Ursula Haider (Edith Boewe-Koob)

Das segensreiche Wirken der ersten Äbtissin des Villinger Klarissenklosters(1480-1489)

In der Klosterkirche von St. Ursula zu Villingen befindet sich auf der rechten Seite des Altarraumes die letzte Ruhestätte der Reformäbtissin Ursula Haider. Es ist ein bedeutender Ort, der zum Nachdenken herausfordert. Leider ist die Erinnerung in Villingen an diese außergewöhnliche Frau nicht mehr so lebendig, wie es noch vor Jahrzehnten und Jahrhunderten der Fall war. Dabei bewirkte die erste Äbtissin des Villinger Klarissenklosters durch ihr Charisma, ihre Visionen und tiefe Frömmigkeit, dass das Klarissenkloster in Villingen zu einem Zentrum mystisch-religiösen Lebens wurde.

 

Abb. 1: Wappen der Äbtissin Ursula Haider.

 

Ursula Haider wurde 1413 in Leutkirch geboren. Nach dem frühen Tod ihrer Eltern kam sie als Kleinkind zu ihrer Großmutter und ihrem geistlichen Onkel, wo sie die ersten Jahre verbrachte. Um dem tief religiösen Mädchen eine entsprechende Erziehung zu bieten, brachten sie ihre Verwandten mit neun Jahren (1422) in den Konvent nach Reute, um auf den Empfang der Sakramente vor- bereitet zu werden.

In diesem Konvent hatte Elisabeth Achler („Gute Beth“) 1 seit 1403, (damals war der Konvent noch eine Klause), gelebt, bevor sie eine Zeitlang in größter Armut bei einer Begine wohnte. Beichtvater und geistlicher Führer der „Guten Beth“ war der Augustinerchorherr Konrad Kügelin 2, der nach dem Tod der Elisabeth Achler eine lateinische Vita über ihr heiligmäßiges Leben verfasste. Seit dem Jahr 1406 befolgten die Schwestern in Reute die Dritte franziskanische Regel, und die geistige Führung des Konvents lag in den Händen Elisabeth Achlers, die sich durch große Frömmigkeit und mystische Ausstrahlung auszeichnete. Sie lebte in Armut und versorgte trotzdem die Kranken und Menschen, die an der Klosterpforte um Hilfe baten. Ihr Leben war der Nachfolge Christi geweiht und sie versenkte sich ganz in die Passion Christi. Die „Gute Beth“, wie sie wegen ihres aufopferungsvollen Lebens genannt wurde, ist als einzige Mystikerin des 14. und 15. Jahrhunderts in Deutschland zur Volksheiligen geworden. Sie wurde 1766 durch Papst Clemens XIII. selig gesprochen. In Reute besteht seit 1870 ein Franziskanerinnen-Kloster, das nach dem Vorbild der „Guten Beth“ Gott und den Menschen dient.

Obwohl Elisabeth Achler bereits 1420 starb, wurde Ursula Haider ganz in deren Sinne erzogen, wobei ihr Leben, wie das ihres geistigen Vorbildes, ganz auf die Mystik der Passion Christi ausge- richtet war, indem sie über das Leiden des Herrn meditierte und es im Geiste miterlebte. Ursula Haider erfuhr im Reuter Konvent eine der damali- gen Zeit entsprechende Ausbildung. Sie lernte dort lesen und schreiben und wurde in allen Tugenden unterwiesen 3.

Abb. 2: „Gute Beth“ (Ölgemälde des 17. Jahrhunderts) (Abbildung mit Erlaubnis der Franziskanerinnen von Reute)

 

 

Abb. 3: Kloster Valduna (Ausschnitt eines Altarbildes, 17. Jahrhundert), (Mit Erlaubnis des Archivars Norbert Schnetzer von Rankweil / Valduna)

 

Um Gott noch intensiver zu dienen, verließ Ursula Haider den Konvent in Reute und trat mit 18 Jahren in das Klarissenkloster Valduna bei Rankweil/Vorarlberg ein. Dieses Kloster hatte wegen der Frömmigkeit und auch wegen der praktizierten Nächstenliebe der Klarissen einen ausgezeichneten Ruf, so dass die junge Ursula Haider dort eine geistige Heimat gefunden hatte.

Valduna wurde im Jahr 1388 als Einsiedelei von dem Graf zu Montfort – Feldkirch gegründet. Anfangs war das Eremitenhaus für Gott dienende Männer gedacht 4. Ein Stiftungsbrief des Grafen von Montfort aus dem Jahr 1388 gibt an, dass das Haus auch für Frauen, die in Einsamkeit für Gott leben wollen, als Heim anzunehmen sei, wenn die zuerst bevorzugten Männer die Einsiedelei nicht bewohnen würden 5.

