Das stille Ende einer Villinger Feinkost-Ära (Marga Schubert)

Delikatessengeschäft Kiebler schließt nach 125-jähriger Geschichte im Haus Niedere Straße 76. Glanzzeiten in den 70er und 80er-Jahren erlebt – Inhaber- Ehepaar Grimm mit den Stammkunden alt geworden.

 

Abb. 1: Hansjörg und Brunhilde Grimm an ihrem letzten Tag in ihrem Feinkostgeschäft Kiebler.

 

VS-Villingen – Ganz still und leise, genauso ruhig und planmäßig, wie das Geschäft seit Jahr- zehnten geführt wurde, ging eine Ära edler Villinger Handelsgeschichte zu Ende. Feinkost Kiebler in der Niederen Straße, seit 125 Jahren und über vier Generationen mit alteingesessenen bekannten Villinger Familien, wie Häßler, Kiebler, Grimm und Neininger verknüpft, gibt es nicht mehr. Inhaber Hansjörg Grimm und seine Frau Brunhilde, geborene Neininger, schlossen am Samstag nach Geschäftsschluss die Ladentür des Feinkost- Geschäftes mit großer Wehmut für immer zu, setzten so den Schlusspunkt unter ihr und ihrer Vorfahren Lebenswerk. Viele Jahrzehnte lang war Feinkost Kiebler Inbegriff und beste Adresse für lukullische Delikatessen der feinsten Art.

„Aus Gesundheits- und Altersgründen ist es uns leider nicht mehr möglich, das Geschäft weiter- zuführen. Wir danken unseren Stammkunden für die über vier Generationen dauernde Treue zu unserem Geschäft“. So formulierten Hansjörg Grimm (78 Jahre alt) und Brunhilde Grimm, geborene Neininger (79) ihren Abschied in einem kurzen Schreiben, das sie an ihre Stammkunden verteilten. Darüber hinaus ging die Schließung, seit einem Jahr geplant und langsam eingeleitet, nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit vonstatten.

Es tut weh, ein Lebenswerk aufzugeben, das können Hansjörg und Brunhilde Grimm nicht verbergen, „Wir werden das Geschäft und unsere treuen Stammkunden vermissen“, sagt Hansjörg Grimm wehmütig, seine Frau Brunhilde nickt genauso traurig und beide wischen schnell eine heimliche Träne weg, die sich aus den Augen stehlen will. War der Laden doch mehr ihr Zuhause als das heimische Wohnzimmer in ihrem Haus in Marbach. Denn die meiste Zeit ihres Lebens verbrachten sie doch in der Niederen Straße in Villingen. Freizeit war bei sechs Arbeitstagen von früh bis spät für die beiden rührigen Geschäftsleute ohnehin ein Fremdwort. Deshalb gebe es auch keine Hobbys, die sie im „Ruhestand“ aktivieren könnten, meint Brunhilde Grimm lachend. Aber noch müsse in den nächsten Monaten alles nach und nach aufgelöst und geregelt werden, das wolle man in aller Ruhe tun – und dann weitersehen.

 

Abb. 2: 1931 blickt Johann Kiebler, nach dem Rechten auf der Niederen Straße

 

„Es nützt alles nichts, hoffentlich machen wir es richtig“, meint Hansjörg Grimm. „Oder ob man doch hätte weitermachen sollen bis zum Umfallen“, sinniert er vor sich hin. Doch dann siegt die Vernunft. „Mit fast 80 Lebensjahren muss einmal Schluss sein“, meint entschlossen Hansjörg Grimm – ein Mann, der immer den geraden Weg gegangen ist, immer selbständig geblieben ist, nicht bereit war, sich Diktaten größerer Einzelhandelskonzerne unterzuordnen. Darauf ist er heute stolz. Er war immer sein eigener Herr im Haus, seit er 1968 das Feinkostgeschäft eigenverantwortlich von seiner Mutter übernahm und zusammen mit seiner Ehefrau Brunhilde bis heute führte, in den letzten Jahren tatkräftig unterstützt vom Zweitältesten seiner drei Söhne.

