Die „Altstadt“ Quelle (Werner Huger)

 

Wasser von siedlungsgeschichtlicher Bedeutung

Das Wort „Wasser“ fehlt in keiner Sprache der Welt. Das Wasser ist eine der Grundlagen des Lebens. Im Kreislauf des Wassers sind es schließlich immer wieder die Quellen die uns das unverzichtbare Nass spenden. In ihrer siedlungsgeschichtlichen Bedeutung sind sie Auslöser für Standortentscheidungen. Oft bilden sie in der geschichtlichen Entwicklung den Mittelpunkt eines Ortes oder werden über Brunnenzuleitungen zu einem solchen. Wege führen zu ihnen hin, gehen von ihnen aus oder führen als Naturwege an ihnen vorbei. Die Römerstraße von Hüfingen nach Rottweil wurde mit ihrer Trassierung zwischen Donaueschingen und Zollhaus (VS) entlang des Quellhorizonts im Muschelkalk geführt (z. B. Quelle Entenfang). Ihr Ausbau war für diesen Teil der im 1. Jahrhundert n. Chr. von den Römern in Obergermanien hinzu gewonnenen Gebiete verkehrs- und versorgungstechnisch erforderlich. Auf der Westseite der Schichtstufe des Muschelkalks, der Flanke zum Brigachtal, war es nicht anders. Keltische, römische und alemannische Spuren belegen die Nachhaltigkeit der Siedlungsaktivitäten. Im Umfeld der heutigen Villinger Friedhofskirche‚ die als Aussegnungshalle dient, und bis um 1530 Pfarrkirche der Stadt jenseits der Brigach war, lag einst das Dorf, fälschlicherweise gelegentlich als „Altstadt“ bezeichnet.

 

Seit 2001 wird zum ersten Mal die einst siedlungsgeschichtlich bedeutsame Altstadtquelle im heutigen Friedhof über eine künstlerisch gestaltete Brunnenschale oberirdisch abgeleitet. Der gefasste Quellaustritt befindet sich in rund 6 m Tiefe unter Gelände unmittelbar vor der linken Ecke der Brunnenfassung.

 

Als -ingen-Ort geht es über die Spuren unsystematischer Beobachtung von Gräberfeldern (Blutrain, Hohenstein und Altstadtstraße) auf die Zeit nach der Landnahme durch die Alemannen seit 259/60 n.Chr. zurück. Das bei Bodeneingriffen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in einem vermutlichen Reihengräberfeld als Grabbeigabe geborgene Bügelfragment einer bronzenen Gürtelschnalle mit gepunzten Kreisen verweist auf die frühalemannische Zeit des 4. Jahrhunderts.1) Das ist insofern bemerkenswert, weil die Sitte Tote mit ihrer Tracht, ihrem Schmuck und den Waffen, gelegentlich mit Speis und Trank, in mehr oder weniger regelmäßig angeordneten Reihengräbern zu bestatten, hierzulande im späteren 5. Jahrhundert beginnt und in der Zeit um 700 n. Chr. endet.2) Menschen die hier siedelten, d. h. lebten und arbeiteten, benötigten für sich und ihre Tiere Trink- und Brauchwasser. Da ist zunächst die Steppach zu nennen, ein schmales Fließwasser, das seinen Ausgang im rund drei Kilometer entfernten Quellhorizont des Nordstetter Tals nimmt und auf seinem Weg das ehemalige Hofstättengebiet durchquert ehe es in die Brigach mündet. Ein von der Natur dem Dorf vorgegebener infrastruktureller Unterbau ist die stark schüttende Quelle wenige Meter nördlich der alten Kirche im Dorf Villingen. Sie war nicht zuletzt von wirtschaftlich organisatorischer Bedeutung für den sich dort nach 999 entwickelnden Markt. Unmittelbar westlich bei der Quelle als gefasster Brunnen und nächst der Kirche zog einst die Fernverbindung eines Naturwegs von Nord nach Süd vorbei, die im 11. und 12. Jahrhundert zweifellos auch eine Markteschließungsfunktion hatte. Ihre topografische Spur ist noch heute an der Gestaltung des Hauptzugangs im Friedhof ablesbar, führt dieser doch als Weg unmittelbar an der inzwischen oberirdisch neugestalteten Quellbrunnenschale und dem romanischen Kirchturm vorbei. Diese Wasserschüttung steht im Mittelpunkt unserer Betrachtung auf die wir weiter unten zurückkommen. Es gilt zuvor nämlich noch eine dritte Resource der Wasserversorgung zu erwähnen die in Vergessenheit geraten war. Es sind die Hofstätten-Tiefbrunnen, die der individuellen und nicht der allgemeinen Wasserversorgung dienten. Nachdem spätestens im 14. Jahrhundert das Dorf allmählich wüst geworden, d. h. abgegangen war, verfielen auch die Brunnen die zu den Häusern gehört hatten. Bei den Gründungsarbeiten für den Bau des Gymnasiums am Hoptbühl stieß man auf mittelalterliche Siedlungsspuren: zwei Brunnen und ein kurzer Mauerzug.

