Blick durch’s Schlüsselloch: Ein Exponat der Ausstellung „Schwarzwälder Geigenbau“ (Anita Auer)

Schwarzwälder Geigen sind bei weitem nicht so berühmt wie Schwarzwälder Uhren, Schinken oder Kirschtorte. Dass der Schwarzwald einst auch ein Zentrum des Geigenbaus war, ist nur den wenigsten bekannt. Umso interessanter sind die Zeugnisse, die diesen Handwerkszweig belegen oder illustrieren helfen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Schild einer Musikuhr aus der Sammlung des Franziskanermuseums bietet einen ungewöhnlichen Einstieg in das Thema. Das Schild ist mit 44 x 64 cm sehr groß, was sich aus der Größe des Uhr- und Musikwerks ergibt, dem es vorgesetzt ist. Denn der Sinn des Uhrschildes bestand — neben dem Hauptzweck, Träger des Zifferblattes zu sein — darin, Werk und Glocke zu verbergen. Dem quadratischen Schild wurde daher ein Halbkreis aufgesetzt, der im Durchmesser etwas kleiner war und die Glocke verdeckte. Während die Zwickel, welche das Zifferblatt freilässt, häufig mit ornamentalen Blumen („Apfelrosen“) verziert sind, bietet dieser Halbkreis Raum für figürliche Darstellungen. Im vorliegenden Fall ist hier eine Genreszene, eine typische Situation aus dem Alltag der damaligen Zeit, dargestellt.

Zwei Musikanten stehen mit einem Affen oder einer Meerkatze auf einem Dorfplatz zwischen zwei Wirtshäusern, den aushängenden Schildern nach zu urteilen „Zum Bären“ und „Zum Wilden Mann“. Der rechte Musikant spielt auf einer Geige, der andere auf einer Querflöte. Beide Spielleute sind aufwändig und einheitlich kostümiert. Sie tragen rote Zipfelmützen und eine rote Schoßjacke mit kurzen Ärmeln, deren Saum mit Goldborten geschmückt ist. Unter der Schoßjacke ist ein blaues Hemd mit langen Puffärmeln zu sehen. Blaue lange Pluderhosen komplettieren das Ganze. Mit schwarzen Haaren und außergewöhnlicher Barttracht (Schnurr- und Kinnbart) wirken die beiden sehr exotisch. Der Affe verstärkt diesen Eindruck. Er sitzt auf einer vertikalen Stange, die zwischen den Musikanten steht. Die Kletterstange, an welcher der Affe angekettet ist, ist an einer Säule befestigt, die mit gelbroten Bändern umwickelt ist. Der Affe ist ebenfalls auffallend gekleidet. Auf dem Kopf trägt er einen Zweispitz sowie eine blaue Uniform mit Säbel. Um die Säule, welche die Darstellung zentriert und in nahezu symmetrische Hälften teilt, ist eine Art Absperrung oder Sitzbank angeordnet. Im Hintergrund sieht man hohe Bäume, in denen ein Vogelkäfig hängt und einen Mann mit einer langen Angel, der dem Betrachter den Rücken zuwendet. Dieser Mann steht vor einem Zaun, der den Hintergrund abgrenzt.

 

 

Als sogenannte „Repoussoirfigur“ hat er nur kompositorische Funktion: er soll den Blick des Betrachters wieder auf die zentrale Szene zurückführen und den Eindruck von räumlicher Tiefe vermitteln. Am Himmel fliegen drei große Vögel, rechts im Hintergrund weitere, die nur kürzelhaft wiedergegeben sind. Die Szene ist gut durch komponiert und liebevoll gemalt. Dies erinnert daran, dass einige Künstler als Schildmaler begannen oder dies zunächst als „Brotberuf“ wählten, wie Lucian Reich, Johann Nepomuk Heinemann oder Hans Thoma I. Der Urheber dieses Schildes ist nicht bekannt. Die Beschriftung „Johann Martin Walle“ über dem Zifferblatt bezieht sich wohl eher auf den Besteller und späteren Besitzer der Uhr.

Das Motiv der Spielleute passt zum Typus der Musikuhr, die beim Stundenschlag den „Ton“ zur unbewegten Szene lieferte. II Unter „Spielleuten“ verstand man noch im hohen Mittelalter Unterhaltungskünstler aller Art, die ihren Lebensunterhalt als Fahrende verdienten. Artistische Kunststücke wurden häufig musikalisch untermalt. Erst im 14. Jahrhundert setzte sich allmählich eine Trennung der Begriffe „Gaukler“ und „Spielmann“ durch. Die dargestellten Spielleute sind dies also in der ursprünglichen Bedeutung des Begriffes. Sie begleiten mit ihrer Musik und tänzerischen Bewegungen die Dressurkunststücke des Affen. Eine solche Gruppe war eine „Sensation“ und vermochte die Aufmerksamkeit des gesamten Dorfes auf sich zu ziehen. Kein Wunder, dass ein Schildmaler eine solche Szene wert fand, bildlich festgehalten zu werden. Möglicherweise verwendete er auch eine zeitgenössische Druckgrafik als Vorlage, wie dies häufig bei Uhrschildern der Fall ist.

