Villingen durch die Kamera betrachtet (Franziska Furtwängler)

Die Firmengeschichte des Fotogeschäfts Photo-Sauer

 

Abb. 1: Vorderansicht des Ladens Photo-Sauer vor der Umgestaltung in der Niederen Straße, Foto: Carl Sauer.

 

Wer heute durch die Niedere Straße läuft, wird es kaum übersehen. Das Eckhaus mit der Nummer 86, in dem sich eines der ältesten Fotogeschäfte Villingens befindet: das Geschäft Photo-Sauer. Das Geschäft, das seit den 1930er Jahren zum Villinger Stadtbild gehört, hat eine abwechslungs- reiche Geschichte, an die sich Adelheid Schweizer, die Tochter des Fotografenmeisters Carl Sauer, lebhaft zurückerinnern kann.

Denn ihre Eltern kamen ursprünglich nicht aus Villingen und es war purer Zufall, dass Carl Sauer ausgerechnet in der Stadt im Schwarzwald aus dem Zug stieg, um sie sich anzusehen. „Er konnte es selber nicht genau sagen warum, aber er stieg hier einfach mal aus“, erzählt seine Tochter heute, wenn sie gefragt wird, was ihre Eltern nach Villingen verschlug. Eigentlich wohnten der Fotografenmeister und seine Frau Ida in Wuppertal. Doch Ida, die schwer an Asthma und Bronchitis erkrankt war, wurde vom Arzt nur Besserung in Aussicht gestellt, wenn sie in eine höher gelegene Gegend umziehen würde. Und so setzte sich Carl Sauer eines Tages in den Zug Richtung Schwarzwald und fuhr einfach mal drauf los. Als der Zug unterwegs in Villingen hielt, stieg er spontan aus, um sich die Stadt anzusehen.

Berufliche Neugier führte ihn in ein Fotoatelier in der Niederen Straße und im Gespräch mit der Inhaberin, einer Fotografin, die in Villingen nur als „Fräulein Liese“ bekannt war, erfuhr er, dass diese das Geschäft bereits seit langer Zeit verkaufen wollte. Ein Wink des Schicksals?

Carl Sauer jedenfalls zögerte nicht lange und holte Ida nach Villingen. Das Ehepaar kaufte Fräulein Liese alle Gerätschaften des Ateliers ab und mietete sich die Wohnung über dem Fotogeschäft, das sich in der Niederen Straße 84 befand. Doch im ersten Jahr wollte es nicht so ganz klappen mit den Villingern. Den neuen Mitbürgern wurde mit Misstrauen begegnet, weil das Ehepaar Sauer evangelisch war, die Bevölkerung Villingens hingegen zum Großteil katholisch. Erst das Ausstellen der Hochzeitsfotos eines bekannten Vöhrenbachers im Schaufenster des Ladens brachte den herbeigesehnten Umschwung. Denn nachdem die Leute sahen, wie präzise Carl Sauer sein Handwerkszeug beherrschte, konnte er sie als Kunden gewinnen.

Zu dieser Zeit wurden alle Arbeitsschritte, die für die Fertigstellung einer Fotografie notwendig waren, direkt vor Ort durchgeführt. Die Sauers hatten Glück, dass sie nicht viel umgestalten mussten, denn im übernommenen Laden befanden sich neben dem großen Fotoatelier für Aufnahmen zwei Dunkelkammern, ein Tageslichtraum und ein Büroraum. Nur den Ladenbereich gestaltete Carl Sauer um, da er im Gegensatz zu „Fräulein Liese“ auch mit Fotoartikeln handelte und nicht nur ein reines Atelier betrieb. Neben einem Angestellten und den Lehrlingen, die Carl Sauer als Fotografenmeister ausbilden durfte, half auch Ida Sauer, die eigentlich gelernte Friseurin war, als Verkäuferin im Laden ihres Mannes mit.

Im Juni 1935 wurde dann Tochter Adelheid geboren, die sich noch genau daran erinnern kann, wie sie von mancher Kundschaft im Laden hin und wieder Schokolade geschenkt bekam. In der damaligen Zeit ein kleiner Schatz für ein Kind. Die Sauers hatten sich zu diesem Zeitpunkt schon fest in die Gemeinschaft der Villinger integriert.

Dann kam der Zweite Weltkrieg. Viele Fotos, die in dieser Zeit entstanden, zeigen Soldaten in Uniform, die sich während ihres Heimaturlaubs fotografieren ließen. Es waren meistens die letzten Fotos, die von den Männern angefertigt wurden, denn viele von ihnen fielen an der Front. Neben den männlichen Lehrlingen und Angestellten wurde 1944 auch Carl Sauer, der bereits im Ersten Weltkrieg als Soldat gedient hatte, eingezogen. Das Geschäft war in dieser Zeit geschlossen, denn nur noch Ida Sauer und Adelheid verblieben während des letzten Kriegsjahrs in Villingen.