Die gerade mit der archäologischen Grabung Magdalenenbergle Villingen beschäftigten Mitarbeiter des Instituts für Ur- und Frühgeschichte der Universität Freiburg eilten im Auftrag des damaligen Staatlichen Amtes für Ur- und Frühgeschichte in Freiburg hinzu. Dr. Konrad Spindler und Dr. Gretel Gallay untersuchten 1971 den Brunnen „2“. Dabei ergab sich folgender Befund: „Die Gesamttiefe des Brunnens betrug zum Zeitpunkt der Untersuchung noch 6,5 m. … die ursprüngliche Tiefe ohne Aufbau (ist) auf ca. 7 m zu veranschlagen…“.3) Als der Brunnen aufgelassen worden war wurde er verfüllt. Das Fundgut bestand aus 2880 Einzelknochen und Knochenstücken und zwar als Küchenabfälle (zerschlagene Knochen von Pferd, Rind, Schaf, Ziege?‚ Schwein und Haushuhn), Skelette von weggeworfenen Kadavern getöteter oder eingegangener Tiere sowie Resten einer natürlichen Totengemeinschaft (Frösche, Kröten, Schnecken). „Die Tierknochen sind mit ,13. bis 14. Jahrhundert‘ am besten datiert.“4)

Soweit die Hofstätten des Dorfes über eigene in Trockenmauertechnik abgetiefte Brunnenröhren mit etwa einem Meter Schachtdurchmesser verfügten wurden diese durch den Grundwasserstrom versorgt. Auf dieser Ostseite der Brigach hatte er eine südwestliche Fließrichtung.5) Den mittleren Grundwasserspiegel kann man langfristig mit 704 m NN annehmen. Der jahreszeitliche Schwankungsbereich liegt bei ca. zwei Meter.6) Bei dem verhältnismäßig ausgeglichenen Höhenniveau des Areals der abgegangenen Dorfsiedlung Villingen mit einer geschätzten Nord-Südachse von rund 500 und einer Ost-West-Ausdehnung von etwa 250 Meter7) ist gewährleistet, dass die Brunnen mit ihrem Wasserstand unter Gelände zu jeder Jahreszeit stets ausreichend gefüllt waren.

