Die Welt im Kabinettschrank (Peter Graßmann)

Zur Kunst- und Naturalienkammer der Villinger Benediktiner    

„Wenn je eine religiöse Korporation der Menschheit wohltätig war, so gehört in deren erste Reihe das Benediktinerstift zu Villingen“ 1, urteilten die Gründer der Städtischen Altertümersammlung Jahrzehnte nach Aufhebung des ehemaligen Klosters St. Georgen. Dort seien „ohne Interesse, ohne Lohn, nur zum Wohle der Jugend Schätze der Wissenschaft“ 2 gesammelt worden. Getreu der Losung Initium sapientiae timor domini 3 sei bei aller Wissenschaftlichkeit jedoch Religiosität „das Grundprinzip“ geblieben, „darauf das ganze Lehrsystem der Georgier gebaut war“. 4 Schätze der Wissenschaft gab es bei den Benediktinern nicht nur im übertragenen, geistigen Sinn. Seit dem

18. Jahrhundert bestand im Kloster eine wissenschaftliche Schausammlung mit zahlreichen Exponaten, die vom zweihändigen Schwert bis zur physikalischen Apparatur reichten. Die Einrichtung eines Museums im geistlichen Umfeld eines Klosters mag zunächst überraschen, doch reihen sich die Villinger Benediktiner mit ihrer Sammelleidenschaft in eine lange und ganz Europa umfassende Entwicklung. Der in diesem Aufsatz unternommene Versuch, die Geschichte der Sammlung zu rekonstruieren und ihren geistesgeschichtlichen Kontext zu erörtern, soll aus lokalhistorischer Perspektive ein Schlaglicht auf die Rolle der Klöster in der Frühgeschichte der Museologie werfen.

„Vervollkommnung der Experimentalphysik“: Geschichte der Sammlung

Im Juli 1808 wies der Benediktinerpater Georg die Großherzogliche Gefällverwaltung auf den verheerenden Zustand der klösterlichen Bibliothek und Kunstkammer hin: die Türen seien „äußerst elend versorgt“ und könnten mühelos aufgebrochen werden. „Schon ziemlich viele Bücher“ zirkulierten in der Stadt, und „mit der Kunstkammer gebe es […] eine gleiche Ähnlichkeit“. Die Meldung war ein Hilferuf gegen den Verlust wertvollen Kulturgutes, befanden sich in den Sammlungen der Benediktinerpatres doch Kostbarkeiten wie seltene mittelalterliche Handschriften.

 

Abb. 1: Gehorsamster Anzeigsbericht der Gefällsverwaltung zu Villingen vom 9ten März 1808.

 

Bereits im März hatte die Gefällverwaltung den Zustand von Bibliothek und Kunstkammer gegenüber der Großherzoglichen Rentkammer beklagt: die Herren Professoren hätten sich nach Gutdünken aus den Beständen bedient und zu ihrem Gebrauch „benutzt […] was ihnen dienlich“. 6 Der „gehorsamste Anzeigsbericht“ (Abb. 1) des Verwalters Willmann war jedoch ohne Folgen geblieben. Um weiteren Schaden abzuwenden, wurden die Türen und Schlösser erneuert. Den neu angefertigten Schlüssel und damit die Verantwortung über Bibliothek und Kunstkammer wollte jedoch keiner der Professoren übernehmen, weshalb Willmann die Räume amtlich versiegeln ließ. Diese eigenmächtige Handlung wurde im September von der Rentkammer kritisiert und Befehl erlassen, das Siegel zu entfernen und den Schlüssel an Professor Wocheler zu übergeben. Willmann sah sich damit nicht mehr für die Angelegenheit zuständig und „ließ der Sache […] den Lauf“, 7 wie er im Februar 1815 auf eine weitere Anfrage hin zu verstehen gab. Im November desselben Jahres musste er erneut Rechenschaft über die Kunstkammer ablegen. Deren noch erhalten gebliebene Gegenstände waren inzwischen in die Schulsammlung des Pädagogiumsübergegangen, das 1809die Nachfolge der Klosterschule angetreten hatte. Der Präfekt Wild vermisste jedoch einen „schönen Meßtisch von hartem Holz“, den Willmann „in seine Behausung genommen“ 8 haben sollte. Der großherzogliche Domanialverwalter gab zu, dass sich nicht nur der Messtisch, sondern auch eine Messkette in seinem Besitz befand. Die Objekte seien ihm bereits zwei Jahre zuvor vom damaligen Präfekten Kefer überlassen worden, um eine herrschaftliche Wiese zu vermessen. Er habe sie verwahrt, um ihnen das Schicksal von Diebstahl oder Beschädigung zu ersparen, dem so viele Sammlungsgegenstände zum Opfer gefallen seien.

Während die weitere Geschichte der Bibliothek, die zu großen Teilen in den Bestand der Universitätsbibliothek Freiburg überging, gut dokumentiert ist, 9 verliert sich die Spur der Kunstkammer in den folgenden Jahren. An die Stelle des 1817 aufgelösten Pädagogiums trat eine Realschule, aus der schließlich die heute noch bestehende Karl- Brachat-Schule hervorging. Bereits im August und November 1806 hatte sich die Albertina mit der Bitte an die Regierung gewandt, ihr neben „jene[n] Werke[n], welche in der akadem. Bibliothek mangeln“ auch die „physikalischen Instrumente, Naturalien- und Münzkabinete [sic!], Kupfersammlungen u. a. in das Wissenschaftliche einschlagende Apparate“ der Klöster zu überlassen. 10 Es steht zu vermuten, dass 1818, als die restlichen Bände der Benediktinerbibliothek an die Universität gelangten, auch ein Großteil der Kunstkammer dem dortigen mathematisch-physikalischen Kabinett einverleibt wurde. Für den fraglichen Zeitraum klafft in den noch erhaltenen Anschaffungs- protokollen jedoch eine Lücke. 11 Sicher ist, dass sich in den 1870 er-Jahren einzelne Gegenstände der ehemaligen Benediktinersammlung im Besitz verschiedener Villinger Bürger befanden. Wie aus vorher zitiertem Bericht hervorgeht, waren zahlreiche Objekte während der Wirren der Säkularisierung in die Hände von Unbefugten geraten, nicht zuletzt aufgrund mangelnder Kontrolle seitens der Lehrerschaft. Ein anderer Teil mag, ebenso wie anderes Klosterinventar, öffentlich versteigert worden sein.