Drei Jahre später kamen Terziarinnen aus Grimmenstein in der Schweiz nach Valduna, deren Sammlung im Jahr 1378 ursprünglich als Beginengemeinschaft gegründet wurde. Der kleine Konvent in Valduna, lange als Gotteshaus „zur goldenen Mühle“ bekannt, vergrößerte sich, und die Frauen lebten ab 1391 als Terziarinnen nach der Regel des hl. Franziskus 6. Sie bekamen kaum finanzielle Zuwendungen, nur die „armen lütten auff dem land“ unterstützten den Konvent „mitt klainen almusen…“. Selbst der Bischof von Chur ermahnte die Gläubigen, das Kloster „zur goldenen Mühle“ zu unterstützen. Mit großen Anstren- gungen konnte das notwendige und bescheidene Gebäude gebaut werden 7. Im Jahr 1393 wird erstmals die Lage und der Name des Klosters in einem weiteren Stiftungsbrief angegeben. „…Convent der Closterfrauen St. Clarae Ordens, der Newen Stifft, die angefangen ist uf der Hofstatt genandt die guldin Müli, gelegen in dem Wald Valdunen Bey Veldtkirch in Ranckwyler Kilchspil und Curer Bihstum…“ 8.

Schon circa 10 Jahre nach der offiziellen Gründung des Klarissenklosters waren in Valduna 50 Chorfrauen und 12 Laienschwestern, obwohl sie in großer Armut leben mussten. Aber ihr religiöses Leben, ganz im Geist der hl. Clara von Assisi, war so vorbildlich, dass bald Mädchen aller sozialen Schichten nach Valduna gebracht wurden, um Gott zu dienen. Das Kloster wurde ein Zentrum geistlichen Lebens. Gefördert wurden die Klarissen von den Habsburgern, den Grafen von Hohenems und den Patriziern der Stadt Feldkirch 9. Das hervorragend geführte Kloster hatte ein solches Ansehen, dass es dazu ausersehen wurde, Schwestern zur Reform nach Villingen, Speyer, Wittichen und Regensburg zu senden 10.

In dem Klarissenkloster Valduna, deren Schwes- tern ganz nach den Idealen des hl. Franziskus und der hl.Clara lebten, hatte Ursula Haider einen idealen Ort gefunden. Sie versenkte sich, neben ihrer täglichen aufopfernden Pflege der Kranken, ganz in das Leiden Christi und in die Liebe zu der „Göttlichen ewigen Weisheit“ und gab auch ihren Mitschwestern die Möglichkeit, daran teilzunehmen. Durch ihre praktizierende Nächstenliebe, ihr Verständnis und Liebe für ihre Mitschwestern wurde sie im Jahr 1457 erstmals zur Äbtissin gewählt, musste aber 1460 ihr Amt wegen gesund- heitlicher Problemen aufgeben. Als ihre Nachfolgerin Ursula Furtenbach jedoch plötzlich starb, wurde Ursula Haider 1461 erneut zur Äbtissin gewählt. Sie stand dem Kloster bis 1471 vorbildlich vor 11.

In der Chronik der Juliane Ernstin 12 wird erwähnt, dass Ursula Haider oft auf dem Kirchhof über ihre eigene Begräbnisstätte nachdachte. Während ihrer Gebete soll sie eines Tages eine Stimme gehört haben, die ihr verkündete: „Dein begrebtnus wirdt nit hie in dissem closter sein, sonder zue Villingen“. Die Chronik berichtet weiter, dass Ursula Haider keine Vorstellung von Villingen hatte, noch wo die Stadt lag. Sie hatte den Namen Villingen noch nie gehört. Dieses Ereignis geschah 15 Jahre bevor sie nach Villingen gesandt wurde, um die Sammlung am Bickentor dem Klarissenorden zuzuführen. In der Aufzeichnung der späteren Äbtissin Juliane Ernstin stehen noch andere wundersame Begebenheiten, die Ursula Haider auf ihre neue Aufgabe hinwiesen. Einige der Ereignisse wurden von ihren Mitschwestern aufgeschrieben.

