Splitter zur Geschichte des Alten Rathauses (Redaktion)

Beitrag von Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums am Romäusring

 

Das Team der Schülerinnen und Schüler der Klasse 11 c mit ihrem Lehrer vor der Tür des Alten Rathauses in Villingen. Von links: Bernd Schenkel, Benedikt Scherr, Julia Wimmer, Hermann Schlenker, Claudia Westerndorf und Nicola Ziganki (auf dem Bild fehlt Julian Hirt).

 

Es ist immer wieder erstaunlich, wie Studiendirektor Bernd Schenkel, Geschichtslehrer am Gymnasium am Romäusring, Schülerinnen und Schüler motivieren kann, ein Stück Geschichte ihrer Heimatstadt zu erkunden und zu dokumentieren. Im Jahr 2000 legte die Arbeitsgemeinschaft Geschichte eine Dokumentation über Villingens ältestes Gebäude mit dem Titel „Die Altstadtkirche“ vor, die der Geschichts- und Heimatverein in seinem Jahresheft würdigte. Im vergangenen Jahr beleuchtete eine Arbeitsgemeinschaft vom Ro-mäusring-Gymnasium in anderer Besetzung das vielschichtige Thema von der Gründung des Südweststaates, dem im GHV-Jahrbuch „Villingen im Wandel der Zeit“ viel Platz eingeräumt wurde. Auch in diesem Jahr erfreut Bernd Schenkel mit sechs Schülerinnen und Schülern der Klasse 11 c die Geschichtsfreunde wieder mit einem gelungenen Beitrag zur Villinger Historie. „Splitter zur Geschichte des Alten Rathauses“ ist die Broschüre betitelt, in der alles das festgehalten wurde, was die Jungen und Mädchen bei ihren intensiven Recherchen heraus gefunden haben. Auf 40 DIN-A4-Seiten haben sie niedergeschrieben und mit zahlreichen, historischen Fotos und aktuellen Bildern, Plänen, Schriftstücken dokumentiert, welche wechselvolle Geschichte das Gebäude — oder richtiger gesagt: die Gebäude, denn das politische Leben spielte sich damals in mehreren Häusern ab — im Herzen der Zähringerstadt über fast 600 Jahre hinweg erlebt hat.

Julia Wimmer, Nicola Ziganki, Julian Hirt, Benedikt Scherr und Hermann Schlenker sind Schenkels Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Klasse 11 c, die sich mit Villingens Vergangenheit befasst haben.

Was das Team vorgelegt hat, kann sich wahrlich sehen lassen. Die Elftklässler sind offensichtlich mit viel Spaß an ihre Aufgabe herangegangen. Das ist beim Lesen deutlich zu spüren. Sie haben ihre umfangreichen, aussagekräftigen Recherchen lokker, lebendig in gut verständlicher Sprache zu Papier gebracht. Dabei glänzen sie mit vielen neuerworbenen Geschichtskenntnissen. Dies haben sie durch Besuche im Stadtarchiv und in den Museen sowie bei verschiedenen städtischen Dienststellen, wo Gespräche mit kompetenten Leuten geführt wurden, erworben. Beim Studium der heimischen Geschichtsliteratur (dazu gehörten auch die Jahreshefte des GHV) gewannen sie wichtige Erkenntnisse über die Historie des Rathauses. Und natürlich bei zahlreichen Besichtigungen vor Ort. Mit dem Messner des Villinger Münsters kletterten sie auf die Türme des Gotteshauses und nahmen ihr „Operationsgebiet“ aus luftiger Höhe in Augenschein. Kurz und gut: Sie haben ganze Arbeit geleistet.

Mit den Fragen, die sich die Schülerinnen und Schüler am Anfang ihrer Ermittlungen gestellt haben, überschreiben sie auch die einzelnen Kapitel. Auf ein rundes Dutzend solcher Fragen geben sie, soweit das auf Grund gesicherter Erkenntnisse überhaupt möglich ist, Antworten und belegen klar und sachlich.

So erfährt der Leser, wo sich früher der Eingang zum Rathaus befand, aus wie viel Häusern es besteht, wie es sich entwickelt hat und was sich früher auf dem Vorplatz befand. Seine Funktion im Laufe der Jahrhunderte wird genau so beleuchtet wie der Wandel seines Aussehens. Dabei spielt besonders die Gestaltung der Außenfassade, die ja bekanntlich erst Ende der 90-er Jahre für reichlich Diskussionsstoff sorgte, eine wichtige Rolle.

Sie brachten ihre Forschungsergebnisse nicht nur zu Papier, sondern stellten sie auch öffentlich vor. Das war am 18. Mai 2003, dem Internationalen Museumstag und zwar am „Tatort“, im Alten Rathaus. Das Projekt fand großes Interesse und die zahlreichen Besucher spendeten dem Team vom Romäusring-Gymnasium und ihrem Geschichtslehrer herzlich Beifall bei der Präsentation ihrer Schrift. Diese war übrigens schnell vergriffen und musste nachgedruckt werden. Das ist inzwischen geschehen. Im Museumsshop im Franziskaner liegt die sehr informative Schrift aus und kann für 7,50 Euro erworben werden. Der Geschichts- und Heimatverein kann diesen Kauf nur empfehlen.

