Apropos Tracht (Anita Auer)

„…ein feiner Kranatenschmuck gehört dazu…“

 

Abb. 1: Vorderseite des neu erworbenen historischen Kostüms der Bürgerwehr.

 

Abb. 2: Rückseite des neu erworbenen historischen Kostüms der Bürgerwehr.

 

Es geschieht nicht häufig, dass ein historisches Kostüm abgegeben wird und dazu ein Foto, das die einstige Besitzerin in demselben zeigt. Diesen Glücksfall von erhaltenem Originalobjekt (Abb.1/2) und fotografischer Evidenz (Abb. 3) des getragenen Kleides ist nun der Trachtengruppe der Bürgerwehr mit der Schenkung einer Altvillingerinnen – Tracht zuteil geworden. Auch Name und Herkunft der Trägerin, Emilie Thalweiser, geborene Kloz, aus Villingen, sind bekannt. Sie war Mitglied in der Trachtengruppe. Das Foto ist 1930 entstanden.

Das eigentliche Kostüm besteht aus drei Teilen, einem Leibchen mit langen Ärmeln, einem gesonderten Schößchen, das mit einer Art Gürtel um die Taille befestigt wird und die Rückseite betont, und dem Rock, alles aus orangenem Baumwollstoff und in einfacher Schnittweise. Die Kanten sind mit schwarzen Posamenten betont. Am Dekolleté ist eine kurze Stehspitze angenäht. Die Ärmelmanschetten werden mit Druckknöpfen geschlossen. Ein Patent für Druckknöpfe wurde 1895 eingetragen.

 

Abb. 3: Alt-Villingerinnen mit Bürgermeister Hämmerle, Wolfach, rechts neben ihm: Emilie Thalweiser.

 

Seit der Jahrhundertwende wird der Druckknopf Standard, wobei hier als Verschluss des Leibchens Haken und Ösen gewählt wurden und zwar so, dass auf einer Seite die Haken, auf der anderen die Ösen angebracht wurden wie bei einem Korsett oder Mieder 1. Dazu wird eine seidene, waldgrüne Schürze getragen. Das Täschchen (Ridikül) ist aus dem orangenen Baumwollstoff des Kleides.

Das Schultertuch scheint jedoch nicht in die Zeit der Entstehung des Kleides zu gehören, sondern älter zu sein. Es besteht aus einem cremefarbenen Doppelgewebe, einem Seidenjacquard, mit einem Muster aus Streifen, Spitzenbändern, Posamenten und Blumenbouquets. Am Hals ist ein Spitzenkragen aufgelegt, an den Kanten eine Fransenborte angenäht. Das Schultertuch ist nicht nur an den Schultern in Form genäht, sondern gestückelt, und zwar auf der rechten Vorderseite, was für eine Zweitverwendung des Stoffes spricht. Er ist wesentlich stärker abgenutzt als die übrigen Kostümteile, an einer Stelle sogar gebrochen. Es könnte sich um einen Möbel- oder Polsterstoff handeln, entweder aus der Zeit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts (Historismus) oder des letzten Drittel des 18. Jahrhunderts. Das Täschchen nimmt mit einem zwischengesetzten Stück ähnlichen Stoffes und den aufgelegten Posamenten 2, die an Gardinendekoration erinnern, auf das Tuch Bezug, so dass der Gesamteindruck einer liebevoll zusammengestellten Kombination mit sorgfältig ausgewählten Details entsteht, aber auch dass es sich um eine Art „Theater- oder Fastnachtskostüm“ handelt, bei dem man verwendete, was man „zur Hand hatte“. Diese Vorgehensweise scheint nicht außergewöhnlich. Von Emilie Thalweiser ist ein weiteres Foto (Abb. 4) mit einer anderen Alt-Villingerinnen- Tracht erhalten, das sie rückseitig beschriftete:

 

Abb. 4: Emilie Thalweiser in Alt-Villingerinnen-Tracht

 

„Alte Villingere / Wie Sie früher im Hochzeitsstaat waren. Die Haupe ist von feiner Goldporten ich habe sie schon (?) selbst gemacht, sonst kostet eine 52 M. Das Kleid gehört Mutter (seiden) das Tuch von Maler Säger 3 (seidenes) der Schurz lila Seiden mit grauen Blumen ein feiner Kranatenschmuck gehörtdazu“. Die mitschöner Schrift, also besonders lesbar gemachte Mitteilung für die Nachwelt ist folgende: Die Alt-Villingerinnen-Tracht wurde „früher“ zur Hochzeit, also als Festttagstracht, getragen. Gegenwärtig, also in den 1930er Jahren, nicht mehr. Das abgebildete Kostüm ist der Versuch, einen solchen Villinger „Hochzeitsstaat“ nachzuahmen, wobei durchaus ältere Kostümteile Verwendung finden, so das Kleid der Mutter und das Tuch des Malers. Diese älteren Kostümteile verleihen dem Ganzen eine größere Authentizität, ihre Herkunft wird stolz festgehalten, aber wir haben es trotzdem mit einer Zusammenstellung von 1930 zu tun. Die Haube wurde von der Trägerin, aus Kostengründen, selbst gefertigt, – was sicherlich eine schöne Parallele zu heutigen Gepflogenheiten darstellt.