Wenden wir uns der Altstadtquelle zu. Die Angaben über ihre Schüttungsmenge sind nicht einheitlich. Wir beziehen uns auf die Äußerungen des Geologischen Landesamtes Baden-Württemberg, Freiburg, vom Dezember 1967. Dort heißt es „(Die Friedhofsquelle) schüttet nach Angabe der Wasserwerke Villingen 13 bis 15 l/s.“8) Um es über diese Zahlen zu veranschaulichen: Mit der Quellschüttungsmenge von 13 Sekundenliter wäre eine handelsübliche 160-Liter-Badewanne in rund 12 Sekunden gefüllt (pro Tag = 1123 200 Liter). Wasser im Überfluss für ein mittelalterliches Dorf. Wir deuteten es an: Eine solche Quelle schafft Zentralität. Hier begegnen sich Menschen, jene die um die Quelle herum siedeln andere die sich zum wirtschaftlichen Austausch treffen und wieder andere die ihres Weges durchs Brigachtal ziehen, rasten und ihre Reit- oder Zugtiere tränken. Wir wollen hier nicht die Antike bemühen von der man weiß, dass Quellen geeignet waren Kultstätten zu begründen. Es mag zumindest aber der Gedanke erlaubt sein ob über die existenziell-wirtschaftliche Funktion der Quelle hinaus der überkommene Standort der alten Kirche, wenige Meter daneben, Zufall ist oder traditionelle Wurzeln besitzt.

Die Quelle hatte nicht nur Dorfbrunnenfunktion. Im 11. und 12. Jahrhundert verlagerte sich der Marktort allmählich auf die gegenüberliegende westliche Seite der Brigach. Aus ihm erwuchs die Stadt. In ihr gab es früh, neben wenigen privilegierten Hausbrunnen, in den Gassen und Straßen 28 öffentliche Brunnen.9) Diese erhielten ihren Wasserzufluss vor allem aus den Quellbereichen nördlich und westlich der Stadt. Die Zuleitung erfolgte mittels Deichelröhren (auch: Teichel, Teuchel). Deichel sind bis zu vier Meter lange Rundholzabschnitte, die, eingespannt, von den beiden Stirnseiten her mit zwei Meter langen justierten Deichelbohrern „ausgehöhlt“ werden. Anschließend werden sie mit Muffen zu einem Wasserleitungsstrang verbunden. (Der Verfasser hat um das Jahr 1980 nach Aushebung der Baugrube für die neue Industrie- und Handelskammer am Romäusring ein solches Deichelstück am Rande liegen sehen. Es diente ehemals der Ableitung des Wassers aus der Hubenlochquelle ins Rietviertel oder dem am Hügelfuß liegenden „Heilbad“.) Zur Versorgung von Brunnen in der Stadt trug offensichtlich auch die Altstadtquelle bei.

 

Seit undenklicher Zeit bis 1908 wurde die rund 15 Sekundenliter schüttende Quelle näher bei der einstigen Pfarrkirche und vor der damals noch bestehenden Kirchhofmauer (rechter Bildrand) in einer Brunnenstube gefasst und in die Trinkwasserversorgung eingespeist.

 

Einer späten Nachricht von 1923 entnehmen wir den Satz „Durch die Brunnenstube (der Friedhofsquelle) wurden ca. 8 Brunnen in tiefer gelegenen Teilen der Stadt versorgt . . .“.10) Wir können hier eine Fließstrecke von 700 bis 800 m Länge bei einem Gefälle von einem Meter und mehr ansetzen. Innerhalb der Stadtmauer konnten das Gerberviertel und das Umfeld Niederes Tor erreicht werden. Außerhalb der Mauer im Süden wäre an Versorgungsstränge auf den Gewannen Lantwatten und Schützenwiesen mit den Südachsen Schwedendamm-, Warenburg-, Bleichestraße und deren Querachsen Berthold- und ehemals Karlstraße zu denken. Hier kam es ab dem 19. Jahrhundert zur Siedlungsverdichtung. Auf der direkten Linie zur Stadt wurde auch der Brunnen des Leprosoriums oder Gutleuthauses, einst zwischen Gerwig-und Bertholdstraße, mit Frischwasser versorgt.10a)

Ab 16. August 1869 konnte Villingen von Singen her mit der Eisenbahn erreicht werden.11) Durch die Gleise wurde die Wasserleitung von der Altstadtquelle Richtung Stadt geschnitten und im Boden tangiert. Aus einem „Situations-Plan über die Brunnenleitung vom Kirchhof bis zur Restauration Huber“ des Stadtbaumeisters Kaiser von 1872 ist erkennbar, dass im Bereich der Gleiszone die hölzernen Deicheln durch eiserne ersetzt waren.12) Die Lage der „Restauration Huber“ ist nicht mehr zu klären, gibt doch das älteste Einwohnerbuch von 1884 im Stadtarchiv darauf keine Antwort mehr.

