Die Stadt VILINGEN in den Werken von Pfarrer Heinrich Hansjakob (Gefunden von Hansjörg Kindler-Trixini)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lange Jahre standen sie unbeachtet, von einer Tante geerbt, in meinem Bücherregal, Pfarrer Heinrich Hansjakobs „Ausgewählte Erzählungen“, eine Volksausgabe in fünf Bänden. In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts erschienen sie im Verlag von Adolf Bonz & Comp. in Stuttgart, „eleg. gebunden“, alle zusammen für M 12.—.

Aber vor einiger Zeit griff ich plötzlich nach ihnen und ließ mich von dem von vielen längst vergessenen Volksschriftsteller aus dem Kinzigtal hineinführen in die Geschichte des Schwarzwalds und seiner originellen Menschen: der Buren und Burger, der Handwerker und ihrer Zünfte, der Holzfäller, Bergknappen und Flößer, der Förster und Wildschützen, der Mönche und Nonnen, aber auch der „Herren“, der Württemberger und Fürstenberger, der Badener, Österreicher und Preussen und des Kaisers Napoleon.

Mit allen Ansichten des ehemaligen Pfarrers von St. Martin in Freiburg mit seinem großen Hut kann man wohl nicht mehr einverstanden sein, obwohl er ein Demokrat durch und durch war, aber seine Gedanken über „Wibervölker“, über die „moderne Zeit“ und gar über die Juden u.a.m. ärgern uns. Doch vieles kann er uns heute noch sagen über Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden, und er erzählt wirklich unterhaltsam, humorvoll und fesselnd. Denn er war ein Schwarzwälder von echtem Schrot und Korn, der den Leuten aufs Maul und ins Herz schaute und zeitlebens kein Blatt vor den Mund nahm, auch nicht vor der weltlichen und kirchlichen Obrigkeit. Was uns hier aber beschäftigen soll und hoffentlich erfreuen wird, ist die Erwähnung unserer Heimatstadt in seinen Büchern. Ich will diese Texte der Vergessenheit entreissen, sie „beschreien“, wie Hansjakob sagt. Sicher gibt es noch mehr als das, was ich gefunden habe, aber diese Auswahl soll einfach Appetit machen.

Bei Hansjakob sprechen auch die Dinge und Tiere: eine hölzerne Backmulde, die zur Madonna umgeschnitzt wurde, eine Hausiererkiste, ein bemooster Stein, eine Tanne, ein alter Birkenreisigbesen und ein Milchkarrengaul.

Aber dann kam ich zum dritten Band, (ich hatte mit dem fünften angefangen). „Der steinerne Mann von Hasle“. Da schämte ich mich. Denn in diesem Buch wird die Geschichte Villingens beschrieben und seiner wechselnden Herren. Warum habe ich das nicht früher entdeckt? Jetzt habe ich es verschlungen. Es scheint aber noch andere in der Zähringerstadt Geborene zu geben, die es nicht kennen. Denen sage ich, dass es noch im Buchhandel zu haben ist, und auch die Stadtbücherei kann ein Dutzend Titel des „Schriftstellers aus der Freiburger Karthaus“ verleihen. Holen Sie sich den steinernen Mann“, und sie werden ein paar amüsante und spannende Stunden erleben.

Waldleute „Der Fürst vom Teufelstein“

Das Kloster Wittichen

„Die Töchter der heiligen Lütgard — denen noch Kaiser Max einen Schutzbrief verlieh, dass die Ritter der Umgegend auf der Jagd sie nicht mit Hunden und ihrem Gefolge belästigen und stören durften — beteten fast ein halbes Jahrtausend in der Einöde am Wüstenbach, bis der Klostersturm zu Anfang des vorigen Jahrhunderts die fromme Klause aufhob und die fürstenbergische Landesregierung die Wälder und Güter, von denen die Nonnen gelebt, einzog.

