Das Jahrzeitenbuch der Vettersammlung zu Sankt Catharina Senensis in Villingen (Dr. Edith Boewe-Koob)

„Jahr Zeithen Buech“

„Item die Verzeichnuß aller Conventualinen des Gottes Hauses Vetter Sammlung Zur Sanct Catharina Senensis in Villingen, sowohl derer, die im Leben, als in dem Herren verschiden seindt. Renoviert den 15. Tag August 1728.“

„Nachdem der hochwürdig wohlehrbare undt hochgelehrte Herr Joann Heinrich Möz H: Can: Doctor Notarius apost. Pfarrherr der Statt Villingen 38 iahr, Decanus 28. aet. 73 den 24. Christmonath gahr Seelig 1698 entschlafen, so ist für disen sehr sorgfältig, getrewen undt hochverdienten bischöflichen Visitatoren des Löbl. Gotteshauß Samlung in Villingen Joannes Jacobus Riegger, Candidat, bin gebohrener Villinger Zue Einem newen Pfarrherrn in selben iahr den 30. December vom Löbl. Magistrat, dem das Recht Einen Pfarrherrn zue Ernennen von uraltem Zuesteht, ernannt worden, der auch 1699 den 22 Maij die Villingische StattpfarrRectur (rectura = Vorsteherschaft) durch Gottes Hl. Gnadt wirckhlich im 31 iahr seines alters bezogen auch baldt darnach von des herren Weichbischofs von Geist undt Vicarii Generalis Hochwürdig undt Ehrengedacht an disem Kloster, Convent undt Gotteshauß zue Einem newen bischöflichen Visitatoren undt gevollmächtigten anwaldt in geistlich undt zeitlich sach gnädig verordnet worden: Gott gebe Gnad.“

Mit diesen Worten beschrieb Pfarrer Riegger seine Ernennung zum Pfarr-Rektor und Visitator der Vettersammlung. Unter seiner Leitung wurde am 15. August 1728 das Jahrzeitenbuch neu angelegt, das neben einer kurzen Beschreibung über die Entstehung des Konvents der Vettersammlung, die eigenhändigen Visitationsberichte des Pfarrers Riegger, ein Kalendarium mit den Eintragungen der Jahrzeiten (Gedächtnisgottesdienste) beinhaltet. Außerdem sind auch spätere Aufzeichnungen von Konventschreiberinnen vorhanden, die wichtige Ereignisse des Klosters und charakterliche Eigenschaften der einzelnen Schwestern festgehalten haben. Die älteste Urkunde im Klosterarchiv St. Ursula von 12361) wird allgemein der Vettersammlung zugeschrieben. Eine erstmalige Benennung fand in der Urkunde von 12552), in der die frommen Frauen bereits in der Gunst des Hauses Vetter standen. (Vetter war der 1. Stifter). „Sorores de domo patrui…“ (Schwestern aus dem Hause des Vetters), diese Bezeichnung wurde in den ältesten lateinischen Urkunden benutzt, während in den späteren deutschen Urkunden dafür traditionsgemäß Vettersammlung eingesetzt wurde. Schon beim Bau der Schanze im Jahr 12873) wurde erstmals die Lokalitätsbestimmung dieser Gemeinschaft angegeben „…vf der steitte mure inwendig der frouwen Hovestat, die man nemet des vetters Samenunge…“. Der Name Vettersammlung wurde also von der 1. Namensnennung (1255) bis zur Zusammenlegung mit den Klarissen im Jahr 1782 weitergeführt. (Abb. 1)

Die in der Urkunde 1287 beschriebene Wohnstätte blieb bis zum Jahr 1782 der Lebensraum der Vettersammlung, auch als 17204) ein zusätzliches Gelände vom „Beehrenwirth“ Riegger für den Kirchenneubau dazugekauft wurde.

