Villinger Holzmasken (Schemen) (Hans Brüstle)

Man hat sich im Laufe der letzten 50 Jahre daran gewöhnt, von der Villinger Fastnacht als von einem Brauchtum zu reden, das eine typische Villinger Angelegenheit sei. Das ist bei einem großen Teil der Villinger Fastnacht mit Sicherheit nicht mehr der Fall. Ihr heutiges Erscheinungsbild, ein seit Beginn des 20. Jahrhunderts angewachsenes und aufgeschwemmtes Monstrum, ist geprägt durch den Charakter des Vielschichtigen, Uneinheitlichen, von keiner sinngebenden Mitte her Erklärbaren.

Der Höhepunkt am Fastnachtsdienstag stellt sich als eine höchst merkwürdige Mischung von fahrbaren Dekorations- und Geräuschkulissen dar, die vor einer staunenden Menge abrollen, ohne daß diese sich selbst aktiv an der Fastnacht beteiligt. Insofern handelt es sich also hier um eine (von außen importierte) »show». Das ist kein Werturteil, sondern eine Tatsache. Die Gründe, die zu dieser Entwicklung geführt haben, sollen hier nicht erörtert werden. Immerhin haben sich in dieser so veränderten Villinger Fastnacht noch Restbestände alten Brauchtums erhalten, das eine sehr hartnäckige Lebensfähigkeit zu besitzen scheint, trotz Technik und Industrie, Bevölkerungsumschichtungen und tiefgreifenden Veränderungen unserer modernen Gesellschaft.

Da ist vor allem der Narro, der sein Überleben dem Umstand verdankt, daß er sich eine Organisation (Narrozunft) geschaffen hat, durch die er bis zu einem gewissen Grad noch in seinem Selbstverständnis bestärkt wird. Daneben gibt es die kleinere Gruppe der Wuescht und die der Butzeselgruppe. Alle drei Fastnachtsgestalten, Narro, Wuescht und Butzesel sind wohl von der äußeren Erscheinung her gesehen villingerisch, nicht aber ihrem Wesen nach. Hierauf soll jetzt nicht eingegangen werden. Allen drei Gruppen ist gemeinsam, daß sie Holzmasken (Schemen) tragen ( z. T. auch Tiermasken ). In der vorliegenden Darstellung wollen wir uns einmal nur mit der Scheme des Narros beschäftigen.

 

D. Ackermann – Ölmüller

 

Der Narro ist eine Figur, die der Erklärung bedarf. Schon sein Name ist rätselhaft, wenn wir nicht von der einfachen Lösung ausgehen wollen, daß Narro von dem lat. narrare stamme, das sprechen bedeutet; narro heißt wörtlich: ich erzähle. Tatsächlich ist es eine Grundfunkion des Narros, sich nicht nur zu »zeigen«, sondern vor allem etwas mitzuteilen, zu »strählen«. Das Alter des Narros ist nach den Villinger Ratsprotokollen frühestens auf die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert anzusetzen (Siehe Alb. Fischer, Villinger Fastnacht, einst und heute, 1922). Doch bedarf diese Annahme noch einer näheren Untersuchung.

An der Fastnacht tritt der Narro in zwei Hauptarten auf: dem rollentragenden Narro und dem Stachi, der keine Rollen trägt. Daneben gibt es außerdem das Murbili, eine weibliche Nebenart und sehr oft Begleiterin des Narros.

Wir unterscheiden drei Arten von Holzmasken ( Schemen ):

  1. die glatte Scheme,
  2. den sog. Surhebel und
  3. das Murbili als weibliche Maske.

a) Die glatte Maske stellt typisierend das menschliche Gesicht dar. Sie ist ohne Bezug auf Alter oder den Zustand irgend eines Gesichtes in einer speziellen Situation. Diese Art von Maske hat sicher eine lange gestalterische Entwicklung hinter sich. Die älteste der uns erhaltenen glatten Masken reicht nach mündlicher Überlieferung bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts zurück. Es ist anzunehmen, daß es mehrere solcher Masken gab. Irgendein Hersteller ist nicht bekannt.