Nach der Kapitulation und der Besetzung Villingens durch die Alliierten kam es zu vielen Plünderungen, da die Wohnungen und Geschäftsräume zu bestimmten Zeiten unter der Androhung der Todesstrafe nicht abgeschlossen werden durften. Bei einer dieser Plünderungen wurden die archivierten Negative von Vandalen größtenteils vernichtet, denn zu dieser Zeit dienten Glasplatten als Negative für Bilder. Die schöne Ordnung der Negativaschachteln zog Vandalen regelrecht an, erinnert sich Adelheid Schweizer. Es klirrte, wenn das zerbrechliche Glas der Negativplatten auf den Boden fiel und das schien den Plünderern in einer makabren Art und Weise zu gefallen. Später, als die Vandalen das Interesse verloren hatten, suchten Mutter und Tochter mit der Hilfe von Bekannten die intakten Glasplatten unter den Scherben heraus und entsorgten den restlichen Schutt schubkarrenweise in einem nahegelegenen Bombentrichter.

Als Carl Sauer im Herbst 1945 aus einer kurzen Kriegsgefangenschaft heimkehrte, war von seinem seit 1934 akribisch geführten Archiv nur noch ein Bruchteil übrig geblieben. Zum großen Glück der Familie waren jedoch die Geräte, die zum Erstellen von Fotos notwendig waren, unversehrt geblieben. So konnte zumindest der Laden wieder eröffnet werden, denn nach wie vor mussten Ausweisbilder angefertigt werden.

An die entbehrungsreiche Zeit unter der bedrohlichen Befehlsgewalt der Marokkaner kann sich Adelheid Schweizer noch gut zurückerinnern. Die Marokkaner, die in den Laden kamen, waren für das Kind furchterregend: „Sie hatten ständig ihre Gewehre im Anschlag, fuchtelten rum und man glaubte jeden Moment, es geht ein Schuss los.“ Aber sie bezahlten für die Bilder und Fotoartikel, mal mit Fleisch, mal mit einem Stück Weißbrot oder Seife. Diese Art der Bezahlung war auch bei der übrigen Bevölkerung gang und gäbe und das Tauschgeschäft half dabei, dass die Familie nicht verhungern musste. Carl Sauer fertigte also Passbilder nicht mehr gegen Geld, sondern gegen Milch, Kartoffel, Brot, Briketts und Eier an.

Als die Marokkaner schließlich dem französischen Militär wichen, entspannte sich die Situation etwas. 1948 ging es mit der Währungsreform ein kleines Stück aufwärts. Jeder Erwachsene erhielt ein Willkommensgeld von 40 Mark, das den Sauers zwar kaum zum Bezahlen der Miete reichte, aber immerhin einen neuen Anfang markierte. Das Geschäft lief wieder, die Sauers konnten auch erneut Personal beschäftigen und mit dem deutschen Wirtschaftsaufschwung kam auch wieder mehr Kundschaft.

Es war keine Frage, dass Adelheid nach der Schule direkt ins elterliche Geschäft einstieg. Bei ihrem Vater machte sie von 1952 bis 1955 eine Ausbildung zur Fotografin. 1955 lernte sie dann Rolf Schweizer kennen, was sich privat wie geschäftlich als wahrer Glücksgriff herausstellen sollte. Sie heirateten am 25. April 1956. Das Paar bekam 1957 zwei Jungen, einen im Januar, einen im Dezember, Albert und Helmer.

Rolf Schweizer, der eigentlich gelernter Industriekaufmann war und sich mit Fotografie bis dahin noch nicht beschäftigt hatte, arbeitete bis zu diesem Zeitpunkt in der Seidenweberei in Donaueschingen in der Geschäftsführung. Das änderte sich jedoch, denn mit dem Leitgedanken „Arbeiten muss man überall und eigentlich sei Fotografie eine sehr interessante Sache“ begann Rolf Schweizer im Geschäft seiner Schwiegereltern eine Lehre. Diese konnte er durch seine frühere Ausbildung begünstigt und wegen seiner schnellen Auffassungsgabe auf nur knapp zwei Jahre verkürzen. Im Anschluss daran besuchte er sogleich die Meisterschule in Hamburg und erlangte im Dezember 1962 den Meistertitel im Photographenhandwerk. „Er ist der geborene Kaufmann“, sagte sein Schwiegervater von ihm und war glücklich, dass er das Geschäft in gute Hände übergeben würde.

 

Abb. 2: Rolf Schweizer und Carl Sauer.

 

1967 war der bisherige Laden dann endgültig zu klein und Rolf und Adelheid Schweizer kauften das Eckhaus, die Niedere Straße 86, für die stolze Summe von 80.000 Mark. Das Gebäude war heruntergekommen und die Bausubstanz so angegriffen, dass es nur noch zum Abriss taugte, der dann auch gleich durchgeführt wurde. Während der Umbauarbeiten ging der Geschäftsbetrieb in verschiedenen, verstreut liegenden Räumlichkeiten weiter. Es war ein großer organisatorischer Aufwand nötig, um den Geschäftsbetrieb reibungslos weiterführen zu können, da sich beispielsweise das Entwicklungslabor in einem anderen Gebäude befand als der Laden oder das Atelier. Allerdings schaffte es die Familie, die verschiedenen einzelnen „Bausteine“ des Geschäfts in der Nähe des Übergangsladens zu halten. Der Automat für die Fotofilme wurde zum Beispiel am Bretterzaun, der um die Baustelle führte, angebracht.

