Zwischen Konfrontation und Begegnung (Christian Sieber)

Die vorderösterreichische Stadt Villingen und die schweizerische Eidgenossenschaft im 15. und 16. Jahrhundert

 

Der Verfasser des Beitrags ist Schweizer und in Zürich als Historiker tätig, gleichzeitig aber über seine in Pfaffenweiler geborene und in Villingen aufgewachsene Mutter Roswitha Sieber-Kunz (1934-1986), die 1953 in die Schweiz auswanderte, Villingen eng verbunden. Umgekehrt will es die Ironie der Geschichte, dass sein direkter Vorfahre Kaspar Kunz (16451711) im Jahr 1680 aus Gossau im Zürcher Oberland in den Schwarzwald (Schenkenzell) auswanderte und zum katholischen Glauben konvertierte.

Der zweite Teil des Beitrags „Vom Franziskaner Mönch zum Buchdrucker, vom Villinger zum Züricher: Balthasar Maler (um 1485?-1585) und seine Familie“ wird aus Platzgründen im Jahresheft 2004-2005 abgedruckt.

Einleitung

Im historischen Festzug, der sich am 13. August 1899 zum 900-Jahr-Jubiläum von Villingen durch die Straßen der Stadt bewegte, befand sich ein Wagen, der zum Jahr 1444 dem Thema gewidmet war „Herzog Albrecht VI. von Österreich beschließt auf der Käferburg in Villingen den Krieg gegen die Schweizer“. Dasselbe Ereignis findet sich unter dem Titel „Fürstenversammlung in Villingen zur Führung des Schweizerkrieges, Oktober 1444“ auf einem 1895 in der Tradition von Hans Kraut entstandenen Kachelofen dargestellt, der noch heute im Museum Altes Rathaus in Villingen besichtigt werden kann.

 

 

 

 

 

 

Beide Ausdrucksformen des Villinger Geschichtsbewusstseins im ausgehenden 19. Jahrhunderts bilden einen Teil der lokalen Erinnerung, verweisen zugleich aber auch auf größere Zusammenhänge, nämlich die Auseinandersetzung zwischen der Herrschaft Österreich, der im Südwesten des Reichs etablierten Landesherrschaft der Habsburger, und der sich im Spätmittelalter aus bescheidenen Anfängen zum europäischen Machtfaktor entwickelnden schweizerischen Eidgenossenschaft. Bereits 1433 von habsburgischer Seite als „Erbfeindschaft“ bezeichnet, hat der Konflikt das Geschichtsbild von Villingen besonders markant mitgeprägt, weil die Stadt nach den territorialen Verlusten der Habsburger südlich des Rheins (namentlich 1415 im Aargau und 1460 im Thurgau) sowie wichtiger Positionen am Rhein (Schaffhausen 1415, Dießenhofen 1460) in die Rolle einer „Frontstadt“ hineinwuchs — der Wagen im Festzug von 1899 und die Darstellung auf dem Kachelofen erinnern unmissverständlich an den militärischen Charakter der Konfrontation.

Im ersten Teil des Beitrags soll die Funktion Villingens als Frontstadt in der Zeit zwischen Sempacherkrieg (1386/88) und Schweizerkrieg (1499) nachgezeichnet werden, gleichzeitig aber auch das (bis heute auf beiden Seiten des Rheins nachwirkende) Bild von der „Erbfeindschaft“ zwischen Habsburg-Österreich und der Schweizer Eidgenossenschaft durch die Unterscheidung zwischen Propaganda und Alltagsrealität etwas relativiert werden.

Im zweiten Teil wird am gut dokumentierten Beispiel des Villingers Balthasar Maler (um 1485?-1585) — der 1524 als ehemaliger Franziskanermönch nach Zürich kam, dort eine Familie gründete, das Bürgerrecht erwarb und als Buchdrucker am reformatorischen Aufbruch unter Huldrych Zwingli teilhatte, ohne jemals seine süddeutschen Wurzeln zu vergessen — aufgezeigt, wie viel an Begegnung und Austausch zwischen „Schwaben“ und „Schweizern“ im 16. Jahrhundert im Einzelfall möglich war.

