Der Komet von 1538 (Peter Graßmann)

und andere Villinger Wunderzeichenberichte

Abb. 1: Komet in einer kolorierten Federzeichnung aus dem 16./17. Jahrhundert.

 

Auf den Hügeln und Feldern rings um die Stadt versammelten sich die Menschen, aus den Türmen und Toren richteten sich neugierige Blicke gen Himmel: ein seltenes Naturschauspiel faszinierte und verängstigte die Villinger Bevölkerung. Der Zunftmeister Valentin Ringlin war Zeuge des Ereignisses und dokumentierte die Sichtung später in seiner Chronik. Eine von ihm angefertigte Zeichnung hielt den Anblick eines Kometen fest, dessen Erscheinung – über 150 Jahre vor der wissenschaftlichen Entzauberung der Himmelskörper – wie ein Menetekel den nächtlichen Himmel durchzog. Es war nicht das einzige Mal, dass ein astronomisches oder meteorologisches Phänomen Eingang in Ringlins Chronik fand, und so stellt sie nicht nur ein wichtiges Dokument für die Stadtgeschichte dar, sondern erlaubt auch Einblicke in die Gedankenwelt der Renaissance vor Genese der modernen Naturwissenschaft.

Die Aufzeichnungen Ringlins, der seit 1534 die Chronik des Ratsherren Heinrich Hug fortgesetzt und bis 1568 zahlreiche Ereignisse aus dem städtischen Leben dokumentiert hatte, sind heute noch in mehreren Abschriften erhalten. 1 Vom Original übernahmen diese nicht nur den Text, sondern auch die Illustrationen des Kometen, von denen hier exemplarisch zwei Beispiele aus dem Generallandesarchiv Karlsruhe gezeigt werden. In demälterenDokumentausdem16./17.Jahrhundert 2 sehen wir den Kometen in einer kolorierten Federzeichnung als leuchtenden, gelb-roten Stern mit langem Schweif und begleitenden Funken (Abb. 1). Eine im Benediktinerkloster St. Georgen im 18. Jahrhundert angefertigte Abschrift 3 zeigt ihn in geometrisch strengerer Linienführung (Abb. 2). Die Einträge entsprechen sich in allen erhaltenen Exemplaren bis auf kleine Unterschiede und datieren die Sichtung auf den 6. Januar 1538: „Anno 1538 ist ain solcher Komet gestanden, umb den hailigen Drey Künig tag, wie hie verzaichnet ist.“ 4 In einigen Abschriften findet sich die ergänzende Angabe „und ist lenger dan zwen Spies gewessen“. 5 Gemeint ist der Reis- oder Reitspieß als populäres Längenmaß; der Schweif soll also über mehr als zwei Schaftlängen den Himmel bedeckt haben.

 

Abb. 2: Komet in einer Abschrift aus dem 18. Jahrhundert.

 

Heute sind wir über den Kometen, der als C/1538 A1 klassifiziert wird, recht gut informiert, denn er zählt zu den besser dokumentierten Sichtungen der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts. Zwar durchlief er sein Perigäum 6 bereits am 17. Dezember des Vorjahres, doch wurde er erst im Januar 1538 entdeckt. Über einen Zeitraum von 21 Tagen konnte er von Japan bis Mexiko rund um die Welt beobachtet werden. 7 Der Naturphilosoph Achilles Pirmin Gasser widmete dem Naturschauspiel eine kleine Abhandlung (Abb. 3), in der er alle ihm verfügbaren Informationen über Bahn, Größe und Distanz des Kometen zusammentrug. Darüber hinaus wurde er in Europa auch von den Gelehrten Gemma Frisius und Peter Apian beobachtet.