In einer „Kostenberechnung über eine Brunnenleitung vom Kirchhof bis zum Brunnen bei der Restauration Huber. Mit Portlandcementröhren und eine neue Brunnenstube beim Kirchhof“ stellt am 30. Mai 1873 Baumeister Kaiser fest, „Die hölzerne Brunnenleitung bis zum Brunnen bei der Restauration Huber ist morsch und faul …“. Die Restauration lag möglicherweise im Gewann Lantwatten. In der Kostenberechnung13) heißt es weiter „Die alte Brunnenstube ist ebenfalls im Zerfall sie ist nicht wasserdicht hat Schlam, faulen Boden todte Mäuse, Fröschen und allen Arten Käfer und Würmer deshalb ist dieselbe abzubrechen und nach dem beigelegten Bauplan neu herzustellen. …“ Dieser „Bau = Plan zur Wasserstube beim Kirchhof“, Kaiser 30.V. (18)73, besteht aus Querschnittzeichnungen mit Maßangaben.14) Das Aussehen einer solchen Brunnenstube kann man heute noch im Stadtwald beobachten: Es ist eine im aufgehenden Halbrund gemauerte Erhebung mit Grasabdeckung und einer Zugangstür an der Vorderfront.

Es gilt die spannende Frage zu klären woher eigentlich das Wasser dieser stark schüttenden Quelle kommt. Sie entspringt dem Mittleren Muschelkalk, einer Gliederung des Muschelkalks als Bildung eines Randmeeres vor mehr als 210 Millionen Jahren.15) Der Mittlere Muschelkalk besitzt in Villingen eine Mächtigkeit von rd. 30 Meter.

Ihm liegt als nächsthöheres Schichtglied der Obere oder Hauptmuschelkalk mit etwa 60 Meter Mächtigkeit auf. Dieser erreicht beim Kopsbühl und beim Aussichtsturm die Höhenlage 770 m NN. Schon der Obere Muschelkalk besteht aus klüftigen Kalken bei denen eindringendes Oberflächenwasser (Niederschläge) nach der Tiefe hin für Verkarstung sorgt. Während der Entstehung des Mittleren Muschelkalks „überwog die Verdunstung den Wassernachschub aus dem Weltmeer und durch Süßwasserzuflüsse; bei steigender Salzkonzentration schieden sich Dolomite, Sulfate (Anhydrit, Gips) und schließlich Steinsalz ab“.16) Diese mittlere Abteilung des Muschelkalks umfasst also eine Serie salinarer Gesteine. Von ihnen fallen das Steinsalz und zum großen Teil auch die Sulfate (Gips, Anhydrit) im Bereich des bewegten Grundwassers der Auflösung zum Opfer. Vor allem in der unteren Abteilung des Mittleren Muschelkalks, wo bei uns die Altstadtquelle austritt, können lokale Linsen von Gips vorkommen.17) Ist dieser Gips gelöst und abtransportiert lässt es sich vorstellen, dass es in einer Auslaugungshöhle dieser tieferen Schicht zu Wasseransammlungen kommt die einen wie immer gestalteten Karstwassersee entstehen lassen. Dieser wird dann ankommendes Wasser mit annähernd konstanter Menge an die Karstkanalisation hin zur Quelle abgeben. So wird man sich die Entstehung der Altstadtquelle vorzustellen haben. An welche Zufließrichtung ist dabei zu denken? Hierzu kann man in der Tat einige Aussagen machen.

 

Doch zunächst zum Einzugsgebiet der Altstadt- oder Friedhofquelle.