Aus dem Beichtiger, den alle Jahrhunderte hindurch das St. Georgenkloster zu Villingen gestellt hatte, wurde ein Pfarrer, und neben diesem wohnte im ehemaligen Klostergebäude ein fürstlicher Revierförster, der Vater des Fürsten vom Teufelstein.“

Waldleute „Theodor, der Seifensieder“

Badische Revolution 1848/49; im Freiburger „Preussischen Gefängnis“

„In der Freiburger Zeitung, welche täglich zu den Gefangenen kam, waren Todesurteil und Vollstreckung jeweils publiziert, und die Leute konnten sich die Lehre merken: ,So geht’s, wenn man Revolution macht und unterliegt.““

Hätte die Revolution gesiegt, wären die jetzt Erschossenen als Helden gefeiert worden, so aber ruhen sie ehrlos im Grab in einer Welt, auf der allezeit Gewalt Recht und der Erfolg König war.

Ein eigenartiger Gefangener kam am 25. August zu unseren Kinzigtälern, ein ,junger Freischärler“, kaum 3 1/2 Fuß hoch und kaum 15 Jahre alt.

Er war aus Villingen und mit einer Kompanie ,des Aufgebots“ als Tambour ausgerückt. Zu allen Treffen hatte er, kühn voran, die Trommel geschlagen in passenden Momenten auch selbst gefeuert mit einem Karabiner, den er über dem Rücken trug.

Als die republikanische Infanterie sich nicht tapfer genug hielt, ging er zur Artillerie, wo nur gediente Soldaten stunden und wo er mehr Tapferkeit sah, und trommelte diesen zum Feuern.

Bei der Retirade war er in die Schweiz entkommen, von wo er mit Sack und Pack, mit Trommel und Karabiner über der Schulter wieder über die Grenze ging, um heimzukehren.

In Lörrach wurde er verhaftet und nach Freiburg gebracht, wo Gefangene waren, die dem Knaben bezeugten, dass er im größten Feuer tapfer ausgehalten habe.

Am Tage nach seiner Ankunft war Parade. Auf dieser ließen sich die preussischen Offiziere den jungen Helden in voller Ausrüstung vorführen. Mutig und unerschrocken gebärdete er sich dabei, so dass die Offiziere unter sich für ihn Geld sammelten, und es hieß, er solle nach Preussen in eine Erziehungsanstalt gebracht werden.

Daraus wurde aber nichts. Ich erkundigte mich nach dem ferneren Schicksal des tapferen Knaben, von welchem Theodor, der Seifensieder, nichts weiter wusste.

Wie schnell die Menschen und selbst die Helden im kleinen vergessen werden, zeigt der kleine Freischärler. Fast niemand in Villingen wollte mehr was von dem Knaben wissen, und nur ein einziger, ganz alter Mann, kannte ihn noch. Dessen Angaben nach war der Tambour der Sohn eines armen Taglöhners und hieß Jakob Schwämmle. Sein Vater soll ein origineller Mann gewesen sein, der gern große, gewählte Sprüche machte, die dann sein Sohn Jaköble in Taten umsetzte. Nach der Revolution und nach kurzer Gefangenschaft kam der junge Schwämmle heim, wollte aber zu keiner ernsten Arbeit mehr taugen. Die Gemeinde gab ihm darum das Reisegeld nach Amerika, wo er längst gestorben sein soll.

Erinnerungen einer alten Schwarzwälderin

„Selbst Prinz Eugenius, der edle Ritter, brachte der Soldaten-Patronin zu Triberg (Maria zur Tanne) seine Huldigung dar. Dies geschah, als er im Juli 1704 von Rastatt heranzog, um den französischen General Tallard, der Villingen belagerte, zu vertreiben. Der Franzose hatte aber, als der Prinz kam, die Belagerung bereits aufgegeben, da die Bürger sich mannhaft gewehrt. Eugenius lobte bei seinem Eintritt in die Stadt die Tapferkeit der Villinger, und auf seine Frage, welche Gnade er ihnen beim Kaiser für ihr Wohlverhalten erbitten solle, gaben die Ratsherren zur Antwort: ,Wir wollen nichts als Brot, Pulver und Blei!“ Die Antwort macht den Villingern heute noch alle Ehre, und es ist sehr fraglich, ob unter ähnlichen Umständen in unseren Tagen ein Eugenius eine ebenso mannhafte Antwort bekäme.“

