Ein „Museum im Freien” – Der Keltenpfad Magdalenenberg (Christina Ludwig M.A.)

Möglichkeiten einer transparenten und zugänglichen Vermittlung von Forschungserkenntnissen

Abb. 1: Zustand des Grabhügels vor Beginn der Grabungskampagne 1970.

 

Seit dem 14. September 2014 können sich Geschichtsinteressierte auf die Spuren einer vergangenen Gesellschaft begeben. Bis heute lösen die Kelten allgemein, aber vor allem die Magdalenenberger im Speziellen, eine Faszination aus, die in Wissensdurst und Neugier mündet. Mit dem „Keltenpfad Magdalenenberg“ realisierten die Städtischen Museen Villingen-Schwenningen einen lang gehegten Wunsch der Bevölkerung sowie der Fachwelt, der sowohl eine bessere Wahrnehmung des einmaligen Kulturdenkmals als auch die Zugänglichkeit neuester Forschungserkenntnisse zum Ziel hat. Mit diesem Beitrag wird ein Einblick in die Planungsgedanken der Macher ermöglicht, darüber hinaus bietet er Hintergrundinformationen zur Ausgangslage des Projektes und dem zukunftsweisenden Stand der Forschung.

Warum wird dem Grabhügel aktuell viel Aufmerksamkeit zuteil?

Wenn auch nicht so prominent wahrgenommen wie in den vergangenen vier Jahren, so wurde dem Magdalenenberg bereits zu früherer Zeit regional wie überregional immer wieder erhöhte Aufmerksamkeit zuteil. Vor allem die in den Siebziger Jahren entstandenen Publikationen in der Begleitung und im Nachgang der vollständigen Ausgrabung des Grabhügels führten zu einer ersten Kulmination der frühkeltischen Anlage am Wissenschaftshimmel der prähistorischen Archäologie.

 

Abb. 2: Grabungsleiter Konrad Spindler (links) mit Grabungshelfern beim Freilegen einer Nachbestattung.

 

Was heute von der Region wohlwollend begrüßt wird, wurde von ihr selbst initiiert. So gab der „Förderkreis für Ur- und Frühgeschichte in Baden“ den ausschlaggebenden Impuls, der zur Ausgrabung des seit 1890 mit offenem Grabungstrichter vor sich hinvegetierenden Monuments führte 1 (Abb. 1). Was in den Jahren ab 1970 folgte, waren mehrere für die damalige Zeit außerordentlich moderne und interdisziplinäre Grabungskampagnen, von denen manch anderes archäologisch untersuchte Denkmal dieser Jahrzehnte nur neidvoll träumen kann (Schautafel 2 „Forschungsgeschichte: Entdeckt und ausgegraben“). Vor allem die oft in Archiven verschwundenen Bilder dieses Großprojektes geben einen eindrucksvollen Einblick in den Grabungsverlauf (Abb. 2,3). Eine ähnlich große Einsatzbereitschaft gilt für die Stadt Villingen, die die erste Kampagne mit umfangreichen Mitteln unterstützte, wodurch das wissenschaftliche Personal beschäftigt werden konnte.

 

Abb. 3: Blick auf das Grabungsareal mit mehr als 20 Helfern, darunter auch Schüler (oberes Drittel).

 