Die kontemplativen Frauenorden standen in dieser Zeit in großem Ansehen. Auch die Bürgerschaft von Villingen wollte dringend, anstelle der Sammlung am Bickentor, ein geschlossenes Kloster 13, zumal die Zustände in der Sammlung eine strengere Ordnung verlangten. Anlass zu dieser Reform war ein Erlass des Papstes Paul II. vom Jahr 1465, welcher, auf Veranlassung des Generals der Franziskaner, den Bischof von Konstanz aufforderte, die Bickentor Sammlung dem Zweiten franziskanischen Orden (Klarissen) mit strenger Klausur wieder zu unterstellen“… ad perpetuam clausuram reduceatur…“ 14. Diese Zurückführung bezog sich auf die im Jahr 1305 in der Bickentor-Sammlung aufgenommenen Klarissen aus Neuhausen 15. Die Sammlung befolgte die Dritte franziskanische Regel „…a pluribus annis citra nonnulla religiose mulieres sub regula Tertii ordi- nis beati Francisci degentes inhabitarunt…“ 16, die auch von den Neuhauser Schwestern im Jahr 1305 übernommen wurde.

Die angestrebte Reform blieb zunächst ohne Erfolg, da die Sammlungsfrauen in Villingen Widerstand leisteten und außerdem der Konstanzer Bischof kurz darauf starb. Erst die Bulle vom 9. Juni 1479 des Papstes Sixtus IV. 17 hatte die gewünschte Wirkung, zumal der Papst vor seiner Wahl Ordensgeneral der Franziskaner gewesen war. „Bruder Hainrich Karrer sant Francissen ordens der myndern bruder provincial“ hatte die Aufgabe übernommen, die Bickentor- Sammlung in ein geschlossenes Kloster umzuwandeln 18. Heinrich Karrer, ein äußerst frommer und gelehrter Mann, hatte für die Umwandlung der Sammlung in ein Klarissenkloster eine vor- bildliche und glaubensstarke Führung nötig. Da er von der besonderen religiösen Ausstrahlung des Valduner Klosters wusste, war er überzeugt, dass nur Klarissen aus Valduna die Villinger Sammlung reformieren könnten. Dieses Kloster hatte einen hervorragenden Ruf. Der Franziskaner-Provinzial Heinrich Karrer konnte trotz des Widerstands der Sammlungsfrauen am Bickentor in Villingen die notwendige Reform vorbereiten.

Am 13. März 1480 verständigte H. Karrer den Konvent in Valduna über die Absicht, die Villinger Sammlung in ein Klarissenkloster umzuwandeln, wozu er neun Klarissen aus Valduna für diese wichtige Aufgabe vorgesehen hatte 19. Der Konvent erschrak über diese Maßnahme, vor allem, als die Namen der Schwestern genannt wurden. 1. Ursula Haider, die insgesamt 13 Jahre Äbtissin in Valduna war und in Villingen dieses Amt wieder übernehmen sollte. 2. Agnes Bützlin, 3. Margaretha Möttelin, 4. Klara Irmler, 5. Justina Dettighofer, 6. Klara Wittenbach, 7. Agnes Richart, 8. Lucia Stöcklin und 9. Ursula Funk 20. Trotz Schrecken und großer Wehmut erklärte sich der gesamte Valduner Konvent schriftlich und mündlich bereit, Schwestern ihres Hauses zur Reformierung der Bickentor-Sammlung nach Villingen zu senden 21. Nach einer Woche sollte die Reise der Klarissen unter der Obhut des Provinzials stattfinden, der jedoch ernstlich erkrankte. Dadurch verzögerte sich die Abreise. Außerdem versuchte der Stadtrat von Feldkirch die Schwestern in Valduna zu halten und wandte sich an den Fürstbischof von Chur, um den Auszug zu hintertreiben. Dieser soll jedoch geantwortet haben: „So wenig ihr mir vorzuschreiben habt, was ich meinen Priestern verordnen solle, ebenso wenig habt ihr den Provincial in dem zu hindern, was die ihm unterstellten Klöster betrifft“ 22.

Doch erst nachdem der Landesfürst Erzherzog Sigismund in Innsbruck seinen Rat Hans Jacob von Bodmann mit Begleitung von Reitern beauftragte, den inzwischen genesenen Provinzial und die Klarissen nach Villingen zu begleiten, gab der Stadtrat und die Bevölkerung von Feldkirch schweren Herzens nach.

Die Reise, die am 18. April begann, dauerte acht Tage. Sie hatten Aufenthalt in Rheineck, Konstanz im Kloster Paradies und in Hüfingen. Am 27. April kamen die Schwestern mit Begleitung in die Nähe Villingens, als ihnen der Bürgermeister, Schultheiß und Rat der Stadt entgegen ritten und von den Schwestern verlangten, dass sie allen bürgerlichen Verpflichtungen nachkommen müssten. Erst nach gegebener Unterschrift konnten die Klarissen in zwei verdeckten Kutschen, (die nach dem Bericht der Juliane Ernstin eine Stiftung des Konvents von Paradies gewesen sein sollen) 23 in die Stadt einfahren. Nach einem dreitägigen Aufenthalt bei Heinrich und Walburga Keller (die Reisegesellschaft bestand aus 15 Personen) konnten die Klarissen mit den Franziskanern in deren Kirche ein Amt feiern. Nach einem Gottesdienst im Münster am nächsten Tag, wurden die Klarissen in feierlicher Prozession, begleitet von den Stadtobern und vielen Bürgern, in das Haus am Bickentor geführt, das mit einem „ewigen Schloss“ (Klausur) versehen wurde.