Villingen als habsburgische Frontstadt zwischen Sempacherkrieg (1386/88) und Schweizerkrieg (1499)

In der langen Auseinandersetzung zwischen der Herrschaft Österreich und der Schweizer Eidgenossenschaft ist — was Villingens Anteil anbelangt — vor allem der Ausgangspunkt bekannt: Im Sempacherkrieg verliert am 9. Juli 1386 zusammen mit Herzog Leopold III. und zahlreichen Vertretern des süddeutschen Adels auch ein Angehöriger der Villinger Stadtelite, Johann Lächler, in der Schlacht bei Sempach (Kanton Luzern) das Leben, und am 9. April 1388 verliert ein Villinger Truppenkontingent in der Schlacht bei Näfels (Kanton Glarus) die Fahne. Beide Ereignisse erhalten ihren festen Platz im Kollektivgedächtnis von Siegern und Besiegten zugewiesen: Lächler findet Aufnahme in den auf österreichischer wie auf eidgenössischer Seite überlieferten Gefallenenlisten, und die Villinger Fahne hängt zusammen mit anderen Beutestücken noch im 16. Jahrhundert in der Pfarrkirche von Glarus. In Villingen selber zeugt ein zeitgenössischer Eintrag über den Schlachttod des Landesfürsten und Stadtherrn im (fragmentarisch erhaltenen) Jahrzeitbuch der Franziskaner („… dux Lupoldus cadit ense per manus Lucernensium et eorum conligatorum“) vom nachhaltigen Eindruck, den der erste große militärische Erfolg der Eidgenossen machte.

Allerdings blieb der lose Verbund der damals acht eidgenössischen Orte (Zürich, Bern, Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug und Glarus) für Villingen auch nach dem Sempacherkrieg eine vergleichsweise ferne Größe angesichts der nach wie vor gesicherten habsburgischen Machtposition südlich des Rheins im Aargau, Thurgau und in der Zürcher Landschaft. Von den nachfolgenden Appenzellerkriegen (1401-1408) war die Stadt nur am Rande betroffen. Eine dramatische Änderung ergab sich erst 1415 mit der Ächtung von Herzog Friedrich IV. durch König Sigmund auf dem Konzil von Konstanz und dem anschließenden Reichskrieg gegen den Habsburger, der die ganze Herrschaft der Habsburger im Südwesten des Reichs in Frage stellte. Villingen hielt bekanntlich mit einer Konsequenz, wie sie bei keiner anderen Stadt feststellbar ist, ihrem Landesherrn während der ganzen Auseinandersetzung die Treue. Die von Sigmund mittels Privilegien in Aussicht gestellte Option Reichsstadt (1417) blieb ebenso unrealisiert wie die wenig überzeugenden Versuche des Königs, die Grafen von Fürstenberg wieder mit Villingen zu belehnen (1418) oder die Stadt an seinen Gefolgsmann Graf Johann von Lupfen zu übertragen (1420).

Mit der Eroberung des Aargaus und der Errichtung der Gemeinen (das heisst von den acht Orten gemeinsam verwalteten) Herrschaft Baden im Rahmen des Reichskriegs von 1415 rückten die Eidgenossen zwischen Kaiserstuhl und Waldshut erstmals bis an den Rhein vor, rund 50 Kilometer von Villingen entfernt. — Zunächst aber beschäftigte die Villinger eine andere Folge des Reichskriegs: Zusammen mit der Stadt Baden im Aargau war den Eidgenossen im Mai 1415 auch die Festung Stein, das damalige habsburgische Verwaltungszentrum für Vorderösterreich, in die Hände gefallen, und mit ihr nahezu das gesamte Archiv, namentlich Hunderte von Urkunden sowie umfangreiche Urbaraufzeichnungen. Während die Inner-schweizer für sie unbequeme Urkunden gleich vor Ort vernichteten, transportierten die Eidgenossen die Hauptmasse der Archivalien nach Luzern, wo sie im Wasserturm, vor unbefugtem Zugang gesichert, eingelagert wurden. Für die Herrschaft Österreich bedeutete dies den Verlust unzähliger nach wie vor gültiger Rechtstitel und Verwaltungsinstrumente. Entsprechend erhoben ihre Vertreter bei Verhandlungen mit den Eidgenossen regelmäßig die Forderung nach Rückgabe der Archivalien.