„Ihr Einzugsgebiet ist nur wenig bekannt. … Das Einzugsgebiet erstreckt sich … mindestens 2,5 km nach Nordosten, wahrscheinlich ist die Entfernung noch größer. Dabei ist das Einzugsgebiet sicher nicht auf den Mittleren und Oberen Muschelkalk des Steilhangs beschränkt sondern umfasst auch Teile der östlich und nordöstlich anschließenden Muschelkalkhochfläche (Oberer Muschelkalk).“18) Diese Einschätzung des Geologischen Landesamtes Baden-Württemberg in Freiburg greift zu kurz. Es gilt die rund 1,5 km tiefe Fläche nach Südosten Richtung Stallberg ebenfalls zu berücksichtigen. Man kommt so zu einem geschätzten Einzugsgebiet mit mindestens vier Quadratkilometer Ausdehnung.

Einen zuverlässigen Hinweis lieferte im Jahr 1967 ein Färbeversuch. Im (ehemaligen) Steinbruch im Gewann Schwalbenhag wurde am 14. 9.1967 ein Färbemittel (Uranin) mit 10 Kubikmeter Wasser zur Versickerung gebracht. Während der Färbeversuch im tieferen Muschelkalk jenseits in Schwenningen in den Quellen während einer 74- tägigen Beobachtungszeit keine Hinweise erbrachte, heißt es demgegenüber „Lediglich in der Friedhofquelle und in der Quelle Wittmer (Anm.: Diese liegt auf der Linie zum Friedhof ) kamen vom

29.9. bis 2.10.1967, also 15 bis 19 Tage nach der Eingabe, geringe Farbmengen zum Vorschein. … Das in der Sohle des Steinbruchs Schwalbenhag versickernde Wasser fließt demnach in der Richtung der vorherrschenden Klüfte in der örtlich zutreffenden Schichtneigung nach Südwesten und tritt vorwiegend in der stark schüttenden Quelle am Friedhof Villingen aus.“19) Die Strecke beträgt Luftlinie knapp zwei Kilometer. Alle sonstigen in Akten oder nachträglichen Planzeichnungen anzutreffenden Quellzuströmungen sind vage Annahmen und deshalb nicht verwertbar.20) Es teilt vielmehr der einstige Werkleiter der Stadtwerke, Dipl.- Ing. Anton Hauser, 1967 mit „… dass man nicht genau wisse, wo die Zuflüsse für die Altstadtquelle verlaufen würden. … Auf weitere Frage von Bürgermeister Müller entgegnete Werkleiter Hauser, es werde vermutet, dass der oder die Quellflüsse aus der Richtung kämen, wo ehemals das Gasthaus ,Hohenstein‘ gestanden hätte.“ (Anmerkung: Der Ort ist heute Teil des Bestattungsgeländes im Friedhof, einst an der Straße, B 33, nach Marbach gelegen, Gewann „Beim Hohenstein“) „Verbindliches ließe sich aber nicht sagen.“21) Der Augenschein belegt, dass die heutige Quellwasserzuführung im Sammelschacht an der Südseite austritt. Es ist die Rede von der „unter dem Kapellenturm ankommenden Wasserader“.22) Der Ort der alten Brunnenstube, wo die Quelle wohl auch im Mittelalter austrat, befand sich etwa 20 Meter nordwestlich des Haupteingangs zur ,Altstadt’kirche und zwar außerhalb der Begräbnisfläche vor der seit der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht mehr existierenden Kirchhofmauer. 1907 fasste der Gemeinderat den Beschluss, zur Erweiterung der Wasserleitung soll eine Pumpstation beim Friedhof errichtet und eine Pumpe zu 600 bis 900 m3 und 50 Meter Förderhöhe vorgesehen werden. 1908 kommt es zu einer (Neu-)Fassung der Quelle beim Friedhof mit einem Aufwand von 10 000 Mark.23) Zugleich wird eine elektrische Pumpe angeschafft.24) 1921 gibt es sogar eine Förderleitung von der Altstadtquelle zum Behälter „Hubenloch“.25) Alle Bedenken, die Bestattungssituation im Friedhof könnte schädlichen Einfluss auf die gesundheitlich relevante Beschaffenheit des Quellwassers haben, erwiesen sich bei den in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder vorgenommenen Prüfungen als grundlos. (Selbst unter den bis 2,2 m u.G. abgesenkten Tiefengräbern im möglichen Fließbereich der Quellzuströmung befindet sich noch eine Muschelkalk-Felsdecke von mindestens vier Meter Mächtigkeit.) Man wollte sicher gehen. „Um das psychologische Moment dieser Quelle abzuschwächen, ließ Baurat Seibert bereits 1906 bis 1908 den Quellschacht ca. 25 m nördlich der nördlichen Friedhofmauer anlegen, wo er sich heute noch befindet. Pläne hierüber sind nicht vorhanden.“26) (Der Standort ist in den Jahren 2002 ff. noch derselbe.) Allerdings liegt seit den 1970er-Jahren der Quellschacht im nördlich erweiterten Teil des Friedhofs bei den Urnenwänden. Eigene Nachmessungen ergaben, dass der heutige gefasste Quellaustritt 5,95 m tiefer als die Oberkante Gelände beim Schachteingang liegt. Der senkrechte Zugangsschacht mündet unten auf die Sohle eines waagerechten 14 Meter langen Ganges. Dieser endet am Rande des Quelltopfschachtes. Der wiederum liegt unmittelbar vor der nord-westlichen Ecke des im Jahr 2001 errichteten Altstadtquellbrunnens. In diesem Bereich befindet sich die Quellfassung seit 1971 unter einer ausgedehnten wasserdichten Betondeckplatte mit oberirdischem Plattenbelag über den der Hauptzugangsweg des Friedhofs führt. Diese Konstruktion ist als Schutzzone für die Quelle gedacht. Auf einer Grundfläche von rd. 2,5 qm wurde der quadratische senkrechte Schacht bis zu 6,95 m unter Gelände in Beton gegossen. Ab der Sohle ist der Quelltopf bis zu einer Höhe von 3,4 m stets mit Wasser gefüllt. Hier gibt es aus wasserschutz-technischen Gründen einen Überlauf. Ein zweites Auffangbecken unterhalb des städtischen Gebäudes beim Bach nimmt den Abfluss auf. Von hier wird das Wasser zur oberirdischen Schale zurückgepumpt.

