Jahresrückblick 2012 (Helga Echle)

Der Weihnachtsmarkt am Ende des Jahres 2011 war wieder ein großer Erfolg. Neben dem Verkauf unserer Schriften wurde viel „Selbstgemachtes“ angeboten. Der Erlös wurde, wie im vorigen Jahr, für das geplante Palliativzentrum gespendet (Abb 1).

Abb. 1: Spendenübergabe des Geschichts- und Heimatvereins im Villinger Klinikum an den Verein „Palliativ-Zentrum-VS e.V.“. Von links: GHV-Schatzmeister Hasko Froese, Palliativ-Schatzmeisterin Juliane Tritschler, GHV-Vorsitzender Günter Rath, Chefsekretärin Sonja Gutzeit, GHV-Beiratsmitglied Hermann Schuhbauer und Professor Dr. Wolfram Brugger.

 

Mit einem Auftakt nach Maß begann die Veranstaltungsreihe des Geschichts- und Heimatvereins im Jahre 2012.

Den Anfang machte Margot Schaumann mit ihrem Vortrag „Alte Jungfere im Wandel der Zeit“. Die amtierende „Oberjungfer“ verstand es, vor über 200 Gästen humorvoll und anschaulich die Geschichte und Entwicklung der „Alten Jungfere“ zu beschreiben. Begleitet wurde ihre Erzählung von z.T. alten Fotos, auf denen sich manche der anwesenden Frauen selbst oder ihre Mutter, Großmutter oder Bekannte wieder erkannte. Bevor der GHV zu einem kleinen Sektempfang einlud, glänzte Margot Schaumann noch mit einer vortrefflichen Darbietung als „Es Burewieb us de Schone“, die alle Lachmuskeln strapazierte.

Dass der Geschichts- und Heimatverein Kunst und Kultur der Stadt unterstützt und Stadtgeschichte transparent und erfahrbar macht, unterstrich der Vorstand deutlich, indem er dem Museum 3000 € für die Restaurierung eines Historienbildes spendete, das Albert Säger 1901 malte. Dieses Bild ist in einem schlechten Zustand, aber unbedingt erhaltenswert. Es ist 3,30 m breit und 1,80 m hoch und zeigt den Einzug von Kaiser Maximilian in Villingen im Jahre 1499. Es hing einst im Bürgerlichen Brauhaus „Maierhof“ und nach der Restaurierung kann dieses großflächige Gemälde in der renovierten Zehntscheuer wieder bewundert werden (siehe Bericht Seite 8 und Titelbild).

Am 9. Februar sprach Michael Buhlmann voraufmerksamen Zuhörern über „Geistliche Gemeinschaften im mittelalterlichen Villingen“. Er zeigte auf, wie seit dem 13. Jh. bis zur Säkularisation um 1800 die Klöster wichtige Aufgaben in Seelsorge und Schule wahrnahmen. Zugleich unterhielten Klöster der näheren Umgebung Verbindung zur Stadt. Manche besaßen Pfleghöfe, von denen aus sie ihren Grundbesitz bei Villingen verwalteten. Michael Buhlmann machte deutlich, dass geistliche Gemeinschaften einen wichtigen Bestandteil des Lebens im alten Villingen darstellten.

Abb. 2: Gruppenbild am Gewandhaus in Leipzig.

Sigried Fiehn vom Amt für Stadtentwicklung der Stadt Villingen-Schwenningen referierte im März über „Die untere Denkmalbehörde und ihre Aufgaben“. Denkmalschutz und Denkmalpflege haben in unserer Stadt einen hohen Stellenwert. Anhand praktischer Beispiele aus der Stadt ging sie auf die Aufgaben der Unteren Denkmalbehörde ein. Einen weiteren Raum nahmen rechtliche und praktische Fragen des Denkmalschutzes, die Rechte und Pflichten eines Kulturdenkmaleigentümers und mögliche denkmalverträgliche Lösungen für die verschiedenen Arten von Kulturdenkmalen in ihrem Referat ein.

Abb. 3: Gruppenbild am Lutherhaus in Wittenberg (mit „Frau Käthe Luther“).

 

Ebenfalls im März fand die jährliche Mitgliederversammlung statt mit dem Bericht des Vorsitzen- den und dem Kassenbericht des Schatzmeisters. In ihren Ämtern für jeweils 2 weitere Jahre wurden der 2. Vorsitzende Helmut Kury und die Schriftführerin Helga Echle einstimmig bestätigt. Der GHV konnte auf ein erfolgreiches Vereinsjahr 2011 zurückblicken und eine insgesamt positive Bilanz vorlegen.