Es war das Ende einer Sammlung, die in den glanzvollsten Tagen des Klosters ihren Ursprung hatte und zeitweise überregionale Bekanntheit genoss. Der österreichische Historiker Franz Josef Sulzer etwa war von den wissenschaftlichen Ambitionen der Villinger Benediktiner so beeindruckt, dass er ihnen 1782 einen Abschnitt in seiner „Literarischen Reise“ widmete und dabei neben der Bibliothek auch das „Naturalien-Kabinet“ erwähnte. 12 1791 wird Besuchern der Stadt im „Handbuch für Reisende durch Deutschland“ neben der Klosterkirche auch die „ansehnliche Bibliothek und Kunstkammer“ 13 empfohlen. In den „Europäischen Annalen“ des Jahres 1806 taucht das „schöne physikalische Cabinet zu St. Georg in Villingen“ schließlich in einer Fußnote auf, als von der Auflösung alter Klosterbibliotheken die Rede ist. 14 Kunstkammer, Naturalienkabinett, Physikalisches Kabinett – trotz der unterschiedlichen Bezeichnungen ist jeweils von ein und derselben Sammlung die Rede, deren heterogener Charakter sich in der terminologischen Vielfalt widerspiegelt. Man kann in weiten Teilen nur spekulieren, welche Objekte sie konkret umfasste, denn es hat sich, anders als im vergleichbaren Fall der Benediktinerabtei St. Blasien, 15 kein Inventar erhalten, aus dem ihr Inhalt zu erschließen wäre.

 

Abb. 2: Vermutlicher Standort der Kunstkammer.

 

Sie soll jedoch aus mathematischen Instrumenten, physikalischen Apparaten, einer Naturaliensammlung, einem Münzkabinett und anderen Kunstwerken bestanden haben. 16 Damit entsprach sie dem typischen Inventar einer frühneuzeitlichen Kunstkammer, einem der Vorläufer des modernen Museums. Offenbar finden sich keine Hinweise auf die Georgische Sammlung vor dem Ende des 18. Jahrhunderts, doch reicht ihre Geschichte mindestens bis zur Amtszeit Cölestin Wahls (1757-1778) zurück. Dieser legte „mit großen Kosten“ den Grundstock der Bestände, 17 die sein Nachfolger Anselm Schababerle durch „seltene Naturalien, auch noch mit vielen Requisiten zur Vervollkommnung der Experimental Phisik [sic!]“ bereicherte. 18 Spätestens zu dieser Zeit muss es sich dabei um eine geschlossene, räumlich gebundene Präsentation gehandelt haben, die sich im 3. Stock des mittleren Flügels, angrenzend an die Klosterkirche, befand (Abb. 2). 19 Später, als das Kloster Militärhospital war, richtete man hier einen Quarantäneraum für“unheilbar erkrankte Russen“ 20 ein, heute werden die Räume von der Karl-Brachat-Realschule genutzt. Mangels einer umfassenden bauhistorischen Untersuchung des heute noch bestehenden Gebäudes kann die genaue Lage des Raumes nicht mit Sicherheit lokalisiert werden.

Die spärlichen Quellen schweigen sich auch darüber aus, wie wir uns dessen Einrichtung vorzustellen haben. Wir können jedoch Rückschlüsse aus anderen Sammlungsräumen des 18. Jahrhunderts ziehen. Innerhalb der Kunstkammer wurde meist nach Objektgattungen differenziert und diese jeweils in geschlossenen und nummerierten Kästen oder Schränken aufbewahrt. Manche Sammlungsstücke, vor allem besonders große Objekte, wurden auch an der Wand, in Nischen oder von der Decke hängend gezeigt (Abb. 3). Die Sammlungen konnten enorme Ausmaße annehmen, wie das Beispiel der Klostersammlung von St. Blasien belegt. Von dort wurden nach der Säkularisierung 14 dicht bepackte Kisten mit naturkundlichen und physikalischen Objekten nach Freiburg geschafft. 21

Abb. 3: „Musaei Contignatio Superior“ im Stift Göttweig, Kupferstich.

 

Wunder und Wissenschaft

In ihrer terminologischen und inhaltlichen Vielfalt war die Villinger Sammlung typisch für die frühe Museologie auf deutschem Boden. „Die Teutschen haben […] unterschiedliche Namen erdacht, womit sie ihre Curiositäten-Behältnisse zu benennen pflegen, als: Eine Schatz-, Raritäten-, Naturalien-, Kunst-, Vernunfft-Kammer, Zimmer oder Gemach“, 22 stellte etwa Caspar Friedrich Neickel, selbst ein Kuriositätensammler, 1727 in seiner einflussreichen „Museographia“ fest. Man müsse aber unterscheiden zwischen „Naturalibus, oder denjenigen Dingen, so die Natur hervor bringet“ und „Artificiosis, oder was die Kunst durch Menschen verfertiget“. 23 Ersteres findet sich in „Naturalien-Kammern“, während alles weitere in der „Kunst-Kammer“ verwahrt wird. Typische Naturalien waren präparierte Tiere, Pflanzen, Muscheln, Mineralien und Fossilien. Der Kunstbegriff war weiter gefasst als wir ihn heute zu verstehen pflegen. In die Kunstkammer gehörten auch „mechanische […], geometrische und physicalische, mathematische u.d.g. Instrumenta, […] Telescopia und Microscopia, allerhand optische Sachen, Thermometra […] und kurtz zu sagen, alles dasjenige, was die Kunst in allerley Species […] verfertigen mag“. 24