Kometen sind Himmelskörper mit meist einigen Kilometern Durchmesser, die ihren Ursprung in den äußeren Gebieten des Sonnensystems haben und in Sonnennähe die charakteristischen Leuchterscheinungen „Koma“ und „Schweif “ zeigen. Diese lassen sich auf die unter dem Einfluss der Sonnenwärme durch Sublimation freigesetzten Gase und Partikel zurückführen, die vom Sonnenwind verdriftet werden. Was wir heute wissen- schaftlich-nüchtern erklären können, war für die Menschen der Frühneuzeit jedoch ein allen bekannten Gesetzen widersprechendes Phänomen. Zwar bemühten sich empirisch orientierte Forscher schon im 16. Jahrhundert um natürliche Erklärungen für die Leuchterscheinungen, doch galten sie weiten Teilen der Bevölkerung als gottgesandte Wunder. Als solche wurden nicht nur Kometen verstanden, sondern auch eine große Bandbreite anderer Himmelserscheinungen, die sich nicht vorhersagen ließen und für die sich noch keine wissenschaftliche Erklärung etabliert hatte. 8

Zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert verbreiteten Flugblätter die Meldungen über Sichtungen von „erschröcklichen“ Himmelszeichen und ermahnten die Menschen zu Buße und Reue, denn Kometen, Halos, Nordlichter oder merkwürdige Wolkenformationen galten als Vorzeichen und Warnungen (Omina) für das sündige Volk. Nach einer Erklärung für die Sichtungen suchten die meisten Menschen darum weniger in naturwissenschaftlichen Modellen als vielmehr in gegenwär- tigen und zukünftigen Ereignissen, die man mit dem „Prodigium“ in Verbindung brachte. Selbst der mathematisch versierte Gasser ermahnte seine Leser 1538 eindringlich: „Krieg, blutvergiessen und Auffrur bedeutt Er in mancherlay Practick, untugend und laster. Darum ir Häüpter und Oberen wachend unnd seind fürsichtig“. 9 Es verwundert daher nicht, dass Kometen und andere Himmelszeichen invielen Geschichtswerken ebenso vermerkt wurden wie politische oder militärische Ereignisse. Sie nicht festzuhalten hätte bedeutet, wichtige Hinweise auf den Lauf der Geschichte unberücksichtigt zu lassen. Geschichtswerke sind aufgrund ihres protokollarischen Charakters mit präzisen Zeit- und Ortsangaben darüber hinaus in besonderem Maße geeignet, den Wahrheitsgehalt des Wunders zu untermauern und dessen appelative Funktion somit zu multiplizieren. Die vermeintlich authentische Illustration („als hie verzaichnet“) wirkt dabei als zusätzliches Beweismaterial.

Außer dem Kometen von 1538 wurden in den Villinger Chroniken des 16. Jahrhunderts auch ähnliche Kometensichtungen im Jahr 1532 und im März 1555 dokumentiert. Alle Einträge sind vergleichsweise spärlich und enthalten kaum nähere Beschreibungen oder gar wissenschaftliche Informationen. Die Sichtung von 1532, die für Martin Luther ein Hinweis auf den baldigen Weltuntergang war, ist als C/1532 R1 klassifiziert und gut dokumentiert. Über einen Kometen im Jahr 1555 wird hingegen nur in einer chinesischen Enzyklopädie von 1726 berichtet. 10 Dieser soll allerdings im Oktober und November zu sehen gewesen sein. Womöglich hat Ringlin hier das Jahr verwechselt,dennEndeFebruardesdarauffolgenden Jahres wurde mit C/1556 D1 einer der größten Kometen des Jahrhunderts entdeckt.

 

Abb. 3: Abhandlung über das Naturschauspiel von Achilles Pirmin Gasser.

 

Neben den Kometensichtungen finden sich in der Hugschen Chronik Erwähnungen von weiteren sonderbaren Himmelserscheinungen. Am Morgen des 11. Januars 1514 erschien „ein weis Creutz mitten durch den Mon[d] undt auf jedter seithen ein Zeichen“, 11 im März 1549 sah man drei Sonnen, die Ringlin persönlich bezeugt („habs selbsten auch gesehen“). 12 In beiden Fällen handelte es sich um Haloerscheinungen, die durch Lichtbrechung an Eiskristallen verursacht werden (Nebenmonde bzw. Nebensonnen). Diese verstand man als Hinweis auf eine nahende Wetterverschlechterung, doch dass es sich hierbei mehr um Ausdruck eines Wetteraberglaubens als um eine meteorologische Interpretation handelte, wird daran deutlich, dass ihnen zugleich immer auch eine Endursache als Wunderzeichen Gottes zugeschrieben wurde. Dass die Hauptsonne bzw. der Hauptmond von Nebenkörpern flankiert wurde, konnte zum Beispiel als Hinweis auf eine bevorstehende Verschwörung gegen die Herrschenden gewertet werden. 13 Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die explizite Beschreibung der Nebenmonde als „Zeichen“, womit eine semiotische Lesart apriori vorausgesetzt wird. Ringlins Bekundung, selbst Zeuge gewesen zu sein, kann analog zur Kometenzeichnung als Beglaubigungsstrategie gewertet werden, um die Glaubwürdigkeit des Berichtes zu erhöhen. 14

