Nachrichten aus dem Gymnasium der Benediktiner zu Villingen (3) (Michael Tocha)

 

 

 

Starthilfe aus Zwiefalten, Impulse aus Paris

Die Anfänge des Villinger Benediktinergymnasiums um die Mitte des 17. Jahrhunderts liegen im Dunkeln. Erst unter Georg III. Gaisser (1685- 1690) sind Initiativen zum Ausbau von Kloster und Schule deutlich sichtbar. Der Abt schilderte dem Magistrat mehrfach die beengten Verhältnisse und konnte 1687 mit der Stadt einen Vertrag über den Neubau von Kirche und Konventsgebäude samt Schule abschließen. In der Folge mussten noch Einzelfragen geklärt werden. Am 16. Juni 1689 teilte er der Stadt mit, er habe „von deß Herren Prälatens zu Zwifalten Hochwürde einen Bauverständigen Patrem, so in dergleichen Sachen schon vil Jahr practicirt“, zugewiesen bekommen. Dieser habe ihm viele wertvolle Hinweise gegeben und insbesondere einen Plan „zu einem Gymnasio“ mit den zugehörigen Nebengebäuden erstellt, den er „den Herren Nachparen selbst unter die Augen legen“ wolle. 1 Auf diese Weise unterstrich er die Solidität des Projekts: Die Abtei Zwiefalten genoss hohes Ansehen und hatte soeben ein eigenes Gymnasium in der vorderösterreichischen Stadt Ehingen gegründet. Mit Unterstützung von dort schien der Erfolg des Villinger Vorhabens fast schon garantiert.

Die Zusammenarbeit mit Zwiefalten und anderen Abteien hatte Tradition. 1603 hatten sich eine Reihe südwestdeutscher Benediktinerklöster zur Schwäbischen Kongregation verbunden, Villingen trat 1627 bei. Der Zweck dieses und ähnlicher Zusammenschlüsse war es, die Reform des Klosterlebens voran zu bringen, Eingriffe der Bischöfe in die klösterliche Autonomie abzuwehren und sich von der geistlichen Vorherrschaft der Jesuiten zu emanzipieren. Eins der Gebiete, auf denen sich das neu erweckte benediktinische Selbstbewusst- sein entfalten konnte, war das Bildungswesen. 1653 vereinbarten 40 Abteien in Österreich, Bayern und Schwaben, unter ihnen auch Villingen, die junge Benediktineruniversität in Salzburg „für immer aufrecht zu erhalten“. 2 (Der Villinger Beitrag, intellektuell wie finanziell, dürfte zu diesem Zeitpunkt allerdings eher bescheiden ausgefallen sein.) 1671 gaben die Jesuiten ihr Lyzeum in Rottweil auf; die oberschwäbische Benediktinerkongregation unter dem Vorsitz des Zwiefaltener Abtes Christophorus ergriff die Chance, es als Tochterakademie der Salzburger Universität weiterzuführen. Für St. Georgen zu Villingen nahm der Prior P. Georg Gaisser im Namen seines Abtes Johann Franz Scherer an der entscheidenden Sitzung am 13. April 1673 teil und brachte die 1000 Gulden in den Fonds ein, die die Stadt Rottweil dem Kloster schuldete. Ab 1688 war er der letzte Präses der Rottweiler Akademie, die 1691 an die Jesuiten zurückgegeben wurde. 3

Georg Gaissers langjähriger Einsatz für die Bildungsstätten seines Ordens in Salzburg, Rottweil und Villingen lässt sich herleiten aus seinem Profil als Intellektueller seiner Zeit und Autor von Büchern zur Geschichte der Benediktiner; noch wichtiger sind Impulse aus den Netzwerken gelehrter Mönche, in denen er sich bewegte. In diesem Zusammenhang hat Franz Quarthal angemerkt, dass der Einfluss der französischen Mauriner bisher zu wenig beachtet worden sei. 4 Dieser Hinweis könnte gerade in Bezug auf Georg Gaisser und Villingen weiterführen.