Solche „Museen“ der Frühneuzeit waren auf der Grundlage eines sich rasant wandelnden Weltbildes entstanden. Die Neubewertung der von Augustinus als „Begierlichkeit der Augen“ geschmähten Neugierde (Curiositas) im 16. und 17. Jahrhundert ebnete den Weg für eine Orientierung an der empirischen Wirklichkeit, die in starkem Kontrast zum Bücherwissen der Scholastik stand. 25 Diese Entwicklung, die in der so genannten „Wissenschaftlichen Revolution“ und den Erfolgen Keplers, Galileis und Newtons mündete, schlug sich auch in den Sammlungen nieder. Seit dem 16. Jahrhundert wurden private „Kunst- und Wunderkammern“ eingerichtet, in denen antike und zeitgenössische, künstliche und natürliche, schöne und hässliche Gegenstände nebeneinander bestanden. Die Unersättlichkeit der frühneuzeitlichen Wissbegierde richtete sich zunächst auf alles Seltene und Merkwürdige, wozu ein ausgestopftes Krokodil ebenso zählen konnte wie indianische Pfeile, römische Bronzen oder komplizierte Rechenmaschinen. In ihrer Fokussierung auf das „Kuriose“, Absurde und Fremde entsprechen diese frühen Wunderkammern noch nicht der nüchternen Wissenschaftlichkeit eines Linné oder Darwin. Was sie jedoch mit der wissenschaftlichen Revolution verband, war das in ihnen zum Ausdruck kommende enzyklopädische Streben ihrer Sammler. In der Stube sollte sich die Vielfalt der Schöpfung als „Macrocosmos in Microcosmo“ widerspiegeln und einen Ort zur Begegnung mit der materiellen Wirklichkeit schaffen. In diesem Sinn war die neue Institution der Kunstkammer mit dem „Laboratorium“ als Ort empirischer Forschung eng verknüpft. Hier wie dort führte die Konfrontation mit Realien zur Infragestellung des tradierten Bücherwissens und zur Notwendigkeit einer Ordnung des sinnlich Erfahrbaren. 26 Mit Beginn der Aufklärung wurden höhere Anforderungen an die Anwendbarkeit der Wissenschaften gestellt, was sich in der Aufspaltung und Spezialisierung beste- hender Sammlungen niederschlug. An die Stelle bloßer Kuriosa traten nun vermehrt gewöhnliche Objekte, von denen man sich verwertbare Ergebnisse erhoffte: aus den Kunst- und Wunder- kammern entstanden spezialisierte Museen. Wie aber sind diese Sammlungen im geistlichen Kontext der Klöster zu verstehen, in einem Umfeld also, das den Aufklärern als wissenschafts- und fortschrittsfeindlich galt?

Physikotheologie und katholische Aufklärung

Die Erfahrung einer neuen Autonomie der Vernunft führte nicht unmittelbar zur Infragestellung des tradierten Gottesbildes. Naturwissenschaftlicher Agnostizismus laplacescher Prägung („Gott ist eine Hypothese, die ich nicht benötige“) 27 blieb im 18. Jahrhundert eine Randposition. Im Gegenteil: die Erkenntnis einer rational erfassbaren Weltstruktur stärkte den Glauben an einen omnipotenten und unendlich weisen Demiurgen. Das neue naturwissenschaftliche Weltbild lieferte so Impulse für die Entwicklung einer „natürlichen“ und „vernünftigen“ Theologie, der zufolge Gott aus der Natur zu erkennen sei und sich Vernunft und Glauben wechselseitig bedingten. Popularisiert durch die Pietisten beflügelte diese Sicht- weise im 18. Jahrhundert auch das Lehrideal der Klöster. 28 Viele katholische Gelehrte waren bereit, mechanistische Naturerklärungen in ihre Lehren zu integrieren, wobei sich insbesondere die Benediktiner als treibende Kraft dieser „katholischen Aufklärung“ hervortaten. 29 Gerade das Kloster St. Georgen wirkte dabei schon früh, nämlich unter seinem Abt Georg III. Gaisser, als Vermittler neuer Ideen und Wissenschaftsmethoden im süddeutschen Raum. 30 Seit Mitte des 18. Jahrhunderts beschleunigte sich der Prozess der Verwissenschaftlichung in Auseinandersetzung mit den Aufklärern. Insbesondere im habsburgischen Gebiet herrschte diesen gegenüber Misstrauen, erlebte man doch seit der Zeit Maria Theresias eine schrittweise Säkularisierungswelle, die in den josephinischen Klosteraufhebungen gipfelte. Die Propagierung eines neuen Ideals des Klosters als „Schule der Weisheit und Wissenschaft“ 31 war somit auch der Versuch einer Neuerfindung unter dem Druck einer allgemein antimonastischen Stimmung. 32

Klösterliche Schausammlungen

Mit der Hinwendung der Klöster zu den Wissenschaften wurden in ihnen vermehrt auch Kunst- und Naturalienkabinette angelegt. Waren diese im geistlichen Umfeld zunächst eher selten, 33 gibt es für entsprechende Sammlungen im 18. Jahrhundert nun zahlreiche Beispiele. Im Stift Melk wurde 1767 zur Unterrichtung der Jugend sowie zur Ausbildung der Geistlichen eine Naturaliensammlung eingerichtet. Die grafische Sammlung des Stifts Göttweig ergänzte Abt Gottfried Bessel durch ein „Musaei Contignatio Superior“ mit Waffen, Rüstungen, Tierpräparaten und Skulpturen. Im Benediktinerstift Kremsmünster errichtete man zwischen 1748 und 1760 sogar einen ganzen „Mathematischen Turm“ mit Sammlungen aus Natur, Wissenschaft und Kunst, der in seiner Höhe die Klosterkirche überragte. 34 Anregungen für solche Klostersammlungen kamen aus dem Pietismus. Seit 1698 hatte August Herrmann Francke im Waisenhaus der Franckeschen Stiftungen in Halle eine Naturalienkammer aufgebaut, die von Beginn an für den naturgeschichtlichen Unterricht im Pädagogium vorgesehen war und sich stark auf das Lehrideal anderer Institutionen, auch in den Klosterschulen, auswirkte. 35 Anders als in modernen Museen waren die Exponate der klösterlichen Sammlungen dem Zugriff nicht permanent entzogen, sondern dienten der Weiterbildung der Mönche und Schüler und waren somit in den Unterricht integriert. Aus Villingen ist überliefert, dass die „Instrumente […] bei philosophischen Vorlesungen und physikalischen Versuchen, welche den Studenten gehalten [wurden]“, 36 als Anschauungsmaterial zum Einsatz kamen (Abb. 4).

