Leseprobe aus: Abt Gaissers Tagebücher 1621-1655

S. 496, 8. September 1633

Die Übersetzung stammt von Otto Stemmler. Der Initiative von Herrn Landrat Trippel, Bühl, ist es zu verdanken, daß die umfangreiche Arbeit zur Vervielfältigung auf Wachsmatrizen geschrieben wurde. Das Stadtarchiv hat es dann schließlich unternommen, die jetzige Ausgabe geheftet und gebunden herstellen zu lassen. Über Otto Stemmler wäre noch zu vermerken, daß er 1907-1914 Professor am Gymnasium zu Villingen war. Aus dieser Zeit stammt auch eine andere Arbeit von ihm, die sich mit Villingen befaßt: »Ein Ruhmestag aus Altvillingens Heldenzeit«, dargestellt in vier dramatischen Bildern. Druck und Verlag C. Görlacher, 1906, Villingen. Leider kamen die wirkungsvollen Szenenfolgen nie zur Aufführung.

Seit 1627 war Georg Gaisser Abt des Benediktinerklosters in Villingen. Er hat die schwere Belagerung im Jahre 1633 (30. 6. – 5. 10.) teilweise als Augenzeuge des Verzweiflungskampfes der V illinger Bevölkerung miterlebt. Die nüchterne Berichterstattung seiner Tagebuchnotizen kann nicht über die Schwere der Belagerung und der psychischen wie körperlichen Belastung der Verteidiger hinwegtäuschen.

8. Dieser Tag war, wenn irgend einer, für die Stadt Villingen denkwürdig, dem die höchste Treue der Bürger gegen Gott, die Vaterstadt und das Haus Österreich die Entscheidung über alle ihre Güter anheimgestellt hatte. Die Württemberger, die das Äußerste daransetzen wollten, hatten alle Maschinen zur Eroberung der Stadt herangeführt; sie versuchten, mit größeren Geschützen den obengenannten Mauerteil aufs Korn zu nehmen und beschossen zwar unschwer die Zinnen, den Wall aber, den die Unsern vorsichtshalber schon vorher hinter der Mauer aufgeworfen hatten, rückten sie mit fast wirkungslosen Schüssen zu Leibe; aber da die Höhe dieser Mauer nicht für so bedeutend gehalten wurde, daß sie nicht durch über den Graben gelegte Stege und herbeigeschaffte Leitern überstiegen werden könnte, zertrümmerten sie, damit nicht ihnen von der unteren und inneren Mauer beim Eindringen ein größeres Hindernis in den Weg trete, diese, soweit sie die äußere überragte, mit leichter Mühe, so dicht nämlich und gleichzeitig so kräftig schlugen die Kugeln ein, daß sie nach Durchbohrung der Mauer auch die weiter entlegenen Häuser und Dächer durchschlugen, so daß in den oberen Stockwerken niemand sicher standfassen konnte. Aber auch Kugeln, die Feuer mit Eisensplittern spien und streuten, bedrohten in viel größerer Zahl und in größerem Gewicht aus der Luft alle Stadtbezirke mit Verderben, da sie nicht nur unter Vernichtung von Menschen, sondern auch von Gebäuden überall sich austobten. So groß war der feindlichen Geschütze Krachen, so stark der Kugeln Gewalt und die Blitze der von oben und unten und aus jeder Richtung ständig niederfallenden Flammen, daß sozusagen ein Bild des Untergangs der Stadt Troja (wenn man Kleines mit Großem vergleichen darf) sich den Augen darbot. Aber die Besatzungsmannschaft und die gesamte Stadtbevölkerung, ja auch die Frauen und Kinder, die kriegsungewohnte Menschengattung, bekundeten eine solche seelische Standhaftigkeit und Tapferkeit, daß man glauben konnte, es sei mit der Größe der Gefahren auch der Mut gestiegen. Nirgends wurde Geheul, nirgends Schluchzen auch inmitten der Verwundungen und Todesfälle selbst der liebsten Angehörigen laut, alle waren entschlossen, in einem gegen alle Fährlichkeit verhärteten Geiste und auch in einem von Vertrauen auf Gott und heißer Liebe auf die Gottesmutter erfüllten Sinne lieber zu sterben als sich dem Feinde zu übergeben. Bestärkt hatte die Einwohner nicht wenig der Festtag — es war gerade der der unbefleckt geborenen Gottesgebärerin geweihte Tag — deren Schutze sie auch von vornherein sich und alle ihre Habe angelegentlich anvertraut und deren offenkundige Hilfe sie in der schlimmsten Lage erfahren hatten. Auch das unzweifelhafte Zeichen von der großen stadtschützenden Mutter, die Hilfe bringen wird und ( schon) bringt, wurde von glaubenswürdigen Zeugen ( Gewährsleuten ) in der Bevölkerung besprochen: daß sie ( nämlich) einer Jungfrau von bekannter Heiligmäßigkeit persönlich erschienen sei und, wie es hieß, derselben, die ihr die Lage der bedrängten Stadt besonders angelegentlich empfohlen habe, gesagt habe, sie werde unter dem Mantel ihres Schutzes vor der Wut noch so schwer andringender Feinde sicher sein.

