Besuch in der Barlachstadt Güstrow (Hans Georg Enzenroß)

 

Abb. 1: Güstrow heute, Marktplatz.

 

Für das damals noch kleine Städtchen Güstrow fand der in Wedel bei Hamburg geborene Ernst Barlach, als er 1910 zu der in Güstrow lebenden Mutter zog, große Worte. Er hatte in Dresden studiert und danach sich in Paris, Berlin und Florenz aufgehalten. „An Berlin denke ich mit Schauder und Graus, und Italien war ein trister Aufenthalt gegen Güstrow.“ Auch heute noch zieht das mittelalterliche Güstrow viele Besucher an, so auch die Mitglieder des Villinger Geschichts- und Heimatvereins auf ihrer Reise zu den Zeugnissen der mittelalterlichen Backsteingotik. Dabei kamen sie auch nach Güstrow, das sich heute Barlachstadt nennen darf. Das Schicksal dieses bedeutenden Künstlers und das seiner Werke ist so exemplarisch für die Deutsche Geschichte zwischen 1918 und 1945, dass der Besuch der Stadt auch darüber nachdenken läßt.

1228 wurde Güstrow erstmals als Stadt erwähnt, 2 Jahre zuvor war mit dem Bau des Domes begonnen worden. Der Dom, die Pfarrkirche St. Marien und das im 16. Jahrhundert errichtete Renaissanceschloss sind die Wahrzeichen der Stadt. Im Dreissigjährigen Krieg residierte zeitweilig Wallenstein in der Residenz. Als eine der ersten Städte Mecklenburgs erhielt Güstrow ein Theater (1828), das seit 1957 den Namen Barlachs trägt. Am Güstrower Theater begann übrigens Hans Albers 1912/13 seine Karriere. Im 17. – 20. Jahrhundert gab es neben Kriegen und Revolutionen immer wieder auch wirtschaftlichen Aufschwung. Der Bau von Fabriken, des Wasser- und Elektizitätswerkes, der Anschluß an das Eisenbahnnetz, um nur einige Beispiele zu nennen, förderten das Wachstum der Stadt, es entstanden die Vorstädte im Westen und Norden. Am Ende des zweiten Weltkrieges war es das Verdienst von Güstrower Bürgern, dass die Stadt nicht zerstört wurde, sie wurde am 2. Mai 1945 kampflos der Roten Armee übergeben.

Stolze Giebelhäuser aus Renaissance, Barock und Klassizismus prägendie Güstrower Altstadt (Abb. 1). Der Marktplatz wird dominiert vom Rathaus (1797) im klassizistischen Stil und von der gotischen Pfarrkirche St. Marien aus dem 14. Jahrhundert.

Im Innern birgt diese eine gewaltige Triumpf- kreuzgruppe (1516), die neben Maria und Johannes auch Adam und Eva zeigt. Triumpfkreuze, auf einen Balken montiert oder hängend und dem Langhaus zugewandt, fanden die Reisenden in vielen der gotischen Kirchen, oft mit Rankenwerk verziert, einem Charakteristikum gotischer Triumpfkreuze. Die Kreuzesbalken versinnbildlichen den Baum des Lebens. Der figurenreiche Hochaltar (1522) ist ein prachtvolles Schnitzwerk des Flamen Jan Borman, die Tafelbilder an den Flügeln stammen von einem Brüsseler Meister.

Dass das mittelalterliche Stadtbild erhalten blieb und in den letzten 20 Jahren so viel für die Restauration getan werden konnte, ist keine Selbstverständlichkeit. In den 1950 iger Jahren sollten die Städte der damaligen DDR ein „sozialistisches Aussehen“ erhalten. Es wurden Pläne für die Erneuerung der Stadtkerne entworfen, so auch für Güstrow. Glücklicherweise konnten diese Bestrebungen sich nicht durchsetzen, zum einen wegen Geldmangels aber nicht zuletzt auch wegen des Widerstandes kulturgeschichtlich interessierter Bürger. 1975 wurde dann in der DDR ein Denkmalpflegegesetz verabschiedet, mit dem der Grundstein gelegt wurde gegen den Abriß historischer Bausubstanz und für den Erhalt und die Pflege historischer Stadtkerne. Güstrow gehörte zu den 22 Städten, deren Stadtkerne unter Schutz gestellt wurden. Nach der Wende wurde Güstrow dann in das Programm „Städtebaulicher Modellvorhaben“, jetzt des Bundes, aufgenommen. Im Stadtzentrum sind vielfältige Ergebnisse dieser seitdem erbrachten Sanierung sichtbar.