 

Abb. 4: Abbé Nollet beim praktischen Einsatz einer physikalischen Lehrsammlung, Kupferstich.

 

Direkte Vorbilder für die Einrichtung einer Kunstkammer fanden die Villinger in der näheren Umgebung. So hatte Abt Philipp Jakob Steyrer (1749 – 1795) im Kloster St. Peter auf dem Schwarzwald nicht nur die berühmte Bibliothek gegründet, sondern auch eine Schausammlung für die neu entstandene Gymnasialschule eingerichtet, für die er sich Anregungen während eines Aufenthaltes in Wien geholt hatte. Der Inhalt der Kunst- kammer ist gut dokumentiert. Steyrer sammelte zahlreiche „Scientifica“ wie Mikroskope, Thermometer, Barometer, Wasserpumpen und andere Geräte, außerdem Globen, Münzen, Muscheln, Bronzen und viele weitere Gegenstände. 37 Auch in der berühmten Gelehrtenakademie des Klosters St. Blasien, die weite Anziehungs- und Ausstrahlungskraft besaß, bestand mindestens seit den 1780er – Jahren ein Naturalienkabinett. Die Sammlungen der beiden Klöster erfreuten sich großer Berühmtheit und wurden von Besuchern aus ganz Europa bewundert. Gut möglich, dass sie sich direkt auf die Sammeltätigkeit in Villingen auswirkten, bestanden hierhin doch vielfältige personelle Verbindungen. Der zunächst in St. Peter lehrende Pater Thaddäus Rinderle etwa ging 1775 als Mathematikprofessor nach Villingen, bevor er 1786 als Professor der Mathematik und der angewandten Wissenschaften an die Universität Freiburg berufen wurde. Ob der „Uhrenpater“ auch die Villinger Kunstkammer um einige seiner Apparaturen bereicherte oder für Anregungen sorgte, muss natürlich offen bleiben.

Das Sakrale und das Kuriose

Das Urteil über Klostersammlungen fiel von Seiten radikaler Aufklärer eher negativ aus, wie eine Bemerkung Christoph Friedrich Nicolais deutlich macht: „Ich habe es in mehreren Klöstern bemerkt, daß die Mönche anfangen mit der Naturhistorie sich zu beschäftigen, und Sammlungen von den Naturalien zu machen, die sie in ihren Gegenden finden. Indessen […] ist damit nicht die geringste wissenschaftliche Kenntnis, nicht die geringste weitere Reflexion verbunden. Sie sehen nur bloß nach den Schmetterlingen und Schneckenhäusern, daß sie so bunt sind, und bezeigen ein dummes Verwundern, daß es so gar seltsam bunte Thiere in der Welt giebt.“ 38 Andere Zeitgenossen hingegen zollten den Mönchen durchaus Anerkennung. So zeigte sich der Verfasser des „Geographisch- Statistisch-Topographischen Lexikons von Baiern“, Johann Melchinger, stark beeindruckt von Probst Franz im Kloster Polling: „Gleich fieng er auch an kostbare astronomische u. geometrische Instrumente herzuschaffen zur Zeit noch, da man in der ganzen Gegend kaum den Namen dieser Wissenschaften kannte, auch nicht kennen wollte. […] Probst Franz legte zugleich ein physikalisches, eben so ein Naturalien- und endlich ein Münzkabinet an“. 39

 

Abb. 5: Heutige Präsentation im Franziskanermuseum, 1. OG, Stadtgeschichte bis 1800, Raum „Klöster“.

 

Wie die Zitate zeigen und aus einer Betrachtung zeitgenössischer Sammlungen klar wird, fällt die Unterscheidung zwischen didaktischen Lehrsammlungen und eher auf kurioses Amüsement zielenden Wunderkammern nicht immer leicht, denn noch im 18. Jahrhundert finden sich in den Sammlungen neben praktisch verwendbaren Apparaturen und Instrumenten auch symbolisch aufgeladene Kuriosa, denen kein unmittelbarer Zweck zukommt. Dies verwundert nicht, wenn man bedenkt, dass man in vielen Klöstern auf eine Jahrhunderte währende Sammlungsgeschichte zurückblickte. 40 Sammlungen waren im kirchlichen Umfeld kein Novum, denn bereits im Mittelalter verfügten bedeutende Gotteshäuser über Schätze in Form von Reliquien, Handschriften und Kunstwerken, aber auch Raritäten aus der Natur wie Straußeneiern und „Riesenknochen“. 41 Solche „Mirabilia“ waren nicht bloß publikums- wirksamer Budenzauber, sondern besaßen der mittelalterlichen Bedeutungslehre zufolge einen geistigen, von Gott eingeschriebenen Sinngehalt, eine „Significatio“, die hermeneutisch zu entschlüsseln war. 42 In ihnen wurde die von Gott geschaffene Vielfalt der Natur und die unbegrenzte und unvorhersehbare Schöpferkraft des Allmächtigen offenkundig. Auch das Kloster St. Georgen besaß eine reichhaltige Sammlung an Reliquien und anderen Pretiosen, darunter einem Spielbrett aus Silber, die womöglich später in den Bestand der Kunstkammer überging. Im Unterschied zur Kunstkammer als Studienort dienten die Kirchenschätze jedoch in erster Linie als „Repositorien von Reichtum, magischer und symbolischer Macht“, 43 denen noch kein enzyklopädischer Anspruch eingeschrieben war. Nichtsdestotrotz war die Neuentdeckung der Wissenschaften im Zuge der „katholischen Aufklärung“ somit ein Rückgriff auf althergebrachte Denkmuster: Es blieb die Vorstellung von der Welt als einer Kunstkammer Gottes, die auch im 18. Jahrhundert den Rahmen für die klösterlichen Schausammlungen bildete, nun ergänzt durch ein neu erwachtes Interesse an systematischen Naturstudien. Da der Mensch als Ebenbild Gottes Teil von dessen Schöpfung war, standen seine Kunsterzeugnisse gleichberechtigt neben den Wundern der Natur. So erscheint es nur konsequent, dass auch der Mathematische Turm in Kremsmünster in seiner hierarchischen Abstufung von einer Kapelle gekrönt war. Fern von jedem säkularen Wissenschaftsverständnis besaßen die klösterlichen Lehrsammlungen somit eine religiös aufgeladene Bedeutung, hielten die Benediktiner die Vernunft doch stets nur in Verbindung mit dem Glauben für fruchtbringend.