Vorbei die Zeit wo eine Überlaufabzweigung Brauchwasser ins Messingwerk abgab, vorbei die Einspeisung ins Trinkwasser das längst anderweitig herangeführt wird. Lediglich über die wenige Meter nördlich im Friedhof stehende Pumpstation werden die nachfließenden sieben oder acht Kubikmeter aus dem Quellschacht derzeit ausnahmsweise für eine Stunde am Tag zum Hochbehälter auf der „Wanne“ gepumpt. Doch das geschieht nur um die Leitungen sauber zu halten und die Funktion der Anlage im Notfall zu gewährleisten.27) „Die entscheidende Wende in der Wasserversorgung der Stadt brachte der Anschluss an die Bodenseewasserversorgung im Jahr 1958. Am 15. November 1958 floss erstmals Bodenseewasser in den Behälter auf der ,Wanne‘.“28) Scheinbar abgemeldet aus der Geschichte, der wirtschaftlichen Nachfrage entzogen und ohnehin seit Generationen dem Blick verborgen: Welchen Sinn macht es da noch sich der Quelle zu erinnern. Was vermochte sie nun neu ins Bewusstsein zu heben? Es war ursächlich die großzügige finanzielle Zuwendung einer Frau an ihre Heimatstadt.

Es war das großzügige Vermächtnis einer gebürtigen Villingerin, Hilde Maria Amos, geb. Werner, das es der Stadt nach deren Tode 1995 ermöglichte dem Friedhof einen gartenkünstlerischen Akzent zu verleihen.

 

Sie half der Quelle wieder ans Licht und schenkte den Friedhofbesuchern einen gartenkünstlerischen Akzent.