Warum aber nimmt man in den 1930er Jahren Bezug auf diese ältere Bürgerinnentracht? Einerseits gehen seit den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts auch die Frauen auf die (Straßen-) Fastnacht. Eine „standesgemäße“ Begleitung des Narros fand man in der Alt-Villingerin. Andererseits wurde das Trachtentragen bei Umzügen und anderen Festivitäten bereits in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wieder eingeübt. So ist das Foto von Emilie Thalweiser mit fünf anderen Alt-Villingerinnen und einem Herrn im Gehrock zu interpretieren. Er trägt ein Festabzeichen am Revers. Ein anderes Foto (Abb. 5), das diese Art der Wiederbelebung der Alt-Villingerinnen-Tracht bestätigt, befindet sich im Nachlass Oskar Spiegelhalders (Inv.Nr.14237.25). Es handelt sich um einen Zeitungsausschnitt von 1892 aus „Der Schwarzwäl- der“ mit einer Fotografie des Hoffotografen Suck aus Karlsruhe. Sie zeigt die große Vielfalt der Villinger Tracht in der Zeit des Historismus: Gemusterte Röcke werden neben einfarbigen getragen, das Brusttuch (Fichu) in den Ausschnitt gesteckt oder locker auf das Leibchen aufgelegt, das Mieder über der Schürze getragen oder darunter. Es gibt die unterschiedlichsten Ärmelformen: Schinkenärmel (à la gigot), enge Ärmel, mehrfach gepuffte, Trompetenärmel. Der Text zu diesem Foto ist sehr aufschlussreich: „Die alte Villinger Tracht. Auch die alte Villinger Tracht ist vollständig der modernen gewichen, allein die Originalität derselben ist werth, im Bilde bewahrt zu bleiben. So führen wir auch heute unsern Lesern eine Gruppe Villinger Einwohner in ihrer alten Tracht vor.- Unser Bild zeigt, wie verschiedenartig dieselbe in den Einzelheiten ist; auch nicht eine Person auf unserm Bilde gleicht in ihrer Kleidung der andern. – So dürfen die Trachten der beiden Villingerinnen mit den neumodischen Taillen 4 einer späteren Generation angehören, als die der anderen weiblichen Personen. Auch bei dieser Tracht sieht man die schon bei der Erwähnung der Nationalkleidung von St. Georgen bemerkte Halskrause, wenn sie hier auch nicht die riesigen Dimensionen annimmt, wie bei jener. Das Geschmackloseste, was je die Mode zu Tage geführt hat, ist unstreitig die absurde Kopfbedeckung, welche die beiden Paare zu beiden Seiten unseres Bildes tragen. Geschmackvoller ist das Häubchen des Mädchens in der Mitte. Auch der stramme Bursche ihr zur Seite zeigt in seiner Kleidung Nichts, was dem Schönheitsgefühl des Beschauers zuwider wäre…“.

 

Abb. 5: Zeitungsausschnitt aus „Der Schwarzwälder“, 1892.

 

Vielleicht muss zunächst der Vorwurf des „Geschmacklosen“ der Hauben erläutert werden. Die meisten Trachten gehen zurück auf die Kleidung des Ancien Régime, also der Zeit vor der Französischen Revolution, als man mit einem tiefen Dekolleté die Büste betonte, die Taille eng einschnürte und dieselbe noch durch die Weite der Reifröcke hervorhob. Die ländliche, bäuerliche Variante reduziert die Modetorheiten des modebestimmenden Adels auf enges Mieder und stark gefältelten Rock, der auch nicht bis zum Boden reicht, sondern mindestens eine Hand breit dar- über aufhört. Die Tendenz dieses Modestils ist aber die Betonung der Horizontalen. Wird nun zu dieser Kleidung eine Kopfbedeckung kombiniert, welche die Vertikale betont – also eigentlich nicht passend ist -, sieht sich der Autor in seinen ästhetischen Empfindungen gestört.