Der Dom (Abb. 2) wurde 1226 vom Fürsten Heinrich Borwin gestiftet. Der Platz um ihn herum, die ehemalige Domfreiheit, unterstand dem Domkapitel, die Gerichtsbarkeit der Stadt galt hier nicht.

 

Abb. 3: Porträtstele Uwe Johnson.

 

1994 wurde der Platz, das älteste Siedlungsgebiet der Stadt, saniert. Neben einigen restaurierten Gebäuden fällt die Porträtstele des Schriftstellers Uwe Johnson vor dem Gymnasium ins Auge, der 1952 hier sein Abitur abgelegt hat. 2007 wurde sie auf Initiative des Güstrower Kunst-und Altertumsvereins aufgestellt (Abb. 3).

Uwe Johnson wurde 1934 in Cammin/ Pommern geboren. Am Ende des Krieges floh die Familie zunächst nach Anklam, dann nach Güstrow, wo Uwe Johnson zur Schule ging. Das Ziel seines Germanistikstudiums in Rostock und Leipzig war, Verlagslektor zu werden. Sein Studium schloss er mit einer Arbeit über Ernst Barlachs Romanfragment „Der gestohlene Mond“ ab. 1959 zog er nach Westberlin, für ihn eine Übersiedlung, für die DDR Republikflucht. Zeitweilig lebte er in Rom, dann in New York, zuletzt ab 1974 in Sheerness on Sea auf der Themseinsel Sheppey in Kent. 1984 ist er dort verstorben. Bekannt ist sein vierteiliger Roman „Jahrestage. Aus dem Leben der Gesine Cresspahl“, der 1999 / 2000 für das Fernsehen verfilmt wurde.

Abb. 2: Der Dom.

 

Im Dom finden sich eine Reihe bedeutender Kunstwerke, zu den ältesten Stücken gehört ein Taufbecken aus Muschelkalk (um 1300). Der Hochaltar (um 1500) stammt aus der Werkstadt von Hinrik Bornemann. Beeindruckend sind auch die Wandgräber aus der Renaissancezeit und die Figuren der 12 Apostel an den Pfeilern des Mittelschiffs. Deren Entstehung wird auf 1530 datiert und dem Lübecker Claus Berg zugeschrieben.

 

Abb. 4: „Der Schwebende“. Die von dem Gitter eingerahmte Bodenplatte enthält die Namen der Kriegsopfer.

 

Die meisten kommen jedoch wegen Barlachs „Schwebendem Engel“, einem Denkmal zu Ehren der im ersten Weltkrieg gefallenen Mitglieder der Domgemeinde. 1926 erhält Barlach vom Güstower Gemeinderat den Auftrag, ein Mahnmal für den Dom zu gestalten. Ehrenmale werden zur damaligen Zeit zu Tausenden in deutschen Gemeinden aufgestellt, meist von Vereinen oder Kirchenge- meinden. Sie heroisieren in ihrer Darstellung den Krieg, zumeist sind leidende oder sterbende Krieger dargestellt, die Waffe noch in der Hand.

 

Abb. 5: Gesicht des „Schwebenden“.

 

Da war Barlachs Plastik ungewöhnlich (Abb. 4). Eine schwebende Gestalt, dicht über der Erde hinziehend, leicht himmelwärts steigend, vielleicht den Sieg des Geistes über die Gewalt darstellend, soll zugleich Erinnerung an das unsägliche Leid des Krieges, Versöhnung und Mahnung verkörpern. Die Arme sind vor der Brust gekreuzt, die Augen geschlossen, das Gesicht der scheinbar schwerelos schwebenden gewaltigen Bronzefigur trägt unverkennbar die Züge der Künstlerin Käthe Kollwitz, unbeabsichtigt, wie Barlach versichert („Da ist mir wohl ihr Gesicht dazwischengekommen. Hätte ich dies beabsichtigt, währe es mir wahrscheinlich nicht gelungen“) (Abb. 5). Der „Schwebende“ war von Anfang an stetigen Angriffen ausgesetzt, eine „Verunglimpfung unserer Helden“, bis er schließlich 1937 als „rassenfremd und entartet“ aus dem Dom entfernt wurde. Sorg- fältig in einer Kiste verpackt und in der Garage des Landesbischofs gelagert, wurde er 1941 gegen Quittung („Eine Figur im Gewicht von 250 kg zur Einschmelzung in der Wehrwirtschaft abgeholt. Heil Hitler“) zu Rüstungszwecken eingeschmolzen.

