie wieder da sei. Da ereignete es sich eines Tages, daß ein unpolitischer Ziegenbock beinahe ein politisches Ärgernis geworden wäre.

Der großherzogliche Amtmann war ein gar strenger Herr, dem nichts verhaßter war als das politische Freidenker-tum jener Zeit. Daher er denn auch kräftig regierte und sein Hauptaugenmerk darauf richtete, alle Erinnerungen an Freiheit und Selbstbestimmung gründlich und an der Wurzel auszurotten. So hatte er zuerst und vor allem das Tragen der Heckerhüte verboten. Das ging noch hin. Die Heckerhüte verschwanden und führten fortan ein harmloses Dasein in dunklen Stubenecken oder in alten Hutschachteln. Auch der Flaige Xaver, ein Schneider seines Zeichens, gewöhnte sich an diese politische Kleiderordnung und schickte sich in das Unvermeidliche.

Als jedoch der Amtmann glaubte, zum Schutze der geheiligten und gesetzlichen Ordnung auch die Fastnacht verbieten zu müssen, da war es kein Wunder, wenn dem Flaige Xaver die Galle überlief und er auf seinem Schneidertische keine Ruhe mehr fand. Tagelang lief er von einem Haus zum andern, versäumte das Mittagessen, ließ die Kundschaft warten oder saß im Wirtshaus und brütete vor sich hin. Es war augenscheinlich, daß er mit den schlimmsten Gedanken umging. In der Nacht vor Fastnacht aber, als er schon einige Stunden schlaflos in seinem Bette gelegen hatte, da fing er auf einmal an so laut zu lachen, daß sein Weib es mit der Angst zu tun bekam und meinte, er habe sich hintersonnen. Er rückte aber nicht mit der Sprache heraus und murmelte schließlich nur, schon halb im Einschlafen: »Dene wer ich morne Morge scho no en Bosse spile!«

Am andern Tag, kurz vor dem Mittagläuten, geschah es, daß aus der Brunnengasse plötzlich ein stattlicher Ziegenbock auf die Hauptstraße galoppierte. Und der Bock trug, über die Hörner gestülpt, einen Heckerhut. Es dauerte nicht lange, und das Tier, das zuerst ganz gemächlich durch die Straße spazierte, stand mit einem Schlage im Mittelpunkt der rasch wachgewordenen Aufmerksamkeit von jung und alt. Kinder und Halbwüchsige trieben ihr Spiel mit dem seltsamen Passanten, jagten ihn die Straße hinüber und wieder herüber, wobei er possierliche Sprünge über den Stadtbach machte und der Heckerhut jedesmal ein wenig wackelte. So wurde er

durch die ganze Stadt getrieben und das junge Volk schrie hinter ihm her: »Hebete, de Hecker!« Bis die Polizei erschien und dem revolutionären Treiben ein Ende machte. Zwar versuchte der Bock noch einige gewagte Sprünge, aber beim letzten fiel er in den Stadtbach, und da stand er nun: triefend vor Nässe und zitternd wie ein kleines Hündchen. Ein Polizist packte ihn am Halfter und führte ihn zur Wache.

Der Heckerhut indessen war mitten in den Bach gefallen. Und da sich niemand um ihn kümmerte und alles dem Bock nachlief, schwamm er langsam und triumphierend, als habe er doch gesiegt, auf den Wellen des Stadtbaches in die Brigach und von dort in die Donau.

Ob er die Reise nach Wien überstanden hat, wird nicht vermeldet, doch ist bekannt geworden, daß er unterwegs keinen weiteren Aufruhr mehr entfachte.

Noch am gleichen Tage wurden peinliche Verhöre vorgenommen, wobei jedoch nichts herauskam, weil der Hauptzeuge der menschlichen Sprache nicht mächtig war. Deshalb entschied sich der Amtmann dahin, der Sache nicht weiter nachzuforschen. Und in seinem Bericht an die landesherrliche Regierung versicherte er, in der Stadt herrsche Ruhe und Ordnung und der Vorfall habe nichts zu bedeuten, »maßen ein Bock nicht als Subjekt einer aufrührerischen Aktion angesehen werden kann.«