 

 

 

 

 

Gemäß dem 1384/85 vom habsburgischen Kanzleibeamten Rüdiger Ölhafen angelegten Archivinventar betrafen elf der nun in Luzern verwahrten Urkunden Villingen. Wichtigstes Dokument war ohne Zweifel die Urkunde vom 30. November 1326 über den Verkauf der Stadt durch die Grafen von Fürstenberg an die Habsburger; die restlichen zehn Urkunden datieren aus der Zeit zwischen 1326 und 1352 und gehören ins Umfeld des Verkaufs, so auch der vorangehende Huldigungsbrief Villingens gegenüber den Herzögen von Österreich vom 16. Juni 1326. Auch bei diesen Urkunden handelte es sich um rechtlich relevante Dokumente, die für Villingen sogar eine höchst aktuelle Bedeutung erhielten infolge der im 15. Jahrhundert verstärkten Bemühungen der Fürstenberger um die Intensivierung ihrer Herrschaftsrechte und den Ausbau ihres Territoriums. In diesem Zusammenhang — die fürstenbergische Gerichtshoheit begann unmittelbar vor den Stadttoren — war es für Villingen unerlässlich, in Konfliktfällen zu wissen, welche Rechte genau verkauft worden waren. Die beiden 1326 von Herzog Albrecht II. für die Stadt ausgestellten und im städtischen Archiv aufbewahrten Urkunden gaben hierzu keine Auskunft, und von den zuvor in Baden und jetzt in Luzern aufbewahrten Stücken besaß man offenbar keine Abschriften.

Es war ein verwandschaftlicher Glücksfall, der Villingen in dieser Situation weiterhalf: Junker Hans von Tierberg, Villingens Bürgermeister der Jahre 1416-1430, war seit spätestens 1421 mit Margareta Kaufmann verheiratet, der Witwe von Heinrich Russinger aus Rapperswil (am oberen Zürichsee), dessen (mutmaßlicher) Bruder Georg Russinger 1410-1439 Abt des habsburgischen Hausklosters Muri im Aargau war. Abt Georg wusste um die Aufbewahrung der Archivbeute von 1415 im benachbarten Luzern („… allerley sinre fürstlichen gnaden briefe und insunders der kouffbriefe, als Vilingen die statt an unsere gnedige herr-schafft und das lobliche hus Österrich komen“ ist, „soll zu Lucern in dem wasserturn ligen“), informierte seinen Schwager und besorgte ihm schließlich wenigstens eine Abschrift der Verkaufsurkunde, nachdem ihm die Aushändigung des Originals („der versigelt kouffbriefe“) verweigert worden war. Dieser in einer Bescheinigung Villingens aus dem Jahr 1474 ausführlich referierte Vorgang lässt sich weder genauer als in die Jahre 1421/30 datieren noch bestimmten Rechtsverhandlungen mit den Grafen von Fürstenberg zuordnen. Immerhin konnten sich die Villinger im Mai 1440 bei einem Schiedsspruch im Zusammenhang mit dem Wildbann nunmehr auf ihre „althergebrachte Freiung“ berufen, „insbesondere da sie von Fürstenberg an Österreich verkauft worden“ seien.

Merkwürdigerweise ist in der Angelegenheit ein zweites Gesuch Villingens überliefert. Am 12. Mai 1453 schrieben Bürgermeister und Rat von Villingen an Schultheiß und Rat von Luzern und wiederholten ein bereits „neulich“ gestelltes und durch einen Geistlichen namens Hug Siben vorgebrachtes Gesuch um Auslieferung des Originals oder wenigstens um Ausfertigung eines Vidimus (beglaubigte Abschrift) der Verkaufsurkunde von 1326, die sie in einer neuen Auseinandersetzung mit den Fürstenbergern benötigten. Die Reaktion Luzerns auf das Schreiben ist nicht bekannt, doch blieb das begehrte Original auch jetzt im Wasserturm, und selbst ein Vidimus scheint Villingen nicht erhalten zu haben. Unklar ist auch das Motiv für dieses zweite Gesuch: War die früher erhaltene Abschrift verloren gegangen oder genügte sie den Anforderungen an ein Vidimus nicht? Die bereits erwähnte Bescheinigung Villingens von 1474 spricht eher für die zweite Erklärung, denn zum damaligen Zeitpunkt war die Abschrift (wieder) vorhanden.