Die auf dem Uhrschild dargestellte Szene hat mit den Ereignissen in Folge der Französischen Revolution 1789 zu tun. Bereits die Komposition verweist auf vergleichbare Gemälde und Grafiken, die den Tanz um einen Freiheitsbaum darstellen.III Dass die Säule, auf welcher der Affe sitzt, auf einen Freiheitsbaum anspielt, darauf weisen die gelbroten Bänder hin, die sie umwinden: Gelb und Rot sind die Farben der Republik IV. Die beiden Musikanten, die nicht nur in ihrem äußeren Erscheinungsbild, sondern auch durch das Detail des im Baum hängenden Vogelkäfigs V als „Zigeuner“ gekennzeichnet sind, führen eine Art Tanz um den Freiheitsbaum auf. Allerdings konterkariert der Affe als Spottfigur auf Napoleon das Ganze. Ein als Napoleon verkleideter Affe, an einen Freiheitsbaum gekettet, verunglimpft nicht nur die Person des französischen Kaisers, der bald nach 1815 ins lebenslange Exil verbannt wurde, sondern auch das Symbol der Freiheit, die er scheinbar seinem Volk brachte. Offenbar findet das Dargestellte „am Abend“ der Französischen Revolution statt, denn die Bäume, Personen und selbst kleine Steine werfen lange Schatten.

Einen Affen in napoleonischer Kleidung, allerdings als geschnitzte Skulptur, weist auch eine Automatenuhr aus Privatbesitz, datiert um 1890, auf VI. Karikaturen auf Napoleon setzten in der deutschen Druckgrafik erst nach der Völkerschlacht bei Leipzig, 1813, verstärkt ein. VII Das Schild ist somit in die Zeit um 1820 zu datieren, was auch zum schlichten Korpus der Standuhr im Stil des Biedermeier passt.

Die Szene führt einen Nutzungskontext von Geigen (im Schwarzwald) beispielhaft vor. Musikanten spielten zur Unterhaltung der Gäste eines Wirtshauses oder bei Geselligkeiten wie zum Beispiel Hochzeiten auf. Sie benutzten einfache Instrumente, die preiswert und transportabel waren. Die große Standuhr mit diesem außergewöhnlichen Uhrenschild wird in der Ausstellung „Schwarzwälder Geigenbau“ zu sehen sein. Weitere Nutzungskontexte wie Orchester, Kirchen- und Hausmusik sowie Herstellung und Vertrieb der Geigen werden in der Ausstellung ebenfalls behandelt.

Anmerkungen:

I Bender, Gerd: Die Uhrmacher des hohen Schwarzwaldes und ihre Werke, Bd. II, Villingen 1978, S. 351ff.

II Ein Musikautomat von Joseph Mayer, datiert Ende des 19. Jahrhunderts, zeigt ebenfalls eine Zigeunerkapelle, allerdings als geschnitzte Figurengruppe auf einer Bühne, vgl. Kat. Made in Furtwangen. Vom Hausgewerbe zur Uhrenindustrie, hrsg. v. Simone von der Geest, Deutsches Uhrenmuseum Furtwangen 2003, S. 92.

III Vgl. Danelzik-Brüggemann, Christoph: Ereignisse und Bilder. Bildpublizistik und politische Kultur in Deutschland zur Zeit der Französischen Revolution, Berlin 1996, Abb. 3, S. 260 und Becker, Jörg und Karl-Heinz Tekath (Hrsg.): 1794-1814. Franzosen am unteren Niederrhein, S. 4, bei welcher Darstellung der Platz mit den Wirtshäusern ganz ähnlich unserem Uhrenschild charakterisiert ist. Für diese Hinweise danke ich meinem Kollegen, Dr. Michael Hütt.

IV Danelzik-Brüggemann 1996 (wie Anm. 3), S. 90.

V Ebd., S. 95.

VI Van der Geest 2003 (wie Anm. 2), S. 142.

VII Kat. Baden und Württemberg im Zeitalter Napoleons, Württembergisches Landesmuseum Stuttgart 1987, Bd. 1.1, S. 6.