Freilich aber verbanden sich mit den klösterlichen Sammlungen nicht nur wissenschaftliche und religiöse Ambitionen. Sie dienten ebenso wie an den Höfen immer auch der Repräsentation oder sollten ihren Besitzern, wie es die Gendersheimer Äbtissin Elisabeth Ernestine Antoine von Sachsen-Meiningen ausdrückte, „zur Zierde gereiche[n], wie es sich für fromme und fürstliche Herzen geziemt“. 44 Dieser Aspekt dürfte in Villingen eine gewichtige Rolle gespielt haben, war man im Kloster St. Georgen doch immer sehr auf Repräsentation bedacht. Das Geltungsbedürfnis der Äbte zeigt sich nicht zuletzt darin, dass sie den Titel des Reichsprälaten führten und damit größere politische Macht beanspruchten, als ihnen zustand. Man kann wohl davon ausgehen, dass die Schausammlung auch gezielt als Werbemittel im Wettbewerb um Schüler am Gymnasium eingesetzt wurde.

Die klösterlichen Kunstkammern waren „halb- öffentliche“ Räume. Sie waren anders als moderne Museen nicht der Allgemeinheit zugänglich, sondern in erster Linie den Geistlichen und Schülern vor behalten. Repräsentativ wirken konnten sie jedoch nur, wenn man gelegentlich auch Besuch von Außerhalb empfing. Aus Göttweig ist überliefert, dass hochrangige Besucher die Kunstkammer besichtigen durften. 45 Die zahlreichen Erwähnungen in der zeitgenössischen Reiseliteratur weisen darauf hin, dass auch die Villinger Sammlung zumindest einzelnen Besuchern offen stand.

Den noch vorhandenen Exponaten kommt als einzigen materiellen Überresten eine besondere Rolle zu, weshalb eine Einzelanalyse der Objekte diesen Aufsatz beschließen soll.

Exponate der Villinger Kunstkammer

Wenngleich der Großteil der wissenschaftlichen Sammlung bis heute verschollen geblieben ist, gelang es den Gründern der Städtischen Altertümersammlung wenigstens, vier mutmaßlich daher stammende Objekte zu erwerben. Sie befinden sich heute in der Dauerausstellung des Franziskanermuseums (Abb. 5). 46 Die Provenienz und der Preis der Gegenstände sind im Repertorium der Altertümersammlung aufgeführt.

 

Abb. 6: Bidenhänder, 1. Hälfte 16. Jahrhundert und Hohlspiegel, 18. Jahrhundert.

 

Die Herkunft eines „großen Schwertes“, das zu den ersten Erwerbungen Förderers und Oberles gehörte, ist bis auf den Vermerk „stammt aus der Kunst- kammer der Benediktiner“ nicht näher benannt (Abb. 6). Bei dem Objekt handelt es sich um einen so genannten Bidenhänder, ein zweihändig zu führendes Schwert aus dem 16. Jahrhundert. Ein solch martialischer Gegenstand mag auf den ersten Blick kaum in eine von ästhetischen und wissenschaftspädagogischen Ansprüchen getragene Sammlung passen. Vor allem in den frühen Kunst- und Wunderkammern finden sich aber zahlreiche Beispiele für historische Waffen und Rüstungen. Aus dem Kupferstich des graphischen Kabinetts im Stift Göttweig von Salomon Kleiner geht etwa hervor, dass dort in einer Wandnische zwischen diversem Kriegswerkzeug, Büchern und Naturalia auch ein imposanter Bidenhänder gezeigt wurde.

Nicht selten hatten solche Waffensammlungen selbstreferenziellen Charakter und verwiesen auf die Geschichte der eigenen Familie oder Institution. Häufig handelte es sich um Ausrüstungsgegenstände ruhmreicher Vorfahren, bekannter Helden oder solche, die mit einem besonderen historischen Ereignis in Verbindung standen. Im Kloster St. Gallen wurde etwa ein Schwert verwahrt, mit dem im Jahre 1529 einem reformatorischen Priester der Schädel gespalten worden war. 47 Ob der Villinger Bidenhänder eine ähnliche Geschichte erzählte, wissen wir natürlich nicht. Es könnten auch die bloßen Ausmaße der Waffe gewesen sein, die aus dem Kriegswerkzeug ein sammelwürdiges „Curiosum“ machten. Denkbar ist jedoch auch eine religiös-symbolische Bedeutung. Seit dem Mittelalter war militärische Metaphorik in Bezug auf den Glauben weitverbreitet, wovon etwa Bezeichnungen wie „arma christi“ für die Leidenswerkzeuge Jesu zeugen. Im Regelwerk Benedikt von Nursias ist die militia dei ein wesentlicher Grundsatz: „Wir müssen unser Herz und unseren Leib zum Kampf rüsten, um den göttlichen Weisungen gehorchen zu können“. 48 Auch zum Bücherschrank der Mönche (armarium) wurden gerne Bezüge hergestellt und somit Parallelen zwischen den „Waffen des Krieges“ und den „Waffen des Glaubens“ gezogen. 49 Die kriegerische Geschichte des Klosters St. Georgen hätte eine Selbststilisierung als milites christiani sicher gefördert.