 

Abb. 1: „Dieses einfache und bescheidene Antlitz, bei dem nichts geziert ist, bietet dir von Mabillon das genaue Ebenbild, und in einem Schatz der Wissenschaft ein Wunder an Demut. Er starb am 27. Dezember 1707 im Alter von 76 Jahren.“ Mabillon fand in Georg III. Gaisser von Villingen seinen wichtigsten Zuarbeiter im deutschen Sprachraum. (Kupferstich von Alexis Loir nach einem Ölgemälde von Claude-Guy Halle, zwischen 1707 und 1713)

 

In Frankreich hatten sich um 1620 die meisten Benediktinerklöster zur Reformkongregation von St. Maur zusammengeschlossen. Ihr Merkmal wurde die wissenschaftliche Quellenforschung: in breit angelegten Forschungsprojekten sollte die alt kirchliche und benediktinische Überlieferung auf gesicherte Grundlagen gestellt werden, indem man aus zahlreichen Textvarianten den einen, „wahren“ Text rekonstruierte. Dabei ragt unter zahlreichen gelehrten Mönchen der Historiker Jean Mabillon aus der Abtei Saint-Germain- des-Prés in Paris als der berühmteste hervor. Neben ihrer Forschungsarbeit war den Maurinern aber auch die Schule wichtig; schon 1636 hatten sie sich verpflichtet „mit größten Eifer wieder dem alten Brauch unseres Ordens nachzuleben […], die Erziehung von Kindern zu übernehmen.“ 5 Um an Handschriften und Drucke zu kommen, waren die Mauriner auf die Zuarbeit von Mitbrüdern im katholischen Europa angewiesen. Hier nun spielte Georg Gaisser eine entscheidende Rolle: er unterhielt seit 1679 einen Briefwechsel mit Mabillon und gilt als sein frühester Mitarbeiter im deutschen Sprachraum; 6 Mabillon selbst bezeichnet ihn als „einzigartigen Förderer unserer Studien“. 7 Durch Gaisser wurde Villingen zum Knoten im deutschen Netzwerk der Mauriner: er schrieb zahlreiche Briefe an Ordensbrüder in Süddeutschland und der Schweiz und bat um Handschriften für Mabillon, diese wurden dann oft zunächst Gaisser anvertraut und von ihm nach St. Germain geschickt und kamen über ihn wieder zurück, ebenso wurden Briefe aus Einsiedeln, St. Gallen oder Muri in Villingen gesammelt, hier zu Paketen geschnürt und weiter nach Paris befördert. 8 1683 begegneten sich die beiden Männer, als Mabillon bei einer Bibliotheksreise nach Bayern und in die Schweiz auf dem Rückweg in Villingen Station machte. Sein Mitarbeiter und Biograph Thierry Ruinart kann Gaisser nicht genug hochschätzen: „Ich weiß nicht, wer bei ihrer Begegnung die größere Freude empfand; da waren zwei Herzen, die einander nahe standen.“ Dieser fromme und gelehrte Mönch habe als Sekretär der schwäbischen Benediktinerkongregation Zutritt zu vielen Abteien gehabt und von dort eine große Anzahl schöner Stücke mitgebracht, mit denen er Dom Mabillon bereichert und der Geschichte des Ordens große Dienste erwiesen habe. 9 In solchen Worten fällt von dem Leuchtturm in Paris her ein Lichtstrahl auf das äußerlich noch recht armselige Kloster in Villingen.

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts deutete also auch hier vieles auf neue Aufbrüche in Wissenschaft und Bildung hin, und man würde annehmen, dass das Gymnasium alsbald hätte aufblühen müssen, wenn eine so gut vernetzte und vom Forschungselan der Mauriner durchdrungene Persönlichkeit wie Georg Gaisser seinen Ausbau vorantrieb. Doch das war nicht der Fall. Der Abt starb zu früh – 1690 im Alter von 51 Jahren. Anders als das Zwiefaltener Gymnasium in Ehingen entwickelte sich das Villinger Benediktinergymnasium in der Konkurrenz mit dem älteren Franziskanergymnasium nur mühsam. Der Bau von Kirche und Konvent verschlang alle Mittel, so dass das Schulgebäude erst 60 Jahre später errichtet werden konnte. In den Archiven findet sich auch kein Zwiefaltener Entwurf für einen Gymnasiumsbau, und wir wissen nicht, welchen seiner Patres der dortige Abt mit den Villinger Bauplänen betraut hat. 10 Zwar verdoppelte sich zwischen 1783 und 1786 die Zahl der Mönche von 12 auf 24, doch gab es außer Gaisser niemanden, der die Ordensgeschichtsschreibung im Sinne der Mauriner hätte voranbringen können. 11 Für eine nachhaltige Wirksamkeit des Villinger Benedik- tinergymnasiums waren um 1700 die Grundlagen noch zu brüchig.