In der breiten Bevölkerung förderte die Unvorhersehbarkeit der Ereignisse und ihre Assoziation mit Feuer Angst und Unbehagen. Wie bedrohlich solche Naturerscheinungen wirken konnten, mussten die Villinger mehrfach erfahren. Für das Jahr 1535 vermerkt der Chronist, dass am 25. Juli „der himmell graußßammlich von feirflammen“ 15 gebrannt habe, diese auf die Erde gefallen seien und Häuser in Bülach und Lottstetten vernichtet hätten. Eine nachträgliche Deutung dieses für Wunderzeichenberichte typischen Ereignisses fällt schwer, doch ist bei solchen Formulierungen am ehestenanein Polarlicht(Auroraborealis) zudenken, das bei großen koronalen Massenauswürfen auch in Mitteleuropa beobachtet werden kann. 16 Die vom Sonnenwind ausgestoßenen Elektronen und Protonen folgen den Feldlinien des Erdmagnetfelds, die über Europa flacher und in größerer Höhe verlaufen als in den Polarregionen. Die hier beobachteten Lichter zeigen sich aufgrund der Ionisation von Sauerstoffteilchen in etwa 200 km Höhe daher meist in rötlicher Farbe, was leicht Assoziationen mit Flammen hervorrufen kann. Allerdings verband man mit dem Spektakel die Brände an der südlich gelegenen Schweizer Grenze, was gegen ein im Norden beobachtetes Ereignis spräche. Auch Purpurlichter, die bei Dämmerung im Westen beobachtet werden können, fallen demnach als Erklärung aus. Ob es sich um ein schweres Unwetter, um Strahlenbüschel oder ein anderes atmosphärisches Phänomen handelte, kann daher nicht beurteilt werden. In jedem Fall wird mit der Formulierung ein Bedrohungsszenario geradezu biblischen Ausmaßes gezeichnet. 17 Furchterregend war auch ein akustisches Ereignis, das sich bereits 1492 begeben hatte. Aus heiterem Himmel erscholl ein Knall („Klapff“), der so laut war, „dass die Leut meinten, es wären Häuser umgefallen“. 18 Dieser wurde durch einen Meteoroiden verur- sacht, der in einigen Kilometern Höhe zwischen Luzern und Villingen detoniert war. Zwar sind die Gedanken und Gefühle der Villinger bei diesem Ereignis nicht überliefert, doch wer die Bilder des Tscheljabinsk-Meteoroiden vom Frühjahr 2013 in Erinnerung hat, wird eine Ahnung davon haben, wie den damaligen Menschen zumute war. Die Reste des 127 kg schweren Steins 19, der schließlich bei Ensisheim in ein Feld einschlug, sind bis heute im dortigen Museum zu sehen. Für Kaiser Maximilian war der Meteorit dem Schrecken der ländlichen Bevölkerung zum Trotz ein gutes Omen, das ihm den Sieg über die Franzosen und Osmanen verkündete. 20

Hugs und Ringlins Chroniken enthalten insofern schöne Lokalbeispiele der frühneuzeitlichen Faszination für die als Wunderzeichen verstandenen Himmelsphänomene, denen in der Geschichtsschreibung stets eine besondere Rolle zukam. Ihre Deutung in der Vorstellungswelt der Renaissance mag uns heute fremd erscheinen, doch verbirgt sich hinter ihr dieselbe Faszination für den „gestirnten Himmel über uns“ 21, die so manchen noch heute beim Blick ins Firmament ergreift.

Literatur

Buchner, Otto: Die Feuermeteore, insbesondere die Meteoriten, historisch und naturwissenschaftlich betrachtet, Gießen 1859.