Die im Franziskanermuseum archivierten Korrespondenzen und Kostenaufstellungen über zahlreiche Seiten beweisen darüber hinaus, dass viele Einzelpersonen sowie Firmen („da es sich um eine förderungswürdige, gemeinnützige Sache handelt, sind wir (…) bereit, einen Nachlaß (…) zu gewähren“) 2 und Vereine sich nicht nur ideell sondern auch finanziell an dem Projekt beteiligten. Dass dies notwendig war, zeigen die Ausgabenlisten. Allein im ersten Jahr verursachte die Magdalenenberggrabung Kosten von 127.773,96 DM. 3 In den Jahren 1971 bis 1973 erkannte die Deutsche Forschungsgemeinschaft „die wissenschaftlich ungewöhnlich grosse Bedeutung dieser Ausgrabung“ und „hat auch die Verdienste der Initiative der Stadtverwaltung Villingen (…) voll gewürdigt“. 4 Dieser überdurchschnittliche Tatendrang aller Beteiligten war die ertragreiche Basis detaillierter Publikationen der Ausgrabungsergebnisse, die den Magdalenenberg im gesamten Bereich der ur- und frühgeschichtlichen Forschung bekannt und berühmt machten. 5 Sie gaben neue Impulse im Bereich der sozialhistorischen Forschung, der Dendrochronologie sowie der Archäobotanik, sodass bis Mitte der Neunzigerjahre in regelmäßigen Abständen immer wieder wissenschaftliche Aufsätze mit neuen Erkenntnissen und Thesen erschienen. 6 Während in den folgenden Jahren kaum Aspekte zum Fundkomplex des Magdalenen- berges rezipiert wurden, änderte sich das seit dem großen Keltenjahr 2012 in Baden-Württemberg. Ausgangspunkt und Anlass waren neue spektakuläre Funde aus dem 6. Jahrhundert vor Christus, die im Umfeld des frühkeltischen Fürstensitzes Heuneburg bei Herbertingen, Kreis Sigmaringen, zum Vorschein kamen. 7 Diese beeindrucken- den Goldfunde wurden in einer großen Landesausstellung in Stuttgart („Die Welt der Kelten. Zentren der Macht – Kostbarkeiten der Kunst“) erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Auch der Magdalenenberg war mit mehreren Objekten in dieser großen Rundschau keltischer Kultur und Handwerkskunst vertreten und reihte sich ganz selbstverständlich in die bedeutendsten Grabfunde der europäischen Vorgeschichte ein (Schautafel 1 „Hallstattzeit: Fürstensitze und Großgrabhügel“). Die Forschung und die Museen sind sich also einig: Der Magdalenenberg ist etwas Besonderes. Doch warum wird das direkt am Grabhügel nicht sichtbar?

Wie kam es zur Idee eines archäologischen Themenpfades?

Schon im Verlauf der Grabungskampagne machten sich alle Beteiligten Gedanken über die Verwahrung des einmaligen Fundkomplexes aus dem Magdalenenberg. Mit großer Mehrheit einigte man sich auf die Einrichtung eines „Museums für Ur- und Frühgeschichte in Villingen“ mit den Highlights aus den Nachbestattungen sowie allen Funden des Zentralgrabes inklusive der hölzernen Kammer selbst in den Erdgeschoss-Räumen des einstigen Waisenhauses. Seit etwa 34 Jahren besteht nun diese Abteilung, wurde zwischendurch (1999) neu konzipiert und aktualisiert, und erfreut sich bis heute größter Publikumsbeliebtheit (Schautafel 5 „Die Nachbestattungen: Ein Friedhof für die Oberschicht“). Vor allem bei den Führungen im Keltenjahr 2012 schauten immer wieder überraschte Gesichter auf, wenn erwähnt wurde, dass der Grabhügel ja gleich nebenan in erlaufbarer Distanz gelegen sei. Gleiches gilt für die Wanderer und Sportleram Warenberg, dieden Grabhügelzwar (er)kennen, aber nicht wissen, dass im Franziskanermuseum die eimaligen Funde zu bestaunen sind. Wie mit diesem Missstand umgehen? Im Herbst 2012 fand sich daher auf die Initiative der Städtischen Museen eine Runde verschiedenster Institutionen sowie Personen zusammen, denen allen die hohe Wertschätzung des einmaligen Kulturdenkmals gemeinsam ist.

 

Abb. 4: Wegweiser-Logo des Keltenpfads.

 

 

Abb. 5: Plan des beschilderten Wegeverlaufs.

 

Die Vertreter des Landesdenkmalamtes, universitärer Einrichtungen, regionaler Verbände(Geschichts- und Heimatverein Villingen, Schwarzwaldverein, Baarverein) sowie städtischer Einrichtungen verständigten sich auf das Potential des Grabhügels sowie Ideen, ihn seiner Bedeutung entsprechend aufzuwerten. Zum ersten Mal präsentierte in diesem Rahmen Museumsleiterin Dr. Anita Auer das Grobkonzept einer räumlichen und inhaltlichen Verbindung des Franziskanermuseums mit dem Magdalenenberg (Abb. 4,5) Das Konzept stieß auf allgemeine Zustimmung, sodass die Museen anschließend erfolgreich Finanzmittel für dieses Projekt in den städtischen Gremien erwirken konnten. Wie zu Beginn der Ausgrabung im Jahr 1970 ist es also wiederum die Stadt selbst, die den ersten großen Stein ins Rollen bringt.

Wie lässt sich ein Geschichtspfad für möglichst viele Zielgruppen leicht zugänglich, seriös und interessant gestalten?