Es gab viele wichtige Ereignisse im Laufe der Jahrhunderte. Zuerst die freie Gemeinschaft frommer Frauen, dann die Annäherung an den 3. dominikanischen Orden sowie die geistliche Betreuung durch die Dominikaner von Rottweil. Den Schutz der Sammlung hatten die Konstanzer Bischöfe übernommen. Da waren die Zusammenführungen der verschiedenen Konvente mit der Vettersammlung, von denen die Vereinigung mit der Kirnegger/Oberen Sammlung im Jahr 14525) sicher die Einschneidendste war.

 

 

Abb. 1: Urkunde 1287, A.B. AA 6a (Bau der Schanze).

 

Beide Konvente gehörten zu den „Schwestern von der Buße des hl. Dominicus“. Es war bisher nicht bekannt, dass auch die Vettersammlung zu den Poenitenz-Schwestern gehörte (Poenitentia = Buße). Die beiden Konvente hatten die gleichen Aufgaben und die Schwestern setzten sich wahrscheinlich aus derselben Gesellschaftsschicht zusammen.6) Es wurde in der Urkunde von 1452 deutlich darauf hingewiesen, dass sie „…ains ordens vnder ainer regel weren … vnd auch bliben…“7)

Doch die für das spätere Kloster wichtigsten Ereignisse fanden fast alle im 17./18. Jh. statt. Durch das Auffinden des von Pfarrer Riegger zusammengestellten Jahrzeitenbuches werden in diesem Bericht viele bisher unbekannte Ereignisse vorgestellt. Seine Eintragungen als Visitator hat Pfarrer Riegger alle eigenhändig ausgeführt und bezeugt. Erstmals wurde dokumentiert, dass die Frauen der Vettersammlung „den heiligen Orden S. V. Dominici der dritten regul poenitenz schwestern genannt, nach der regul des Vatters Augustini“, angenommen hatten. Die Schwestern hatten sich zur Aufgabe gestellt, für die Lebenden und Verstorbenen zu beten. Ihr großes Vorbild war Katharina von Siena, die derselben Gemeinschaft angehört hatte. Das von Dominicus vorgelebte Ideal von Gebet und Verkündigung begeisterte von Anfang an auch viele Laien, die bei den Dominikanern im Orden von der Buße des hl. Dominicus Anschluss fanden. Diesen „Brüder und Schwestern von der Buße des hl. Dominicus“ (im 13. Jh. gab es den Begriff „3. Orden des hl. Dominicus“ noch nicht) gab der Ordensmeister Munio von Zamora 1285 eine feste Form, die 1405 und 1439 päpstlich bestätigt wurde. Seit dem 15. Jh. ist der Name „Terziaren von der Buße des hl. Dominicus“ allgemein üblich.8)

In der Einleitung zu den Visitationsberichten schrieb Pfarrer Riegger über den Anfang der Gemeinschaft, in der sich zu einem „einsamen, gaistlichen Leben geneigte Jungfrauen“ im Jahr 1236 vereinigt hatten.9) Im Laufe der Zeit erlaubte der Bischof, dass ein Oratorium (Betsaal) erbaut werden konnte, in dem ein Portatile (hier Tragaltar), nach alter Manier aufgestellt wurde, um dort das Messopfer feiern zu können. Für kurze Zeit hatten die Schwestern einen eigenen Kaplan, der sich um die geistlichen Belange des Konvents kümmerte (ab 1422 wurde eine Pfründe errichtet). Der Bischof erlaubte 1438, dass in der Kapelle eine Glocke aufgehängt werden konnte, die zu den Konventgottesdiensten läuten sollte.10) Nachdem ein eigener Kaplan, wegen nachlassenden Stiftungen nicht mehr bezahlt werden konnte, wurden die Priester vom Münster zu den Gottesdiensten in die Sammlung berufen. Nun wurde die Seelsorge durch Priester der Münsterpfarrei ausgeübt.

Der bedeutende Mittelteil dieses Jahrzeitenbuches ist ein aus zwölf Pergamentblättern bestehendes Kalendarium. Nach der Renovierung des Jahrzeitenbuches 1728 und dem Zusammenbinden der Visitationsberichte und des Kalendariums wurde der obere Rand der Kalenderblätter auf die Größe der Visitationsaufzeichnungen zurechtgeschnitten, um eine einheitliche Größe zu erhalten. Es wurden neben bekannten Heiligenfesten, die Jahrzeiten für Konventfrauen, Verwandte und Wohltäter eingetragen.