Die Feinde, die nach der Zertrümmerung eines so großen Mauerteils, die zum Eindringen genügen sollte, nun endlich die letzte Hand an die Bestürmung legen wollten, hielten Reisigbündel, zum Ausfüllen der Gräben, auch herbeigezogene, lange und dicke Stangen, die sie auf Rollen über die nahen Gräben decken wollten, und Leitern, zum übersteigen der Mauer bereit, und schon waren ziemlich starke Reiterabteilungen unter ihren Fahnen angetreten, als ein Trompeter aus dem Lager nahe an das Franziskanertor heranreitet und im Namen des Gustav Adolf Horn und des Fürsten Eberhard von Württemberg fordert, die Städter sollten es vorziehen, lieber die Stadt zu übergeben als ihre äußerste Vernichtung durch vergeblichen Widerstand herbeizubeschwören. Während dieser sich der Aufträge entledigte, bedrohten die Schweden die Stadt mit ihren Geschützen aufs heftigste, was vielen empörend dünkte, da der Feind in ein und demselben Augenblicke augenscheinlich sowohl Frieden anbieten als die Stadt verderben wollte. Deswegen meinten einige, man solle den Trompeter nicht nur verjagen, sondern auch mit Schüssen aufs Korn nehmen. Aber es drang die Meinung der andern durch, die erklärten, einem Herold, sei er wer er wolle, dürfe kein Leid geschehen. Diese also antworteten fortwährend von den Mauern, er solle abtreten und den Seinen berichten, Villingen sei ihnen nichts schuldig, wenn sie aber etwas wollten, so sollten sie ungesäumt kommen, es sei nämlich alles, was zu ihrem Empfange nötig sei, bereit. Nach der Rückkehr des Abgesandten zu den Seinen begannen die Reihen der Fußsoldaten unter ihren Führern von der Haubenlochhöhe gegen die Gräben und die Befestigungen von denen die Geschütze abgefeuert werden, herabzusteigen, von 2 Prädikanten, die sie bis zur Stadtsehweite geleiteten, anscheinend zu Kämpfen angefeuert. Etwa um 4 Uhr rückten die Schützen gegen die Mauern ins offene Gelände vor und versuchten die Mauer von den Verteidigern zu entblößen, indem sie einen Eisenhagel auf jede Stelle, von wo den Unsern Ausblick möglich war, abfeuerten; aber so groß war die Tapferkeit der letzteren, daß sie sich auf keine Weise von der Stelle rücken ließen und mit demselben oder mit noch größerem Eifer ihre Kugeln gegen die Gegner zurückschossen, durch die 2 oder mehr höhere Führer der feindlichen Reihen niedergestreckt und getötet wurden, denen mehrere vom gemeinen Haufen in dasselbe Todes-schicksal nachfolgten. Andere verließen, sobald sie sich verwundet fühlten, den Kampfplatz und flohen zurück, andere wieder, die noch auf der Flucht zusammenbrachen oder bei schwindendem Bewußtsein niedersanken, wurden von den Ihrigen in die Verschanzung hineingeschleppt, andere endlich, die am Siege verzweifelnd oder vor Angst halbtot zu fliehen versuchten, wurden mit Gewalt zum Angriffe auf die Mauer zurückgetrieben.

Während so beim Franziskanertor beiderseits mit großer Heftigkeit gekämpft wird, greifen die Feinde, die sich von allen Seiten sammeln, auch die drei andern Tore zu ein und demselben Augenblicke an, zweifellos in der Absicht, diese entweder nach Entblößung von der Verteidigung unversehens zu besetzen oder nach Wegziehung der Verteidiger zu deren Schutze anderswohin die Eroberung des Franziskanertores zu erleichtern. Aber keines von diesen beiden trat ein, und vortrefflich ist diesem Mißstand durch unsere Offiziere schon zum Voraus begegnet und jeder Platz genügend vorgesichert worden, so daß der Plan des Feindes fehlschlug. Denn beim Johann Baptisttor hatten sie nach dem zweiten Angriffe, der der heftigste war, einen hohen Verlust an Soldaten und auch an herbeigebrachten Leitern zu verzeichnen. Dort erstrahlte auch die Tapferkeit der Frauen im schönsten Lichte, die jede Art von Geschossen, besonders aber eine große Menge kochenden Wassers, den Männern zur Vertreibung des gemeinsamen Feindes beitrugen. Beim St.Georgstor kämpften sie mit demselben Verluste an Leuten, zu dem noch der des Calwer (Oberst-?) Leutnants ( legati ), Martin Fickh, der unter den ersten fiel, hinzukam. Deswegen weigerten sich diejenigen, denen die Aufgabe, das St. Wendelinstor zu erstürmen zugefallen war, auf die Kunde vom Schicksal der Kameraden, näher heranzurücken und feuerten nur die Gewehre ab.