Gemeinsam mit dem Stadtarchiv lud der GHV zu einer außergewöhnlichen Veranstaltung ein mit dem Thema „Geschichte des polnischen Zwangsarbeiters Marian Lewicki (1908 –1942) und seine Ermordung vor 70 Jahren“. Es war ein emotional berührendes Treffen, da auch Verwandte von Marian Lewicki anwesend waren und aus ihrer Sicht berichteten.

Von der Großen Jahresexkursion nach Leipzig unter der Leitung von Hasko Froese kehrten die Mitglieder mit beeindruckenden Erlebnissen zurück. In der alten Messestadt erlebten sie ein vielfältiges Programm, das von der Stadtrundfahrt und Stadtrundgängen bis zum Besuch des berühmten Auerbach-Kellers reichte. Bestiegen wurde das Völkerschlachtdenkmal und eine große Anziehungskraft übte die Altstadt mit ihren schmucken, renovierten Häusern aus. Besichtigt wurden natürlich auch die beiden berühmten Kirchen Nikolai- und Thomaskirche. Ein Höhepunkt der Leipzig- Reise war eine Führung im Gewandhaus (Abb. 2) in dem vor allem die Deckenmalereien und der große Konzertsaal bestaunt wurden. Ein Tagesausflug in die Lutherstadt Wittenberg, wo Stadt- und Lutherkirche und das Lutherhaus (Abb. 3) besichtigt wurden, rundete das Programm ab.

Unterhaltsam und spannend führte uns Werner Mezger in „Zwei europäische Regionen und ihre Kulturkontakte – Tirol und Südwestdeutschland“ ein. Er führte aus, dass Tirol als eine Kernregion Europas und als traditioneller Kontakt zwischen Nord und Süd gilt. Es übt durch seine alpine und gleichzeitig mediterrane Prägung gerade für Besucher aus Südwestdeutschland eine magische Anziehungskraft aus. In seinem reich bebilderten Vortrag nahm Mezger die Zuhörer mit auf eine Reise in die Geschichte Tirols. Er erzählte über die ehemalige Zugehörigkeit zu Vorderösterreich, über Arbeitsmigration, natürlich über den Freiheitskampf und Andreas Hofer. Weitere „Berühmtheiten“ wie „Ötzi“, Luis Trenker und Reinhold Messner wurden ebenso angesprochen wie zuletzt – wie kann es anders sein – die Parallelen zur Fasnacht zwischen Tirol und Süddeutschland.

Abb. 4: Pfarrer Weisser mit der Besuchergruppe in Beuron.

 

Abb. 5: Die St.-Maurus-Kapelle in Beuron.

 

Unter der erprobten und zuverlässigen Führung von Pfarrer Alfons Weisser machte sich eine aufmerksame Gruppe zu einer Halbtagesfahrt nach Beuron auf (Abb. 4). Bereits im Bus erzählte Pfarrer Weisser, dass die Erzabtei St. Martin im Jahre 1077 als Augustiner Chorherrenstift gegründet wurde und nach einer wechselvollen Geschichte seit 1863 wieder besiedelt wurde. Bei der unterhaltsamen Führung in der barocken Abteikirche St. Martinus durch Bruder Lukas konnten die Teilnehmer den herrlichen Chor und die Gnadenkapelle mit einem Bild aus dem 15. Jh. bewundern. Besucht wurde auch die unweit der Abtei liegende St.-Maurus- Kapelle (Abb. 5) mit ihrer symbolhaft einfachen, an frühchristlichen Vorbildern orientierten Ausschmückung.

Im Juni folgte eine gespannte Gruppe unserem Mitglied und Stadtführerin Wiltraud Natschinski einer „kleinen Stadtführung“ Rund um Bächle und Brunnen. In kurzweiliger Art wusste sie viel Wissenswertes zu Brunnen und Quellen und zur Wasserversorgung im mittelalterlichen Villingen zu erzählen.

Abb. 6: Die Klosterkirche Ottobeuren.

 

Mehr als 60 Mitglieder besuchten im Juli unter der Leitung von Dekan i. R. Kurt Müller und Günter Rath eine der größten Klosteranlagen Deutschlands, die Benediktinerabtei Ottobeuren (Abb. 6 und 7) und die Kartause in Buxheim. Bereits auf der Hinfahrt machte Pfarrer Müller die Teilnehmer in der gewohnt sachkundigen und den- noch kurzweiligen Art mit der Geschichte der Benediktinerabtei Ottobeuren vertraut. Er berichtete von der Gründung und der Entwicklung des Ordens der Benediktiner, gab allgemeine Erklärungen zum Klosterleben, schilderte die Bauphasen des Klosters und der Kirche und beschrieb vorab einige Sehenswürdigkeiten im Innern der Kirche.