Die Anlage dieses Kalenders entspricht der eines römischen Kalendariums. Die Sonntage wurden mit großem roten A gezeichnet, die folgenden Werktage (b, c, d, e, f, g) mit schwarzer Tinte ausgeführt. Der Monatserste ist jeweils die Calendae. Die Nonae – im März, Mai, Juli, Oktober am 7. Tag des Monats, in den übrigen Monaten der 5. Tag. Idus fällt in den angegebenen Monaten auf den 15., sonst auf den 13. Tag. Die Tage werden rückwärts gezählt (z. B. Idus II, III, IV, V, VI, VII, VIII, dann Nonae). Auch die Mondphasen wurden eingetragen. (Abb. 2)

Anhand der Schriftanalyse und des Datums von Ostern (27. 3.) konnte das Entstehungsjahr des Kalendariums auf das Jahr 1345 festgelegt werden.

Neben den üblichen, im römischen Kalender stehenden Heiligenfesten, sind vor allem die frühen Gedenktage der Dominikaner-Heiligen aufgezeichnet, die in deutscher Übersetzung folgen: Am 7. 3. „Hl. Thomas, Doktor, OP“, am 14. 3. „das Fest der Oktav des hl. Thomas“. Ein bei den Dominikanern sehr verehrter Heiliger war Petrus der Martyrer oder von Mailand. Der Tag seines Martyriums war am 6. 4.1252. „An diesem Tag wurde Petrus, OP, getötet“. Auch der Gedenktag seiner Kanonisierung am 29. 4.1253 wurde eingetragen. „Fest des hl. Petrus, Martyrer, OP“.

24. 5. „Überbringung der Reliquien des hl. Dominicus, unseres Vaters“, dann am 5. 8. „Fest des hl. Dominicus, unseres Vaters.“ Am 5. 9. „Jahresgedächtnis der Familie und Heiligen unseres Ordens“, am 10.10. „Jahresgedächtnis aller Brüder aus dem Predigerorden“ zeigt, dass das Kalendarium für einen Zweig des Dominikaner Ordens – hier der Vettersammlung – angelegt wurde.

Bei den im Laufe von Jahrhunderten eingetragenen Gedächtnisgottesdiensten sind 155 Konventfrauen mit Namen angegeben. Mit den Eintragungen der Namen wurde einige Zeit nach der Anlegung des Kalendariums begonnen. Dazu kamen die ab 1671 verstorbenen und im Anhang eingetragenen leben den Schwestern, so dass sich die ehemalige Mitgliederzahl auf 181 erhöht. Oft fehlt beim Namen der Zusatz, Konventfrau, aber da die Eintragungen der männlichen Wohltäter entweder allein oder mit der ganzen Familie aufgezeichnet wurden, kann davon ausgegangen werden, dass es sich bei den Aufzeichnungen der Frauennamen um ehemalige Schwestern handelt. Es ist möglich, dass einige Schwestern, vor allem aus der Frühzeit nicht aufgezeichnet wurden. Dadurch kann mit einer Zahl von ca. 200 Konventfrauen gerechnet werden. 200 Schwestern zwischen den Jahren 1345-1782, bedeutet, dass der Konvent immer klein war.