Nun zum eigentlichen Thema: Wie kommt es zum Phänomen der „Tracht“? Die Französische Revolution setzte bekanntlich den Culottes des Adels, gepuderten Perücken und Reifröcken ein Ende: Die Kleidung des Dritten Standes, der Bürger, mit den langen Hosen („Sansculottes“) wurde Mode, bei den Damen das an die demokratische Antike angelehnte Chemisenkleid. Diesem Diktat fügten sich jedoch nicht alle. Die ältere Bevölkerung, vor allem auf dem Land, ging noch einige Zeit in der „alten Mode“. Erst die Industrialisierung, welche eine Abwanderung der Landbevölkerung in die Städte zur Folge hatte, ließ die „Tracht“ lang- sam aussterben, so dass zum Zeitpunkt des großen Festumzugs in Karlsruhe „1881 … nur noch in wenigen Bezirken Badens Trachten getragen (wurden); beliebt war hingegen die Ergänzung bürgerlich städtischer Kleidermoden durch Trachtenaccessoires, wie das Schultertuch oder die Kappe/Haube“ 5. Neu gegründete Trachtenvereine stellten die Tracht unter „Schutz“, unterstützt von Politik, Kirche, Künstlern und Tourismus. Wird jedoch ein Brauchtum künstlich am Leben gehalten, indem ein Verein sich seiner annimmt, ist meist ein Erstarren des Brauchtums die Folge. Die Tracht der Alt-Villingerin ist wie jede Tracht Teil eines solchen Brauchtums. Um das Trachten- tragen vermitteln zu können, muss es reglementiert werden. Das bedeutet, es werden Normen gesetzt, deren Befolgung streng überwacht wird. Man kann dies vielleicht mit dem Erwerb einer Fremdsprache vergleichen. Als Kind kann eine weitere Sprache nebenbei erworben werden, ein Erwachsener muss sich mit der Grammatik auseinandersetzen, um sie korrekt sprechen zu lernen. Das bedeutet nicht, dass dieser Erwachsene die Sprache nicht irgendwann in großer Freiheit verwenden kann, aber dazu gehört ein feines Sprachgefühl, konsequentes Üben und Talent.

Am konkreten Beispiel gesagt: die Alt-Villingerinnen-Tracht der Emilie Thalweiser ist die Interpretation dieser Tracht aus der Zeit um 1930. Diese ist weder „richtig“ noch „falsch“. Sie bezieht sich bereits auf Vorbilder, die weitaus früher zu suchen sind, nämlich vor 1881. Sicherlich können Porträts aus dem 18. und 19. Jahrhundert Hinweise geben, aber alles andere ist der Politik des jeweiligen Vereins überlassen.

Dem Thema der Herstellung regionaler Identität über Kleidung, vor allem über Kopfbedeckungen, widmet sich in 2015 eine Ausstellung „Moden. Schwarzwälder und andere Hüte“, die vom 18.04. bis 16.08. im Franziskanermuseum gezeigt wird.

Abbildungen

Abb. 1/2 Vorder- und Rückseite des neu erworbenen historischen Kostüms der Bürgerwehr, Foto: Dietmar Engler, Villingen.

Abb. 3    Alt-Villingerinnen mit Bürgermeister Hämmerle, Wolfach (Hinweis Emilie Thalweiser in ihren Unterlagen), rechts neben ihm: Emilie Thalweiser, 1930, Foto: Bürgerwehr

Abb. 4    Emilie Thalweiser in Alt-Villingerinnen-Tracht, um 1930, Foto: Bürgerwehr

Abb. 5 Zeitungsausschnitt aus „Der Schwarzwälder“, 1892, Nachlass Oskar Spiegelhalder, Atlas-Mappe, Franzis- kanermuseum Inv.Nr.14237.25, Foto: Oskar Suck, Karlsruhe

Verweise

1 Heutige Schneiderinnen von Trachten achten auf eine wechselnde Anordnung, um ein unbeabsichtigtes Öffnen zu vermeiden, freundlicher Hinweis Barbara Martin.

2 Die Perlstickerei aus vier Blüten in weiß und rosa scheint mir neueren Datums. Sie passt farblich und formal nicht zum Rest und stammt vielleicht aus den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts.

3 Albert Säger, Maler, Villingen, 1866-1924

4 enge Mode mit Kürasstaille, 1881-1892, vgl. Ingrid Loschek: Reclams Mode- und Textillexikon, Stuttgart 1987, S.74.

5 Vgl. Brigitte Heck: Der Karlsruher Historische Festumzug von 1881, Karlsruhe 1997, S.49.