Erst Ende des 18. Jh. ist der erste Schnitzer faßbar. Es ist (nach Albert Fischer) der Schreiner Körner, der unter dem Namen »Halbkreuzer« bekannt war. Der Name übertrug sich auch auf die Scheme. Manche aus dieser Zeit stammenden Schemen werden «Brettlescheme» genannt, weil sie eine relativ geringe Tiefe haben, also sehr flach sind.

Noch vor Ablauf des 18. Jh. bahnte sich eine Entwicklung an, die im Vergleich zur bisherigen Maskenschnitzerei in der Stadt, aber auch in der Baar, ungewöhnlich ist. Die ursprüngliche Intention der Maskenschnitzerei, recht und schlecht eine Maske zur Verdeckung des Gesichtes zu schaffen, wurde — ganz allgemein gesprochen — in eine künstlerische Richtung gelenkt.

Unter den Händen eines hochbegabten Schnitzers ging eine Art von glatter Maske hervor, die alles, was bisher geschaffen worden war (soweit es uns heute noch bekannt ist), weit hinter sich ließ. Halbkreuzerschemen und Brettleschemen, deren Schnitzer den glatten Typus aller Wahrscheinlichkeit nur deshalb anstrebten, weil sie glaubten, schnitzerisch weniger Schwierigkeiten zu haben, verkörperten den Typus nur unvollkommen. Sie sind noch nicht völlig aus der naturalistischen Vorstellungswelt gelöst. Immerhin dienten sie einer künstlerischen Weiterentwicklung als Basis.

Die neue Maske, die jetzt auftauchte, verkörperte den Typus des menschlichen Gesichtes in fast abstrakter Schärfe. Sie war das Substrat von unzähligen Gesichtern, nicht alt, aber auch nicht jung, beredt und doch verschwiegen, gegenwärtig und gleichzeitig abwesend, ein verschlossenes, aber auch offenes Antlitz voller geistiger Wirklichkeit. Das Gesicht repräsentierte Personalität wie Gattung, das Einzelne wie das Allgemeine. So trat eine Maske von großer Schönheit und zwingender Ausdruckskraft ins Leben, gleichsam wie von selbst entstanden.

D. Ackermann — Ölmüller

 

Der Künstler dieser Maske war Dominikus Ackermann (1779-1839). Er stammte aus der Villinger Ölmühle, die eine Zeit lang im Besitz der Familie war. Die von Ackermann geschaffenen Masken tragen bis zum heutigen Tag den Namen »Ölmüller«. Der erst vor kurzem verstorbene bedeutende Maler Richard Ackermann war ein Urenkel dieses Dominikus Ackermann.

Die zur gleichen Zeit lebenden Schnitzer ( A. Schleicher )

und die nachfolgenden, wie Bildhauer Josef Ummenhofer und Sohn Emil, Steinhauermeister Sieber und Sohn, Schlossermeister Moser und Holzdrechsler Leute ( + 1904 ) sowie F. Moser, der bis in die Mitte des 20. Jh. hinein arbeitete, standen mit tüchtigen Arbeiten in der Nachfolge Ackermanns, wenn sie auch dessen künstlerische Vollendung nicht erreichten. Diese Masken werden heute kurzweg als »Bildhauer« oder mit dem Namen des Schnitzers bezeichnet, sofern dieser bekannt ist.