In das Jahrzeitenbuch wurden oft auch Spenden eingetragen, die für Gedächtnisgottesdienste zu verwenden waren. So steht am 8. 4.: „Es wirt Auf heitt Jarzit Sophia Messerschmid prierin gwesen mit ainer figil darum hatt sij geben die zwai pater noster (Rosenkränze) das brun vnd das lang rot chalin (Schal). Jm drei vnd achigsten Jar jm 6 tag aberelen (April) gott trest ier Sel.“ (Gestorben 1571.) Der Visitator Riegger ermöglichte den Schwestern jederzeit, geistlichen Trost durch einen Priester des Münsters zu erhalten. Er bestellte aus seinem „Pfarr Clero undt Choro iedes mahl“ einen geeigneten Priester, weil dem Kloster und dessen Dienstleuten „die pfarrliche Seel- und Sorge im Leben und Sterben und Begraben von Klosteranfang bis in jetztige Zeiten beigehalten werden sollte“. Die Schwestern gingen werktags zum Gottesdienst ins Münster und für die alten und kranken Schwestern fand jeden 1. Sonntag im Monat ein Gottesdienst im Kloster statt.

 

 

Abb. 2: Eine Seite des Kalendariums (1. Hälfte des Monats Mai).

 

Der Bericht des Pfarrers Riegger, dass ab 1700-1729 die Schwestern der Vettersammlung im Münster begraben wurden, ist außer im Jahrzeitenbuch an keiner Stelle vermerkt. „Wehrendt meiner Visitatur seindt folgendte Conventfrawen Seelig in dem Herrn verstorben“. Es folgen die Namen der Verstorbenen ab 1700. Im Jahr 1719 wurde eine Pfründnerin des Klosters, Franziska Schillerin, die Schwester des großen Wohltäters und 2. Stifters Johann Georg Schiller von Wildenstein, in der Altstadtkirche beerdigt. Im Anschluss an diese Aufzeichnung wurde von Riegger mit Unterschrift bezeugt: „obige (Schwestern) alle im Münster.“ „Die lieb verstorbenen schwestern vor disem in der Altstattkürchen, bis dato aber in unserem Liebfrauen Münster pfarrlich begraben worden“ (1700-1729) „Die Priorin Magdalena Schleicherin von Villingen, Priorin im 26 Jahr, profeß 52. aet. 74 iahr. Diese fromme M(utter) Priorin ist nach altersschwachheith im iahr 1729 den 28. Aprilis miltseelig verschiden und im Münster vor dem Taufstein begraben.“

Die von Pfarrer Riegger bezeugten Aussagen geben ein neues Bild vom Leben und Sterben und der Bedeutung dieses kleinen Konvents. Nachdem am Ende des 17. Jhs. ein Grundstück, das an den Garten des Klosters stieß, angeboten wurde, konnte der Neubau der Kirche ins Auge gefasst werden. Aber es dauerte noch viele Jahre, bis der Bau realisiert werden konnte, für den zusätzlich noch ein Grundstück des „Beehrenwirts“ Anton Riegger 1720 erworben wurde.11) Im selben Jahr konnte mit dem Bau begonnen werden12), der 1722 fertiggestellt wurde.13) Die Kirche war der hl. Katharina von Siena geweiht.