 

Abb. 6: Gertrudenkapelle.

 

Die Einschmelzung hat Ernst Barlach nicht mehr erlebt, er starb 1938. Dass die Plastik heute hier wieder als eines der großen Kunstwerke des 20. Jahrhunderts bewundert werden kann, ist mutigen Freunden des Künstlers zu verdanken, die aus dem noch vorhandenen Gipsabdruck einen Zweitguß erstellten. Der heute vergessene Bildhauer Hugo Körtzinger versteckte diesen während der gesamten Kriegszeit in seinem Atelier in Schnega, Niedersachsen, in der Abgeschiedenheit des Wendlandes. Dieser Zweitguß wurde 1952 in der Antoniterkirche in Köln installiert und von diesem neuerlich ein Gipsmodell zur Herstellung eines Drittgusses abgenommen, der seit 1953 in Güstrow hängt. Mit einem Gottesdienst wurde damals seine Heimkehr gefeiert. Ein letzter Nachguß findet sich noch auf Schloss Gottorf in Schleswig, dem dortigen Landesmuseum.

Am 11. Dezember 1981 gelangte der „Schwebende“ in den Focus deutsch-deutscher Politik. Helmut Schmidt, der damalige Bundeskanzler der BRD hatte den Wunsch, bei seinem damaligen Staatsbesuch „Den Schwebenden“ zu sehen. Im Dom begrüßte der Landesbischof Heinrich Radtke „… den Marxisten Erich Honnecker und den Christen Helmut Schmidt“ und pries den prächtigen Kirchenbau als ein Symbol, „das wir gemeinsam haben“. Die Backsteingotik sei Zeugin gemeinsamer Geschichte und Kultur, ebenso wie Ernst Barlach, dessen berühmte Bronzeplastik „Der Schwebende“ über dem Dom-Taufbecken hängt.

 

Abb. 7: Selbstbildnis Ernst Barlachs.

 

Auch er sei ein Stück „gemeinsamer Vergangenheit und Erinnerung“. Helmut Schmidt fügte hinzu, dass „Barlach auch unsere gemeinsame Zukunft sein könne“. Diese Sätze, die der Kanzler in der Bundestagsdebatte am 18. Dezember 1981 wiederholte, markierten nicht nur die Hoffnung vieler DDR Bürger, das Gemeinsame als Chance nicht aus den Augen zu verlieren, sie symbolisierten auch den wenig greif baren, gewissermaßen psychologischen Zweck dieser damaligen Reise.

Die Gertrudenkapelle, die die Reisenden noch besuchten, ist ein einschiffiger spätgotischer Backsteinbau aus dem 15. Jahrhundert (Abb. 6). Sie war Siechen- und später Friedhofskapelle. Seit 1953 sind dort die Kunstwerke Ernst Barlachs zu sehen. Seine langjährige Lebensgefährtin Marga Böhmer (1887 – 1969) hatte es gegen heftige Widerstände erreicht, dass dort das erste Barlach- Museum eingerichtet wurde, an einem Ort, an dem Barlach gerne gearbeitet hätte („Dies wäre ein Ort für einen Bildhauer meiner Beschaffenheit“). Marga Böhmer lebte noch bis zu ihrem Tode 1969 in einer kleinen Wohnung über dem Kapellen- raum, umgeben von Erinnerungsstücken an den Lebensgefährten und von unzähligen Katzen.

