Verteidigungsbereitschaft der Bürger und Blick in Villingens (Hermann Colli)

GHV-Mitglieder gestalten Jahresprogramm mit / Bernhard Scherer weckt Interesse an Stadtgeschichte

Dass die Mitglieder unseres Geschichts- und Heimatvereins Interesse an der Historie ihrer Vaterstadt haben, ist wohl eine Selbstverständlichkeit. Wenn sie darüber hinaus auch noch selbst dazu beitragen, Villinger Geschichte lebendig zu halten und sie weiter zu vermitteln, dann ist das besonders erfreulich. Der GHV freut sich immer wieder, wenn sich seine Mitglieder mit eigenen Beiträgen aktiv am Jahresprogramm beteiligen. Dazu sind Gott sei Dank einige Geschichtsfreunde immer wieder bereit. Die Aktivitäten aus den eigenen Reihen finden, wie sich zeigt, große Beachtung. Das zeigte sich auch beim „besonderen Stadtrundgang“, zu dem Bernhard Scherer eingeladen hatte.

„Mauern bedeuteten ein Zeichen von Macht und Ansehen“, sagte Bernhard Scherer als er bei seinem nachmittäglichen Stadtrundgang die Wehranlagen und die Verteidigungsbereitschaft der Bürger im Mittelalter beschrieb.

Vor dem Zeughaus im Oberen Tor: Interessierte Mitglieder des GI-IV mit Berhard Scherer (oben links).

 

 

Durch die Ringanlagen führte die Besichtigungstour mit Bernhard Scherer an der Stadtmauer entlang zum Oberen Tor.

 

Scherer verstand es ausgezeichnet, die Teilnehmer in die Zeit zu versetzen, als Mauern und Türme für die Bürger noch Sicherheit für Leib und Leben und Wahrung des bescheidenen Besitzstandes bedeuteten. Er beschrieb den Bau und die Funktion der Mauern und Tore, zeigte Aufgaben und Pflichten der wehrfähigen Bürger auf, gab anschaulich Einblick in die Rollen, die Zünfte, Bürgerwehr, Schützengesellschaften und Magistrat in Kriegszeiten spielten.

Gleich hinter dem Riettor in den Ringanlagen, wo sich früher der Graben der Stadtbefestigung befand, erinnerte er an die große Schlacht, die sich 2004 zum 300. Mal jährt: Die Belagerung durch die Truppen des französischen Marschalls Tallard. Hier zeigte sich auch, dass die massiven Wehrmauern dem Bombardement der Angreifer nicht Stand gehalten hatten und es den Franzosen gelang, eine Bresche in die Stadtmauer zu schießen. Hier wurde aber auch die Verteidigungsbereitschaft der gesamten Bürgerschaft, ihr Vertrauen auf Gottes Schutz und Hilfe sowie auf Maria als Schutzpatronin der Stadt deutlich dokumentiert. An verschiedenen Stationen, wie am Romäusturm, am Glockenhäusle, am Pulvertürmle und Kaiserturm rief er bedeutende Ereignisse der Historie wach und erklärte die besonderen Funktionen der einzelnen Abschnitte der Wehranlagen. Mit Anekdoten, amüsanten Begebenheiten und Vergleichen zur heutigen Zeit wußte Scherer seine fachkundigen Kommentare zu würzen.

Mit Wehmut wurde der 1840 erfolgte Abbruch eines rund 300 Meter langen Teilstücks der Mauer diskutiert. Vor allem dem Niederen Tor, dessen Steine für den Bau des Amtsgesichtes und Gefängnisses verwendet wurden, trauern die Villinger heute noch nach. Dass die Bürger damals ein Stück Stadtmauer als billiges Baumaterial ersteigern konnten, spricht nicht gerade für sie und ihren Willen, das historische Gesicht ihrer Heimatstadt zu erhalten.

Aber Bernhard Scherer konnte auch positive Bürgeraktionen aufzählen. So die in den 90er Jahren durchgeführte Renovation des Kaiserturmes und der gelungene Innenausbau. Diese Maßnahmen machten sichtbar, dass auch heute noch Bürger und Handwerker zu persönlichem Engagement bereit sind um etwas für die Erhaltung der alten Bausubstanz zu tun.

Der eineinhalbstündige Spaziergang, der am Oberen Tor endete, wurde zu einer kurzweiligen und interessanten Tour rund ums Städtle, bei dem die Teilnehmer manches Neue erfuhren oder vergessenes Wissen auffrischen konnten.

