Nachrichten aus dem Gymnasium der Benediktiner zu Villingen (5) (Michael Tocha)

 

 

Mönche als Lehrer und Gelehrte

 

 

Abb. 1: Benediktinerabt mit Schülern, © St. Peter im Schwarzwald, Bibliothek.

 

Franz Sales Wocheler kann als typisches Beispiel für Vorbildung und Tätigkeit eines Lehrers am hiesigen Benediktinergymnasium und überhaupt an einer Ordensschule gelten. In einem Brief an den Konstanzer Generalvikar Wessenberg gibt er an, „Studiersucht“ und der Wunsch nach „einer für Kirche und Staat nützlichen Beschäftigung“ 1 hätten ihn zum Ordens eintritt in Villingen motiviert. Er zeigt sich damit nicht nur von der josephinischen Aufklärung, sondern auch vom Ideal des gelehrten Mönchs geprägt, das im Lauf des 18. Jahrhunderts insbesondere die Benediktinerklöster Frankreichs und Deutschlands durchdrungen hatte. Natürlich konnte man mit solchem Personal gerade auch in den Klosterschulen etwas anfangen, und so war es, wie bei Wocheler, allgemein üblich, die jungen Patres nach dem Studium der Theologie zunächst als Lehrer einzusetzen. In der Regel war die Lehrtätigkeit zeitlich begrenzt, bis man eine Stelle in der Seelsorge oder eine Funktion im Kloster selbst einnehmen konnte. Villingen ist da keine Ausnahme: z.B. ist P. Gregor Hamma (geb. 1691) erst Lehrer, dann Ökonom des Klosters, P. Columban Landolt (geb. 1718) unterrichtet zehn Jahre, verwaltet dann Keller und Kornspeicher, P. Johann Baptist Schönstein (geb. 1753) lehrt vier Jahre Latein und leitet die Marianische Kongregation, bevor er die Klosterpfarreien Rippoldsau und Furtwangen übernimmt, P. Maurus Seelos schreibt als Lehrer der unteren und mittleren Grammatik mit Mitte zwanzig die Operette „Die einstimmige Uneinigkeit der musikalischen Instrumente“, die die Studierenden 1780 aufführen. 2

Als Anfänger-Lehrer wurden die jungen Mönche gewissermaßen ins kalte Wasser geworfen, denn eine professionelle Ausbildung für den Lehrerberuf war damals bestenfalls als Forderung vorhanden; das Studium enthielt kaum Anteile an Pädagogik oder Unterrichtsmethodik, und ebenso fehlte danach eine praktische und fachdidaktische Phase der Einführung, vergleichbar mit der Referendarzeit. Sie waren daher auf ihre Intuition angewiesen, es galt das Prinzip „learning by doing“. Trotzdem gingen sie nicht unter, sondern schwammen sich frei, um im Bild zu bleiben. Denn sie konnten weitergeben, was sie selber gelernt hatten, auf die Weise, die sie selber als Schüler erfahren hatten. Es gab in der Schule der Frühen Neuzeit einen Fundus an Methoden, der sich in Generationen nicht änderte und deshalb allen vertraut war. Dazu gehörten Auswendiglernen von Formeln und Lehrsätzen und ständiges Abhören lateinischer Vokabeln, aber auch gegenseitiges Abfragen der Schüler in „Partnerarbeit“, wie wir heute sagen würden, der Wettstreit einer Klassenhälfte gegen die andere beim Bilden von Formen und Sätzen, Deklamationen klassischer Texte sowie die Einübung scholastischer Disputationen nach einem streng festgelegten Muster. Die intensive Beschäftigung der Schüler mit solchen Aufgaben erlaubte es dem Lehrer oft, schriftliche Arbeiten während des Unterrichts durchzusehen.

Der Jungmönch, der vorübergehend für den Unterricht eingesetzt wird, ist zwar der vorherrschende, aber nicht der einzige Typus des Lehrers an einem Ordensgymnasium. Im Laufe des 18. Jahrhunderts wandelt sich das Selbstverständnis gerade der Benediktiner tiefgreifend: statt sich von der Welt abzuwenden, wollen sie Gelehrte sein, die eine für die ganze Gesellschaft nützliche Geistesarbeit erfüllen. Das Stundengebet ist da eher hinderlich; lieber widmen sie sich der Erweiterung ihrer Bibliothek und pflegen ihre intellektuellen Netzwerke; die Zahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen aus der Feder von Benediktinern nimmt zu. 3 In Villingen ist dieser neue Geist schon unter den Äbten Johann Franz Scherer (1661-1685) und besonders Georg III. Gaisser (1685 – 1690) spürbar und gewinnt ab der Mitte des 18. Jahrhunderts an Kontur: Abt Hieronymus Schuh (1733 – 1757) lässt das stattliche Gymnasium mit dem großen Theatersaal errichten, Abt Cölestin Wahl (1757 – 1778) gibt Schriften aus dem Kloster in Druck und kümmert sich nachdrücklich um den Fortschritt der Schule. 4 Unter dem letzten Abt Anselm Schababerle (1778 – 1806) war die Entwicklung des Konvents von einer asketischen Mönchsgemeinschaft zu einem fast bürgerlichen Gelehrtenzirkel offenbar weit gediehen: er kaufte den Seyhof bei Fischbach und richtete ihn mit mehreren Wohnzimmern nebst einer Hauskapelle so ein, „daß die Herren Patres Professores sich in den Herbstferien bequem unterhalten konnten.“ 5

 

Abb. 2: Das Titelblatt der Patristik P. Gottfried Lumpers (Augsburg 1783 ff.) weist ihn als Professor des kaiserlich- königlichen Benediktinerlyzeums in Villingen aus.