Es geht aus keiner Urkunde hervor, wann die Vettersammlung dem 2. Orden der Dominikaner unterstellt wurde. Der erste Hinweis darauf ist die Einführung des Choralgesangs im Jahr 1723, wie im Jahrzeitenbuch zu lesen ist. Auch die Ordensunterstellung wurde von Pfarrer Riegger für das Jahr 1730 bezeugt: „1730 Aufsetzung der schwartzen Wühel undt Clausuranfangung.“ Er berichtet, dass die Schwestern der Vettersammlung zu den Poenitenzschwestern gehörten, die nach der 3. Regel des heiligen Dominicus lebten, den Wunsch hatten, die Nigra Vela (die schwarzen Schleier) und die „stricta clausura“ anzunehmen. Dafür hatten sie bereits 1723 den Choralgesang eingeführt. (Das zeigt, dass die Offizien feierlich gesungen und gebetet werden sollten, wie es im 2. Orden üblich ist). Am Fest des hl. Dominicus (4. 8., im Kalendarium 5. 8.) wurden die Schwestern feierlich dem 2. Orden der Dominikaner unterstellt. Zum Zeichen der angefangenen Klausur wurde von „mier Visitatore undt in disem Act bischöflicher Commissario“ die Tür verschlossen. Von dieser Zeit an konnten die Schwestern nur mit Erlaubnis des Visitators (hier noch Riegger) zum Gottesdienst ins Münster gehen. Bei der Unterstellung unter den 2. Orden, wurde ihr Kloster, wie schon 1722 die neu erbaute Kirche, nach ihrer großen Heiligen, Katharina von Siena, genannt. Der Visitator ermahnte die Schwestern alle Jahrtage zu halten. Es müsse besonders des 2. Stifters, Junker Ferdinand von Freiburg, „allhiesiger stattburgermaister“ gedacht werden, der im Haus wohnte, „wo ietz am Pfarrhof die Canzlei ist.“ Er war ein großer Wohltäter des Klosters und half im 30-jährigen Krieg mit Geld und Naturalien den Schwestern zum Überleben. Sein Todestag sollte „zum ewigem Dankhgedächtnus mit ganzer Vigil undt einer heiligen Mess begangen werden.“ F. v. Freiburg brachte nach dem Tod seiner Frau und Tochter, die an der Pest gestorben waren, seinen kleinen Sohn in die Vettersammlung, da er ihn sonst nirgendwo unterbringen konnte. Die Schwestern setzten damit ein Zeichen ihrer Nächstenliebe, indem sie den Kleinen bis zu seinem frühen Tod liebevoll pflegten. Nachdem Ferdinand v. Freiburg sein Amt niedergelegt hatte, zog er sich mit bischöflicher Erlaubnis in die Vettersammlung zurück und lebte im sogenannten Junkerstübchen. Er starb 1669 und wurde im Chor der Franziskanerkirche begraben. Er vermachte einen Großteil seines Vermögens und Besitzes der Vettersammlung.14) Ferdinand v. Freiburg war einer der größten Wohltäter der Sammlung.

Nach dem Tod des ehemaligen Bürgermeisters hatte das Kloster einen 3. Stifter in Johann Georg Schiller von Wildenstein gefunden „…das die liebreiche Fürsichtigkeit Gottes über ein Kloster undt Convent war, die den Gottesdienst fleissig halten, geistlich, ordensgemäs feierlich lobet…“ Dieser 3. Stifter machte sich ebenfalls sehr um das Kloster verdient. Durch seine Schwester, die im Kloster Pfründnerin war, hatte er Kontakt zur Vettersammlung und stiftete immer wieder für den Kirchenneubau und für die Orgel. Eine kostbare Monstranz übergab er ebenfalls dem Konvent. Er starb im Jahr 1724. Als Gedächtnis wurde für ihn eine tägliche Messe „auf ewig“ gehalten.

Die beiden Berichte von Priorinnen-Wahlen der Jahre 1729 und 1732, handschriftlich von Dekan Riegger eingetragen, geben ein authentisches Bild der stattgefundenen Wahlen. Weder in den vorhandenen Aufzeichnungen der Klarissen noch in einer Chronik beider Orden, wurde die Wahl einer Oberin ausführlich beschrieben.

„Gel. S. J. C. (Gelobt sei Jesus Christus) Newe Priorin Wahl: Anno 1732, den 27 Tag Wintermonath ist nach Seelig ableiben weylandt Fraw Anna Theresia Bachin, welche nach dreifiertel iähriger abnemmungsschwacheith den 25 Octob. nach nuhr 3 1/2 iahres priorin ambts aufgenommener letster stat ahn dem hochwürdigem Viatico (Sterbesakramente) tröstlich verblichen, auß erhaltener gnädiger bischöfl. Commihsion newer Priorin Wahl vorzusitzen ist mier Jo. Jac. Riegger Pfarr- Rectore, Decano, Notario apostolico als des Gottes Haus Visitator in gegenwarth beider Herren Pfarrmünster Helfern H. Jo: Caspar Machleidt undt Joan. Evangel. Ungerer, Beichtvatter, die Wahl formlich wie oben 1729, am orth mit vorgang undt nachgang aller Dinge, durchaus gleich vorgenommen undt verrichtet worden, wurde von Zehen Frawen Eligenten zur newen Mr. Priorin erwehlet undt mit mehreren stümmen beehrt Fraw Maria Rosa Stozin von Niderhofen nechst Schongau gebürthig…“.