Ernst Barlach (Abb. 7) war Maler, Graphiker, Bildhauer und Schriftsteller. Er wurde 1870 in Wedel als Sohn des Arztes Dr. Georg Barlach und Luise Barlach, geb. Vollert, geboren. Sein Vater starb 1884, seine Mutter ertrank 1920 im Schweriner See „durch ein Unglück oder durch einen Anfall von Verzagtheit“, wie er in seinen Erinnerungen schreibt. Sie hat sich wohl das Leben genommen. Nach nicht immer glücklich verlaufenden Lehr- und Wanderjahren in Deutschland, Paris, Italien und Rußland kehrt er 1910 nach Güstrow zurück, zu seiner Mutter und dem aus einer Verbindung mit der Näherin Rosa Schwab 1906 geborenen Sohn Nikolaus. Bis zu seinem Tod 1938 wird er in Güstrow wohnen bleiben, beerdigt werden aber wollte er beim Grab seines Vaters in Ratzeburg. Er war zu seiner Zeit ein bedeutender Dramatiker, dessen Stücke in renommierten Häusern aufgeführt wurden, zwei Dramen (Der blaue Boll, Die Sündflut) wurden im Württembergischen Landestheater Stuttgart uraufgeführt. Zahlreiche Ehrungen wurden ihm zuteil, er war Mitglied der Preußischen Akademie der Künste in Berlin, Ritter des Pour le Merite. Aber wir dürfen annehmen, dass er unglücklich verstorben ist. Ab 1933, der Machtübernahme der Nationalsozialisten, mußte er heftigste Angriffe und Verunglimpfungen über sich ergehen lassen, denen er sich auch vorher schon wegen seiner Ehrenmale in Kiel, Hamburg, Magdeburg und Güstrow ausgesetzt sah. Diese Kriegerehrenmale entsprachen nicht dem gewünschten Heldenpathos und der Glori- fizierung des Soldatentums. Sie gaben der Trauer und dem Leid Ausdruck. Seine Denkmale wurden nun aus den Kirchen und von den Plätzen entfernt, seine Arbeiten durften nicht mehr ausgestellt werden, sie galten als entartet, rassenfremd. Seine Schriften durften nicht mehr gedruckt und verkauft, seine Theaterstücke nicht mehr aufgeführt werden. Es hatte ihm nichts genützt, dass er 1934 zusammen mit Georg Kolbe, Emil Nolde, Wilhelm Fürtwängler, Richard Strauß, Mies van der Rohe, Agnes Miegel und anderen im Völkischen Beobachter den „Aufruf der Kulturschaffenden“ unterzeichnet hatte, eine Ergebenheitsadresse an Adolf Hitler. Am 24. Oktober 1938 stirbt Ernst Barlach in einer Rostocker Klinik an einer Lungenentzündung. Aufgebahrt wird er im Atelierhaus in Güstrow, wo seine Freunde Abschied nehmen. Käthe Kollwitz zeichnet den Toten und schreibt:

„Er liegt mit ganz zur Seite gesenktem Kopf, so, als ob er sich verbergen wolle“. Posthum wird er 2010 zum Ehrenbürger der Stadt Güstrow ernannt. Anerkennung seiner Mitmenschen zu Lebzeiten wäre ihm sicher lieber gewesen.

Literatur

Detlev Brunner: Helmut Schmidt und Erich Honnecker im Dezember 1981, Bundeszentrale für Politische Bildung, Deutschland Archiv (2011)

Ernst Barlach in Güstrow, Edition A.B.Fischer GbR, Berlin 2009 Der Dom zu Güstrow, DKV-Kunstführer, 9.Auflage, 2012 Barlachstadt Güstrow, Güstrower Verlags GbR.

Abbildungen

Abb. 1 Güstrow heute, Marktplatz, Foto Wilfried Steinhart Abb. 2 Der Dom, Foto Wilfried Steinhart

Abb. 3: Porträtstele Uwe Johnson, Foto Wilfried Steinhart

Abb. 4: „Der Schwebende“. Die von dem Gitter eingerahmte Bodenplatte enthält die Namen der Kriegsopfer, Ernst und Hans Barlach, Lizenzverwaltung Ratzeburg

Abb. 5: Gesicht des „Schwebenden“, Ernst und Hans Barlach, Lizenzverwaltung Ratzeburg

Abb. 6: Gertrudenkapelle, Foto Wilfried Steinhart

Abb. 7: Selbstbildnis Ernst Barlachs, Foto Wilfried Steinhart