In dem Heft ist auch ein Beitrag von Wolfgang Duffner enthalten, der sich auf der Grundlage Villinger Ratsprotokolle mit Hexenprozessen des 16. und 17. Jahrhunderts beschäftigt. Dem Hexenwahn fielen in Villingen rund 50 Bürgerinnen und Bürger zum Opfer. Die Gerichtsverhandlungen fanden zum größten Teil im Rathaus statt und gehören somit auch zur Rathausgeschichte. Eines dieser Hexenschicksale drucken wir hier, mit freundlicher Genehmigung des Verfassers Wolfgang Duffner ab.

Die unwürdige Hexe

Nach den Ratsprotokollen der Stadt Villingen

Als die Anna Morgin, Witwe des Bauernhans zu Villingen, im Jahre 1641 wegen Hexerei angeklagt und verurteilt wurde, bot sie durch ihr eigenartiges Verhalten noch lange Gesprächsstoff für alle Rats-und Wohn- und Wirtsstuben, bis weit über die Stadt hinaus. Dass die Morgin schuldig war, war klar, und die Richter waren ehrenwerte Leute. Selbst der Abt Gaisser, ein angesehener Mann, der, nach eigenem Eingeständnis, nicht immer frei von humanen Anwandlungen war, fand das Vorgehen des Hohen Rats der Stadt nicht anders als löblich. Hatte sie, die Morgin, nicht selbst nach einigen strengen Verhören zugegeben, sich mit dem bösen Feind eingelassen zu haben? Hatte dieser böse Feind, Cäsperlin geheißen, sich nicht als Wolf, Wettermacher und Rossschänder betätigt? Und hatte dieser böse Feind sie nicht dazu verführt, Gott und alle Heiligen zu leugnen wie auch seine Stellvertreter?

Beim Internationalen Museumstag 2003 präsentierten die Mädchen und Jungen der Klasse 11 c ihre „Splitter zur Geschichte des Alten Rathauses“ und erfreuten ein aufmerksames und begeistertes Publikum.

 

Mit dieser Broschüre beleuchteten Jungen und Mädchen der Klasse 11 c vom Romäusring-Gymnasium die Geschichte des Alten Rathauses.

 

Das Urteil geschah nach gutem Recht, der Scheiterhaufen war nur eine Formsache, und die Veranstaltung war ordnungsgemäß ausgeschrieben. Nur hatte keiner mit der Verurteilten gerechnet, die noch einmal einen erstaunlichen Beweis ihres unbotmäßigen und aufsässigen Lebens liefern sollte.

Kurz vor ihrer Verbrennung erzählte nämlich die Morgin ihrem Stubenwächter, dass es ihr zu kalt sei. Und der Wächter, ein junger, unerfahrener Mann ohne Routine und gesunde Härte, ging, wider jegliche Vorschrift, hinaus, um das Feuer im Ofen zu schüren. Als er aber zurückkam, sah er die Frau regungslos auf dem Boden liegen, der Kopf in einer riesigen Blutlache. Obwohl gefesselt und geschwächt von den vorausgegangenen strengen Verhören, war es der Morgin gelungen, mit dem Messer, das der einfältige Wächter auf dem Tisch hatte liegen lassen, sich in Hals und Gurgel zu stechen. Sie schnarchte böse in ihrem Blut, und nur ein kümmerlicher Rest von Atem kam durch die durchgestochene Gurgel. Dies geschah zwischen zehn und elf am Morgen des ersten Juni.

Der Wächter, der mit einer für ihn jetzt selbst unangenehmen Untersuchung beziehungsweise einem Disziplinarverfahren rechnen musste, war hell entsetzt. Auf sein Geschrei hin eilte der Capellan J. C. Armbruster herbei. Er fand Maul und Augen der Hexe nach innen gekehrt und außer ein bisschen Schnarchen alles so gut wie tot. Er schlug das Kreuz und rannte zur Non. Zwei Ärzte untersuchten die Wunden am Hals der Selbstmörderin und wunderten sich nicht wenig über die platziert und nicht ohne Geschick ausgeführten Einstiche. Als sie der Abgetretenen einen kleinen Schubs gaben, rollte sie schwer wie ein Klotz zur Seite; sie konnten kein Lebenszeichen an ihr finden. Sie schickten noch den Stadtknecht, der stach ihr in Waden, Füße und Sohlen, aber sie rührte sich nicht. Da war es klar und bewiesen, dass die Morgin abgegangen war.