 

Abb. 7: Spielbrett, Mitte 18. Jahrhundert.

 

Gut möglich also, dass die sammlungs- geschichtliche Bedeutung des Zweihänders in diesem Sinn zu verstehen ist. Ob es weitere Waffen in der Kunstkammer gab oder er als pars pro toto fungierte, muss jedenfalls offen bleiben.

Primär als Kunstgegenstand anzusprechen ist hingegen wohl das „Damespiel-Brett“, das für den Preis von 51 Pfennig von Fidel Hirt 50 erworben wurde (Abb. 7). Es handelt sich dabei um ein aufklappbares Spielbrett aus zwei mit Eisenscharnieren verbundenen Einzelteilen. Auf der einen Außenseite befindet sich ein Schachbrettmuster, auf der anderen ein Muster für Mühle. Innen ergeben die nebeneinandergelegten Bretter ein Tric-Trac-Feld. Das Objekt kann zwar durchaus als beachtliches kunsthandwerkliches Erzeugnis betrachtet werden, steht in seiner Materialität jedoch klar hinter den zahlreich anzutreffenden Brettspielen großer fürstlicher Sammlungen zurück. 51 Eine symbolische Bedeutung ist darum auch hier naheliegend. Brettspiele wie Schach galten seit jeher als Gleichnisse irdischer Beziehungen der Menschen untereinander sowie des Verhältnisses zu Gott. In der Kombination zwischen eher taktisch-mathematisch orientierten Spielen wie Schach und dem beim Trictrac erforderlichen Würfelglück kommt die Spannung zwischen aktiven und passiven Mächten klar zum Ausdruck. 52 Gerade das spielfreudige Barock, für den der Mensch ohnehin ein sich im Spiel verwirklichender „homo ludens“ war, fand an diesen Bezügen viel Gefallen. In den Sammlungen der Städtischen Museen befindet sich ein weiterer, ähnlicher Spielkoffer. Dieser ist insgesamt besser erhalten und trägt die intarsierte Jahreszahl 1736. 53 Ob ein Zusammenhang zwischen den beiden Brettern besteht, ist unbekannt. Stilistisch und handwerklich unterscheiden sie sich deutlich voneinander.

Als besonders kunstsinniger Abt galt Hieronymus Schuh, in dessen Abbatiat unter anderem der Bau des Theatersaals, der Silbermann-Orgel sowie einiger Altäre in der Kirche fallen. Vom 1732 unter seiner Aufsicht fertiggestellten Hauptaltar wurde in der Kunstkammer ein Modell verwahrt (Abb. 8). Zusammen mit dem Riss stellten Modelle die anschauliche Grundlage für die zu erreichten den Altäre dar und wurden nach der Ausführung häufig in Sammlungen verwahrt. 54 Modelle von „Gebäuden, Festungen, Erfindungen, Maschinen und dergleichen“ 55 verwiesen in der Kunstkammer einerseits auf Bauten und Objekte, die man nicht vor Ort präsentieren konnte, stellten andererseits aufgrund ihres Miniaturcharakters selbst kunst- handwerklich bedeutende Arbeiten dar. Nach Auflösung des Klosters geriet das Altarmodell in Privathände und hat offenbar eine Weile als Hausaltar gedient, worauf das neue Altarblatt und eine vielleicht dazugehörige Madonnenfigur deuten. Erworben wurde es vom Maler Richard Säger für den Preis von 3 Mark.

 

Abb. 8: Hochaltarmodell, Mitte 18. Jahrhundert.

 

Um den einzigen noch erhaltenen Gegenstand mit physikalischem Hintergrund handelt es sich bei einem Hohlspiegel mit hölzernem Rahmen, dessen Herkunft im Repertorium nicht näher vermerkt ist (Abb. 6). Optische Phänomene waren ein wichtiges Forschungsfeld der Physik des 18. Jahrhunderts, Spiegel sind darum ebenso wie Mikroskope oder Teleskope in vielen Kunstkammern der Zeit vertreten. Darüber hinaus besitzen auch sie eine symbolische Bedeutung. Seit Sokrates galt der Spiegel als Sinnbild der Selbsterkenntnis und im theologischen Sinne damit auch der Erkenntnis Gottes. In der Ikonographie war er jedoch ebenso Zeichen der Klugheit (prudentia) wie der Eitelkeit oder Vergänglichkeit (vanitas). In den Spiegelka- binetten des Manierismus konnten Spiegel wiederum gezielt zur Erschaffung optischer Illusionen eingesetzt werden. Gerade Zerr- und Hohlspiegel zeichnen sich dadurch aus, dass sie den Körper des Betrachters verformen und somit gewissermaßen virtuelle Monstrositäten schaffen. Sie konnten somit ebenso wissenschaftlichen Zwecken wie bloßem Amüsement dienen. 56

Aus der Naturaliensammlung sind leider keine Überbleibsel bekannt, weswegen nur auf den eingangs bereits erwähnten allgemeinen Charakter solcher Sammlungen verwiesen werden kann. Ähnliches gilt für die Münzsammlung. Die Numismatik war ein häufiges Sammelgebiet in frühneuzeitlichen Klöstern, wie zahlreiche noch heute erhaltene Bestände belegen. In der Regel handelte es sich um antike Münzen, die als historische Quellen betrachtet und entsprechend ausgewertet wurden, doch finden sich daneben auch Orden und Medaillen. Aufgrund ihrer Quellenfunktion wurden Gipsabgüsse als adäquater Ersatz für fehlende Originale akzeptiert. 57 Sicherlich waren diese Münzen für den Sprachunterricht vorgesehen, der in St. Georgen neben Latein auch Griechisch und „morgenländische Sprachen“ umfasste. 58