 

Abb. 3: 1937: Die nach damaligen Gesichtspunkten modernisierte Lebensmittel-, Obst- und Gemüsehandlung Johann Kiebler.

 

1936 geboren, erinnert sich Hansjörg Grimm noch an schwierige Kriegsjahre, die er als Kind erlebte. Sein Vater Jakob Grimm hatte das Geschäft 1937 von seinem Großvater Johann Kiebler übernommen. Hansjörg Grimm weiß noch, dass man damals zeitweise im heutigen Franziskaner Konzerthaus (damals Osianderhalle) Kartoffeln verkauft hat. Eine uralte Kartoffel-Waage steht heute noch im Lager in der Niederen Straße. In der Weihnachtszeit habe man bei Kiebler auch mit Tannenbäumen gehandelt. „Mit einem Handkarren, der bis heute zur stilvollen Präsentation von Obst und Südfrüchten im Laden diente, mussten mühsam Kartoffeln und das Reichenauer Gemüse, das auf Güterwaggons angeliefert worden war, vom Bahnhof abgeholt werden“, erinnert sich Hansjörg Grimm. „Einmal war sogar die marode Brücke über die Brigach vor dem Bahnhof für Wagen dieser „Größenordnung“ gesperrt“, lacht Grimm angesichts der komfortablen Brigach-Überbrückung heute.

Besonders schwer war die Zeit für Hansjörg Grimms Mutter, als sein Vater 1945 zum Kriegsende noch fiel. Der Neustart nach der Währungsreform begann bei Kiebler mit einem Wagen Salz, den man bei Spathelf für 200 DM erstehen konnte. Dazu haben alle fünf Personen, die in der Familie Grimm damals lebten, ihr Währungsreform-Startkapital von je 40 deutsche Mark, das jeder bekommen hatte, zusammengelegt.

 

Abb. 4: 1937: Die nach damaligen Gesichtspunkten modernisierte Lebensmittel-, Obst- und Gemüsehandlung Johann Kiebler.

 

Ab 1950 ging es dann wieder aufwärts im Laden an der Niederen Straße 76. Die ersten Südfrüchte nach dem Krieg gab es beim Großhandel Harder, Meisser & Co in der Postgasse. Diese Firma hatte als einzige in der Region eine Bananenreifekammer im Keller. Das hat den jungen Hansjörg Grimm mächtig beeindruckt. 1957/58 begann auch bei Kiebler die Zeit der Feinkost und Südfrüchte. Der Name „Feinkost-Kiebler“ wurde geboren, als Hansjörg Grimm nach Lehr- und Schuljahren wieder nach Villingen zurückkehrte.

Bereits mit dreizehneinhalb Jahren hatte er eine Lehre beim damaligen bekannten Großhändler Spathelf begonnen. Anschließend arbeitete er in Sigmaringen und Baden-Baden, besuchte dann 1957 die damals schon anerkannte Fachschule für Einzelhandel in Neuwied. Noch heute bekommt Hansjörg Grimm als ehemaliger stolzer „Neuwieder“ regelmäßig deren Fachzeitschrift zugeschickt. 1960 heiratete Hansjörg Grimm Brunhilde Neininger aus der Villinger Hafnergasse. Diese hatte zwar bei Hut-Schweiner (später Hahne) in der Oberen Straße Modistin gelernt, doch sie stieg gerne in den Lebensmittelbereich mit ein. Näher kennen und lieben gelernt hatten sich die beiden Ur-Villinger Innenstädtler in der Berufsschule, in den katholischen Jugendgruppen und den damaligen Tanzkursen. Das Ehepaar zog 1974 aus der Wohnung über dem Feinkostladen ins Eigenheim nach Marbach. Doch richtige Marbacher sind die Beiden nie geworden, verbrachten sie doch die meiste Zeit in der Niederen Straße in Villingen. Dort genießt auch ein Anhänger mit VL-Nummernschild, mit dem bis heute noch Obst und Gemüse transportiert wurde, seinen Lebensabend. Hansjörg Grimm setzte die ganzen Jahre seinen sprichwörtlichen „Sturkopf“ durch, und wechselte nie zu einem VS-Schild. Dazu steht er – und lacht verschmitzt.