Den sieben Sammlungsfrauen wurde freigestellt, in den Klarissenorden einzutreten oder das Kloster zu verlassen 24. Nach einer Probezeit entschloss sich nur Magdalena Wagner in den Klarissenorden einzutreten. Die anderen Frauen erhielten ihr eingebrachtes Geld und Gut zurück und fanden eine neue Heimat bei ihren Verwandten 25.

Die spätere Äbtissin Juliane Ernstin (1655 – 1665) berichtete als Konventschreiberin über den Anfang des Villinger Klarissenklosters „… des andern dags besamlette (versammelte) die selige vnd nev gesetztte (neu gewählte) frau muetter Appttissin ursula haiderin / ihr undergebens Con- ventt vnd besöztte (besetzte) solches nach bösten vermögen mit den Ampttern des Closters / sie underwant sich selbst der gröstern puerde (Bürde) nemlich deß zeittlichen / wie her nach weitters sol gemelttet werden…“ 26.

Die Äbtissin Ursula Haider war bereits im 67. Jahr und davon fast 50 Jahre in Valduna. Ihr wurde die schwere Aufgabe aufgetragen, die Sammlung in ein Klarissenkloster umzuwandeln und auch zu leiten. Trotz der schweren Krankheiten, die ihren Körper geschwächt hatten, war sie schon in Valduna insgesamt 13 Jahre eine vorbildliche Äbtissin, die mit Klugheit und großem persönlichen Einsatz ihr Amt ausübte, was sie in gesteigertem Maß in Villingen zeigte.

Mit den von Valduna erhaltenen 100 Gulden und den wenigen Gulden, die von der ehemaligen Sammlung übrig geblieben waren, ließ die Äbtissin, die für einen kontemplativen Orden vorgeschriebene Mauer um das Kloster bauen. Es folgten Schlafräume, Refektorium und eine Krankenstube. Die Chronistin Juliane Ernstin schrieb

„… das Haus war nicht für ein Kloster geeignet. Es war eng, finster, muffig und baufällig. Dadurch waren Ungeziefer, auch Ratten und Mäuse, an der Tagesordnung…“ „…Jahrelang wurde an der einfachen Kirche und an dem Kreuzgang gebaut, unter den größten Entbehrungen des Konvents“ 27. Die Schwestern hofften auf Almosen frommer Leute, um den Kreuzgang recht stabil bauen zu können. In der Chronik steht: „… welches laider uf disse stund noch nye geschehen…“ Trotzdem konnte im Jahr 1484 der Bischof von Konstanz vier Altäre in der bescheidenen Kirche weihen 28. In der Chronik wird erwähnt, dass die Äbtissin nicht nur in Betrachtung und Beschauung lebte, sondern dass sie die Erste bei den Arbeiten war und dass ihr keine Arbeit zu gering erschien. Ursula Haider übte sich in Gehorsam gegen alle ihre Mitschwestern, denen sie in aller Demut diente. Alle Schwestern arbeiteten mit großer Opferbereitschaft und gegenseitigem Verständnis, um das Gelingen des neugegründeten Klarissenklosters zu sichern.

So war die Äbtissin nicht nur Baumeisterin, sondern auch Mutter und Lehrerin der ihr anvertrauten Mitschwestern und Novizen. Ihre religiöses und menschliches Charisma hatte für den Konvent eine große Wirkung, auch wenn ihre Mitschwestern oft nicht die Intensität ihrer Gedanken verstanden. So regte sie doch in ihnen eine gleiche Geistesrichtung und Tätigkeit an.

„Die Poesie ist der Mystik gleichgestellt“. Viele Sinngedichte der ersten Generation im Kloster zeugen von der tiefen Innerlichkeit der Klarissen und geben deutliche Beweise ihrer geistigen Einstellung. So schrieb z.B. Ursula Funk, die als Laienschwester mit aus Valduna kam, allerdings nicht extra genannt wurde:

„Die Eule“

„Eine Eule bin ich genannt, meine Kinder sind mir wohl bekannt;

Mit meiner Stimm´ möcht ich dich lehren, Alle Dinge auf Erden zum Besten kehren,

Dann kommen sie dir alle zu gut

Und du bewahrst stets den reinen, freien Mut.“

 

Oder das Sinngedicht der ehemaligen Sammlungsfrau Magdalena Wagner, die als einzige der Sammlung in den Klarissenorden eintrat.