 

b) Der »Surhebel» ist eine spätere Ausbildung Villinger Maskenkunst. Der Name ist unklar. Vielleicht besteht ein Zusammenhang mit dem mundartlichen »sur« = sauer. Das älteste uns bekannte Stück stammt von dem älteren Ummenhofer. Die Maske ist nicht mehr in der Stadt. Sie ist aber von einem der besten Kenner Villinger Masken, Josef Liebermannt, beschrieben und gewürdigt worden ( Liebermann, Villinger Fastnachtsmasken, Mein Heimatland 1934). Im Gegensatz zur glatten Maske zeigt der Surhehel ein individuelles Gesicht, nicht selten in karikaturhafter Übertreibung oder auch mit fratzenhaften, dämonischen Zügen. Im übrigen ist dem Surhebel-Schnitzer manches erlaubt, was dem Schnitzer der glatten Maske versagt bleibt. Der «Surhebel» stellt an die schnitztechnische Fertigkeit große Anforderungen und gerät, wenn diese versagt, gern ins Komisch-Überladene, in die Übertreibung oder in dilettantenhaften Naturalismus, wie leicht an einigen Exemplaren ( etwa dem bekannten «Weberigel», um 1850) nachzuweisen wäre.

Ein namhafter künstlerischer Vertreter dieser Gattung in unserer Zeit war Bildhauer Robert Neukum ( + 1971 ). Seine Arbeiten zeichnen sich aus in der Beschränkung auf wesentliche Merkmale des darzustellenden Gesichtes. Unnötige Einzelzüge haben in der Gesamtkomposition keinen Platz. Kräftige, fast ornamentale Linienführung und sparsame Oberflächenbehandlung sichern seinen Masken trotz aller Bewegtheit des Ausdrucks eine überzeugende Wirkung. Neukum hat nur wenige Masken geschaffen, diese wenigen aber von hohem künstlerischen Wert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eigentlich sind die besten Maskenschöpfungen Neukums — übrigens auch die des Dominikus Ackermann — keine Gebrauchsmasken für die Fastnacht geworden ( wenn sie auch an Fastnacht getragen wurden und noch werden). Sie sind, wenn man so will, künstlerische Erzeugnisse, die zwar aus einem zweckbedingten Anlaß entstanden, aber sich nicht in ihm erschöpften, sondern über ihren Entstehungsanlaß hinausdauerten und als künstlerische Gebilde Geltung erlangten. Bei Gelegenheit der Fastnacht sind diese unsere Villinger Masken entstanden, die besten unter ihnen aber sind kraft der künstlerischen Gestaltung, die sie von ihrem Schnitzer empfingen, als bisher kaum beachtete Werke in den Bereich künstlerischer Geltung und Gültigkeit eingetreten.

c) Das »Murbili«, eine Frauenmaske und das Gegenstück zum »Surhebel«, erscheint schon anfangs des 19. Jh. Vielleicht steht der Name in einem Zusammenhang mit einer mundartlichen Spielerei aus dem alten Wort »mürbe, mürwe«, das weich, sanft bedeutet. Als wohl beste Arbeit, die bisher bekannt wurde, ist die Frauenmaske

des schon erwähnten Dominikus Ackermann um 1815 zu nerinen. Sie ist zwar von fast »glattem« Schnitt, aber doch leicht variiert durch einen relativ stark geöffneten Mund, gerunzelter Stirn und Falten um die Nasenflügel

D. Ackermann — Ölmüller

 

bis zur Kinnpartie. Die Maske macht in ihrer Einfachheit fast einen archaischen Eindruck. Man könnte an eine gelungene Theater-Vorhangmaske denken. Die Urheberschaft des Dominikus Ackermann tritt besonders, wie in seinen andern glatten Masken, in der Sparsamkeit der angewandten Darstellungsmittel zutage. Das Gesicht ist beherrscht von einer faszinierenden Zuordnung von Auge, Nase und Mund untereinander. Die Maske wirkt daher ganz aus sich selbst ohne jede Zutat. Josef Lieber-mann hat ihr in seiner Beschreibung ( Mein Heimatland, 1934) folgende Verse gewidmet:

Gelassen, mit der Weisheit Zahn Schaut euch die Alte dreimal an Und wartet ruhig ihrer Stund, Der Wahrheit Bitternis im Mund.