Während so die Feinde fast an jeder Stelle bald dies bald jenes versuchen und die Unsern mit gleichem Glücke und Tapferkeit sich schlagen, entbrennt der Kampf am hitzigsten beim St. Franziskanertor, wo nach langem Versuche einige der Gegner auf die Zinnen des Zwingertores hinaufgeklettert waren. Aber diese mußten zu ihrem Leidwesen erfahren, daß die Götter zwar leicht geneigt sind, das Höchste zu verleihen, aber nur schwer bereit, dasselbe zu schützen, denn durch das Dazwischentreten des Schweizers »Langer Konrad« wurden sie unverzüglich hinuntergejagt und verloren mit dem Standplatz auch das Leben. Hier war eine große Menge Frauen zusammengeströmt, die Steine beitrugen und auf die Köpfe der Feinde warfen, wodurch diese sehr viele Verletzungen erlitten. Denn sobald Butschli und die übrigen Offiziere merkten, daß die Schützen ohne sichere Lebensgefahr den Gegnern nicht auf der Mauer entgegengeworfen werden könnten, ließen sie die Steine, mit denen die städtischen Straßen gepflastert sind ( Pflastersteine) herausreißen und auf der Mauer zusammentragen, von wo sie in Sicherheit gegen die anrückenden Gegner hinabgeschleudert werden konnten.

Glänzend war die Tapferkeit der Verteidiger, denen die Schweden, als sie überall die Leichen der Ihren niedergestreckt daliegen sahen, den Sieg endlich überließen und die Soldaten in die Gräben und Belagerungswerke zurückführten. Die Zahl der Gefallenen wurde von uns zu klein geschätzt, wurde aber von einem Gefangenen, der in der andern Nacht aus der feindlichen Gefangenschaft entwich, größer angegeben und belief sich an die 500. Denn dieser versicherte, daß von den 600 Schotten 170 vermißt seien, daß ein anderes Regiment 200 und Oberst Rau über 150 verloren habe. Außerdem habe es an Verwundeten eine gewaltige Anzahl gegeben. Vom Volksaufgebot aber seien fast alle, die noch bei guten Kräften gewesen seien, in der nächtlichen Dunkelheit ausgerissen. Von den Städtern kamen sieben im Kampfe um, von denen einer der Sohn des Ratsherrn Jak. Kraus, die andern aus den Reihen der Bauern und Soldaten waren. Während dieses ganzen Tages aber wurden über 500 Eisenkugeln aus den größeren Geschützen in die Stadt geschleudert, auch 125 und mehr Granaten ( pilae igneae ) in die Mauern hineingeschossen, von denen jede zur Vernichtung ganzer Familien genügt hätte, wenn Gott uns nicht wunderbar behütet hätte. Denn von welcher Kraft jene Kugeln waren, ist schon durch eine Tatsache mehr als genug dargetan, daß eine, die in das Haus des sog. wilden Mann ( a viro sylvestri ) fuhr, die Frau ins Schienbein traf und zu Boden warf, einen auf das Geschrei herbeieilenden Bauern augenblicklich tötete, ein Kind aber von . . . Jahren in Stücke zerriß, die sorgfältig zusammengelesen und gesammelt in ein Grab, so gut es ging, gelegt werden mußten; als größtes unter allen Teilchen wurde ein Wadenbein festgestellt, das vom Knöchel an bis zum Knie unversehrt blieb. In derselben Weise hätten zweifellos auch die andern gewütet, wenn nicht durch die besondere Gnade Gottes das Feuer seine Kraft «vergessen» hätte, damit seine Diener unverletzt blieben. Denn als ein Wunder pries man es überall, daß heute wie sonst derartige Kugeln in der Stadt »mehr zu scherzen als zu schmerzen« schienen; denn als einmal eine einer Frau vor die Füße fiel, richtete sie keinerlei Verletzung an; eine andere riß beim Platzen ein großer Teil des Hauses in Stücke und vernichtete eine Bettstatt vollständig, wobei der darin liegende Knabe unverletzt blieb; aber auch eine andere, die in ein Haus fiel, dort alle Stockwerke durch ihr Gewicht zum Einsturz brachte, dann bis zum Keller drang, wo ein in einem früheren Kampfe verletzter Sohn des Hauses an den Fenstern saß, und hier plötzlich platzte, zerbrach durch die Gewalt des Luftdrucks (spiritus erumpentis) nicht nur alle Fenster, sondern schleuderte auch den dort Sitzenden hinaus und setzte ihn ohne irgendwelche Schädigung fast sanft auf den Boden. Auch zu der Zeit, wo die Mauern mit allen Kräften angegriffen wurden, bemühten sich die Feinde, eine feuerspeiende Kugel von gewaltigem Umfang in die Stadt hineinzuschleudern, die noch bei dem Angriffsversuche selbst sich rückwärts richtete und in einen Graben nahe beim Lager fiel, wo sie dann mit solcher Beharrlichkeit brannte, daß sie nicht einmal nach voller Stunde, als die Gegner von der Mauer vertrieben waren verlöschte. Diese hätte wahrhaftig schon allein genügen können, um fast die gesamte Stadt in Brand zu setzen.