 

„Der Auerhahn“

„Der Auerhahn ist mein Nam´Geduld im Leiden mein Gesang;

Uebe im Leiden die Geduld, Mit ihr gewinnst du Gottes Huld,

Wer gelitten hat in schwerer Kümmerniß, Wird in Allem geführt zur rechten Verständniß; Nimmst die Leiden du geduldig hin,

Wird Christi Schatz sein dein Gewinn.“ 29

 

Auch Klara Irmler, die mit Ursula Haider aus Valduna kam, und von 1493-1512 die dritte Äbtissin des Klosters war, ließ sich von dem Gedankengut ihrer Äbtissin inspirieren. In diesem Gedicht wird die Jesu-Minne deutlich.

 

„Das Turteltäublein“

„Ein Turteltäublein ist mein Nam´,

Jungfräulichkeit mein Gesang;

Ich will ein neues Liedlein singen,

Vor Gottes Thron wird’s schön erklingen;

Gottes unvermaßgetes (unbeflecktes) Lämmlein

Wird im Himmel mein Gemahel sein,

Mit allen reinen Jungfrauen

Werd´ich ihn in Entzückung schauen

Und einen goldnen Rosenkranz

Im Jubel tragen am himmlichen Tanz.“

 

Schon im Jahr 1480 brachte der Junker Conrad Bützlin seine 10-jährige Tochter Anna in das Kloster. Er wurde vom Provinzial und dem Rat hoch gelobt, dass er seine Tochter den Schwestern anvertraut hatte. In den Jahren 1480 bis 1484 kamen insgesamt elf Mädchen in die Obhut der Klarissen, d.h. sie wurden der Regel gemäß eingeschlossen 30. Am 26. Mai 1482 wurde von Pater Franziskus Samson, dem Bürgermeister, Schultheiß, den Räten und allen Bürgern der Stadt bestätigt, dass alle Vereinbarungen zur Umwandlung des Klosters von einem offenen in ein geschlossenes Kloster ausgeführt waren 31. Ein Jahr später (26. 11. 1483) wurde dem Kloster der Schutz der Stadt gewährt 32.

Bei den Klarissen gab es Chorfrauen, die einer strengen Klausur unterworfen waren und Laienschwestern, deren Klausur gemildert war, da sie den Kontakt zur Außenwelt halten mussten. Doch bei den täglichen Arbeiten gab es keinen Unterschied.

Durch die vorbildliche Führung und den heiligmäßigen Lebenswandel der Äbtissin Ursula Haider kam das Kloster sehr schnell zu hohem Ansehen und konnte bereits 1487 zwei Klarissen nach Schwäbisch Gmünd senden, um die dortige Sammlung in ein geschlossenes Kloster umzuwandeln 33. Im Villinger Klarissenkloster lebten schon zu Zeiten Ursula Haiders 31 Schwestern 34, die alle von der großen Demut und dem tiefen Glauben ihrer Äbtissin inspiriert waren.

In der Klosterchronik wird berichtet:

„Als im Hochsommer eines nicht genannten Jahres aus heiterem Himmel ein starkes Gewitter über Villingen hereinbrach, verbunden mit einem so heftigen Wind, dass im Riet etliche kleinere Häuser umgerissen wurden. Kräftige Männer die sich noch auf der Straße befanden, wurden vom Wind hochgeschleudert und an eine Mauer geworfen, wo sie verletzt liegen blieben. Das Unwetter dauerte ca. drei Stunden und alle Bewohner glaubten, der Jüngste Tag sei angebrochen. In dieses Inferno begab sich Ursula Haider, indem sie sich im Hof zu Boden warf und sich Gott als Opfer der Versöhnung für die ganze Stadt darbot.

„Herr, wenn jemand gesündigt hat und deinen Zorn erweckt hat, strafe mich für die Sünden der Stadt“. Je schlimmer das Unwetter wurde, umso flehender wurde ihr Gebet. Während ihrer Gebete hatte sie eine Vision. Sie sah Maria mit dem Kind, die ihr versprach, das Kloster und die Stadt unter ihren besonderen Schutz zu nehmen, wenn die Bewohner dieses Klosters neben ihren Chorgebeten, zusätzlich die 150 Psalmen mit bestimmten Gebeten jedes Jahr verrichten würden. Die Äbtissin versprach es, und der Himmel klärte sich auf. Das Gewitter war vorbei“ 35.

 

Abb. 4: Die Vision Ursula Haiders (Gemälde in der Klosterkirche St. Ursula).