Dieser Frage ging das Team der Städtischen Museen in Absprache mit seinen Kooperationspartnern durch eine intensive Auseinandersetzung mit verschiedenen Modellentwürfen nach. Wie jedes Kulturprojekt ist auch der Keltenpfad Magdalenenberg geprägt von konzeptionellen Phasen und plötzlich erscheinenden Ideen, die bereits vorher Festgelegtes wieder verwarfen. Eine dieser Fragestellungen war jene nach der formalen und inhaltlichen Tafelgestaltung. Ausgangspunkt aller Überlegungen ist die ständige Fokussierung des Zielpublikums, der Besucher steht immer im Mittelpunkt. Im Falle des Keltenpfades und des Museums ist dieses sehr heterogen, von Familien mit Kindern über Wanderer und Sportler bis hin zu historisch versierten Privatpersonen und Wissenschaftlern. Zudem fordert auch das Monument selbst individuelle Lösungen. So wurde die anfängliche Idee sehr großformatiger Standtafeln mit und ohne Dach zugunsten leicht einsehbarer Pulttafeln verworfen. Die in angenehmer Höhe errichteten Pulte ermöglichen sowohl Kindern als auch Rollstuhlfahrern eine optimale Einsicht, zudem fügen sie sich ideal in das Landschaftsbild am Magdalenenberg ein. Die Informationen können mit einem freien Blick über die Pulte in die einmalige Landschaft am Warenberg genossen werden. Viel wichtiger als die formale Gestalt ist allerdings der Inhalt der Tafeln. Das anfängliche Konzept sah auch hier die weit verbreitete und standardisierte Form eines größeren Blocktextes in Kombination mit wenigen Bildern vor.

 

Abb. 6: Starttafel des Keltenpfades vor dem Eingang des Riettors (Beginn Vöhrenbacherstraße).

 

Für die Erstellung des Inhalts wurde mit dem Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart ein kompetenter Kooperationspartner in das Projekt integriert. Nicht erst seit dem großen Keltenjahr 2012 mit den spektakulären Funden zählen die Landesarchäologen zu den versiertesten Ansprechpartnern für Fragestellungen im Bereich der älteren vor- römischen Eisenzeit sowie der Hallstattkultur. Alle Tafelinhalte wurden in den Details mit der Institution abgesprochen. Bereits früh zeichnete sich bei der Textproduktion ab, dass das Konzept eines geschlossenen Textblocks je Informationstafel dem interaktiven Ansatz des Keltenpfades nicht gerecht wird. Inspiriert durch die Lektüre leichtfüßiger Reiseführer wurde das Basislayout in Form einer collagenartigen Gestaltung erarbeitet. Mit dieser bestand nun die Möglichkeit kleinere inhaltliche Ebenen voneinander abzugrenzen und somit die Texte lesbarer und angenehmer zu gestalten. Jede Einheit ist in sich geschlossen konzipiert, sodass es dem Betrachter frei steht, ob er nur einen Teil oder die gesamte Tafel lesen möchte. Zugleich wird keine Leserichtung vorgegeben, der Besucher entscheidet eigenständig, wie viel und was er lesen bzw. anschauen möchte (Abb. 6).

Wie eine physische Erfahrung des Grabhügels ermöglichen?

Nicht nur mit Texten und Bildern lässt sich ein Kulturdenkmal aufwerten und besser wahrnehmen. Daher wurde von Beginn an der erweiterte Begriff eines Themenpfades verfolgt, der auch Möglichkeiten anderer sinnlicher Wahrnehmung aufgreift und nutzt. Der von den Städtischen Museen erwünschte Idealfall einer Umrundung des Grabhügels, um sich seiner einmaligen Dimension mit über 100 Metern Durchmesser unmittelbar bewusst zu werden, konnte nicht realisiert werden. Die dazu nötigen Grundstücke am Hügelrand sind in Privatbesitz und momentan unverkäuflich, weshalb das Konzept auf eine Halbumrundung unter Einbezug des Laiblewaldes abgeändert wurde. Was mit dem einmaligen Hügelumfang nicht gelang, konnte bei der Höhe mit über sieben Metern realisiert werden. Auf der Hügelkuppe wurde eine Plattform geschaffen, die die vorherige Nutzung als Aussichtspunkt aufgreift und erweitert (Abb. 7). Verbunden wurde dieser praktische Aspekt mit einem inhaltlichen Mehrwert: Die Plattform wurde an der Position der Grabkammer errichtet und nimmt mit ihren sechs mal acht Metern die Dimensionen ebendieser auf. Um bei schönem Wetter den Blick bis in die Alpen intensiv genießen zu können, wurde mit freundlicher Unterstützung des Spitalfonds Villingen sowie des Forstamtes eine handbebeilte (!) Eichenbalken- Bank nach den keltischen Originalen im Franziskanermuseum installiert. Auch diese orientiert sich in ihren Dimensionen und ihrer Verarbeitung an den historischen Vorbildern.