Die Bescheinigung selber datiert vom 21. Dezember 1474 und steht zweifellos im Zusammenhang mit der kurz zuvor zwischen der Eidgenossenschaft und Herzog Sigmund abgeschlossenen sogenannten „Ewigen Richtung“, in der unter anderem die Rückgabe der Archivbeute von 1415 vereinbart wurde (allerdings nur soweit die Urkunden und Urbare nichteidgenössisches Gebiet betrafen). Offensichtlich wollten sich die Villinger in dieser Situation gegenüber ihrem Landesherrn absichern und deutlich machen, dass das Original der Verkaufsurkunde nie in ihren Besitz gelangt war.

Mit einiger Verzögerung lieferten die Eidgenossen 1477/78 und 1480 die besagten Urkunden und Urbare in zwei Schüben aus. In den zugehörigen Rückgabeinventaren finden sich auch einige der Villinger Dokumente angeführt, so namentlich die Verkaufsurkunde von 1326, die mit allen fünf Siegeln wohlbehalten in habsburgische Hände zurückkehrte und über das Innsbrucker Schatzarchiv schließlich nach Wien gelangte, wo sie noch heute im Österreichischen Staatsarchiv (Abteilung Haus-, Hof- und Staatsarchiv) aufbewahrt wird. Die Bemühungen Villingens kamen damit zwangsläufig an ihr Ende, sie sind aber umso bemerkenswerter, als sonst keine Angehörigen der Herrschaft Österreich direkt mit Auslieferungsbegehren an die Eidgenossen herantraten.

Kehren wir zur Rolle Villingens im Rahmen des Konflikts zwischen Habsburg und Eidgenossenschaft zurück, so beginnt mit der Zeit des Alten Zürichkriegs ( 1436-1446/50) jene Phase, in der die Stadt vermehrt militärische Leistungen zu erbringen hatte, und ihre Lage in relativer Nähe zum eidgenössischen Territorium an Bedeutung gewann.

1442 vollzog die Stadt Zürich nach einer schweren militärischen Niederlage in einem innereidgenössi-schen Konflikt eine politische Kehrtwende und verbündete sich mit der Herrschaft Österreich und deren damals prominentestem Vertreter, König Friedrich III. Dieser erhoffte sich von der Allianz die Rückgewinnung der seit 1386 an die Eidgenossen verlorenen Gebiete und ließ Zürich anfänglich namhafte militärische Unterstützung zukommen. Entsprechend findet sich unter den in der Limmatstadt stationierten Truppenangehörigen auch ein Hans von Villingen, der möglicherweise identisch ist mit jenem Hans Brugger von Villingen, der Zürich kurz vor Kriegsausbruch im Mai 1443 das Angebot machte, 60 Söldner zu liefern. Für die Verteidigung der benachbarten und mit Zürich verbündeten Stadt Rapperswil stellte Villingen im Sommer 1444 weitere 40 Schützen zur Verfügung.