Zuletzt noch einige Worte zu den Messinstrumenten, die der Verwalter Willmann 1813 an sich nahm. Über deren Verbleib ist nichts bekannt, doch handelt es sich zumindest um die einzigen Gegenstände, die zeitgenössisch beschrieben wurden. Nach Angaben des Großherzoglich-Badi- schen Direktoriums sei der Messtisch „sehr schön“ gewesen, aus „hartem Holz“ und „mit Messing beschlagen“. Willmann entgegnete, er sei „nicht von [dieser] schönen Beschaffenheit“, sondern „einfach, das Blatt von hartem Holz, aber ohne Mösing beschlagen“. 59 Messtische gehörten über Jahrhunderte zu den wichtigsten Instrumenten der Geodäsie. Sie bestanden aus einer Holzplatte über einem dreibeinigen Stativ und wurden über einem Messpunkt aufgestellt. Zur Messung von Entfernungen dienten Messketten wie jene, die sich ebenfalls in Willmanns Obhut befand. Sie waren, einem Lexikon von 1815 zufolge, „gewöhnlich 5 Ruthen 60 lang, aus Stäben von starkem Eisendrath von ½ oder 1 Fuß Länge bestehend, die durch messingne Ringe mit einander verbunden“ waren. Insgesamt zeigen die bekannten Objekte der Villinger Schausammlung sowohl Charakteristika der älteren „Wunderkammern“ mit ihren der Nützlichkeit entzogenen Semiophoren, als auch Züge von modernen Lehrsammlungen in Form praktisch anwendbarer Apparate. Ob diese Unterscheidung sammlungsgeschichtliche Relevanz hat

einige Objekte also früher gesammelt wurden als andere – kann nicht sicher beantwortet werden. Wie bereits aufgezeigt wurde, blieb die Sphäre des Symbolisch-Metaphorischen in den geistlichen Sammlungen ohnehin stets evident.

Dass die spärlichen Überreste der Benediktinersammlung heute ihren Platz im Franziskanermuseum gefunden haben, scheint jedenfalls äußerst passend. Nach einem Intermezzo im alten Rathaus sind sie nun erneut in einer ehemaligen Klosteranlage untergebracht. Innerhalb von nur 200 Jahren fanden sich die vier Exponate in drei unterschiedlichen Sammlungskontexten wieder. Für die Benediktiner waren sie jedoch mehr als bloße Ausstellungsstücke. Wie anderswo in Europa zeigte man sich auch in Villingen der empirischen Welt gegenüber aufgeschlossen und versuchte das Naturinteresse der Frühmoderne mit konservativer Apologetik zu verbinden. Diese Weltsicht an die Schüler weiterzugeben war Aufgabe des Gymnasiums, und es nutzte dazu alle ihm zur Verfügung stehenden medialen Möglichkeiten. Die Sammlung der Patres von St. Georgen war ihnen in diesem Sinne ein Mittel der Erziehung, ein Instrument der Vernunft, ein Beispiel der göttlichen Ordnung – kurz: eine Welt im Kabinettschrank.

Danksagung

Für Hinweise und Anregungen danke ich Michael Tocha, Michael Hütt, Anita Auer, Ute Schulze und Bertram Hupe.

Literatur

Auer, Anita: Diener befindet sich z. Zt. im alten Rathaus, in: Villingen im Wandel der Zeit, Jahrgang XXXVII/2014.

Bepler, Jill (Hg.): Barocke Sammellust. Die Bibliothek und Kunstkammer des Herzogs Ferdinand Albrecht zu Braunschweig Lüneburg (1636-1687). Katalog zur Ausstellung im Zeughaus der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel vom 28. Mai bis 30. Oktober 1988, Wolfenbüttel 1988.

Beßler, Gabriele: Wunderkammern. Weltmodelle von der Renaissance bis zur Kunst der Gegenwart, Berlin 2012.

Brunn, Friedrich Leopold: Deutschland in geographischer, statistischer und politischer Hinsicht, Berlin 1819.

Byrne, James: Religion and the Enlightenment. From Descartes to Kant, Louisville 1997.

Conversations = Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände, Sechster Band, Leipzig/Altenburg 1815.

Daston, Lorraine: Neugierde als Empfindung und Epistemologie in der frühmodernen Wissenschaft, in: Grote, Andreas (Hg.): Macrocosmos in Microcosmo: Die Welt in der Stube. Zur Geschichte des Sammelns 1450 bis 1800, Berliner Schriften zur Museumskunde Band 10, Opladen 1994.

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Fick, Johann Christian: Neues Handbuch für Reisende jeder Gattung durch Deutschland und die angränzenden [sic!] Länder, Nürnberg 1809.

Gilbert, Ludewig Wilhelm: Handbuch für Reisende durch Deutschland, Erster Theil, Leipzig 1791.

Hahn, Roger: Laplace and the Mechanistic Universe, in: Lindberg, David; Numbers, Ronald (Hg.): God & Nature. Historical Essays on the Encounter between Christianity and Science, London 1986.

Höpfner, Ludwig Julius Friedrich: Allgemeines Real=Wörterbuch aller Künste und Wissenschaften, 23. Band, Frankfurt am Main 1804.

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Abbildungen

Abb. 1: „Gehorsamster Anzeigsbericht der Gefällsverwaltung zu Villingen vom 9ten März 1808“, Landesarchiv Baden- Württemberg, Staatsarchiv Freiburg, B 1135/1 Nr. 441.

Abb. 2: Vermutlicher Standort der Kunstkammer, Ausschnitt aus Guido Renner: „Das Benedictiner-Kloster in Villingen“, 1805, Franziskanermuseum, Inv.-Nr. alt 2656.