Hilde Maria Amos, Mädchenname Werner, geb. am 13. 11. 1904, gestorben in Mailand am 6. 4. 1995, war eine gebürtige Villingerin. Sie war die Enkelin des Carl Werner. Er gründete 1861 die Uhrenfabrik C. Werner, die in den Gründerjahren des 19. Jahrhunderts und der nachfolgenden industriellen Revolution in Deutschland einen steilen Aufstieg nahm. So gesehen gehörte die Familie zu den ersten Adressen Villingens. Die in gelben Klinkersteinen errichteten Fabrikgebäude überdekkten die Fläche den heute der große Geschäfts- und Wohnhauskomplex am Benediktinerring und an der St. Nepomukstraße mit dem Einkaufszentrum „Marktkauf“ einnimmt. Die Fabrikgebäude waren im Herbst 1989 abgerissen worden. Hilde Amos hatte sich, nicht zuletzt über eine Freundin, die Beziehung zur Heimatstadt bewahrt. Auf dem Friedhof blieb das Familiengrab, in dem auch das einzige Kind, ihre erst dreißigjährige Tochter, im Jahr 1965 bestattet wurde. Auch sie wollte hier an der Ostwand des alten Friedhofteils einmal beigesetzt werden. – Erste Gespräche wurden sowohl in Villingen als auch von ihrem Wohnort in Mailand aus geführt.

Über eine schweizer Bank in Lugano veranlasste sie dann 1975 die Anweisung eines Akkreditivs mit dem Empfänger Stadt Villingen-Schwenningen in Höhe von 200 000 Schweizer Franken. Mit der damit verbundenen Auflage sollte gewährleistet werden, dass nach ihrem Tode die kunstvolle Grabstelle im alten Zustand neu hergerichtet und die dauerhafte Grabpflege besorgt würde.

Das Wasser ergießt sich in die Steppach.

 

Der weitaus überwiegende Teil des Geldes sollte über die Stadtverwaltung an ihre Heimatstadt Villingen gehen. 1995 starb Hilde Maria Amos, ihre Urne wurde von Mailand überführt, die Verfügung konnte wirksam werden. Die städtische Verwaltung entschied das zugewendete Geld für eine Brunnenanlage im Friedhof zu verwenden und machte sich schließlich so die alte Quelle dienstbar. Am 8. November 2001, einem regennassen Tag, fand die „Einweihung des Altstadtquellbrunnens“, dessen künstlerischen Entwurf das Atelier Herbert Dreiseitl, Überlingen, geliefert hatte, auf dem Villinger Friedhof statt. Der einladende Oberbürgermeister der Stadt, Prof. Dr. Manfred Matusza, hielt die Ansprache.

Ein neues Blatt über die Geschichte der alten Quelle wurde umgeschlagen.

Quellenangaben

Sämtliche einschlägigen schriftlichen Unterlagen im Stadtarchiv VS und die bei den Stadtwerken VS, Abtlg. Wasser, abgelegten Betriebsakten wurden eingesehen.

1) P. Revellio, Beiträge z. Geschichte d. Stadt Vllg., 1964, Seite. 61

2) G. Fingerlin, Das alamannische Reihengräberfeld von Schwenningen „Auf der Lehr“, in: Almanach, Heimatjahrbuch des Schwarzwald-Baar-Kreises, 11. Folge, 1987, Seite 87

3) K. Spindler, Zur Topographie der Villinger Altstadt, in: Landesdenkmalamt Bd./Wttbg., Fundberichte aus Bd./Wttbg., Stuttgart 1979, Band 4, Seite 402

4) A.v.d. Driesch u. M. Kokabi, Tierknochen aus einem Brunnen der mittelalterlichen Wüstung „Altstadt“ in Villingen, veröffentlicht wie 3., Seite 371 Einleitung

5) E. Vees, Sachverständiger, Gutachten an das Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis v. 26.05.1982, Az 81130, betr.: Schule für Körperbehinderte in VS, hier: Messung der Grundwasserstände, Seite 4, (Dezember 1981 / Mai 1982)

