Ein Epitaph in der Benediktinerkirche (Kurt Müller)

 

 

Abb. 1: Epitaph von Anselm Schababerle.

 

Ein Epitaph (Abb. 1) ist eine Gedächtnisplatte für einen Toten, aber vom Grab getrennt. Wie der Eintrag im Totenbuch der Münsterpfarrei in Villingen belegt, ist am 26. Januar 1810 morgens zwischen drei und vier Uhr gestorben und am 28. Januar nachmittags um 14.00 Uhr von Pfarrrektor Wittum beerdigt worden, der Hochwürdige und Hochgeborene Herr Anselm Schababerle, 49igster und letzter Abt des aufgelösten Benediktinerstifts St. Georgen (Abb. 2). Wann das Epitaph in der Kirche aufgestellt wurde, ist unbekannt.

Wer heute die Benediktinerkirche in Villingen betritt ist angesprochen von der vornehm elegant wirkenden Helligkeit des Kirchenschiffs. Und wer gar bei einem Gottesdienst oder Konzert den Klang der Silbermann-Orgel vernimmt, kann sich schwer vorstellen, welch dunkle Tage diese Kirche und das anschließende Kloster im 19. Jh. erleben mussten. Der am 10. März 1730 in Baden-Baden geborene Anselm Schababerle wurde am 9. Februar 1778 zum Abt gewählt. Er war der Nachfolger von Abt Coelestin Wahl, der als Prior von Abt Hieronymus Schuh 1752 die Orgel von Johann Andreas Silbermann hat erbauen lassen, und der 1778 krankheitshalber sich ins Priorat Rippoldsau zurückgezogen hatte. Ein paar Informationen über Abt Anselm entnehme ich einer Schrift von Pater Johann Baptist Schönstein: „Kurze Geschichte des ehemaligen Benediktinerstifts St. Georgen auf dem Schwarzwald,“ gedruckt 1824 bei Benzinger und Sohn, Einsiedeln: „Er folgte mit großer Treue der Spur seiner Vorgänger. Sorgfältig war er in geistlichen und weltlichen Dingen um das Kloster besorgt. Hochgelehrt und bescheiden diente er den Wissenschaften und der Ordensregel. Er musste die Säkularisation des Stiftes erleben, vom Alter und der Ungerechtigkeit der Zeit niedergebeugt.“ Pater Schönstein schreibt über das Schicksal seines Klosters:

 

Abb.2: Eintrag aus dem Totenbuch der Münsterpfarrei, Ausschnitt.

 

„Wenn irgendein Stift der Menschheit wohltätig war so gehört das unsrige in ihre Reihe, weil die stillen Musen eine freundliche Stätte fanden, und von allen Mitgliedern nur das Wahre, Gute und Schöne angestrebt wurde. Nur das wird uns Zerstreuten Trost einflössen, dass wir die Schuld der Auflösung nicht tragen und dass die öffentliche Meinung laut bezeugt: Sankt Georgen habe sein fatales Verhängnis nicht verschuldet, und wäre immer besseren Loses wert gewesen.“

Am 4. Januar 1806 – Villingen war an Württemberg gefallen – eröffnete Herr Kommissar von Spittler dem Konvent die Auflösung des Klosters. Wenige Tage verblieben, um den ganzen Besitz des Klosters aufzunehmen, nach Stuttgart zu transportieren oder wie etwa den Wein, das Küchengeschirr, Weißzeug und Bilder an Villinger Bürger zu versteigern. Alles musste in Eile geschehen, denn schon am 12. Januar 1806 fiel Villingen an Baden. Sobald die württembergischen Herren Kommissare die Ankunft der Badischen bemerkten, so verlas Herr von Barot das von der Abtei aufgenommene Inventar, und alle Artikel mussten auf der Stelle herbeigeschafft werden; sogar bis auf ein paar Kaffeeschälchen und Löffelchen, die Herr Barot gleichwohl dem hochwürdigsten Greise, dem Abt überließ. Welch schmutzige Genauigkeit.

