Rekonstruktion der Silbermann-Orgel (Wolfgang Gerster)

Wie ein Wunschtraum Wirklichkeit wurde Stiftung sichert Erhalt und Unterhalt

Stiftungen haben in der deutschen Rechts- und Kulturgeschichte seit Jahrhunderten eine herausragende Bedeutung. Schenkungen und Stiftungen haben uns früheste Urkunden hinterlassen und damit einen ersten Einblick in unsere lokale Welt des frühen Mittelalters außerhalb archäologischer (Be)Funde ermöglicht. Stiftungen sind aber auch frühe Ausprägungen von sozialer Daseinsfürsorge in den sich herausbildenden mittelalterlichen Städten.

In Villingen wirkt eine dieser frühen Stiftungen, die das soziale Leben der Stadt über Jahrhunderte nachhaltig geprägt hat bis in unsere heutigen Tage: das Heilig-Geist-Spital, dessen Geschichte bis ins frühe 13. Jahrhundert zurückreicht.

In diesem Beitrag soll es aber um eine andere Stiftung gehen, die erst im Jahr 2002 ihren Anfang genommen hat: die Stiftung Johann-Andreas- Silbermann-Orgel. Der kurze Rückgriff auf das Heilig-Geist-Spital soll zeigen, dass auch heute der Stiftungsgedanke eine Richtung weisen kann, wenn es um den Erhalt alten Kulturgutes geht.

Die Geschichte und das Schicksal der Silbermann- Orgel wird an anderer Stelle in diesem Jahrbuch beleuchtet, hier soll es um die Geschichte der Rekonstruktion des Instrumentes gehen, dessen Spuren sich in einer Bombennacht des 2. Weltkriegs buchstäblich in Asche aufgelöst haben.

Die zwischen 1995 und 1999 durchgeführte Sanierung der Benediktinerkirche hat es deutlicher gemacht als die Jahrzehnte davor, in denen die ehemalige Stiftskirche für allerlei profane Nutzungen missbraucht worden war: Auf der großen Empore fehlte eine Orgel, besser gesagt: die „richtige“ Orgel, das Instrument, das schon einmal – im Jahre

1752 – den großartigen Kirchenbau abgeschlossen hatte.

Die neue alte Johann-Andreas-Silbermann-Orgel in der Benediktinerkirche.

 

Dennoch: Am Anfang der Orgel-Rekonstruktion stand das, was man üblicherweise eine Schnapsidee nennt. Dem bekannten Dresdner Trompeter Ludwig Güttler, der 1987 ein Konzert in Villingen gab, wird der Satz zugeschrieben: „Die müsst ihr wieder aufbauen“. Gemeint war die Silbermann- Orgel, von der buchstäblich keine Pfeife, kein Stück Holz mehr vorhanden war. Eine Idee, geboren bei einem Glas Wein, stand im Raum, und zog, wider ersten Erwartungen vieler – darunter auch, wie er selbst bekannte, Münsterpfarrer und Dekan Kurt Müller – ihre Kreise.

 

„Was verloren ist, soll verloren bleiben“ – dieses Prinzip staatlicher Denkmalpflege, das freilich längst nicht in jedem Fall – genannt sei nur das Beispiel Frauenkirche in Dresden, bei dem sich der oben erwähnte Ludwig Güttler in hohem Maße engagiert – unumstößlich ist, entpuppte sich für die Sache Orgel-Rekonstruktion zuerst als Problem und im Rückblick als Segen. Weil sich hinter dem Prinzip auch staatliche Stellen „versteckten“, wie Ulrich Kolberg vom Arbeitskreis Silbermann-Orgel im Förderkreis Benediktinerkirche es ausdrückte, blieben die Zuschusstöpfe verschlossen. Heute, da das Werk auch finanziell so gut wie geschultert ist, erwächst daraus die Gewissheit, dass mit der Orgel tatsächliches Eigentum geschaffen worden ist und dass die Villinger wieder „ihre“ Silbermann-Orgel zurückbekommen haben, und dies aus eigener Kraft.

 

Ungeahnte Dynamik entwickelt

Trotz der deprimierenden Gewissheit, dass mit keinerlei öffentlichen Mitteln zu rechnen war, bekam der Rekonstruktionsgedanke schnell eine ungeahnte Dynamik, wenn auch zwischen der Idee und der Bildung einer Expertenkommission sieben Jahre lagen. Namhafte Orgelexperten wie die Professoren Marc Schäfer, Straßburg, und Christoph Bossert, Trossingen, aber auch der damalige Bezirks- und Münsterkantor Stephan Rommelspacher, heute Domkapellmeister in Trier, prüften intensiv die Möglichkeiten einer Rekonstruktion. 1997 konnte die Kommission das Projekt ausschreiben, im April 1998 wurde der elsässische Orgelbauer Gaston Kern in einem gemeinsamen Hearing aus Expertenkommission und Stiftungsrat der Münsterpfarrei für die Rekonstruktion ausgewählt, am 17. Mai desselben Jahres erhielt Kern offiziell den Auftrag.