Zwar befand sich Zürich nun im österreichischen Lager, die Gefahr aber, die von den Eidgenossen drohte, rückte mit dem Kriegsausbruch deutlich näher. In einem Schreiben des Hauptmanns der Rittergesellschaft mit St. Jörgenschild ist im September 1443 erstmals von der Notwendigkeit die Rede, die „büberey“ der Eidgenossen unter allen Umständen jenseits des Rheins („yenhalb Ryns“) zu behalten. Der Rhein mit seinen zehn Brückenübergängen zwischen Konstanz und Basel wurde von nun an auf habsburgischer Seite immer wieder als einigermaßen gut kontrollierbare natürliche Grenze gegen die Eidgenossen in die politische Planung einbezogen — und auf eidgenössischer Seite durch die Realität regelmäßig in Frage gestellt, wie im Folgenden mehrfach deutlich wird. Auf dem Höhepunkt des Alten Zürichkriegs fand vom 25. September bis zum 12. Oktober in Villingen jener Fürstentag statt, der 1899 seine eingangs erwähnte Inszenierung im historischen Festzug zum 900-Jahr-Jubiläum fand. Herzog Albrecht VI., der eben erst die Verwaltung Vorderösterreichs übernommen hatte, lancierte von hier aus im Beisein der Grafen Ulrich und Ludwig von Württemberg und des Markgrafen Albrecht von Brandenburg sowie eines großen adligen Gefolges und zahlreicher Vertretungen von Ritterschaft, Landschaft und Städten Vorderösterreichs den Reichskrieg gegen die Eidgenossen, mit dessen Führung ihn sein Bruder, König Friedrich III., auf dem Reichstag von Nürnberg beauftragt hatte. Am 8. Oktober stellten die beiden Württemberger und der Brandenburger mit rund 120 adligen Gefolgsleuten ihre Absagebriefe (Kriegserklärungen) an die Schwyzer und ihre Verbündeten aus; zwei Tage später erging eine weitere Absage namhafter Adliger. Außerdem stellte sich der schwäbische Adel angesichts der Möglichkeit eines eidgenössischen Vorstoßes über den Rhein in einer besonderen Erklärung hinter die Grafen von Württemberg. Unter dem Eindruck der gemeinsam empfundenen Bedrohung durch die Eidgenossen, die propagandistisch wirkungsvoll als „Vertreiber und Vertilger allen Adels“ bezeichnet wurden, kam es zu einem bisher nicht gekannten Solidarisierungseffekt im sonst wenig geschlossen auftretenden Adel Süddeutschlands. Die ideologische Polarisierung führte zu festen Feindbildern. Der Name der Schwyzer, die auf der Gegenseite tonangebend waren, wurde konsequent auf alle Feinde und ihre Verbündeten übertragen; entsprechend sprach die österreichadlige Seite nicht vom „Zürichkrieg“, sondern vom „Schweizerkrieg“.

Militärisch endete die Auseinandersetzung 1446 mit einem Patt, politisch 1450 mit der (erzwungenen) Rückkehr Zürichs zur Eidgenossenschaft. Gleichzeitig hatte der Krieg auf beiden Seiten als Katalysator bei der Institutionalisierung bisher vergleichsweise locker organisierter politischer Gebilde gewirkt, im Fall Vorderösterreichs sichtbar in Form der Landstände, im Fall der Eidgenossenschaft sichtbar in Form der von nun an alle zehn, später sogar alle fünf Jahre durchgeführten Neubeschwörung der Bünde.

Das gegenseitige Verhältnis wurde auch in den Folgejahren von militärischen Ereignissen dominiert, konkret durch eidgenössische Raubzüge und Expansionsversuche in Richtung Norden und entsprechende Abwehrmaßnahmen der Herrschaft Österreich. Als Folge davon war der jeweilige Landesherr, zunächst Herzog Albrecht VI., dann Herzog Sigmund und schließlich auch König Maximilian I. jeweils über längere Zeit in Vorderösterreich präsent, mehrfach auch in Villingen, das zwischen 1440 und 1510 mehr Herrscherbesuche erlebte als in der ganzen Zeit davor und danach. Bereits im September 1455 sah sich Herzog Albrecht nach einem Einfall eidgenössischer Krieger „über Rein“ in den Klettgau und Hegau zu Verteidigungsmaßnahmen genötigt, wobei er auf dem Weg von Radolfzell nach Freiburg auch in Villingen Station machte. Zerstörung und Beute standen im Vordergrund des Streifzugs, der als Vergeltung für einen von süddeutschen Adligen verübten Überfall auf Straßburger Bürger deklariert wurde, die unter eidgenössischem Geleitschutz standen.