Die badischen Kommissare fanden nur ein ausgeraubtes Kloster vor und mussten sich mit den Schätzen in der Kirche begnügen, die nach Karlsruhe abtransportiert wurden. Das waren: die Glocken, das Glockenspiel, die Kunstuhr und die Orgel von Johann Andreas Silbermann. Das Liceum und bald auch das Gymnasium wurden geschlossen. Die Herren Professores erhielten eine Pension, die Württemberg und Baden je zur Hälfte bezahlen mussten. Sie durften nicht im Kloster bleiben, nur dem Abt und zwei der ehrwürdigen Senioren wurde es vergönnt, in der Abtei zu verbleiben. Die Villinger Bürger haben auf die Auflösung des Klosters und den Verlust des Gymnasiums teils ablehnend, teils zustimmend oder gleichgültig reagiert. Es ist interessant, wie die ehemaligen Schüler den Untergang ihrer Bildungsstätte erlebt haben. 1840 erschien beim Druck Förderer in Villingen ein Gedenkbüchlein vom „Kongreß der alten Benediktinerstudenten am Barnabastag 1840“. Dabei wurde ein Vortrag verlesen von Professor Rappenegger aus Mannheim. Zwei Zitate daraus bezeugen nachdrücklich die hohe Wertschätzung, die das Kloster und der Konvent bei den Schülern und Studenten genossen hatten: „Ja! Herrlicher, inniger Dank sei von uns dargebracht allen unseren ehemaligen Lehrern, die längst im Grabe ruhen, für die vielen guten Lehren, die sie uns gegeben, für die weise väterliche Leitung mit der sie uns ins Leben eingeführt haben. Wie liebevoll und wie verständig diese ehrenwerten Männer waren ist mir erst in späterer Zeit recht klar geworden. Wenn sie uns Geschichte lehrten, so vernahmen wir nie ein verunglimpfendes Wort über Luther oder einen andern der Reformatoren. Sie suchten nie den Grund der Intoleranz in unsere jungen Gemüter zu pflanzen. Dafür bin ich ihnen meiner gegenwärtigen persönlichen Stellung wegen zu besonderem Dank verpflichtet. Und diese Männer waren Mönche!

Wenn wir uns an alle Leiden und Freuden der Schule erinnert haben, dann ziehen wir wie in unseren Gnadenjahren nach dem Alter abgeteilt Paar und Paar nach der gegenüberliegenden Kirche. Aber halt! Sie ist geschlossen. Wir haben vergessen, was seit unserer Trennung vorgegangen ist, vergessen die Macht der Zeit. Keine Glocke ruft mehr vom hohen Turme herab zur heiligen Andacht. Keine Uhr mißt der Stunden Zahl und verkündet uns des Tages verschiedene Zeiten. Umgestürzt sind die Altäre, auf denen einst fromme Priester das heilige Opfer dargebracht, verstummt sind die Töne der herrlichen Orgel, nicht mehr ertönen die feierlichen Gesänge der frommen Väter zum Lob des Allmächtigen, die uns so oft erbauten. Sie muss geöffnet werden – die Kirche!“

Fast genau einhundert Jahre, von 1806 – 1905, musste die Benediktinerkirche als Truppenunterkunft, Salzlager usw. mancherlei Verunehrung, Mißachtung und Mißbrauch erleben. Dann wurde sie, weil das Münster renoviert werden musste, mit einfachen Mitteln für den Gottesdienst wieder hergerichtet, und sie wurde schließlich durch einen komplizierten Tausch- und Kaufvertrag Eigentum der Münsterpfarrei. 1995 bis 1999 schenkten eine gründliche Renovation, die Wiedereinrichtung und die 2002 erfolgte Rekonstruktion der Orgel der Kirche des Stift Sankt Georg seine alte Würde zurück. Aktive Mithilfe zahlreicher Frauen und Männer sowie großzügige Spenden aus der ganzen Stadt und Umgebung haben das ermöglicht.

Alle diese Dinge können im Bewusstsein eines Kirchenbesuchers lebendig werden, wenn er an der Rückwand das Epitaph betrachtet mit dem Namen Anselm Schababerle.

Abbildungen

Abb. 1 Epitaph von Anselm Schababerle, Bild Foto Singer.

Abb. 2 Eintrag aus dem Totenbuch der Münsterpfarrei, Ausschnitt.