Abb. 7: Die Mitglieder des Geschichts- und Heimatvereins vor der Basilika in Ottobeuren.

 

Abb. 8: Chorgestühl in der Kartause Buxheim.

 

Die Teilnehmer waren beeindruckt von der Pracht und der Weite der Basilika, in deren Zentrum das über 700 Jahre alte romanische Gnadenkreuz steht. Für die Villinger besonders interessant: das Chorgestühl, das von dem Villinger Kunstschreiner Martin Hermann gefertigt wurde, der unter anderem auch in der Benediktinerkirche in Villingen gewirkt hat. Auf der anschließenden Fahrt nach Buxheim führte Pfarrer Müller in die Entstehung des Ordens und das Leben der Kartäusermönche ein. Bei einem Rundgang dort beeindruckten die Anna-Kapelle und der fast 400 m lange Kreuzgang, beide von Dominikus Zimmermann gestaltet. Überwältigt waren die Besucher von dem Chorgestühl (Abb. 8), einem Kunstwerk von europäischem Rang, das eine bewegte Geschichte hat.

Die zweite Jahresexkursion befasste sich diesmal mit den Spuren der Ostkirche und ihrer Hauptstadt Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, sowie mit den Resten des Osmanischen Reiches in der ehemaligen Hauptstadt Bursa.

Abb. 9: Die Blaue Moschee in Istanbul.

 

Unter der Leitung von Klaus Weiss und Hasko Froese beeindruckte in Istanbul vor allem die Hagia Sofia, die unter Kaiser Konstantin erbaut wurde und als das wichtigste Bauwerk der Stadt und ein Zeugnis der byzantinischen Kunst gilt. Weitere Besichtigungsschwerpunkte waren die Sultan-Ahmed-Moschee, der Topkapi-Palast (Abb. 10), die Süleymaniye-Moschee sowie die Erlöserkirche des Choraklosters mit den beeindruckenden Mosaiken, aber auch die sichtbaren Unterschiede vom europäischen zum asiatischen Teil von Istanbul.

Eine Fahrt mit dem Schiff über das Marmara- Meer brachte die Reisenden nach Bursa, einer typisch anatolischen Stadt, in der man sehr gut das Wesen der osmanischen Kunst erkennen kann. Besichtigt wurden u. a. das Grabmal von Osman, dem Begründer der Dynastie und seiner Nachfolger, die Ulu-Moschee, aber auch ein Gang über den Seidenbazar gehörte zum Programm.

Abb. 10: Die Mitglieder des Geschichts- und Heimatverein vor dem „Tor der Begrüßung“ am Topkapi-Palast in Istanbul.

 

Abb. 11: Eine interessierte Zuhörerschar im Campus Schwenningen.

 

Nach den Sommerferien traf sich eine Gruppe in Schwenningen auf dem Campus der Hochschule Furtwangen (Abb. 11). Unser Mitglied, der Rektor der Hochschule Professor Dr. Rolf Schofer erzählte anschaulich und engagiert von der Entstehung der Hochschule, die 1850 als Großherzogliche Badische Uhrmacherschule Furtwangen gegründet wurde, 1925 Badische Uhrmacherschule, Staatliche Höhere Fachschule für Groß und Taschenuhrmacherei, Feinmechanik und Elektromechanik wurde, 1947 Staatl. Ingenieurschule und 1971

Abb. 12: Hasko Froese bedankt sich im Namen der Besucher bei Professor Schofer für die Führung.

 

Fachhochschule wurde. Das ehemalige Areal der Uhrenfabrik Kienzle in Schwenningen wurde 1988 umgewandelt zu einer Abteilung der FH Furtwangen. Die seit 1997 den Titel Hochschule für Technik und Wirtschaft tragende Anstalt hat insgesamt über 5000 Studenten. Sie schneidet hervorragend im internationalen Wettbewerb ab. Unter den deutschen Hochschulen liegt sie auf Platz 1.

Rektor Schofer (Abb. 12) zeigte den aufmerksamen Besuchern die Gebäude und einige Forschungsgeräte, darunter eine spezielle Herz- Lungen-Maschine. Abschließend bestaunten die Gäste die neuen Seminarräume im „Neckar-Tower“ und hatten von dort einen herrlichen Blick auf das abendlich beleuchtete Schwenningen.