Meine Madonna

„Zweimal neun Bürger von Haslach“ machen sich auf den Weg zum Fürsten von Fürstenberg, um eine Petition zu überreichen, sich über den Obervogt zu beschweren und eine drohende Strafaktion wegen einer „Revolte“ abzuwenden. In Schiltach, wo sie übernachten, hören sie um Mitternacht einen Reiter vorbeisprengen. Sie erfahren, dass der Obervogt ihn geschickt hat, um ihnen in Donaueschingen zuvorzukommen, und sie hören, dass sie dort verhaftet werden sollen.

Und nun wieder original Hansjakob: „In der gleichen Nacht noch lässt der Wächter von Villingen die Burger von Hasle in seine Stadt ein. Sie nehmen im ,Wilden Mann“ Herberge, und der Stubenwirt und der Schlosser Hermann suchen mit dem Färber Tobias Hansjakob einen ‚Studenten“ auf, der ihnen das ‚Memorial“ an den Fürsten aufsetzen soll. Im Besitz dieses Schriftstücks setzen sie ihren Weg fort, umkreisen vorsichtig Donaueschingen und landen in Geisingen, wo sie erfahren, dass der Fürst im benachbarten Kirchtal jage.“

Erinnerungen einer alten Schwarzwälderin

„Aber auch geistliche Herren kamen noch zu den armen Leuten in der Fledermausgasse. So der Kaplan Dufner, der Pater Hippolyt Dufner und der Pater Josef Schlotterbeck, die letzten zwei Ex-Franziskaner, der eine aus dem Kloster in Offenburg, der andere aus dem in Villingen.

Josef II. hat diese Konvente eben aufgehoben und mehrere Franziskaner lebten nun an der Wallfahrtskirche in Triberg als Beichtiger.

Im Löwen in Hasle waren die Geistlichen des Städtchens und der Umgegend jede Woche einmal zusammengekommen, und der Löwenwirt hatte sie umsonst bewirtet. Drum besuchten sie ihn auch noch, da er arm geworden war.“

„Die Aebte der Benediktiner-Stifte St. Blasien, St. Peter und St. Georgen —Villingen hatten schon im 17. Jahrhundert in ihren Gebieten, meist einsamen Waldgegenden, wo das Holz wertlos war, Glashütten angelegt. Arme Leute vom Wald trugen diese Glaswaren mit Stroh umhüllt in ihren ,Grätzen ins nächstgelegene Land und zogen damit von Haus zu Haus. Sie hießen im Volk allgemein, Glasträger“.

Hansjakob singt das Lob des Obervogts Huber aus Triberg:

„Das war einer, ein Beamter von Gottes Gnaden!“ Er half den Armen, wo es nur ging, verbesserte mit guten Ideen das Leben der Bauern und war begabt auf vielen Gebieten.

„Zahllose Pfade hat er geebnet für Fuhrwerke und, ohne eine andere Unterstützung als die Hände der von ihm gewonnenen und begeisterten Bauern, zwei große neue Bergstraßen, eine nach Villingen und die andere nach Haslach, gebaut.“

Mit der Erziehung zweier „Tanten“ im Kloster St. Ursula ist der kleine Heinrich nicht ganz einverstanden:

„Mein Großvater hatte nur drei Kinder, lauter Maidle, die zwei jüngeren aber, nach dem er ein ‚Handelsherr“ geworden war, im Kloster Villingen ‚ausbilden“ lassen.

Worin diese Bildung mir gegenüber bestand, das zeigte sich in einer Art, die allein mich zum Gegner der sogenannten besseren Bildung hätte machen können.

Das erste, was die zwei Gänse mir, dem fünfjährigen Buben, anbefahlen, als sie in meiner Erkenntnis aufstiegen, war, dass ich sie ,per Sie“ und als ‚Tanten“ anreden musste.