Als nächstes kam Ende November 1460 Herzog Sigmund für drei Wochen nach Villingen, um von hier aus die Friedensverhandlungen im Thurgauer-krieg zu koordinieren und die Versorgung der habsburgischen Lande mit Nahrungsmitteln sicherzustellen; bereits zuvor hatte Villingen eine stärkere Besatzung erhalten. Die Ziele der Eidgenossen beschränkten sich mit dem Thurgau und dem Sarganserland zwar auf Gebiete südlich des Rheins; immerhin fiel ihnen mit Dießenhofen eine strategisch wichtige Position in die Hände: „Damit hatten si aber ain bruck am Rein“ kommentiert ebenso kurz wie treffend der zeitgenössische Überlinger Chronist Leonhard Wintersulger. Außerdem rekrutierte die mitten im Zürcher Territorium gelegene, aber noch immer habsburgische Stadt Winterthur, die damals während 12 Wochen von eidgenössischen Truppen belagert wurde, in Villingen fünf Söldner für die — schließlich erfolgreiche — Verteidigung der Stadt; eine hochrangige Delegation mit Schultheiß Laurenz von Sal an der Spitze war zu diesem Zweck eigens nach Villingen gereist.

Im Jahr 1463 verschärfte ein Bündnis der benachbarten Reichsstadt Rottweil mit den acht eidgenössischen Orten die Situation Villingens als Frontstadt gegenüber der Eidgenossenschaft zusätzlich — dies nachdem die bis 1415 ebenfalls habsburgische Stadt Schaffhausen bereits 1454 ein Bündnis mit sechs Orten abgeschlossen hatte, das diesen einen weiteren Stützpunkt nördlich des Rheins verschaffte. Entsprechend wiesen Bürgermeister und Rat von Villingen im März 1469 in einem Schreiben an Markgraf Karl von Baden, den damaligen Statthalter von Herzog Sigmund, darauf hin, dass man sich zwar in allen Kriegen gegen „die Aidgenossen und ander“ mit „blutvergiessen und hohen costen“ als „getrüw gehorsame“ Untertanen gezeigt habe, im Kriegsfall aber auch größere Kosten für Verteidigungsmaßnahmen habe, „wie nahe wir der Aidgenossen zugewanten, den von Rotwil und Schaffhusen gelegen sint“, und dass man deshalb keine zusätzlichen Steuerlasten tragen könne.

 

Verfasst ist das Schreiben aus den Erfahrungen, die Villingen 1467/68 im Mühlhauser- und im Waldshuterkrieg machen musste, zwei weiteren expansiven Kriegsunternehmen der Eidgenossen, in deren Verlauf sowohl in den Absichtserklärungen der Angreifer als auch in den Befürchtungen der Verteidiger der Schwarzwald und Villingen erstmals ausdrücklich als Angriffsziele genannt werden. Ende August 1467 beschloss die eidgenössische Tagsatzung einen Kriegszug „an den Swartzwalld und für Vilingen“, der am 6. September in Stühlingen und in Hitzingen (bei Singen) seinen Ausgang nehmen sollte, und der nur durch die Intervention von Friedensvermittlern verhindert wurde. In Verhandlungen, für die Vertreter von Bern, Zürich und Solothurn zu Herzog Sigmund nach Villingen kamen, wurde eine Verlängerung des Waffenstillstands ausgehandelt; außerdem fand sich Sigmund bereit, die Stadt Winterthur an Zürich zu verpfänden.

Anfangs Juli 1468 richtete Villingen sogar an Graf Ulrich von Württemberg ein Hilfsgesuch, weil man einen Angriff auf die eigene Stadt befürchtete, nachdem eidgenössische Truppen in Richtung Klettgau und St. Blasien vorgestoßen waren. Was Villingen auch dieses Mal erspart bleiben sollte, erlebte Waldshut, das während fünf Wochen belagert wurde, wobei sich unter den Verteidigern auch Villinger Truppen befanden, und Herzog Sigmund die Gegenmaßnahmen einmal mehr von Villingen aus koordinierte.