Verweise

1 SAVS BB 47

2 Vgl. Magnus Sattler: Collectaneen-Blätter zur Geschichte der ehemaligen Benedictiner-Universität Salzburg,Kempten 1890, S. 78 f.

3 Vgl. ebd., S. 116 ff.; Martin Gerbert: Historia Nigrae Silvae Ordinis Sancti Benedicti Coloniae, Bd. II, St. Blasien 1788, S. 453; Georg Wieland: Benediktinerschulen und Ikonographie ihrer Kollegienkirchen im Zeitalter des Barock, in: Barock in Baden-Württemberg. Katalog der Ausstellung in Bruchsal, hrsg. v. Badischen Landesmuseum, Karlsruhe 1981, Bd. 2, S. 368 f.

4 Vgl. Franz Quarthal: Das Ehinger Kolleg in der benediktinischen Schultradition. Vortrag, gehalten am 21. Juni 1986 anlässlich der 300-Jahr-Feier des Gymnasiums Ehingen (Donau), http://elib.unistuttgart. de/opus/volltexte/2009/4479/ (Aufruf 22. April 2014), S. 2

5 Ebd.

6 Vgl. Franz Quarthal: Die Reformation im Spiegel südwest- deutscher benediktinischer Geschichtsschreibung des 17. und 18. Jahrhunderts. Zum klösterlichen Wissenschaftsbetrieb im Jahrhundert vor der Säkularisation, in: Blätter für württembergische Kirchengeschichte 86, 1986, S. 335 7 „Studiorum nostrorum fautor singularis“, Io[annes] Mabillon, Iter germanicum, Hamburg 1717, S. 95, vgl. Christian Roder: Das Benediktiner- kloster St. Georgen auf dem Schwarzwald, hauptsächlich in seinen Beziehungen zur Stadt Villingen, in: FDA NF. 6, 1905, S. 41

8 Vgl. Gall Heer: Johannes Mabillon und die Schweizer Benediktiner. Ein Beitrag zur Geschichte der historischen Quellenforschung im 17. und 18. Jahrhundert, St. Gallen 1938, S. 118, 120 Anm. 75

9 „Je ne sçay lequel eut plus de joïe de Dom Mabillon ou du Pere Geisser dans leur entrevûë: c’étoient deux coeurs à peu prés l’un comme l’autre. Personne n’a jamais tant travaillé en Allemagne à ramasser des memoires pour les Actes des Saints & pour l’histoire de nôtre Ordre, que ce Pere Geisser: il en aimoit l’honneur au de-là ce que l’on peut imaginer voyant qu’il n’y avoit au monde plus capable de luy en procurer que le Pere Mabillon, il n’épargnoit rien pour l’aider dans les ouvrages que ce Pere entreprenoit. Ce pieux & sçavant Religieux a été long- temps Secretaire de la Congregation Benedictine de Suabe; cet office luy donnoit occasion de visiter luy-même plusieurs Monasteres: & comme on ne pouvoit luy refuser l’entrée dans les archives il en a tiré un grand nombre de belles pieces, don’t il a enrichi Dom Mabillon. Il est mort Abbé de S. George de Villingen, aprés avoir édifié toute l’Allemagne par sa vertu, & avoir rendu de grands services à nôtre Ordre dans sa Congregation.“ Thierry Ruinart: Abrégé de la vie de Dom Jean Mabillon, Paris 1709, S. 104 f.

10 Paul Revellio nimmt an, es könne nur P. Columban Summerberger der in Zwiefalten das Amt des Baumeisters ausübte, gewesen sein, vgl. Baugeschichte des Benediktinerstiftes zu St. Georgen in Villingen, in: SVG Baar, 1954, S. 72 u. 84 11 Vgl. F. Quarthal: Reformation, S. 336, Chr. Roder: St. Georgen, S. 42