Ein Nageltisch mit einem Eisernen Kreuz (Martina Zieglwalner)

aus dem Brauereigasthaus Ott

Ein Schatz aus dem Ersten Weltkrieg hat nach knapp 100 Jahren einen Ehrenplatz in der Villinger Zehntscheuer gefunden: ein Nageltisch mit einem Eisernen Kreuz aus dem Brauereigasthaus Ott, der sich seit Ende der 80er-Jahre im Besitz der Historischen Narrozunft befindet.

Der Tisch entstand bei einer ungewöhnlichen Aktion: „Nagelungen waren eine besondere Art von Wohltätigkeitsveranstaltungen, bei denen in hölzerne Symbole Nägel eingeschlagen wurden, die man zuvor gekauft hatte“, erklärt Barbara Schneider 1998 in ihrem Beitrag über den Ersten Weltkrieg in der Reihe der Blätter zur Geschichte der Stadt. Um die Verbundenheit mit der Front zu zeigen, spendeten die Bürger Geld für Hinterbliebene oder Soldaten.

Auch viele Männer aus Villingen und Schwenningen starben oder kehrten schwer verwundet heim. Mit der deutschen Kriegserklärung an Russland am 1. August vor 100 Jahren und am 3. August an Frankreich entwickelte sich aus dem Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und dem Königreich Serbien der Erste Weltkrieg. Vom Leid und der Not ahnten die Menschen zunächst noch nichts. „Hier in unserer Stadt hatte das Gerücht ›Mobil‹ natürlich allgemeine Erregung, aber keine Aufregung hervorgerufen“, ist im „Schwarzwälder“ über den 1. August 1914 zu lesen. Als der Kriegszustand bekanntgegeben wurde, sei eine Woge gewaltiger Begeisterung durch die Bevölkerung gegangen. „Der Marktplatz wies das Leben eines Bienenschwarms auf, überall wurden die Dinge beim Kaufhaus mit Interesse beobachtet. Die Haltung des Publikums war musterhaft, gern wurde den Weisungen der Polizeiorgane gefolgt und nirgends kam es zu irgend welchen Störungen des Verkehrs.“

Auch über Schwenningen ist zu lesen, dass die Mobilmachung begonnen hat. „Wir bitten die Einwohnerschaft, Ruhe und Besonnenheit zu bewahren und auf die Schlagfertigkeit des deutschen Heeres volles Vertrauen zu haben“, heißt es noch ganz siegesgewiss. Dennoch sei es zu Hamsterkäufen und zur Stürmung der Banken gekommen, wie Barbara Schneider 1998 in ihrer Veröffentlichung festgehalten hat. Und schnell waren in der Garnisonsstadt Villingen Spuren des Elends zu sehen, die der Krieg für unzählige Menschen mit sich brachte: Bereits am 3. August 1914 habe im Villinger Spital ein Notlazarett (Abb. 1) mit 70 bis 80 Betten eingerichtet werden müssen, berichtet Barbara Schneider über die ersten Kriegstage.

 

Abb. 1: Garnisonslazarett im Villinger Spital, 1914.

 

So setzte im Alltag eine breite Welle der Hilfsbereitschaft ein, eben auch mit den Nagelungen, an die der Tisch der Narrozunft erinnert. „Eine eigenartige Sammlung haben einige Stammgäste der Brauerei Ott hier eingeleitet, auf den Stammtisch wurde ein großes Eisernes Kreuz gezeichnet. Diese Zeichnung soll mit Schuhnägeln beschlagen werden, für jeden Nagel ist ein kleiner Betrag zu entrichten, der für die Zwecke des Roten Kreuzes bestimmt ist.

 

Abb. 2: Brauerei Ott, 1915.

 

So erfüllt diese Sammlung nicht nur einen wohltätigen Zweck, sondern das entstehende Eiserne Kreuz ist auch für den Stammtisch eine bleibende Erinnerung an den Weltkrieg und zeigt, wie die Daheimgebliebenen auf alle Arten für die Unterstützung der im Feld stehenden Brüder bedacht sind“, war am 11. Februar 1915 im „Schwarzwälder“ zu erfahren.

Im „Ott“ in der Färberstraße (Abb. 2), das seit 1840 als Gasthaus mit Brauerei existierte und seit 1865 im Besitz der Familie Ott war, hielt der Tisch über Jahrzehnte den Weltkrieg im Gedächtnis, erzählt Hansjörg Fehrenbach, langjähriger Archivar der Narrozunft und heute Ehrenratsherr. Er vermutet, dass das Möbelstück noch vom ersten Inventar der Brauerei aus dem 19. Jahrhundert stammt. Später diente das „Ott“ von 1953 bis 1982 als Zunftlokal, mancher Stammtisch saß am Nagelbild.

Als 1982 mit Gertrud Mohr die letzte Nachfahrin der Ott-Dynastie starb, habe eine Erbengemeinschaft den Nachlass übernommen, zu der August Kroneisen zählte. Der langjährige zweite Zunftmeister und Ehrenratsherr habe sich dafür eingesetzt, dass der Tisch samt einem Gemälde mit zwei Narros dahin kommt, wo er hingehöre, nämlich zur Zunft, schildert Fehrenbach die Geschichte des wertvollen Erbstücks, das einige Mitglieder Ende der 80er-Jahre mühsam ins Dachgeschoss der Zunftstube hievten. Da habe der Tisch zwar ein Schattendasein geführt, aber keiner habe geglaubt, ihn über die enge Treppe jemals wieder nach unten zu bekommen. Im Zuge einer Wette sei es doch gelungen, stellt Fehrenbach mit einem Schmunzeln fest. So stand der Nageltisch (Abb. 3) seit 2004 als Blickfang im Lokal und war gefragt.

 

Abb. 3: Gemütliche Runden am Nageltisch.

 

Mit der Einweihung der Zehntscheuer als neuem Domizil setzt ihn die Zunft direkt am großen Fenster beim Eingang des Kulturdenkmals in Szene.

Literaturhinweis

Barbara Schneider: Der Erste Weltkrieg in Schwennigen und Villingen. In: Blätter zur Geschichte der Stadt Villingen-Schwenningen, 1/98.

Abbildungen

Abb. 1 Garnisonslazarett Vom Schicksal der Soldaten zeugte das bereits am 3. Oktober 1914 eröffnete Garnisonslazarett im Villinger Spital.

Foto: Sammlung Manfred Hildebrandt

Abb. 2 Ott: Stammgäste der Brauerei Ott nagelten 1915 ein Eisernes Kreuz auf einen Tisch, um ihre Verbundenheit mit den Soldaten an der Front zu zeigen. Aus dem selben Jahr stammt auch diese Postkarte, die an Emil Ott in Philadelphia adressiert ist.

Foto: Sammlung Manfred Hildebrandt

Abb. 3 Nageltisch: Schätzen die gemütlichen Runden am Nagel- tisch aus dem Ersten Weltkrieg (von links): Peter Kerber, Hansjörg Fehrenbach, Holger Kayßer, Elmar Feiß und Christof Langenbacher.

Foto: Zieglwalner