Abb. 7: Informativer Alpenblick von der Hügelkuppe mit Grabkammerbalken-Sitzbank.

 

Vervollständigt werden diese Elemente von zwei Tafeln auf der Hügelspitze, die nicht nur die Erklärung für die Gestaltungselemente auf der Hügelkuppe geben, sondern noch weiterführende Informationen zur Archäobotanik bzw. Dendrochronologie (Schautafel 4 „Naturwissenschaft: Auf den Spuren der Vergangenheit“) oder der größten Grabkammer des westlichen Hallstattkreises (Schautafel 3 „Die Grabkammer: Ein Keltenfürst und seine beraubte Ruhestätte“) bereithalten. Die durch Interaktion und Nachdenken selbst generierten Erkenntnis- gewinne sind ein entscheidender Mehrwert, von dem alle Besucher profitieren und mit dem die Begehung zu einem nachhaltigen Erlebnis wird.

Wie mit Thesen umgehen, die in der Forschung noch umstritten sind?

Das Beispiel Mondkalender „Stonehenge im Schwarzwald“ – diese Schlagzeile löste bei vielen Archäologiefans und auch Wissenschaftlern Begeisterungsstürme aus, bereitete aber zugleich einer anderen Gruppe von Prähistorikern Kopfzerbrechen. Auslöser waren die durch das Römisch-Germanische Zentralmuseum Mainz publizierten Thesen von Dr. Allard Mees. Der Archäologe deutet die kreisförmig angelegten Nachbestattungen des Grabhügels als Sternenbilder und verweist auf die offensichtliche Ausrichtung der gesamten Anlage auf die Mondzyklen und somit auf eine mögliche Funktion als eisenzeitliches Kalenderwerk. 8 Dass die Medien und die Fachwelt recht rasant ein gehobenes Interesse an dem Monument anmeldeten, stellte auch die Städtischen Museen der Stadt Villingen-Schwenningen vor neue Herausforderungen. Wie mit dieser Aufmerksamkeit umgehen und allen Interessengemeinschaften gerecht werden? Das Franziskanermuseum als Bildungseinrichtung gab allen Meinungsvertretern gleich viel Raum und war bzw. ist stets neutral. Auch für den Keltenpfad wurde diese Denkweise gewahrt und sowohl den Positionen Pro Mondkalender als auch denen Contra Mondkalender Raum gewährt. Die schon länger avisierte Podiumsdiskussion aller am Diskurs beteiligten Forscher, die zeitweise durch eine zurückhaltende Bereitschaft der betreffenden Wissenschaftler in weite Ferne rückte, konnte schlussendlich im Jahr 2014 realisiert werden. Zwischen dem bunt gemischten Publikum aus Fachwissenschaftlern, Laienforschern sowie interessierten Bürgern und den Podiumsteilnehmern entstanden teilweise sehr rege Diskussionen. 9 Da diese Diskurse aktuell – und somit jederzeit durch neue Forschung veränderbar – sind, wurden sie nur sehr summarisch in die Informationstafeln des Keltenpfades integriert (siehe dazu auch den letzten Absatz dieses Beitrages). Mit der Schautafel 6 „Rätselhafte Holzkonstruktion: Die Stangensetzung“ wird über die thesenauslösenden Funde grund- informiert. Ein wichtiges Ziel des Archäologiepfades ist darüber hinaus, die Besucher selbst zum (mit)denken anzuregen und somit der lebhaften Diskussion folgen oder sie vielleicht mitgestalten zu können. Daher wurde die – laut These – auf die kleine nördliche Mondwende ausgerichtete Pfostensetzung II der Kelten im Hügel an ihrer originalen Fundstelle visualisiert (Abb. 8,9). Archäoastronomisch interessierten Besuchern bietet sich somit die Möglichkeit auf dem Hügel zu verweilen und die Bewegungen der Himmelskörper zu beobachten – das dies auch die frühen Kelten getan haben, gilt als sehr wahrscheinlich, obwohl handfeste archäologische Beweise bislang fehlen.