Einen nichtmilitärischen Versuch zur Ausdehnung des eidgenössischen Einflussbereichs unternahm im Oktober 1467 der Luzerner Politiker Heinrich Hasfurter mit der Aufforderung an Rheinfelden, die österreichische Herrschaft freiwillig aufzugeben und ohne Blutvergießen und Brandschatzung zur Eidgenossenschaft überzutreten (wie es Rapperswil 1458 vorgemacht hatte), wodurch dann, so Hasfurters Erwartung, auch „das Fricktal und der [Schwarz]wald“ leichter zu gewinnen wären. Dieser provokative Aufruf zum Verrat am Landesherrn macht zweierlei deutlich. Erstens bestand das Dilemma der eidgenössischen Kriegszüge darin, dass die Truppen primär auf Beute aus waren und entsprechend kurzfristig handelten, während ihre militärischen Anführer (die stets auch Politiker waren) den Blick über den Tag hinaus auf dauerhaften territorialen Zuwachs richteten. Zweitens konnten die Eidgenossen nördlich des Rheins durchaus mit Sympathien rechnen — weniger in Städten wie Rheinfelden oder Villingen, wohl aber unter der Landbevölkerung, die als „gemeine Landleute auf dem Schwarzwald“ unter Führung eines „Einungsmeisters“ wenigstens ansatzweise Formen politischer Eigenständigkeit in ländlich-genossenschaftlichen Strukturen kannte.

In Schreiben an Freiburg sowie an Graf Ulrich von Württemberg und Markgraf Karl von Baden brachte Herzog Sigmunds Hofmeister Jakob Trapp diese Gefahr des „Schweizerwerdens“ 1468 während der Belagerung von Waldshut erstmals zum Ausdruck: Geht Waldshut verloren, so schrieb er, „wer der gantz [Schwarz]wald an allen zwifel Switz“, weil eine „gross [ver]suchung an die lüt und stets“ sei, „sich zu den Aidgenossen ze tun“, die die Leute im Schwarzwald sogar „ein Ort der Aidgenossen [d.h. ein vollwertiges Mitglied] wellen lassen sin“, so dass „wir yetz mee sorg haben müssen uf die fründ dann uf die viend“. Tatsächlich erwarben die eidgenössischen Orte im Friedensschluss zum Waldshuter-krieg eine Anwartschaft auf Waldshut und den Schwarzwald, indem Herzog Sigmund zu einer Zahlung von 10000 Gulden verpflichtet wurde, bei deren Nichterfüllung die Gebiete an die Eidgenossenschaft gefallen wären.

Die bereits erwähnte Ewige Richtung zwischen Herzog Sigmund und der Eidgenossenschaft vom Juni 1474 brachte auch für Villingen eine Entspannung der politischen Lage. In den nachfolgenden Burgunderkriegen kämpften am 13. November 1474 bei Hericourt und am 22. Juni 1476 bei Murten unter dem Oberkommando von Wilhelm Herter von Herteneck sogar eidgenössische und Villinger Truppen als Angehörige der großen antiburgundischen Koalition Seite an Seite gegen Herzog Karl den Kühnen. Der Zürcher Heerführer und spätere Bürgermeister Hans Waldmann erhielt damals vor der Schlacht vom österreichischen Landvogt Oswald von Tierstein im Feld bei Murten zusammen mit anderen Kriegern den Ritterschlag.

 

Zu neuen Feindseligkeiten kam es erst wieder 1499 in jenem Waffengang, der nördlich des Rheins —anders als die bisher erwähnten Konflikte — bis heute als „Schweizerkrieg“ bekannt ist, während er auf eidgenössischer Seite als „Schwabenkrieg“ in die Geschichtsbücher einging (eine Bezeichnung, die noch während der Kämpfe auftaucht). Habsburgischer Landesherr war damals König Maximilian I., der im Verlauf des Krieges auch zweimal mit großem Gefolge in Villingen weilte, allerdings jeweils nur für zwei Tage auf der Durchreise zwischen Freiburg und dem Bodenseeraum (25./26. April und 10./11. August). Dem zweiten Besuch in Begleitung seiner Gemahlin Bianca Maria Sforza war im erwähnten Festumzug von 1899 ebenfalls ein Wagen gewidmet; dem ersten Besuch unmittelbar vorausgegangen war am 22. April in Freiburg die Verhängung der Reichsacht gegen die Eidgenossen und die Publikation eines berühmt gewordenen Manifests, das in gedruckter Form weite Verbreitung fand und die Herrschaft der „bösen, groben und schnöden gepurslüten“ in der Eidgenossenschaft als Rebellion gegen die gottgewollte Ständeordnung anprangerte.