Das schöne alte Wort ‚Base“ und die Anrede ‚Ihr“ waren ihnen zu ordinär für ihre Bildung.

Auch meine Freundin, die Hausiererkiste, hatte sich über die zwei Pensionats-Grillen zu beklagen. Sie erzählt: ,Kaum waren die Henrike und die Auguste das erstemal von Villingen in die Ferien gekommen und hatten mich immer noch in dem kleinen Magazin stehend, erblickt, als sie zur Mutter — der Vater war in seinem (Garten-) Häuschen — sagten: ,Aber diese wüste, alte Kiste gehört jetzt einmal auf die Bühne.“ Die Kiste erinnerte ja an die Zeit, da der Vater ein armer Hausierer war, und Hausiererstöchter wollten die zwei Dämchen beileibe nimmer sein, sie schämten sich, wie so viele männliche und weibliche Schafe aller Zeiten, des ehemaligen Standes ihres Vaters.“

Woher stammt unsere Villinger Nationalhymne,

das Burgerlied. Die Wolfacher spielten am

Fasnachtsdienstag mit Vorliebe den „Munderkinger

Landsturm“, und alle „Völker“ aus dem oberen

Kinzigtal zogen Wolfe zu, um sich an diesem Stück

zu ergötzen.

Hansjakob: „Der nicht sehr empfehlenswerte

Dialektdichter Wasmann hat bekanntlich einen

Ausfall seiner Landsleute an der Donau, der

Munderkinge im Jahre 1798 persifliert.

Der Sang hebt an:

Auf, auf, ihr Burger, stauhd ins G’wehrl

D‘ Franzosa rucket ei,

Se breachet scho wia’s Teufels Heer

Bei isere Feldere rei.

Ihr Burger, fasset Mut und List,

Sonst goht es hinterfür,

Verkloibet Toar mit Dreck und Mist,

Und teand da Riegel für!“

Das Heldengedicht schildert dann, wie sie auszo-

gen, die wackeren Munderkinger, der Schultheiss

voran mit einem geweihten Säbel, mit der

Feuerspritz, gefüllt mit heissem Wasser, und mit

Büchsen, gefüllt mit Erbsen.

Und es schliesst mit der Rede eines Burgers an sein

Weib, das mit einer Lade voll Erbsen ihn begleitet,

und der nach einem Fehlschuss also spricht:

„Komm Urschel, komm, mer meand jetzt hoi, Mei

Schiasserei hoisst nix,

Du hollst zwoi nuie Flintastoi

Und au mei Doppelbüchs.

Des isch a Büchs, so geit’s koi Büchs,

Schiar Erbselad goht nei,

Es fehlt ihr nu de Hah‘, sost nix,

No seand d‘ Franzose mei.“

Da müsste uns doch einiges bekannt vorkommen.

Ein Studienfreund Hansjakobs, Pfarrer Gramlich,

der aber „Döderlein“ genannt wurde, starb aus Gram darüber, dass er gegen seinen Willen versetzt wurde. „Bei den Buren war er beliebt und seinem Leichanzug folgten ganze Völker von Kinzigtälern und Schapbachern.

Und um mich, der ich in der Konviktszeit gerne mit ihm verkehrte, hatte er später ein ganz besonderes Verdienst. Er lieferte mir, solange er auf dem hohen Schwarzwald, bei Villingen, Pfarrer war, die Preiselbeeren, jene würzige Waldfrucht, beliebt als ‚Beilage“ zum Ochsenfleisch.“

Liebe Leserinnen und Leser des Jahresheftes, haben sie ein wenig Appetit bekommen? Nicht nur auf Ochsenfleisch mit Preiselbeeren, sondern auf eine längere Lektüre von Heinrich Hansjakob! Vor allem auch auf den „steinernen Mann von Hasle“! Vielleicht machen Sie selbst noch ein paar neue „Villinger Entdeckungen“.