Nachdem die Schwestern dem 2. Orden der Dominikaner unterstellt waren, wurde der Wunsch nach einem eigenen kleinen Kirchhof dringend, zumal es bei einem 2. Orden üblich war, die verstorbenen Schwestern auf dem Gelände des Klosters zu begraben. Endlich im Jahr 1734 konnte ein eigener Kirchhof durch Pfarr-Rektor, Dekan Riegger, eingeweiht werden.

„nachdem das Gotteshaus Samlung seit seinem Anfang keinen aigenen Kirchhofplatz mögen erhalten bis in das Jahr 1734, als entlich ein solcher an der Seitenkürchenmauer vor der Sacristei mit viller Müheanwendung undt Kosten erhöchet bemauert undt den 22 weinmonat (Okt.) 1734 auf erhaltene hochfürstl. bischöfl. fermelet undt licentz von mier priesterlich benediciert undt geweicht worden in Villingen. Bezeuget Joann. Jacobus Riegger, PfarrRektor, apostol. Notarius, Decanus Capituli, dises Gotteshaus bestellter bischöflicher Visitator.“

Die erste Schwester, die auf dem eigenen Kirchhöflein 1740 begraben wurde, war Sr. M. Anna Hugin aus Villingen. Drei Jahre nach dem Tod des PfarrRektors Riegger, dessen Sterbetag nicht im Jahrzeitenbuch eingetragen wurde.

Der nachfolgende Pfarrer Jacob Benedict Schueh beurkundet 1758, dass er als ernannter Kommissar die Wahl einer neuen Priorin vorgenommen hatte. Es wurde Sr. M. Josepha Hautin aus Freyburg im Icherlande gewählt. Es ist die dritte Beglaubigung einer Wahl im Dominikanerinnen-Kloster. Als am 28. Februar 1761 Pfarrer Jacob Benedict Schueh starb, schrieb die Konventschreiberin: „1761 im 28. Februari ist in gott seelig entschlafen Hochw. herrn Jacob Benedict Schueh Pfahrer und Camerer der im geistlichen und zeitlichen unserem Clösterlein vill gutts gethan. Er hat den Althar Bladt im Hochalthar bezahlt, dessen wir schuldig sein im Gebett, sonderlich zu gedencken, wahr ein Beeiferer deß Frieden.“ Das Altarbild des Hochaltars, das sich heute in der Klosterkirche St. Ursula befindet, wurde vom Stadtpfarrer Schueh gestiftet. Diese Stiftung war bisher nirgendwo aufgezeichnet. Im Jahr 1793 ließ die damalige Superiorin und ehemalige Dominikanerin, Feliciana Arnold, die drei Altäre der Vettersammlung in die Klosterkirche von St. Ursula bringen.

Weniger freundlich sind die nachfolgenden Sätze der Schreiberin: „1761, den 24 Martius ist hochw. herrn Joseph Xaveri Beck Stadtpfaher worden, in einem Jahr darauf hatt er wollen unser Visitator sein, dessen auß erhäblichen ursachen, sich priorin und daß Convent vil und stark widersetzen haben müssen.“ Leider ist nicht bekannt, was die Ursache der Ablehnung Pfarrer Becks war. Es muss eine tiefsitzende Verbitterung bei den Schwestern gewesen sein, denn als Pfarrer Beck starb, wurde sein Tod nur mit wenigen Worten eingetragen. „1777, ist den 13. Jan. in Gott entschlafen der hochw. Herr Xaverius Beck, Stadtpfarrer und Camerer. Gott gebe ihm die ewige Ruhe und…“ Als dagegen im selben Jahr Kaplan Dominicus Lutz zum Stadtpfarrer ernannt wurde, schrieb die Konventschreiberin euphorisch: „1777, den 31. Jan. ist Ihro Hochwürden Herrn Capelan Dominicus Lutz als Stadtpfarrer erwölt und ernannt worden, zu manniglichen Trost und Freud dessen unser Gotteshauß einen großen Theil genommen. Gott erhalte ihn biß in späteste Alter und segne sein Hirtenstab zum Seellenheil aller seiner underhabenten Schäflein in der Statt Villingen.“ Am Ende des Jahrzeitenbuches wurden alle lebenden und ab 1669 verstorbenen Schwestern namentlich aufgeführt. (Abb. 3)

 

Abb. 3: Der Konventsstand im Jahr 1732 (aufgezeichnet von Dekan Riegger).