 

Die spirituelle Ausrichtung auf das Leiden Christi war für die Äbtissin Haider von großer Bedeutung. Auf Wegen der Askese wollte sie zur Schau „der Ewigen Weisheit“ d.h. zur Gotteser- kenntnis gelangen. Außerdem verehrte sie den Namen Jesu und ihre Marienverehrung war sehr stark ausgeprägt, sie nahm bei Ursula Haider eine herausragende Stellung ein.

Nach der Erkenntnis des Dominikaners Thomas von Aquin und des Franziskaners Bonaventura beruht Mystik „auf Erfahrung gegründete Gotteserkenntnis“. Gott wird nicht nur geglaubt, nicht nur philosophisch erschlossen, sondern seine Existenz wird durch viele religiöse Erlebnisse erfahren 36.

Mystik kann je nachdem gefühlsbetont oder kontemplativ sein. Die Grundlage ist immer asketisch. Im Christentum gab es im Mittelalter die Jesu-Braut-Mystik (Bernhard von Clairvaux), die Passionsmystik (Bonaventura),die spekulative Mystik der Dominikaner Meister Eckart, Johannes Tauler und Heinrich Seuse 37.

Um die Spiritualität und die mystische Schau Ursula Haiders zu erfassen, ist die Erklärung Heinrich Seuses, dessen Mystik Ursula Haider besonders inspiriert hatte, von Bedeutung,

„…Ein Mensch soll sich von Herzen allezeit mit Gott vereinigen. Dazu gehören Stillschweigen und tiefe Betrachtung, wenig Worte und viel hartes Wirken. Was Gott einem Menschen an Leiden schickt, soll er freudig annehmen, aller Menschen Mängel in Geduld übersehen, von den verführerischen Dingen sich abkehren… sich unter Gott und alle Menschen beugen, von Menschen Gutes sprechen, sich selbst für nichts achten, Gott fröhlich dienen, den Menschen ein gutes Beispiel geben…“ 38.

Mystische Tradition, die auch bei Ursula Haider deutlich wird, ist die Empfindung des Herzens und sind die Regungen des Gefühls, durch die göttliche Liebe emotional berührt, d.h. davon erfüllt zu sein. Alle Bereiche des Lebens können der Gottesliebe dienen. So gehört die Bedeutung des Singens und der instrumentalen Musik zum mystischen Erlebnis. Selbst wenn es nur unvollkommene Bemühungen sind, finden sie in der „Melodie Gottes“ ihre vollendete Form 39.

Auch für Ursula Haider war der Gesang und die instrumentale Begleitung der Gottesdienste ein inneres Anliegen. Sie übte jeden Tag mit dem Chor, damit Gott durch die Musik verherrlicht würde. Auch zeugen viele Handschriften von der musikalischen Tradition im Kloster. Die feierliche Gestaltung der hl. Messen und Chorgebete wurde auch von den späteren Äbtissinnen weitergeführt. So schrieb im Jahr 1580, hundert Jahre nach der Reformierung des Klosters, Sr. Euphrosina Some: „… vff das hunderttest jubel jar ist wider der hailig Santt Patter von mayland vff den frytag vor Canttatte gesin wie es och gesinn ist do mans beschloßen hatt (das Kloster) den hend mir duplex begangen die hailige meß herrlich gesungen mit Cimbali schlachen vnd figurieren vnd hend ainen herlichen fyrtag gehept…“ 40.

 

Abb. 5: A.B. X 11 Bitte um Genehmigung der hl. Stätten in St. Clara mit dem Eintrag der Erlaubnis des Papstes Innocenz VIII.

 

Schon zu Lebzeiten Ursula Haiders muss es im Kloster ein kleines Skriptorium gegeben haben, denn bereits im Jahr 1495 haben fünf Klarissen

„geschriben, robriciert vnd geryssen dry Antyfoneer vnd nvwen gesangbuocher och den newen Sequentzer“. Auch später wurden von Sr. Genovefa Barbara um 1700 „Geistliche Gesänge“ geschrieben.

„Zur Zeit des Ungewitters wann Schwere weder (Wetter) vorhanden… „…Zue Süngen das zue schlagen nach belieben“. Auch wurden Hymnen und Sequenzen aufgezeichnet. Von dieser Klarissin sind einige handschriftliche Aufzeichnungen vorhanden.