Abb. 3: „Musaei Contignatio Superior“ in Göttweig, Salomon Kleiner 1744, Kupferstich, Graphische Sammlung Stift Göttweig

Abb. 4: Abbé Nollet, Entdecker der Osmose, bei einer Vorführung zur Elektrizität. In den Fächern der Schrankwände im Hintergrund befinden sich zahlreiche, für die Vorlesungen gedachte physikalische Apparaturen. (Le Sueur, Nicolas (Zeichner), Brunet, Roch (Stecher): Frontispiz zu Nollet, Jean Antoine: Essai sur l’électricité des corps, Paris 1746, Kupferstich)

Abb. 5: Heutige Präsentation im Franziskanermuseum, 1. OG, Stadtgeschichte bis 1800, Raum „Klöster“

Abb. 6: Bidenhänder, 1. Hälfte 16. Jahrhundert, Franziskaner- museum, Inv.-Nr. 12269 und Hohlspiegel, 18. Jh., Franziskanermuseum, Inv.-Nr. 12682

Abb. 7: Spielbrett, Mitte 18. Jahrhundert, Franziskanermuseum, Inv.-Nr. 12162

Abb. 8: Hochaltarmodell, Mitte 18. Jahrhundert, Franziskanermuseum, Inv.-Nr. 11939

Verweise

1 Repertorium der Altertümersammlung, Stadtarchiv Villingen- Schwenningen Best. 2.2 Nr. 8373 o.S.

2 Ebd.

3 Lat. „Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang“, Ps. 111, 10

4 SAVS Best. 2.2 Nr. 8373 o.S.

5 Staatsarchiv Freiburg B 1135/1 Nr. 441 o.S.

6 Ebd.

7 Ebd.

8 Ebd.

9 Siehe z.B. Mittler 1971, S. 94 ff.

10 Mayer 1892, S. 9. Vgl. auch ebd. S. 43.

11 Universitätsarchiv Freiburg A 28/191, 192 und 198.

12 Sulzer 1782, S. 126.

13 Gilbert 1791, S. 156.

14 Europäische Annalen 1806, S. 216. Weitere Erwähnungen finden sich z.B. in Fick 1809, S. 164: „Villingen […], wo die Benediktinerabtei mit der schönen Kirche, Bibliothek und Kunstkammer […] zu bemerken sind“ oder in Brunn 1819, S. 220: „Die Benediktinerabtey, m. e. Bibl., Kunstkammer u. schönen Kirche“.

15 Zum Inventar der Sammlung aus St. Blasien siehe: Übernahme des Naturalien- u. physikalischen Kabinetts des Klosters St. Blasien durch die Universität, 1806-1807, Universitätsarchiv der Albert-Ludwig-Universität Freiburg i. Br., Bestand A 28, Signatur II kh 5 128.

16 Vgl. Röder 1792, S. 896.

17 Vgl. ebd., S. 893 ff.

18 Schönstein 1824, o.S., Abschnitt „Abt Anselm Schababer“.

19 Vgl. SAVS Best. 2.2 Nr. 8373.

20 Ebd.

21 Vgl. Mittler 1971, S. 155.

22 Neickel 1727, S. 409, zitiert nach: Schmitt 2007, S. 225.

23 Ebd.

24 Neickel 1727, S. 3, zitiert nach: Nutz 2009, S. 232.

25 Vgl. Daston 1994, S. 40 f.

26 Zu diesem Spannungsfeld vgl. Schramm 2003.

27 Der Mathematiker Pierre-Simon Laplace soll diese Antwort Napoleon gegeben haben, der fragte, welchen Platz Gott in dessen Weltmodell habe. Siehe z.B. Hahn 1986, S. 256 ff.

28 Vgl. Lehmann et al. 2004, S. 360 ff.

29 Dass sich gerade die Benediktiner durch eine solche Offenheit gegenüber wissenschaftlichen Fragestellungen auszeichneten, begründet Ulrich Lehner mit ihrer dezentralen Organisation und dem Fehlen einer eigenen theologischen Schule. Dies habe dazu geführt, dass jeder Abt selbstbestimmend neue Ideen in den Curriculum integrieren konnte, wodurch sich bestimmte Klöster als Hochburgen der Wissenschaft etablierten. Vgl. Lehner et al. 2010, S. 33.

30 Vgl. Tocha, Michael: Starthilfe aus Zwiefalten […], in diesem Heft

31 Zitiert nach Quarthal 2002, o.S.

32 Vgl. ebd.

33 Ausnahmen sind etwa das Kuriositätenkabinett des jesuitischen Universalgelehrten Athanasius Kircher oder die Sammlung des Pariser Benediktiners Claude du Molinet in der Abtei Sainte Geneviève.

34 Vgl. Laube 2011, S. 29.

35 Vgl. Lehmann/Albrecht 2004, S. 360.

36 Röder 1792, S. 896.

37 Vgl. Kern 1959, S. 124.

38 Nicolai 1784, S. 124.

39 Melchinger 1796, S. 688, Abschnitt „Polling“.

40 In Kremsmünster wurde beispielsweise schon seit dem 16. Jahrhundert unsystematisch gesammelt.

41 Ein solcher wurde bei Grundaushebungen in Wien gefunden und in der Kathedrale St. Stephan verwahrt. Der vermeintliche Riese entpuppte sich später als pleistozänes Wollhaarmammut.

42 Vgl. Laube 2005, S. 47 f.

43 Laube 2006, S. 201.

44 Weber 2013, S. 43.

45 Ebd., S. 50.

46 Franziskanermuseum Villingen-Schwenningen, 1. OG, Stadtgeschichte bis 1800, Raum „Klöster“

47 Vgl. Schmuki et al. 2010, S. 201.

48 Zitiert nach: Reudenbach 2008, S. 19.

49 Vgl. Bepler 1988, S. 14.

50 Zu Fidel Hirt siehe: Auer 2014, S. 56.

51 Siehe z.B. Bepler 1988, S. 136 f., Nr. 141.

52 Vgl. Voigt 1999, S. 204.

53 Dieses Brett mit der Inv.-Nr. 11818 befindet sich ebenfalls im Franziskanermuseum, Abteilung Stadtgeschichte bis 1800 (1. OG).

54 Vgl. Volk 1992, S. 269.

55 Höpfner 1804, Abschnitt „Kunstkammer“, S. 675.

56 Vgl. Beßler 2012, S. 129.

57 Vgl. Schrott 2010, S. 27.

58 Vgl. Tocha, Michael: Fächer, Klassen, Bildungsziele, in diesem Heft.

59 Staatsarchiv Freiburg B 1135/1 Nr. 441 o.S.

60 Entspricht 15 Metern (1 Ruthe = 3 Meter).

61 Conversations=Lexicon 1815, S. 292.