Nach den Orgelexperten waren die Finanzierungsexperten gefragt, das ehrgeizige Projekt sollte immerhin 1,5 Millionen Mark oder 760.000 Euro kosten. Zunächst waren Ulrich Kolberg und seine Mitarbeiter vom Arbeitskreis Silbermann-Orgel im Förderverein Benediktiner-Kirche von einem „konservativ geplanten“ Spendenaufkommen von 150.000 Mark pro Jahr ausgegangen. Die Orgel hätte also in einem Zeitraum von zehn Jahren gebaut werden können. Zum Jahresende 1997 war das Spendenkonto aber bereits auf 340.000 Mark angewachsen.

Der Geschichts- und Heimatverein Villingen gehörte von Anfang an zu den großen Förderern des Projektes. Mit der Kunstausstellung „Beruf: Künstler“ in der Benediktinerkirche, die Arbeit, Werk und Lebensverhältnisse der Villinger Maler der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts beleuchtete, organisierte er 1998 eine Benefizveranstaltung besonderer Art. Ein Jahr später gab er die CD „Weihnachten im Villinger Münster“ heraus. Beiden Aktionen war ein großer Erfolg beschieden, sie brachten rund 80.000 Mark auf das Silbermann-Spendenkonto.

Das machte einerseits optimistisch, andererseits stellte sich für den Förderverein die Frage, wie die Spendenbereitschaft gleichmäßig erhalten bleiben sollte, ohne dass den Spendern ein Fortschritt – außer dem auf den Konten – gezeigt werden konnte?

 

Drei Silbermänner: Die Zwillingsbrüder Klaus und Wieland Silbermann und das rekonstruierte Werk ihres Urahn Johann Andreas Silbermann. Die Nachfahren waren extra aus den USA gekommen, um die Feier der Orgelweihe mitzuerleben.

 

Den Durchbruch schafften die Verantwortlichen mit der Idee einer Patenschaftsaktion, zunächst für die 1908 Orgelpfeifen und später auch für die übrigen Teile des Instruments wie Gehäuse und Technik. Hier zeigte sich die große Verbundenheit der Villinger (und nicht nur deren) zu ihrer Geschichte und ganz besonders zur Benediktinerkirche. Nahezu 2500 Patenschaften mit Beträgen zwischen 50 und 20.000 Mark dürften die wohl erfolgreichste Bürgerinitiative in der jüngeren Villinger Geschichte darstellen. In der Hälfte der veranschlagten Zeit haben Ulrich Kolberg – für den 69-jährigen Rentner war die Aktion Silbermann längst zu einem Ganztagsjob geworden – und seine Mitstreiter den finanziellen Durchbruch geschafft.

Rund 8000 Besucher in der Festwoche Innerhalb einer Festwoche wurde im Oktober 2002 die alte neue Silbermann-Orgel geweiht. „Alle“, so der Wunsch von Münsterkantor Christian Schmitt, sollten während dieser Tage das Instrument hören können. Entsprechend breit war denn auch das Programm angelegt. Die Orgel war während der Festtage sowohl Gottesdienst- als auch Konzertinstrument. An Senioren und Kranke richteten sich Angebote wie an Kinder. So schrieb auch die Festwoche mit insgesamt 8000 Besuchern die Erfolgsstory Silbermann-Orgel fort. Und das verbliebene Defizit von 25.000 Euro konnte während der Festwoche auf 11.500 Euro mehr als halbiert werden.

Höhepunkt war die feierliche Orgelweihe durch den Freiburger Weihbischof Bernd Uhl in Vertretung des inzwischen aus gesundheitlichen Gründen zurückgetretenen Erzbischofs Oskar Saier, der selbst Mitglied im Kuratorium „Rekonstruktion Silbermann-Orgel“ ist. Uhl sprach sich dabei nachdrücklich für die Pflege der Orgelkultur aus. Mit der Weihe der Silbermann-Orgel sei dafür ein kraftvolles Zeichen gesetzt worden. Diese Orgel baue mit ihrer Multifunktion eine Brücke zwischen Kult und Kultur.