Das besondere an dieser Stadtführung war aber der Besuch des Zeughauses, das selbst einige der waschechten Villinger noch nicht von innen gesehen hatten und über dessen Bedeutung und Geschichte, wie auch Paul Revellio bedauert hatte, nicht besonders viel bekannt ist. Bernhard Scherer hatte sich viel Mühe gemacht um aus der vorhandenen Literatur Aufzeichnungen über die einstige Waffenkammer der alten Zähringerstadt aufzustöbern. Vielleicht kam dem ehemaligen Kriminalbeamten dabei sein beruflicher Spürsinn zugute.

Er spannte einen geschichtlichen Bogen von 1452, als die Kirnegger Sammlung, ein völlig verarmtes Frauenkloster, das an der Westseite des Oberen Tores angebaut war, damals der Vettersammlung einverleibt wurde, bis in unsere Tage und zeigte dabei die vielen Stationen auf, die dieses Areal in der Stadtgeschichte gespielt hat.

Bei seinen Recherchen war er unter anderem auf einen Zeugmeister gestoßen, der um 1573 im Eidbuch der Stadt Villingen vermerkt ist und dessen Aufgabe es war, Waffen und alles Kriegsgerät, das im Zeughaus lagerte, zu bewachen und in Ordnung zu halten. Wie gut die Waffenkammer bestückt war, hat Abt Gaisser 1633 in seinen Tagebüchern aufgezeichnet. Von 25 großen fahrbaren Geschützen, drei Falkonetten (Kanonen die Zweipfünder-Kugeln aus Eisen und Blei verschossen), zwei Schlangen und drei der gefürchteten Hagelgeschütze, die wie Stalinorgeln bis zu 100 Kugeln gleichzeitig verschießen konnten, ist da unter anderem die Rede.

Ein Wandbild mit einer besonderen Darstellung der alten Stadtmauer erklärte Beiratsmitglied Adolf Schleicher im sogenannten Rot’schen Anwesen neben dem Oberen Tor.

 

Mit Trauer und Wut im Bauch mussten die Bürger mit ansehen, wie 1745, als die Stadt freiwillig den Franzosen übergeben wurde, 39 Geschütze, zehn Doppelhaken (schwere Gewehre), sieben Böller, 528 Musketen und 64 Flinten sowie anderes wertvolles Kriegsmaterial auf Nimmerwiedersehen über den Rhein geschafft wurde. Alle Bemühungen der Stadtväter, die erbeuteten Stücke später wieder zu bekommen, blieben erfolglos, weil die Bronzerohre längst mehrfach umgegossen worden waren.

Scherer kannte sich aber auch in der neuen Geschichte des Zeughauses, das immer als ganzes mit dem Komplex „Oberes Tor“ gesehen werden muss, aus. Er hatte unter anderem aus alten Unterlagen recherchiert, dass 1884 in der Oberen Straße 118 Rudolf Kienzler eine Weinhandlung betrieb. Er hatte auch eine Zeitungsanzeige ausgegraben, in der ein Delikatessengeschäft Kienzler jun. dort „Acht englische Salami, conservierte Gemüse und Früchte“ offerierte.

1979 erfolgte dann der Umbau des Zeughauses, das zunächst als Lagerraum für die Weinhandlung Kienzler diente. Auch die Feuerwehr nutzte einige Jahre das Zeughaus, um hier ausrangierte Geräte zu lagern. Die Narrozunft hatte ebenfalls dort Wagen und Gerätschaften untergebracht, die an der Fasnet wieder hervorgeholt und genutzt wurden. Seit 1980 sind die Stadt- und Bürgerwehrmusik und der Männerchor 1887 hier zu Hause und nützen die Räumlichkeiten als Vereins- und Probelokal. An der Fasnet öffnen beide Vereine dort ihre Türen und laden zum gemütlichen närrischen Hock bei gastlicher Bewirtung ein.

Eine interessante Beobachtung konnte man am Rande dieses „besonderen Rundgangs“ machen. In der Reihe der Stadtführerinnen und Stadtführer ist der Geschichts- und Heimatverein gut vertreten. Und so ist es nur verständlich, dass bei dieser Veranstaltung zahlreiche Mitglieder dabei waren, die sonst selbst bemüht sind, anderen Menschen etwas vom Leben und der Historie dieser Stadt zu vermitteln. So kam es zu sehr interessanten Dialogen und Erklärungen. Dabei zeigte sich, dass — wenigstens im Kreis der GHV-Mitglieder — eine gute Kollegialität im Stadtführerteam herrscht. Man begegnete sich nicht mit einer besserwisserischen „Herr-Lehrer-ich-weiß-was-Mentalität“ sondern partnerschaftlich und freundlich. Dabei wurde manche offene Frage geklärt und manche Wissenslücke geschlossen.