 

Vor allem in dieser letzten Phase der Schulgeschichte, nach der Vereinigung mit dem Franziskanergymnasium und der Einrichtung des Lyzeums, tritt jener andere Lehrertyp deutlicher hervor, Professoren, die sich als namhafte Wissenschaftler ausweisen. Zu diesen gehört der Orientalist, Philosoph und Theologe P. Georg Maurer, der den Ideen der Aufklärung nahe stand. 6 Sein Mitbruder P. Gottfried Lumper veröffentliche neben anderen Werken eine dreizehnbändige Darstellung des altchristlichen Schrifttums (die 1999 vom Stadtarchiv ersteigert und auf diese Weise an ihren Ursprungsort zurückgeholt worden ist). Von ihm wird berichtet, dass er die Klausur lediglich zur Versehung der Pfarreien in Unterkirnach und Pfaffenweiler verließ; im Kloster selbst fand er die Voraussetzungen für seine Forschungen, weil Abt Anselm „die Bibliothek mit Werken der ersten Kirchenväter vermehrt“ hatte. 7 Ein Schüler Maurers und Lumpers war 1798-1800 der Tiroler Andreas Benedikt Feilmoser, später Theologieprofessor in Innsbruck und Tübingen, der als entschiedener Rationalist mit kirchlichen und staatlichen Stellen in Konflikt geriet. P. Cölestin Spegele unterrichtete Grammatik, Mathematik und Physik, beherrschte mehrere Sprachen und war Archivar und Bibliothekar des Klosters; 1812 wurde er Rektor der neuen Universität Ellwangen. Johann Georg Benedikt Kefer stammte aus Villingen und war Schüler des Benediktinergymnasiums; er unterrichtete 1811 – 1814 an dessen Nachfolgeeinrichtung, dem „Pädagogium“, und wurde 1822 Professor für Dogmatik und Kirchengeschichte an der Universität Freiburg. Seinen Nachlass, darunter Schriften zur Geschichte seiner Heimatstadt, vermachte er 1833 Franz Sales Wocheler, der ihn in die Überlinger Leopold-Sophien-Bibliothek einbrachte. Zu erwähnen ist auch P. Thaddäus Rinderle aus dem Kloster St. Peter, dessen Abt ihn 1770 zum Studium der Mathematik nach Salzburg schickte; 1786 wurde er Professor an der Freiburger Universität. Eine von ihm konstruierte astronomisch-geografische Uhr ist heute im Deutschen Uhrenmuseum in Furtwangen zu sehen. Den „Uhrenpater“ holte Abt Cölestin Wahl 1775 für ein halbes Jahr nach Villingen, damit er den Mathematikunterricht am nunmehr vereinten Gymnasium in Schwung bringe. 8 Alle diese Männer waren einer wissenschaftlichen, historisch-kritischen Arbeitsweise verpflichtet, ihr Denken und Forschen bewegte sich auf der Höhe der Zeit – „enlightened monks“ 9 auch in Villingen.

Verweise

1 Ursula Pfeiffer: Erziehung als Politikum. Zur bildungsgeschichtlichen Deutung des Wirkens von Franz Sales Wocheler, in: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung, 127, 2009, S. 140

2 Vgl. Pirmin Lindner: Die Schriftsteller und Gelehrten der ehemaligen Benediktiner-Abteien im jetzigen Großherzogthum Baden vom Jahre 1750 bis zur Säcularisation, in: FDA 20, 1889, S. 122 f.

3 Vgl. Sascha Weber: Rezension von: Ulrich L. Lehner: Enlightened Monks. The German Benedictines 1740-1803, Oxford: Oxford University Press 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 10 [15.10.2012], URL: http://www.sehepunkte.de/2012/10/20941. html (Aufruf 19. 2. 2014). Ein Verzeichnis aller ab 1750 von Villinger Benediktinern verfassten Schriften bei Lindner (s. Anm. 2), S. 121-126

4 Vgl. GLAK 100, Nr. 18, 486, 715

5 Johann Baptist Schönstein: Kurze Geschichte des ehmaligen (sic!) Benediktinerstifts St. Georgen auf dem Schwarzwalde usw., Einsiedeln 1824, hrsg. von Josef Fuch, Villingen- Schwenningen 1988, o. Pag. (Abschnitt „Abt Anselm Schababer“)

6 Vgl. Karl Franz Felder (Hrsg.): Gelehrten- und Schriftsteller- Lexikon der deutschen katholischen Geistlichkeit. Erster Band: A-Men., Landshut 1817, S. 218; Franz Joseph Sulzer: Altes und neues oder dessen litteralische Reise durch Siebenbürgen, den Temeswarer Banat, Ungarn, Oesterreich, Bayern, Schwaben, Schweiz und Elsaß etc: In drey Sendschreiben an Herrn Prediger Theodor Lange zu Kronstadt in Siebenbürgen, o. O. 1782, S. 126

7 J. B. Schönstein, Kurze Geschichte, wie Anm. 5

8 Vgl. Christian Roder: Das Benediktinerkloster St. Georgen auf dem Schwarzwald, hauptsächlich in seinen Beziehungen zur Stadt Villingen, in: FDA NF. 6, 1905, S. 54

9 „Aufgeklärte Mönche“ = Titel eines unlängst in Amerika geschriebenen Buches über die deutschen Benediktiner des 18. Jh., s. Anm. 3