6) wie Fußnote 5, Seite 3

7) wie Fußnote 3, Seite 403

8) Geologisches Landesamt Bd./Wttbg., Freiburg, 06. Dez. 1967: Schreiben an das Bürgermeisteramt Villingen, Az Nr. IV/I – 989/67 (Gutachten zur Müllablagerung)

9) U. Rodenwaldt, Das Leben im alten Villingen, Band II, 1990, Herausgeber Geschichts- und Heimatverein Villingen, Seite 154, derselbe, Band 1, 1976, Herausgeber Dr. Wilhelm Binder, S.91ff. Im Stadtplan von Martin Blessing 1806 sind (entgegen Rodenwaldt, Bd: 2, Seite 154) 18 öffentliche Brunnen eingezeichnet; vgl. Revellio, wie Fußnote 1, Seite 68, Dipl. Ing. Anton Hauser, Techn. Werkleiter der Stadtwerke VS, in: Zweckverband Bodenseewasserversorgung, Wasser und Wassergewinnung (Broschüre), Dez. 1976; Hauser merkt an „Bei der Umstellung auf die Zentralwasserversorgung im Jahr 1896, seit der es dann eine allgemeine Haus-Versorgung gab, liefen in Villingen ca. 87 öffentliche und private Brunnen“

10) Schreiben des Gemeinderats Villingen an das Badische Bezirksamt in Villingen vom 14. Nov. 1923, mit Abschrift zu den Akten Pumpwerk Altstadt.

10a) wie Fußnote 9, Band II, Seite 160 (Jahr 1869)

11) H. Hangarter, Unsere Schwarzwaldbahn, Rosler + Zimmer Verlag, Augsburg 1971, Seite 30

12) Akten Stadtarchiv Villingen-Schwenningen

13) wie Fußnote 12

14) wie Fußnote 12

15) Vgl. auch W. Huger, Geologie in und um Villingen, in: Villingen im Wandel der Zeit, Geschichts- u. Heimatverein Villingen, Jahrgang XXIV / 2001, Seite 45 ff.

16) Geyer u. Gwinner, Einführung in die Geologie von Baden/ Württemberg, E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1968, Seite 32

17) wie Fußnote 16, Seite 40

18) Hydrogeologisches Gutachten des Geologischen Landesamtes Baden/Württemberg, Freiburg, an das Landratsamt Schwarzwald- Baar-Kreis in VS vom 7. März 1977, Az II/3 – 135/77

19) wie Fußnote 8

20) Zum Beispiel die Handeinzeichnung auf einem städtischen Oberflächenplan mit vier angeblichen Fließsträngen und deren unterschiedlichen Fließmengen pro Sekunde, vom 8. bzw. 12.4.1954, Stadtbauamt

21) Auszug aus der Niederschrift über die Dienstbesprechung am 28. 11. 1967, Betriebsakten Leitzordner Stadtwerke, Abtlg. Technische Anlagen / Wasser

22) „Stellungnahme zu den Untersuchungen der Altstadtquelle vom Dezember 1953 bis heute“, Typoskript Seite 1, Betriebsakten Stadtwerke, Abtlg. Technische Anlagen / Wasser

23) wie Fußnote 9, Band II, Seite 163

24) wie Fußnote 9, Band II, Hauser: Die Wasserversorgung d. Stadt

25) wie Fußnote 9, Hauser: Die Wasserversorgung d. Stadt Villingen

26) wie Fußnote 22

27) mündliche Auskunft, Herr Grüsser, von den Technischen Werken der Stadt VS, Abtlg. Tiefbau /Wasser

28) Hauser, wie Fußnote 9

Die nachstehenden ergänzenden Anlagen wurden von Gerhard Graf, Karlsruhe gefertigt.

 

Lageplan der Altstadtquellanlage mit Brunnen, Kaskade und (gelegentlichem) Überlauf. Grundlage: Katasterplan der Stadt Villingen vor 1972, ohne Maßstab.

 


 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vor dem Einsteigen in den Schacht.


 

Im Schacht mit Blick zum Schachteingang.


 

Quellschacht mit Blick auf den, links sichtbaren, Quelleinlauf.