Im Jahr 1489 erließ Papst Innocenz VIII. einen Jubiläumsablass, der beim Besuch der sieben Hauptkirchen Roms und der heiligen Stätten in Jerusalem gewonnen werden konnte. Ursula Haider bemühte sich 1490 für das Kloster, den Ablass zu erhalten, obwohl sie bereits 1489, aus Krankheitsgründen, die Leitung des Klosters abgegeben hatte. (Ihre Nachfolgerin war die ebenfalls aus Valduna gekommene Clara Wittenbach). Sie verfasste ein Bittschreiben an den Papst und gab dieses den Franziskanern zur Begutachtung. Obwohl die Patres von dem Schreiben angetan waren, sagten einige: „Mein liebe muetter, ir muest wol tusent tugatten haben, wolt ir dies große gnad erlangen und erwerben“. Ursula Haider antwortete: „Ich hab meinen gecreüzigten Jesum, den wil ich für die bezallung darbüeten“. 41

Mit diesem Ausspruch zeigte sie, dass sie den gekreuzigten Jesus für die Privilegien des Ablasses als höchstes Gut darbietet. Diese Antwort ist eine indirekte Ablehnung des damaligen Ablasshandels. Es ist erstaunlich, dass Ursula Haider so deutlich ihr Missfallen an den Gepflogenheiten des Ablasshandels äußerte. (Der Ablasshandel wurde 1567 verboten und seit 1570 mit Exkommunikation bestraft).

 

Abb. 6: Ablasstafeln.

 

Nachdem das Schreiben übersetzt war, wurde es nach Rom gebracht. Durch Vermittlung des Paters Konrad von Bondorf, ein guter Bekannter des Papstes, wurde dem Kloster 1491 von Papst Innocens VIII. der Ablass gewährt. Der eigenhändige Vermerk „fiat ut petitur“ des Papstes zeugt davon 42. Das Datum der Erlaubnis des Papstes ist der 13. Juni 1491 (das siebte Jahr seiner Regierung). So konnte das Villinger Klarissenkloster als erstes Kloster den sogenannten Kreuzwegablass erlangen. (Allerdings wurden die Ablassprivilegien auch anderen kontemplativen Orden genehmigt). Die Prozessionen zu den Stationen innerhalb des Klosters fanden 13 mal im Jahr statt, wie aus den handschriftlichen Aufzeichnungen der Klarissen hervorgeht.

Die Stätten wurden zuerst auf 210 Pergamentblätter aufgezeichnet und um 1500 in Steingehauen. Heute existieren noch etwa 70 dieser Ablasstafeln im Kloster St. Ursula.

Ursula Haiders Betrachtungen über die Stundengebete sind in der Chronik der Juliane Ernstin überliefert. Darin vermittelte die erste Äbtissin ihren Mitschwestern ihre meditativen Gedanken über das Leiden und Sterben Jesu Christi, die zur inneren Bereicherung und zum Verständnis der Stundengebete den Schwestern dienen sollten. Die Intensität ihrer Gedanken und visionären Erleuchtungen sind von tiefem Glauben geprägt. Ihre mystischen Gedanken und Visionen schrieb Ursula Haider teilweise selbst auf. Leider sind die Originalaufzeichnungen verschollen.

Trotz ihrer Krankheit traf Ursula Haider mit ihrer Nachfolgerin alle Entscheidungen, die das Kloster betrafen, und als sie am 18. Januar 1498 nach langem Leiden und einem heiligmäßigen Leben starb, hatte das Klarissenkloster Villingen einen hervorragenden Ruf. Ursula Haider prägte das Kloster auf besondere Weise und bis zur gewaltsamen Auflösung 1782 durch Joseph II. war das Villinger Klarissenkloster ein Zentrum religiösen Lebens.

 

Abbildungen

Abb. 1 Wappen der Äbtissin Ursula Haider.

Abb. 2 „Gute Beth“ (Ölgemälde des 17. Jahrhunderts) (Abbil- dung mit Erlaubnis der Franziskanerinnen von Reute).

Abb. 3 Kloster Valduna (Ausschnitt eines Altarbildes, 17. Jahr- hundert), (Mit Erlaubnis des Archivars Norbert Schnetzer von Rankweil/ Valduna)

Abb. 4 Die Vision Ursula Haiders (Gemälde in der Klosterkirche St. Ursula).

Abb. 5 A.B. X 11 Bitte um Genehmigung der hl. Stätten in St. Clara mit dem Eintrag der Erlaubnis des Papstes Innocenz VIII.

Abb. 6 Ablasstafeln.

Verweise

1 Elisabeth Achler (bekannt als Gute Beth, (1386 – 1420) war Franziskanerin (3. Orden) und Mystikerin und lebte in einer Klause in Reute.

2 Weilner, Ignaz: Elisabeth von Reute, in LThK. Bd.3, Sp. 813. Propst Konrad Kügelin war Beichtvater von Elisabeth und er verfasste nach deren Tod eine lateinische Vita.