 

Abb. 8: Magdalenenbergeiche mit visualisierter Stangensetzung II.

 

Wie mit neuen Erkenntnissen umgehen?
Das Beispiel der unauffindbaren Siedlung.

Zu jeder Begräbnisstätte gehört ein entsprechender Siedlungsplatz. Dass der Keltenpfad sich diesem überaus interessanten Thema nicht in erforderlichem Umfang widmet, liegt an den aktuellen Entwicklungen in der prähistorischen Forschung.

 

Abb. 9: Stangensetzung in situ während der Grabungskampagne in den Siebzigerjahren.

 

Konrad Spindler, der leitende Archäologe der Magdalenenberg-Ausgrabungen, vertrat die These, dass die Siedlung zum Fürstengrabhügel auf dem Kapf lag. Dieser Geländesporn ist etwa vier Kilometer westlich von Villingen am Zusammenfluss von Brigach und Kirnach, in der Nähe des Kirnacher Bahnhofs, zu finden. Die heute noch gut im Gelände erkennbaren Wallanlagen sind in den Fünfzigerjahren durch Wolfgang Hübener, dem damaligen Assistenten am Freiburger Institut für Ur- und Frühgeschichte, systematisch untersucht worden. 10 Dabei legten die Archäologen mehrere sogenannte Sondageschnitte in den Wällen sowie im Inneren der Anlage an. Zutage kam eine Vielzahl von Scherbenfunden. Diese Scherben sind der Grobkeramik zuzuschreiben, das heißt sie sind nicht fein bearbeitet, sondern besitzen eine raue und ungeglättete Oberfläche. Schon der Ausgräber der Anlage war sich sicher der Kapf scheint es kaum gewesen zu sein; dazu ist die Anlage zu bescheiden“. 11 Dass die Frage nach dem Siedlungsplatz den heutigen Archäologen noch unter den Nägeln brennt, dass zeigt Schautafel 7 des Keltenpfades „Prospektion: Erkunden und Aufsuchen von archäologischen Stätten“. Hier wird auch für Nicht-Archäologen ein Einblick in die aktuelle Siedlungsforschung im Umland des Grabhügels möglich. Ziel der 2012 und 2013 durchgeführten Kampagnen 12 war es, einen tieferen Einblick in die Besiedlungsgeschichte der Baar zu bekommen und neue Hinweise zum potentiellen Standort der Magdalenenberg-Siedlung aufzudecken. Obwohl sich alle Beteiligten inklusive der Städtischen Museen gerne mehr Aufschluss über mögliche eisenzeitlichen Befestigungsreste aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. gewünscht hätten, konnte das Forschungsprojekt zu dieser Frage keine neuen Antworten geben. Stattdessen gelang ein bislang eher seltener Einblick in die vorkeltische Siedlungsdynamik der Baar. Die Analysen der entnommenen Bodenproben (Radiokohlenstoffdatierung) erbrachten Daten vom 6./5. Jahrtausend bis in das 4./3. Jahrtausend v. Chr. Das Umland des Grab- hügels war also schon im Neolithikum besiedelt.

Magdalenenberg für die Hosentasche: Die Keltenpfad-Audioguide-App und die Möglichkeit variable Erkenntnisse der Öffentlichkeit verfügbar zu machen