Auch Robert Neukum hat sich dem Murbili zugewandt und einige prächtige Exemplare geschaffen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im wesentlichen hat er dabei die Formelemente seiner »Surhebel«, verfeinert und reduziert, auf die Frauenmaske übertragen und dabei Wirkungen erzielt, die seine Schöpfungen mit an erste Stelle rücken.

In groben Umrissen kann zusammenfassend gesagt werden: Die Villinger Holzmaskenkunst erweist sich ihrer Formenwelt nach als ausgesprochene Schnitzerkunst, entstanden aus dem Fastnachts-Brauchtum und von ihm genährt in einem nahezu geschlossenen städtischen Brauchtumsgebiet von nicht allzugroßer Ausdehnung. Dabei soll nicht übersehen werden, daß eine zeitlich und aus gleichem Anlaß parallel verlaufende Maskenkunst auch in anderen Städten der Baar, so in Hüfingen, Bräunlingen, Donaueschingen etwa, ganz besonders aber in Rottweil und Oberndorf anzutreffen ist, z. T. mit ähnlichen oder gleichen bildnerischen Elementen bei einem anders-gearteten Brauchtum.

Das Besondere der Villinger Maskenkunst ist, daß sie zwei Höhepunkte erreichte von ausgesprochen künstlerischem Charakter, wodurch solche Masken gewissermaßen eine vom Fastnachtsbrauchtum losgelöste Eigenständigkeit erlangten. Sie können in ihren besten Verkörperungen als vortreffliche Leistungen der Ma skenkunst bezeichnet werden. Der erste Höhepunkt dieser Entwicklung fällt in die erste Hälfte des letzten Jahrhunderts. Er ist verbunden mit dem Namen Dominikus Ackermann. Der zweite fällt in die erste Hälfte unseres Jahrhunderts. Er ist geprägt von Robert Neukum.

Beide Künstler sind auch als Bildhauer von anderen Kunstwerken bekannt geworden: Ackermann als Schnitzer von Kruzifixen und Neukum als Schöpfer von zahlreichen Porträtbüsten.

Ackermann hat sich vor allem an der »glatten« Maske bewährt, die ihm, da sie brauchtumsmäßig gebunden war, wenig Möglichkeiten zu einer »effektvollen« Gestaltung gab. Trotzdem ist es ihm gelungen, innerhalb gewisser konservativer Grenzen, die er kaum als Zwang oder Einengung empfunden haben mag, ein Höchstmaß von Lebendigkeit und Ursprünglichkeit zu entfalten, das alle vorgegebene Konvention vergessen macht.

Neukum hatte es etwas leichter. Er fand in seinen »Surhebel« und »Morbili«, hundert Jahre später, eine eigene Formensprache, die den Rahmen des Herkömmlichen zwar nicht sprengte, aber ihm doch von der Voraussetzung her größere Freiheit ließ. Seine Masken sind daher auch folgerichtig keine üblichen Fastnachtsmasken geworden — obwohl sie als solche heute noch getragen werden — sondern Porträts. Es sind Schöpfungen, die den Schnitzer als einen Meister der Maskenkunst zeigen. Neukum ist einen andern Weg gegangen als Ackermann, den umgekehrten. In Neukums Masken lebt die Individualität eines jeweiligen Menschen. Der Künstler ist dem zeitgebundenen Ausdruck des menschlichen Lebens, wie er sich im menschlichen Antlitz spiegelt, nicht aus dem Wege gegangen. Er hat ihn in seinen besten Masken aufgenommen und künstlerisch verarbeitet, ohne die Natur zu kopieren.

Zweifellos schließt mit Neukum eine Epoche der Villinger Maskenkunst ab. Jede Zeitepoche hat ihre eigenen Stilvorstellungen. Das gilt auch für den Ölmüller. Vielleicht scheidet auch das Villinger Fastnachtsbrauchtum als Anreger, Nährboden und Mäzen in naher Zukunft überhaupt aus.