 

Die feierliche Zeremonie der Orgelweihe vollzog Weihbischof Bernd Uhl (2. von rechts) zusammen mit den Geistlichen (von links) Münsterpfarrer Alfons Weißer, Reichenau, Pfarrer Hans Trost, Pater Hermann Fuchs (im Hintergrund) und Dekan und Ehrendomherr Kurt Müller (ganz rechts).

 

 

Die ganze Stadt feierte mit, als die rekonstruierte Silbermann-Orgel in einem feierlichen Vespergottesdienst geweihte wurde.

 

Dekan und Münsterpfarrer Kurt Müller, für den die Benediktinerkirche stets eine besondere Rolle in seinem bisherigen Leben gespielt hat, vergaß in seinem Grußwort nicht die beiden Personen, mit denen die Orgelkonstruktion künftig vielleicht am meisten in Verbindung gebracht wird, auch wenn die diesbezügliche Namensliste durchaus verlängert werden müsste: „Gaston Kern hat die Orgel gebaut, Ulrich Kolberg hat sie bezahlt.“ Dem unermüdlichen Motor des Arbeitskreises Silbermann-Orgel im Förderverein Benediktinerkirche gestand Müller zu: „In Ihrem Herzen dürfen Sie sagen: Es ist meine Orgel.“

Für Gaston Kern, dem Orgelbauer aus dem Elsass, gab es an diesem Abend nicht nur anerkennende Worte, sondern aus den Händen von Oberbürgermeister Dr. Manfred Matusza auch eine Ehrenurkunde der Stadt und „eine Nachbildung der Nachbildung“, hergestellt von einem kreativen Handwerksmeister des Bildungszentrums Turmgasse.

Nur wenige Tage nach dem glänzenden Fest der Orgelweihe fand die konstituierende Sitzung der vom Kultusministerium genehmigten „Stiftung Johann-Andreas- Silbermann-Orgel von 1752, Rekonstruktion“ statt. Die Stiftung soll den dauerhaften Erhalt und Unterhalt der Orgel sicherstellen. Denn: Ein 1812, als die Original-Orgel auf Anordnung des badischen Erzherzogs klammheimlich aus der Stadt und in die badische Residenzstadt Karlsruhe gebracht wurde, soll sich nicht wiederholen.

 

 

Über eine „Nachbildung der Nachbildung“ durfte sich Orgelbauer Gaston Kern freuen.

 

Dank an Ulrich Kolberg, der wegen seines persönlichen Einsatzes auch „Mister Silbermann“ genannt wurde.

 

Auf der Suche nach Perfektion

Ein Mann rückte beim Projekt Silbermann besonders in den Mittelpunkt: Orgelbaumeister Gaston Kern. Für rund ein Jahr sind Villingen und die Benediktinerkirche für den 63-jährigen Elsässer zur zweiten Heimat geworden. Wie vermutlich kein anderer vor ihm hat er sich während dieser Zeit und auch schon zuvor in die Gedankenwelt des wohl genialsten Orgelbauers des 18. Jahrhunderts, Johann Andreas Silbermann, hineingedacht. Dass diese Zeit für ihn Freude, aber auch Belastung war, offenbarte er nach Fertigstellung und Abnahme seines Werkes.

„Im Laufe der Konstruktion“, so Kern, „sind so viele Probleme auf uns zugekommen, dass ich mich gefragt habe, ob ich meine Erfahrung hier zur Geltung bringen kann.“ Sich an 1752 festzuhalten, sei eine wahre Herausforderung gewesen. Zu versuchen, einen Klang zu schaffen, der seinem eigenen Geschmack entspräche, kam für Kern nie in Frage: „Das Recht hatte ich nicht. Aber auch, wenn ich das getan hätte“, fügte er augenzwinkernd hinzu,“es hätte kein Spezialist beweisen können.“

Also ging es darum, so nahe wie möglich an das zu kommen, was Silbermann 1752 gemacht hat. Unter den gegebenen Voraussetzungen war dies alles andere als leicht; und nicht nur deshalb, weil allein Pläne vom Originalinstrument übrig geblieben waren.

Kann ein „neu geborener Klang“ so sein, wie der, der vor 250 Jahren geschaffen wurde? Zumal dieser Klang der Akustik angepasst werden und die 1908 Pfeifen sich „zusammen gut vertragen“ müssen.

„Diese Kunst konnte man nicht abmessen“, erklärt Kern, der aber mit dem Erreichten doch ganz gut zufrieden ist. „Selbstlob ist nicht am Platze“, sagt er zwar, aber auch: „Es ist meine letzte Orgel, aber die erste, wo ich sagen könnte, es ist alles perfekt.“ Kern wäre aber nicht der bescheidene Mensch, der er ist, würde er später nicht hinzufügen: „Wir wollten etwas erreichen, was es nicht gibt – die Perfektion.“