Durch die Initiative des GHV Villingen fand im September eine Benefizveranstaltung in der Zehntscheuer zugunsten ihrer Renovierung durch die Narrozunft Villingen statt. An dem unterhaltsamen Abend strapazierten die „Hills-Angels“ und die „Alte Jungfere“, die beide kostenlos auftraten, die Lachmuskeln der Besucher. Die Zehntscheuer ist eines der ältesten bekannten Gebäude in Villingen und erhaltenswert, weshalb der GHV die Sanierung als förderungswürdig unterstützt. Zusätzlich zu dem Erlös des Abends überreichte der Verein eine Spende.

Der Besuch des legendären, über die Landesgrenzen hinaus bekannten HGBS-Studios glich einer Zeitreise in die 1960er Jahre. Damals wurden hier für die Label SABA und MPS viele hochkarätige analoge Tonaufnahmen gemacht. Auch heute sind wieder digitale und analoge Produktionen möglich. Das Studio wurde vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg mit dem Titel „Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung“ bedacht.

Ein gespanntes, begeistertes Publikum folgte den Erzählungen von Mathias Brunner-Schwer sowie der Zeitzeugin und Ehefrau des Begründers Marlies Brunner-Schwer.

Zum Abschluss spielten sowohl der Gastgeber als auch einer der Besucher auf dem „Herzstück“ des Studios, dem Bösendorfer Grand-Imperial- Flügel.

Zusätzlich in das Jahresprogramm aufgenommen war eine Fahrt nach Mainz unter der Leitung von Günter Rath. Die Hauptstadt des Bundeslandes Rheinland-Pfalz ist ein alter Kurfürsten- und Erzbischofssitz mit geschichtsträchtiger Vergangenheit.

Abb. 13: Der Dom zu Mainz (von der Seite aus gesehen).

 

Bei einer ausgezeichneten Stadtführung erlebten die Besucher Kultur und Geschichte des vom Barockstil geprägten Stadtbildes und folgten den Spuren berühmter Persönlichkeiten. So wurde z.B. das Gutenberg-Museum besucht, das eines der ältesten Druckmuseen ist und zum 500. Geburtstag von Johannes Gutenberg im Jahr 1900 gegründet wurde. Die Besichtigung des 1000jährigen Doms, der als eines unserer bedeutendsten und größten romanischen Bauwerke gilt, beeindruckte mit seinem Ostchor, den bronzenen Türflügeln des Marktportals sowie dem Reichtum an sehenswerten Grabmälern (Abb. 13). Ein weiterer Höhe- punkt war der Besuch der gotischen Hallenkirche St. Stephan. Die 9 Glasfenster im Chor, geschaffen von Marc Chagall, in wunderbaren nuancenreichen Blautönen, riefen bei der Besuchergruppe große Bewunderung hervor (Abb. 14).

Gottesdienstbesuche am Sonntag in den zuvor besichtigten Kirchen rundeten diese geschichtlich lohnende Fahrt ab.

Als starker Besuchermagnet erwies sich die Fahrt zum Museum Frieder Burda in Baden-Baden, das der New Yorker Architekt Richard Maier geplant hat. Die Mitglieder des GHV waren beeindruckt sowohl von der attraktiven Architektur als auch von dem Ausstellungsprogramm des jungen Museumshauses. Bei einer Führung erhielten sie einen Eindruck von der z. Zt. stattfindenden Ausstellung „Tête-à Tête“ mit den Künstlern Fernand Leger und Henry Laurens.

Abb. 14: Die Fenster von Marc Chagall in der Kirche St. Stephan in Mainz.

 

Durch eine Stadtführung in Baden-Baden lernten die Besucher ein „Weltbad mit Vergangenheit“ kennen. Während des Rundgangs wurden sie mit der Geschichte und den Sehenswürdigkeiten der Stadt vertraut gemacht, so z. B. mit der Altstadt mit ihren romantischen Gassen, dem Bäderviertel und dem Kurviertel.

Im Gedenkgottesdienst am 6. November 2012 im Münster wurde der verstorbenen Mitglieder des Geschichts- und Heimatvereins gedacht.

Im Dezember nahm der Geschichts- und Heimatverein wieder mit einem eigenen Stand und verschiedenen Angeboten am bisher erfolgreichen Villinger Weihnachtsmarkt teil. Druckfrisch wurde das von Kurt Müller verfasste Buch über Kapellen ausgelegt und empfohlen.

Mit dem vorweihnachtlichen, stimmungsvollen Besinnlichen Abend verabschiedete sich ein vielfältiges, gelungenes Vereinsjahr 2012.