Fritz, Hermann: Verzeichnis beobachteter Polarlichter, Wien 1873.

Gasser, Achilles Pirmin: Von dem Cometen, so im Jenner des M.D.XXXVIII Jars […] gesehen ist worden kurtzer bericht, o.O. 1538.

Hoffmann-Krayer, Eduard et al. (Hg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Band 8: Silber – Vulkan, Berlin/Leipzig 1936/37.

Kronk, Gary: Cometography: A Catalog of Comets, Volume 1: Ancient – 1799, Cambridge 1999.

Marvin, Ursula: The meteorite of Ensisheim: 1492 to 1992, in: Meteoritics Band 27, o.O 1992.

McSween, Harry: Ensisheim meteorite, in: Encyclopædia Britannica Online (http://www.britannica.com/EBchecked/ topic/1290732/Ensisheimmeteorite), abgerufen am 29.09.2014.

None, Franz Joseph: Villinger Chronik. Von 1119 bis 1568, in: Quellensammlung der badischen Landesgeschichte, Zweiter Band, Karlsruhe 1854.

Schwegler, Manuela: Erschröckliche doch wahrhafftige Newe Zeitung. Subjektivität und Objektivität in frühneuzeitlichen Wunderzeichenberichten, in: Zeitschrift für deutsche Philologie, Band 121, Berlin 2002.

Schwegler, Manuela: Kleines Lexikon der Vorzeichen und Wunder, München 2004.

Spicker-Beck, Monika: 999 und 1119. Wege der historischen Überlieferung und Geschichtsschreibung in Villingen, in: Bumiller, Casimir (Hg.): Menschen Mächte Märkte. Schwaben vor 1000 Jahren und das Villinger Marktrecht, Begleitband zur Ausstellung im Franziskanermuseum Villingen vom 14. März bis 1. August 1999, Villingen-Schwenningen 1999.

Verweise

1 Zur Hugschen Chronik vgl. Spicker-Beck 1999, S. 74 ff.

2 GLAK 65/686

3 GLAK 65/682

4 Ebd.

5 None 1854, S. 109. Vgl. auch SAVS Best. 2.1 Fasz. BBB 1 (2973).

6 Erdnächster Punkt, 0.9358 AE (=139.993.687 km)

7 Vgl. Kronk 1999, S. 305 f.

8 Zu dieser Thematik vgl. Schwegler 2004, S. 45 ff.

9 Gasser 1538, o.S.

10 vgl. Kronk 1999, S. 309.

11 SAVS Best. 2.1 Fasz. BBB 1 (2973).

12 Ebd.

13 Vgl. Hoffmann-Krayer et al. 1936/37, S. 65 ff.

14 Zu Beglaubigungsstrategien und allgemein den sprachlichen Charakteristika von Wunderzeichenberichten siehe Schwegler 2002.

15 SAVS Best. 2.1 Fasz. BBB 1 (2973).

16 Für zahlreiche vergleichbare Berichte siehe Fritz 1873, S. 20 ff.

17 Siehe z.B. Offenbarung des Johannes, 20.9: „Und sie zogen herauf auf die Breite der Erde und umringten das Heerlager der Heiligen und die geliebte Stadt. Und es fiel Feuer von Gott aus dem Himmel und verzehrte sie.“

18 Buchner 1859, S. 35. Die Trajektorie des Boliden erfolgte in einem Winkel zwischen 25° Ost-Südost und 45° Südost von Ensisheim in geringer Inklination zur Ekliptik, vgl. Marvin 1992, S. 63.

19 Nach heutiger Klassifikation ein Gewöhnlicher Chondrit vom Typ LL6.

20 Vgl. Encyclopædia Britannica.

21 Frei nach Kant.

Abbildungen

Abb. 1 Der Komet von 1538 in der Hugschen Chronik, kolorierte Federzeichnung, 3,5 x 15,5 cm, 16./17. Jahrhundert, GLAK 65/686 54v.

Abb. 2 Abschrift der Hugschen Chronik aus dem Kloster St. Georgen, 18. Jahrhundert, GLAK 65/682 118.

Abb. 3 Bericht des Achilles Pirmin Gasser über den Kometen von 1538, Bayerische Staatsbibliothek München.