Der Schwarzwälder Geigenbauvon 1600 bis heute (Wolfgang Kury)

Olga Adelmann (Geigenbaumeisterin und Restauratorin im Museum für Musikinstrumente in Berlin) hat 1989 mit ihrer Publikation „Die Alemannische Schule. Geigenbau des 17. Jahrhunderts im südlichen Schwarzwald und in der Schweiz“ diese Form der Geigenbaukunst wiederentdeckt und in der Fachwelt bekannt gemacht. Manche Heimatforscher begannen schon damals, für das heutige Vorhaben unserer Ausstellung einen wichtigen Grundstein zu legen. Noch vor dem Erscheinen der Publikation hegte der bekannte Geigenbaumeister Hans Schicker in Freiburg die Idee, mehr über unsere Vorfahren im Schwarzwald herauszufinden. Durch häufigeren Kontakt mit Wolfgang Kury reifte diese Idee zu dem Vorhaben, eine Ausstellung machen zu wollen. So ist es den beiden Geigenbaumeistern Hans Schicker (Freiburg) (inzwischen leider verstorben) und Wolfgang Kury (Villingen-Schwenningen) zu verdanken, dass weitere genealogische Recherchen in Tauf- und Sterbebüchern in der Region stattfanden — ausgehend von den ersten fassbaren Schwarzwälder Geigenbauern, Adam Kirner (um 1600 — vor 1654), Josef Meyer (um 1610 — 1682) und Franz Straub (um 1640 — um 1696) — daraus ergaben sich jedoch viele neue Erkenntnisse, die erstmals in dieser Ausstellung und der begleitenden Publikation zusammenfassend dargestellt werden können. Dank sei hier auch Robert Meister (Villingen-Schwenningen) gesagt, der durch seinen begeisterten und sehr aktiven Einsatz zum Vorankommen sehr viel beiträgt.

Die Recherchearbeiten übernahmen hierfür: Birgit Matt-Willmatt (Freiburg), Emil Ketterer (Unadingen), Konrad und Lilly Sutter (Waldshut) und Kurt Hodapp (Waldshut und Neustadt).

 

 

 

 

 

 

 

Die erste Erwähnung des Schwarzwälder Geigenbaus fanden wir bis jetzt durch eine Hofübernahme des Geigenbauers Adam Kirner am 8. November 1628. Der Stiefsohn (des Adam Kirner) Josef Meyer lernt den Geigenbau beim Stiefvater (dies ist uns durch einen Nachbarstreit am 17. November 1653 aktenkundig) und gilt dann als Lehrmeister für alle weiteren Geigenbauer im Schwarzwald. Durch baustilistische Verwandtschaft und regionale Nähe können als Schüler von Josef Meyer folgende Geigenbauer angenommen werden: Franz Straub, der in Friedenweiler dann arbeitete und der Stammvater von 6 Generationen und 20 Geigenbauern seiner Sippe wurde, Johann Konrad Stoppel, der nach Waldshut ging und dort den Waldshuter Geigenbau begründete und Hans Krouchdaler, der nach Bern in die Schweiz zurückkehrte, um nur die wichtigsten zu nennen. Für die meisten Geigenbauer aus der Straubfamilie ist es für uns aktenkundig, dass sie den Geigenbau als Nebenerwerb ausführten. So wissen wir, dass sie teilweise noch ein Gasthaus (Wirtschaft) betrieben und manche sogar zusätzlich noch Bauer waren.

 

 

 

 

 

So kann es auch zu erklären sein, dass uns zu den meisten Geigenbauern bis jetzt noch keine Instrumente bekannt sind, weil diese in nur sehr geringer Anzahl Instrumente gefertigt hatten. Von den Straubvertretern um 1800 sind uns einige Instrumente erhalten und zeigen uns einen sehr typischen Stil der Bautradition, welche sich um 1640 entwickelte. Diese wurde dann um 1790 vom neuzeitlichen Baustil (= Wölbung italienisch) stark beeinflusst. Wie wichtig den Schwarzwäldern ihre Bautradition war, zeigt wie sie an ihren wesentlichen Stilmerkmalen und Konstruktionseigenheiten festhielten und bis zum Niedergang 1854 mit Johann Georg Straub beibehielten. Gründe für den Niedergang waren sicher erschwerte Absatzmärkte, jedoch auch die an der alten Tradition festhaltende Arbeitsweise, welche einem alten Klangideal entsprach.

 

 

 

 

 

 

So hielten diese Instrumente nicht mehr dem groß klingenden modernen Klanggeschmack der Zeit stand. Der Waldshuter Geigenbau umfasst sechs Geigenbauer, die in späterer Zeit dann teilweise nach Freiburg abwanderten. So zum Beispiel die Familie Ergele (nannten sich später wegen der französischen Besatzung und Aussprache der Franzosen Erggelet, denn sie wurden Ärschle gerufen). Aus der Familie Ergele/Erggelet wird dann ein Quintett in der Ausstellung zu sehen sein und am 4. Juli 2004 im Franziskaner Konzerthaus in einem Konzert zu hören sein, wie auch wichtige Vertreter der anderen Schwarzwälder Geigenbaufamilien.

Die Ausstellung wird am 15. Mai 2004 um 19 Uhr im Franziskanermuseum eröffnet und möchte an Wochenenden zu dieser Zeit durch evtl. Vorträge, eine Geigenbauertagung sowie auch eine Schauwerkstatt über das Fachpublikum hinaus Laien für das Thema interessieren. Als kulturelles Begleitprogramm zum Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ verbindet die Ausstellung Musik- und Regionalgeschichte vorbildlich. Die Ausstellung möchte die entdeckten aktenkundigen Lebensgegebenheiten der Geigenmacher anschaulich in Szene setzen. Geschichten wie vom Streitfall am Feldberg, bei dem ein Ahornbaum verbotenerweise abgehackt wurde, oder von Beschimpfungen eines betrunkenen Geigenbauers und der damit verbundenen Bestrafung, von dem sozialen Zusammenleben und den familiären Gepflogenheiten, der häufigen Vielseitigkeit der Handwerker, oder von aufspielenden Geigenbauer in Wirtshäusern und dem Ensemblespiel im kirchlichen Bereich. So soll der Zuschauer durch einzelne Bühnenbilder wandeln und das Dargestellte spannend erleben können und so auch einen Eindruck bekommen von dem zu dieser Zeit üblichen harten Leben im Schwarzwald.

 

 

Der Ausstellungsbesucher soll den Werdegang einer Geige praktisch erleben können, sowie auch die Besonderheiten der Schwarzwälder Instrumente im Vergleich zur heutigen Arbeitsweise kennen lernen.

Neben der bildlichen Darstellung der Ausstellung werden ca. 30 einzigartige und wertvolle Instrumente, teilweise sehr reizvoll durch ihre aufwändige Intarsienverzierung zu sehen sein. Wir hoffen, bis zur Eröffnung der Ausstellung auf viele Fragen noch Antworten zu bekommen, es kann jedoch jetzt schon ein hochinteressantes und in diesem Umfang einmaliges Ausstellungsunternehmen versprochen werden. Hier bleibt uns nur noch zu wünschen, dass sich unerwarteter Weise der Stadtsäckel für unsere Ausstellung füllen wird, und eine Menschenschar an spendenfreudigen Unterstützern sich an uns wendet.