Nicht nur zur Siedlungsfrage gibt es aktuelle Forschungserkenntnisse, sondern auch zu einzelnen Funden und Fragestellungen über die Gesellschaftsstruktur der Magdalenenberger. Diese ersten Ergebnisse der Untersuchungen sind überaus interessant, aber noch zu aktuell, um sie auf den für mehrere Jahre angelegten Schau- tafeln detailliert zu erläutern. Das Projektteam begab sich daher von Beginn an auf die Suche nach einer Möglichkeit Informationen bereit zu stellen, die jederzeit aktualisierbar sind. Diese Überlegungen mündeten in der Konzeption und Umsetzung einer App, also einer mobilen Anwendung für Smartphones. Mit dieser weiteren kostenlosen Informationsmöglichkeit rücken Museum und Grabhügel noch näher zusammen. Durch drei Audioguide-Touren erhält der Benutzer Einblick in weiterführende Themen, vor allem auch solche, die aufgrund ihrer Aktualität weder im Museum noch am Grabhügel zur Sprache kommen. In der Dauerausstellung gibt es Zusatzinformationen zu einzelnen Funden sowie Ausstellungselementen. Für den Spaziergang zwischen Museum und Magdalenenberg kann in die Geschichte der Kelten im Allgemeinen und der Archäologie der Region eingetaucht werden. Dazu wurden u.a. Tonaufnahmen zur Religion und Ernährung der frühen Kelten aufgenommen. Wer länger am Grabhügel verweilen möchte, oder einen zweiten oder dritten Besuch plant, dem ermöglicht die dritte Tour am Hügel unter anderem ein tieferes Eintauchen in die Thesen zum Magdalenenberg als astronomisches Bauwerk. Die Gedankengänge des Provinzialrömischen Archäologen Allard Mees 13 üben seit 2011 große Faszination aus. Diese schlägt sich sowohl in populärwissenschaftlichen Beiträgen mit hoher Reichweite 14 als auch in außerwissenschaftlichen Illustrierten für Spezialinteressen 15 nieder. Titelbilder mit der jung- steinzeitlichen Megalithanlage von Stonehenge und darüber projizierten Sternenbildern sowie der Headline „Der geheime Sternen-Atlas der Kelten“ 16 riefen temporär – nicht unbedingt nur bei Archäologen – Irritation hervor. Im Gegensatz zu einem „unangemessenen Titel“ für eine „sensationshungrige Medienwelt“ 17 lassen sich andere Kritikpunkte an dieser These nur nach einer eingehenden Beschäftigung mit der Materie herausarbeiten. Die von den beiden Wissenschaftlern Mees und Deiss publizierten Grafiken mit Projektionen von Sternbildern sowie Mond- wenden auf die Nachbestattungen und konstruktiven Elemente des Grabhügels lösten disziplinär Ungereimtheiten aus. 18 All diese Begebenheiten und die sich aktuell noch in der Diskussion befindlichen Thesen veranlassten die Städtischen Museen dazu, sehr sensibel mit diesen Informationen umzugehen. Um eine Transparenz für die breite Öffentlichkeit zu gewähren sowie zu eigenen Gedankengängen anzuregen, werden die Überlegungen nicht nur in der App vorgestellt, sondern den neuen Forschungserträgen aller Beteiligten auch zukünftig im Franziskanermuseum ein Forum gegeben. Die Geschichte des Magdalenenberges als einmaliges Kulturdenkmal mit besonderer lokaler Bedeutung wird fort- geschrieben und möglichst viele Interessierte sollen an dieser spannenden Entwicklung sowie der vereinnahmenden „Aura“ des Grabhügels teil- haben können:

„Die kulturelle Dimension mit dem Gesamt des Erinnerungspotentials, die offenbar durchaus schon in den quasireligiösen Bereich vorstoßen kann, ist Voraussetzung dafür, dass es sich z. B. beim Magdalenenberg bei Villingen […] immer noch um ein Kulturdenkmal handelt, obwohl der Grabhügel bei seiner Ausgrabung 1970 bis 1973 völlig abgetragen und danach lediglich wieder aufgeschüttet wurde. […] Trotzdem ist der Magdalenenberg als Kulturdenkmal fest im Bewusstsein der Bevölkerung verankert […] hier scheint sich die Aura […] erhalten zu haben, das Objekt in seiner kulturellen, nicht in seiner materiellen Dimension.“ 19

 

Abbildungen

Abb. 1 Zustand des Grabhügels vor Beginn der Grabungskampagne 1970, Foto: Archiv Franziskanermuseum.

Abb. 2 Grabungsleiter Konrad Spindler(links)mit Grabungshelfern beim Freilegen einer Nachbestattung,

Foto: Archiv Franziskanermuseum

Abb. 3 Blick auf das Grabungsareal mit mehr als 20 Helfern, darunter auch Schüler (oberes Drittel), Foto: Archiv Franziskanermuseum Abb. 4 Wegweiser-Logo des Keltenpfads Abb. 5 Plan des beschilderten Wegeverlaufs

Abb. 6 Starttafel des Keltenpfades vor dem Eingang des Riettores (Beginn Vöhrenbacherstraße)

Abb. 7 Informativer Alpenblick von der Hügelkuppe mit Grabkammerbalken-Sitzbank

Abb. 8 Magdalenenbergeiche mit visualisierter Stangensetzung II Abb. 9 Stangensetzung in situ während der Grabungskampagne in den Siebzigerjahren, Foto: Archiv Franziskanermuseum

Verweise

1 Zur Gründungsgeschichte des Vereins im Jahr 1967 vgl. Edward Sangmeister: Der Magdalenenberg bei Villingen und seine Bedeutung für die Erforschung der Hallstattkultur in Südwestdeutschland. In: Archäologische Nachrichten aus Baden, Heft 31. Freiburg i.B. 1983, S. 3-11, hier S. 3f.