Nun sind Hansjörg und Brunhilde Grimm in ihrem Feinkostgeschäft und mit ihren Kunden alt geworden. „Viele ältere Kunden-Familien sind einfach weggestorben“, müssen die Eheleute feststellen. Die letzten Jahre sei es wirtschaftlich immer schwieriger geworden, Die Konkurrenz der großen Einkaufszentren mit ihren Feinkost-Abteilungen einerseits, aber auch die Umgestaltung der Niederen Straße zur Fußgängerzone brachten dem Laden heftige Umsatz-Einbrüche, räsoniert Grimm im Rückblick. Lieferanten wollten sein Geschäft nicht mehr direkt anfahren. Alles wurde schwieriger, Kunden blieben mangels Parkplätzen aus.

 

Abb. 5: 1985 fuhren noch Autos auf der Niederen Straße und parkten vor Feinkost Kiebler.

 

Die 70er/80er-Jahre dagegen, als Industrie und Wirtschaft in Villingen-Schwenningen noch boomten, große Unternehmerfamilien das gesellschaftliche Leben prägten, das waren für Feinkost- Kiebler die glücklichsten und erfolgreichsten Jahre. Daran erinnern sich Hansjörg und Brunhilde Grimm gerne. Als Haus- und Hoflieferant zum Beispiel für die Junghans-Villa, für die lukullische Ausstattung von Festivitäten bei Unternehmer- Familien wie Scherb, Kienzle, Binder oder Steidinger war Kiebler Feinkost die erste Adresse. Da gab es noch hochkarätige Empfänge, Firmenfeste und Jubiläen. Und die obligatorischen „Häppchen“ dieser Galadiners waren reich bestückt mit Kaviar und Gänseleber, seltenen Südfrüchten, edlem Käse und Schampus, geliefert von Feinkost Kiebler. Nicht zu vergessen die Geschenkkörbe mit allerlei Leckereien, in vielen Nächten im Hause Kiebler kunstvoll gestaltet, waren beliebt und begehrt. Erst später begann die Zeit der professionellen Party- Ausstatter.

Heute blättern Hansjörg und Brunhilde Kiebler noch gerne in Fotografien als Zeugen glanzvoller Zeiten mit Feinkost-Kiebler. Eine schöne Erinnerung zum Abschluss einer Ära, die mit der Zeit einfach ausgelaufen und jetzt zu Ende ist.

Zitat:

„Es ist schwer, ein Lebenswerk aufzugeben. Doch Alter und Gesundheit lassen uns keine andere Wahl“    Inhaber Hansjörg Grimm

Abbildungen

Abb. 1 (aktuell im Laden):Hansjörg und Brunhilde Grimm an ihrem letzten Tag in ihrem Feinkostgeschäft Kiebler. Bild: Schubert.

Abb. 2 1931 kosteten 10 Pfund Erdbeeren noch 3,80 Reichsmark und drei Kopfsalat 25 Pfennige. In der Hauseingangstür blickt der Großvater von Hansjörg Grimm, Johann Kiebler, nach dem Rechten auf der Niederen Straße.

Abb. 3 1937: Die nach damaligen Gesichtspunkten modernisierte Lebensmittel-, Obst- und Gemüsehandlung Johann Kiebler mit direktem Eingang ins Ladengeschäft. Der Hauseingang rechts blieb separat.

Abb. 4 1957: Feinkost Kiebler noch mit einem Lichtband über Schaufenstern und Eingang, das dann in späteren Jahren verschwand. Doch ansonsten sieht die Außenansicht von Feinkost-Kiebler heute noch so aus wie damals.

Abb. 5 1985 fuhren noch Autos auf der Niederen Straße und parkten vor Feinkost Kiebler.