Als im März 1969 Richtfest gefeiert werden konnte, hatte das Haus nicht nur einen Stock mehr, sondern war auch unterkellert, was in der Villinger Innenstadt aufgrund eines hohen Grundwasserspiegels nicht gängig war. Bei der Wiedereröffnung war die Firma Photo-Sauer entstanden und ordnungsgemäß ins Handelsregister eingetragen, mit Carl Sauer als Inhaber und Rolf Schweizer als Prokurist. Bereits fünf Jahre später waren 14 Angestellte in verschiedenen Bereichen bei Photo- Sauer beschäftigt und Rolf und Adelheid Schweizer mussten manchmal bis spät in die Nacht arbeiten, weil es jede Menge Aufträge gab.

Anekdoten aus den folgenden rund 20 Jahren hat Adelheid Schweizer einige zu erzählen.

 

Abb. 3: Familienfoto von 1979 mit Carl Sauer (vorne), seiner Tochter Adelheid (rechts) und seinen Enkelsöhnen Albert (Mitte) und Helmer (links), Foto: Schweizer

 

Sie selbst arbeitete die ganze Zeit als Fotografin in der Firma mit. „Portrait“, meint sie, „Portrait war mein Ding.“ Ihre Arbeit in diesem Bereich wurde mehrfach auf der photokina in Köln, der bis heute größten Fotomesse der Welt, ausgezeichnet, die das Ehepaar regelmäßig besuchte. Außerdem war sie für alles, was damit zu tun hatte, verantwortlich. Auch die Schaufensterdekoration war ihre Aufgabe. Ihr Mann Rolf Schweizer war vor allem für die Kameras, Projektoren und das Zubehör sowie die Geschäftsführung zuständig, war aber auch ein sehr guter Fotograf.

 

Abb. 4: Laden von Innen.

 

Neben einem guten Auge für Licht und Schattenspiel musste ein Fotograf sich in Geduld üben. Vor allem an großen Festtagen wie Kommunionen, wenn der Andrang kaum zu überblicken war, brauchte es manchmal mehrere Versuche und Mitarbeiter, bis die Falten des Kleides ordentlich, das Lächeln des Kindes schön und die Kommunionskerze gerade gehalten wurde.

Doch kaum eine andere Geschichte blieb der Fotografin so sehr im Gedächtnis, wie der Auftrag der Bauchtänzerin. Diese wollte nämlich nicht nur von sich, sondern auch von ihrem „Arbeitsutensil“ Aufnahmen angefertigt haben. Und dieses „Arbeitsutensil“ war natürlich eine Schlange. Adelheid Schweizer verlegte diesen Termin extra nach Geschäftsschluss, um die restliche Kundschaft nicht mit dem exotischen Gast zu verschrecken. Als dann am Abend das Auto vorfuhr und gleich zwei Männer benötigt wurden, um den riesigen Flechtkorb mit der Schlange auszuladen, fragte sie sich, auf was sie sich da genau eingelassen hatte. Im Atelier legte sich die Bauchtänzerin die riesige Schlange um, die ihr gegenüber zutraulich, aber von den Fotostudiogeräten nicht besonders angetan war. Das fortwährend bedrohliche Verhalten gegenüber der Fotografin erschwerte die Arbeit so sehr, dass abgebrochen werden musste und es blieb bei diesem einmaligen Schlangenauftritt.

1985 starb dann Adelheid Schweizers Vater Carl Sauer, der bis zuletzt seinem Geschäft verbunden geblieben war. Eigentlich war es geplant, den jüngeren Sohn Helmer als Nachfolger ins Geschäft zu holen, doch es stellte sich heraus, dass dessen Talente anders gelagert waren. Als er eine Optiker- lehre begann, ließen ihn seine Eltern deshalb schweren Herzens ziehen. Mangels Nachfolger aus der eigenen Familie verkauften die Schweizers das Geschäft inklusive des Firmennamens 1991 an den jetzigen Inhaber, Herrn Liebig. Den gewaltigen Fotonachlass seiner Vorgänger verkaufte Liebig an das Stadtarchiv Villingen-Schwenningen, wo die Sammlung unter der Bestandsbezeichnung 1.42.69 geführt wird.

2008 verstarb Rolf Schweizer nach langer Krankheit, doch Adelheid Schweizer wohnt bis heute in der Niederen Straße 86, über dem mit Freude und Erfolg gemeinsam betriebenen Geschäft. Villingen ist ihre Heimat, obwohl ihr Vater damals nur durch einen Zufall hier aus dem Zug gestiegen ist.