3 A. B. BB 1. (Chronik,geschrieben von Sr. Juliane Ernstin, angefangen am 24. August 1637).

4 Schnetzer, Norbert/ Hans Sperandio: hier Sperandio: „600 Jahre Valduna“ Das Klarissenkloster.: Thumher- Druckerei, Rankweil 1999, S.11.

5 Schnetzer, Norbert/Hans Sperandio: Siehe Anmerkung 4, S. 13.

6 Welti, Ludwig: Valduna, in LThK. Bd.10, Sp. 595.

7 Schnetzer,, Norbert/Hans Sperandio: hier Sperandio: „600 Jahre Valduna“. Das Klarissenkloster: Thumher-Druckerei, Rankweil 1999, S. 16.

8 Ludewig, Anton: Das ehemalige Klarissenkloster in Valduna: Valduna/Vorarlberg 1922, S.19. Siehe Sperandio S. 16f.

9 Welti, Ludwig: Valduna, in LThK. Bd. 10. Sp.813.

10 Rechnungsbücher von St. Clara, Villingen.

11 Ludewig, Anton: Das ehemalige Klarissenkloster Valduna: Im Verlag der Wohltätigkeitsanstalt Valduna (Vorarlberg) 1922, S.149.

12 A. B. BB 1. Juliane Ernstin wurde 1588 in Villingen geboren, trat 1603 in das Kloster ein und war von 1655-1665 Äbtissin des Klarissenklosters. Sie war eine der bedeutendsten Äbtissinnen des Villinger Klosters St. Clara.

13 Loes, Gabriele: Klarissen, in Alemania Franciscana Antiqua, Bd. III, Landshut: Solanus-Druck, S. 49.

14 A. B. X 3 (1465).

15 SAVS. Best. 2,1, Nr. EE 4 und A. B. X 5 (12. Nov. 1479).

16 A. B. X.3 (1465).

17 A. B. X 4. ( 9. Juni 1479).; A. B. X 5 (12. Nov. 1479).

18 A. B. X 4 (9.Juni 1479).

19 A. B. X 18 (13. März 1480).

20 Ludewig, Anton: siehe Endnote 11, S. 131f. In den „Jahres- geschichten der Franciscaner in Baden“ werden 10 Konventfrauen aus Valduna angegeben, nämlich neben den ersten acht genannten Chorfrauen, noch zwei Laienschwestern Ursula Funk und Amelia Möttelin. (siehe Ludewig, Fußnote S. 132.). Allerdings sind neun Schwestern beglaubigt.

21 A. B. X 6 (03. März 1480).

22 A. B. (keine Signatur), Chronik über das Leben Ursula Haiders. N. N.

23 A. B. BB 1.

24 A, B, X 5a (1480)

25 SAVS. Best. 2.1, EE 37d.

26 A. B. BB 1.

27 A. B. BB 1.

28 A. B. X 10 (25. März 1484).

29 Vgl. Greith, C.: Die deutsche Mystik im Prediger Orden. Amsterdam: Editions Rodopi 1965, S,283,285.

30 A. B. BB 1.

31 SAVS. Best. 2.1, EE 5 (26. 5. 1482).

32 SAVS. Best. 2.1, EE 4a.

33 Müller, Wolfgang: Die Villinger Frauenklöster des Mittelalters und der Neuzeit,Sonderdruck 1972?, S. 22.

34 Loes, Gabriele: Villingen, Klarissen. In Alemania Franciscana Antiqua, Bd. III, Landshut: Solanus-Druck, S.54.

35 A. B. BB 1. Vgl. Gabriele Loes: Villingen. Klarissen. a.a.O. Daran war die Verpflichtung geknüpft, dass das Kloster, solange es besteht, alljährlich die 150 Psalmen mit verschiedenen Gebeten zum Chorgebet hinzufügt. Dies wurde von den Klarissen und auch von den Ursulinen erfüllt. Der Schutz der Stadt war deutlich spürbar, sowohl im 30jährigen Krieg, als auch in den beiden Weltkriegen.

36 Dinzelbacher, Peter: Christliche Mystik im Abendland. Paderborn 1994: Ferdinand Schöningh S.10.

37 Bangert, Michael: Mystik als Lebensform. Horizonte christlicher Spiritualität. Münster 2003: Aschendorff S. 167.

38 Seuse, Heinrich:Bei sich selbst bleiben. Deutsche mystische Schriften. In: Buch der Ruhe und Stille. Hrg. Michael Fischer, Freiburg: Herder spektrum 2003, S.131.

39 Bangert a. a. O. S. 166/167.

40 A. B. BB 7. (Tagebuch der Sr. Euphrosina Some).

41 A. B. BB 1.

42 A. B. X 11, (13. Juni 1491)