Der Scharfrichter und sein Knecht warfen die Leiche auf den Karren und fuhren sie zur Richtstatt. Dort hatte sich der Platz etwas geleert, nachdem bekannt geworden war, dass es nur zu einer Verbrennung der Leich käme. Nur einige Unentwegte und Spaziergänger, die sich in der Natur ergingen, waren zurückgeblieben. Auch war es ein besonders schöner, stimmungsvoller Frühsommertag, die Lindenbäume blühten, die Vögelein zwitscherten, und man hatte einen prächtigen Ausblick. Der Knecht zog die Leich an Stricken zum Reisighaufen hinauf, dann zündete er ihn an. Als aber das Feuer die Leich erreichte, hatte diese plötzlich eine Stimm und fing ganz grässlich an zu schreien, wie nur eine Hexe schreien kann, und wälzte sich so lange auf dem Reisig, bis sie auf die Erde plumpste. Sie gab einen langen Seufzer von sich, lag aber sonst wie tot da, und so packte sie der Scharfrichter und warf sie aufs Holz zurück. Da riss sie wieder den Mund auf und begann so fürchterlich und langanhaltend zu schreien, dass viele Zuschauer es gar nicht mehr vergnüglich fanden und davonliefen. Und wieder arbeitete die Leich sich vom Reisig weg zur Erde vor, dort blieb sie erschöpft und am Ende ihrer Kräfte liegen. Ihr Haar war schon abgebrannt, Gesicht und Hals geschwärzt, die Kleider ange-

 

brannt; sie stank höllisch. Da waren aber zwei Frauen von der Stadt, die hießen Anna Maria und Lucia Trautweinin, die gingen zu ihr und fragten sie, ob sie beichten wolle, es traten auch andere hinzu und ermahnten die zu scheinbarem Leben erwachte Hexe mit freundlichen Worten, das wilde Schreien und Jammern zu unterlassen und nicht an Gottes Güte und Barmherzigkeit zu zweifeln. Als einer von den Franziskanern auftauchte, war sie immer noch am Leben. Der Mönch kniete bei ihr nieder, und da er nicht wusste, wie viel Zeit ihr noch bliebe, forderte er sie auf, sich möglichst kurz zu fassen. Er hörte sie aber doch bis zum Ende an, betete mit ihr fünf Vaterunser und fünf Avemaria, und da sie immer noch lebte, fragte er sie, ob sie die Wegzehrung wolle. Als sie mit dem Kopf nickte, gab er ihr gleich zu verstehen, dass es noch weit zur Kirche sei und sie unterwegs sterben könne und sie erwiderte mit kaum hörbarer Stimme, dass man es ja probieren könne.

Bis kurz nach sieben tagte der Rat, und nur zwei kurze Kaffeepausen dazwischen. Sie wollten wissen, woher die Morgin das Messer habe und ob sie denn keine Ehrfurcht vor dem Leben habe und ob sie auch bedacht habe, in welchen Ruf sie die ganze Stadt bringen könnte, wo sie der öffentlichen Ordnung so schweren Schaden zugefügt, auch der Stadt zusätzliche Kosten verursacht habe. Und so fort. Sie hatte Mühe, darauf zu antworten. Sie erklärte aber zum Beispiel, dass sie nicht mehr die Kraft gehabt habe, nach allem, was vorausgegangen sei, besser zuzustechen, und das tue ihr von Herzen leid. Sie sei bereit zu sterben, aber nicht im Feuer, ihr wäre ein anderer Tod lieber, zum Beispiel durchs Schwert, das wäre ein Segen. Auch habe sie ihrer Vaterstadt keinen Schaden zufügen wollen, denn sie hänge auch jetzt noch an ihrer Stadt, die ja nur ihr Bestes wolle, und sie bitte um einen schönen Tod. Und wie sie immer nur vom Tod daherredete, schüttelten die Herren vom Rat die Köpfe, ein bisschen enttäuscht und ratlos, aber nicht unfreundlich, das Seelenheil schien die Morgin wenig zu interessieren und von Demut keine Spur. Natürlich gab es auch einige, die laut sagten, was sie dachten: da macht man ihr einen anständigen Prozess, hält sich genau an die Paragraphen, und dann das!

Der Franziskaner kümmerte sich um sie, nachdem man sie ausgiebig befragt hatte, er war es auch, der ihr die letzte Wegzehrung gab. Man brachte ihr Brot und Wein ins Stübchen, sorgte für Wärme und Licht und lieferte so manchen lieben Beweis christlicher Barmherzigkeit. Sie selbst begann, sich von den Anstrengungen der letzten Tage zu erholen, ihr Gesicht hellte sich auf, sie fragte sogar nach ihren Bienen und schien nicht ohne Zuversicht. So gestärkt und getröstet, wurde die Anna Morgin zwei Tage später noch einmal zur Richtstatt befördert. Der Priester gab ihr die Absolution, der Scharfrichter half ihr behutsam auf den Reisighaufen, und die Zuschauer schauten verständnisvoll und ohne Hass. Dies geschah am Morgen des dritten Juni.