Auch erzählte der durchaus zuverlässige (integerrimus ) Schultheiß Thomas Schuoch, eine derartige mit Wurffeuer ( missili igni) vollgeladene Kugel sei mit solcher Gewalt aus der Luft in ein Haus gefallen, daß die durch ihr Gewicht eingedrückten Böden sich in den untersten Keller hinuntergesenkt hätten, wo gerade ein kleines Kind in der Wiege lag, das, während es außer aller Zweifel für erschlagen gehalten wurde, nach Wegräumung des Balkenwerkes zum größten Erstaunen lebend und unversehrt aufgefunden wurde.

Die Städter besehen sich nach schlaflos unter den Waffen verbrachter Nacht die allenthalben bei den Mauern und den Toren hingestreckten Leichen der gefallenen Feinde, zu deren Bestattung augenscheinlich niemand sich einstellte. Da man dies der seelischen Erschütterung zuschrieb, schickte man einige Wagemutigere zum St. Wendelins- und zum St. Georgstor, die mehrere Leitern und anderes, was von den Feinden auf der Flucht weggeworfen worden war, in die Stadt zurückbrachten. Beim St. Franziskanertor aber, wo die größte Zahl der Gefallenen lag, ein Teil auch jetzt noch atmete, war dies wegen der Nähe der Gräben und der Befestigungswerke unmöglich, weshalb einige von den Belagerten, die ein heftiges Verlangen beseelte, sich einiger derartiger Beutestücke zu bemächtigen, mittels hinabgelassenen Seilen Waffen, Lanzen und Gewehre an sich zu reißen versuchten, und ( tatsächlich) glückte einigen der Fischzug; aber als einer von der Familie Stör allzu unvorsichtig vorging, wurde er durch einen feindlichen Gewehrschuß verletzt und hinterließ den andern das abschreckende Beispiel zur Unterlassung der Unternehmung.

Aus dem feindlichen Lager werden mehrere Verwundete (in Senften) anderswohin übergeführt, auch nicht wenige Wagen mit Gepäck und Geschütze. Aber auch Herzog Eberhard selbst mit nicht zu verachtender Bedeckung zogen ab, so daß wir nicht geringe Hoffnung auf Befreiung von der Belagerung schöpften, die aber herabgestimmt wurde durch die Arbeit, die wir den Feinden auf die Aufstellung neuer Körbe beim Ziegelofen und die Füllung derselben mit Erde verwenden sahen.

Unter den Gefallenen beim St. Georgstor war einer noch am Leben, der nur noch schwach atmete mit so entkräftetem Körper, daß er dessen oberen Teil kaum ein wenig heben konnte. Diesen, der Bretten als seine Heimat angab, erledigte ein Stellmacher aus derselben Gegend, ein gewisser Adam, früher Kalvinianer, indem er ihm einigemale einen mächtigen Stock auf den Kopf schlug und ihm zuletzt die Kehle durchschnitt. Das Gerücht hatte dann — und dies mag auch hier vermerkt sein —verbreitet, dieser habe, als er zum Angriff auf die Mauer mit den andern heraneilte mit dem Schwerte ein in der Nähe stehendes Kreuz, nachdem er es freventlich ins Wanken gebracht hatte, angegriffen und sei deswegen so bestraft worden.

Von den gefangenen Feinden (die die Unsern zur Ausbesserung der Mauern herbeigeführt hatten) wurde einer, von Nation Franzose, durch einen Gewehrschuß getötet.

Die Feinde ersuchen durch einen Trompeter die Unserr um die Erlaubnis, die Leichen der Ihrigen von der Mauern zur Bestattung wegzubringen, die die Unserr verweigern, weil auch sie uns nicht die Bestattung dei Unsrigen erlaubt haben, die am 1. Julisonntag außerhalt der Stadt gefallen waren.