Die Absicht, den Schwarzwald unter eidgenössische Herrschaft zu bringen, erlebte 1499 ebenso eine Neuauflage wie auf österreichischer Seite die (berechtigten) Zweifel an der Treue der eigenen Bevölkerung. Anlässlich der Einnahme von Tiengen bei Waldshut Mitte April entließen die Eidgenossen die dort stationierten Truppen aus dem Schwarzwald mit der Aufforderung, zu Hause für einen unblutigen Übertritt zur Eidgenossenschaft zu werben („daran ze sin, dass die uffem Swartzwald uns Eydgnossen hulden und zuo herren annemen“, wofür „sy von uns früntlich gehalten und geschirmt werden sollen“), andernfalls man sie militärisch angreifen werde. Vor allem die Zürcher hegten große Ambitionen, ihr nördlich des Rheins bereits ins Rafzerfeld reichende Territorium um den ganzen Klettgau zu erweitern. Mit der kampflosen Einnahme der Küssaburg Ende April war ein entscheidender Schritt hierfür gemacht. Die aus Klettgauern bestehende Besatzung der strategisch wichtigen Position hinderte den Büchsenmeister, den Villinger Remigius Mans (der sich damals einen Teil jenes Ruhms erwarb, der ihn später unter dem Namen Romäus zum Stadthelden machen sollte), am Schießen und plädierte mit 20 gegen 5 Stimmen dafür, die Burg kampflos den „Schwitzern“ zu übergeben. Mit einer Besatzung aus Söldnern statt Einheimischen wäre dies nicht geschehen, schrieb Landvogt Kaspar von Mörsberg entsetzt an König Maximilian und ließ die 20 Verteidigungsunwilligen zur Abschreckung hinrichten.

Auch dieses Mal wurde der Krieg nicht bis nach Villingen getragen. Die Kampfhandlungen am Hochrhein und ein Auszug von Villinger Truppen in den Hegau sowie nach Schleitheim und Hallau nehmen aber in der zeitgenössischen Chronik von Heinrich Hug, selber ein Kriegsteilnehmer, breiten Raum ein. In der Stadt selber besammelten sich Mitte Mai rund 1600 Berittene für einen Auszug an den Bodensee.

Aus der gesicherten Position der Rückschau wissen wir heute, dass der Schweizerkrieg von 1499 die letzte große militärische Bedrohung für den Schwarzwald und die angrenzenden Gebiete sein sollte und dass weder Waldshut noch Villingen je eidgenössisch werden sollten. Einem Zeitgenossen konnte dies noch nicht bekannt sein, entsprechend dramatisch erlebte er die damalige Zeit.

Freilich vermittelt die bisher in den Vordergrund gerückte militärische Konfrontation und das damit verbundene Denken in festgefügten ideologischen Lagern ein einseitiges Bild. Wirtschaftliche und soziale Beziehungen zwischen der Eidgenossenschaft und Vorderösterreich bestanden während der ganzen Zeit der eigentlichen Konfrontation und auch in den Jahrzehnten nach 1500, als die direkte Konfrontation von einem mehr oder weniger friedlichen Nebeneinander abgelöst wurde. Jedenfalls lud Zürich schon 1504 zu einem großen Schützenfest auch die Feinde des „Schwabenkriegs“ ein, darunter Villingen. So finden sich in der Teilnehmerliste der gleichzeitig durchgeführten Lotterie die Namen von insgesamt 9 Villingern, darunter der Ehefrau des Stadtschreibers Johannes Kraus, die sich die Attraktionen des vierwöchigen Festbetriebs in der Limmatstadt nicht entgehen lassen wollten.

 

Literaturhinweise

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Inventar über die Bestände des Stadtarchivs Villingen. Urkunden, Akten und Bücher des 12.-19. Jahrhunderts, bearb. von Hans-Josef Wollasch. 2 Bde. Villingen 1970-1971 (Schriftenreihe der Stadt Villingen. 6-7).

Maler, Josua. Selbstbiographie eines Zürcherischen Pfarrers aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, in: Zürcher Taschenbuch NF 8,1885, S. 123-214 und 9,1886, S. 125-203.

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Staatsarchiv des Kantons Luzern (StALU)

Staatsarchiv des Kantons Zürich (StAZ)

Stadtarchiv Villingen-Schwenningen (SA VS)

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