2 Angebot eines Straßen- und Tiefbauunternehmens, Altregistratur Franziskanermuseum, Magdalenenberg, Vorgänge ab 1970, Ordner 1.

3 Altregistratur Franziskanermuseum, Magdalenenberg, 1970 – 1977, Ordner 2.

4 Ebd. Schreiben des wissenschaftlichen Grabungsleiters Prof. Dr. Edward Sangmeister an Oberbürgermeister Severin Kern, 8. 3. 1971.

5 Konrad Spindler: Magdalenenberg I bis VI, Der hallstatt- zeitliche Fürstengrabhügel bei Villingen im Schwarzwald. Villingen 1971 – 1980.

6 „Eine gute Überschau dieser Publikationen inklusive Quellenkritik gibt Konrad Spindler selbst in einem seiner letzten Auf- sätze wenige Monate vor seinem Tod, vgl. Konrad Spindler: Der Magdalenenberg bei Villingen im Schwarzwald. Bilanz nach dreißig Jahren. In: Hänsel, Bernhard (Hg.): Parerga Praehistorica. Jubiläumsschrift Zur Prähistorischen Archäologie. 15 Jahre UPA. Bonn 2004, S. 135 – 160.

7 Vgl. Dirk Krausse/Nicole Ebinger-Rist: Die Keltenfürstin von Herbertingen. Entdeckung, Bergung und wissenschaftliche Bedeutung des neuen hallstattzeitlichen Prunkgrabs von der Heuneburg. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg, 40. Jg. 2011, Heft 4, S. 202 – 207.

8 Allard Mees: Der Sternenhimmel vom Magdalenenberg. Das Fürstengrab bei Villingen-Schwenningen – ein Kalenderwerk der Hallstattzeit. In: Jahrbuch Römisch-Germanisches Zentralmuseum, 54. Jg. Mainz 2007 (erschienen 2011), S. 217 – 264; Ders.: Die Kelten und der Mond: Neue Forschungen am Magdalenenberg. In: Antike Welt, 6/2012, S. 47 – 54.

9 Die Städtischen Museen bereiten in Zusammenarbeit mit dem Landesamtfür Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart die Publizierung der Symposiums-Beiträge für das Jahr 2015 vor.

10 Wolfgang Hübener: Die hallstattzeitliche Siedlung auf dem Kapf bei Villingen im Schwarzwald. In: Konrad Spindler: Magdalenenberg II. Der hallstattzeitliche Fürstengrabhügel bei Villingen im Schwarzwald, 2. Band. Villingen 1972, S. 52 – 90.

11 Ebd., S. 89.

12 Thomas Knopf / Dirk Seidensticker: Archäologische Untersuchungen auf der Baar: das Umland des „Fürstengrabhügels“ Magdalenenberg. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden- Württemberg 2013. Stuttgart 2014, S. 116 – 121.

13 Vgl. Anm. 8.

14 Allard Mees/Bruno Deiss: Keltische Sternenforscher. In: Spektrum der Wissenschaft 09/13, S.78 – 83.

15 Jan Fischer: Stonehenge im Schwarzwald. In: mysteries. Welt der Geheimnisse, 4/2013, S. 14 – 18.

16 Ebd.

17 Stefanie Samida/Manfred K. H. Eggert: Archäologie als Naturwissenschaft? Eine Streitschrift. Berlin 2013, S.78.

18 Ebd. S. 78 – 87, vgl. auch Claudia Rohde: Kalender in der Urgeschichte. Fakten und Fiktion (Archäologie und moderne Gesellschaft, Bd. 3). Rahden /Westf. 2012.

19 Wolfgang Seidenspinner: Authentizität. Kulturanthropologisch – erinnerungskundliche Annäherungen an ein zentrales Wissenschaftskonzept im Blick auf das Weltkulturerbe. In: Volkskunde in Rheinland-Pfalz, 20/2006, S. 5 – 39, hier S. 38.