 

Es waren verschiedene Schreiberinnen, die über die Herkunft und die charakterlichen Eigenschaften der lebenden und verstorbenen Schwestern schrieben. Eine Liste der im Konvent sich befindenden Schwestern gibt ihr Alter, ihre Profess und ihren Heimatort an. Die letzte Eintragung wurde am 27. Januar 1782 vorgenommen: „Maria Wallentina Columba Theressia Hausserin hatt die hl. proffession nach gebrauch und Satzung abgelegt.“ Kurz darauf wurden die beiden Orden der Dominikanerinnen und Klarissen auf die Regel der hl. Ursula verpflichtet.

Das Jahrzeitenbuch ist das wichtigste Dokument der Vettersammlung, da es außer den Urkunden von 1236 bis 1782 und ab 1722 einigen Rechnungsbüchern kaum Hinweise auf die Bedeutung dieses Konvents gab. Über die personelle Zusammensetzung des kleinen Klosters war bisher nichts bekannt. Erst durch die eigenhändigen Aufzeichnungen Rieggers werden genaue Zahlen in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht. So waren es 1649 nur vier Schwestern, 1702 acht Schwestern und zwei Novizinnen, 1716 neun Schwestern und 1728, wie der Visitator Riegger schrieb, 12 Schwestern. „Es ist auch der Nachkommenschaft zue wüssen, das so vihl man von alters her weiß, niemahls 12 Conventualien seindt beisammen in disem Closter gewesen, es hat aber der geführte Kürchen- undt anstoßbaw, umb durch zu bringendte mittel, der iung Closterfrawn die bawkösten undt Capitalschulden wider abgestossen, auch die Music besser fortzuführen, die gemelte Zahl nothdürftig vermehret. J. Riegger, Visitatoris.“

Durch die vielen authentischen Eintragungen des Pfarrers Riegger und die der nachfolgenden Schwestern, entsteht ein neues und lebendiges Bild des Konvents der Dominikanerinnen, der in Villingen einen besonderen Platz unter den Frauenklöstern eingenommen hatte und unter dem Namen Vettersammlung bekannt wurde.

Quelle:

A.B. GG 6a Jahrzeitenbuch der Vettersammlung (Verzeichnis aller Konventualinnen des Gotteshauses der Vettersammlung zu Sankt Catharina Senensis in Villingen).

Anmerkungen:

1) A.B. AA 1.

2) A.B. L 2.

3) A.B. AA 6a.

4) A.B. P 11.

5) A.B. O 9.

6) Die Kirnegger Sammlung wurde erstmals 1310 in einer Urkunde erwähnt. Die Ansicht, dass diese Sammlung erst 1420 auch als Obere Sammlung bekannt wurde, muss revidiert werden, da sie bereits 1345 (SAVS, Best. 2.3) urkundlich erwähnt wurde und weitere Urkunden aus dem 14. Jh. vorhanden sind (SAVS, Pfründarchiv M 16) und im Archiv des Bickenklosters (A.B.) in einem Einband verwendet wurde (noch ohne Signatur).

7) A.B. AA 20.

8) Gieraths, Gundolf: Terziaren. II. Terziaren der Dominikaner, in: LThK. Bd.9, Freiburg: Herder 1964, Sp. 1376.

9) A.B. AA 1.

10) A.B. L 10.

11) A.B. P 11.

12) A.B. AA 17a.

13) A.B. L 17.

14) A.B. AA 47.